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Digital In Arbeit

Die Gewerbesdiülerin

Auf dem Weg in die Bibliothek sehe ich fast jeden Tag, ungefähr fünf Minuten vor acht, eine Gewerbeschülerin. Ich weiß, daß es eine Gewerbeschülerin ist, denn sie geht mit einer braunen KoUegtasdie auf das graue Gebäude zu, auf dem Geioer-beschule steht, bleibt dann meistens, wenn es nicht regnet, ein oder zwei Minuten vor dem Tor auf der erhöhten Auffahrt stehen, wo sie mit anderen Schülern und Schülerinnen plaudert und offenbar beobachtet, wer mit dem Wagen zur Schule kommt, in welcher Begleitung imd mit welchem Wagen. Dann tönt aus dem Inneren des Gebäudes ein Läuten und saugt die schwach widerstrebenden Schüler hlndn. Unangenehm ist nur, daß sie um diese Zeit schon am Ziel ist, während ich zum Zeitpunkt des Läutens, also um acht Uhr, von meinem Arbeitsplatz noch ein gutes Stück entfernt bin. Sicher hätte Ich diese Geweibeschülerin schon vor einem Jahr bemerkt, als ich anfing, in die Bibliothek zu gehen, wenn ich nicht immer so pünktlich, also etwa zwanzig vor acht, aufgebrochen wäre. Ich hatte täglich etwa ein Viertel vor acht die Gewerbeschule passiert, also vermutlich zehn Minuten vor Ankunft der Schülerin. Tag für Tag mußte sich das wiederholt haben: ich war In der einen Richtung auf dem breiten Gehsteig an der Schule vorbeigegangen, ahnungslos, daß zehn Minuten später diese Gewerbeschülerin in entgegengesetzter Richtung über den Gehsteig daherkommen würde, mit Ihren Schnallenschuhen womöglich genau dort hintretend, wo ich vor kurzem mit meinen ungeputzten Halbschuhen hingetreten war. Ich laisse mich täglich von einem JVecäter aufwecäcen, der um sieben Uhr, Wie man euphemistiscii sagt, m läuten beginnt. Dieses Geräusch verrät eigentiich alles, was man von unserer Stadt verraten kann. Ich drücke auf den Knopf, der Wecker hört auf zu läuten, und ich überlege, ob ich den kcnnmenden Tag wieder schlucken soll. Mit dieser Überlegung würde ich niemals zu Ende kommen, doch glücklicher- oder vielleicht unglüddicherwedse bin ich nur zum geringsten Teil ein überlegendes Wesen und zum größten Teil eine Maschine, also stehe ich auf, und alles andere verläuft automatisch.

Wie es geschehen konnte, daß ich eines Tags nach dem Abschalten des Weckers wieder einschlief, ist unklar. Offenbar bekam die Minorität in mir für einen Augenblick die Oberhand, öffnete eine Schleuse, und aus der drang eine schwarze Flüssigkeit und setzte die schon angelaufene Maschine außer Betrieb. Nicht für lange Zeit, für zehn Minuten etwa. So lange brauchte der Betriebsschutz — so nenne ich die geschullten Kiräflte, die meinen Tageslauf sichern —, um die Störung zu beseitigen. Dann wachte ich wieder auf, fuhr in die Höhe: zehn Minuten zu spät. Eine kleine Verspätung, damit wäre die Sache abgetan gewesen, wenn nicht, unvorhergesehen, soll ich sagen zufällig? die Gewerbeschülerin dazwischengekommen wäre. Ich eile also an diar Gewerbeschule vorbei, da kommt sie mir schon mit ihren Schnallenschuhen entgegen. Es sind schwarze Schuhe, aus einem samtigen Material, mit s.ilbemen Schnallen. Dazu blaue Strümpfe. Ich wundere mich über diese Dinge. Die anderen haben doch jetzt diese hohen Stockei, und hier sind gar keime Stockei, anderseits aber auch keine banalen Schuhe. Und dann ein Blick in ihre Augen: schwarze, eigenartig wackelige Augen, das Gegenteil von dem, was man treuherzig nennt, aber auch keine feurigen Augen, sondern schwer definierbare, eigentlich unordentliche Augen. Und diese Augen trägt sie mit erstaunlicher Geradlinigkeit auf das Schultor zu. Man sollte glauben, sie würde mit diesen Augen die Stabilität verlieren und wie ein Hund plötzlich zu einer Laterne abweichen und dort schnuppem, aber nein, alles läuft exakt: mit sauber unter den Arm geklemmter Mappe steuert sie auf das Schultor zu, begrüßt Bekaimte, plaudert, betrachtet die auffahrenden Wagen und wird mit den anderen schließlich von einem Läuten in die Schule gezogen.

An diesem Tag kam ich etwa um Viertel nach acht in die Bilbliothek. Es war ganz unmöglich, diesen Tatbestand vor meiner Vorgesetzten, der sogenannten Doktorin — das Wort wird von uns auf der ersten Silbe betont — zu verbergen. Die Doktorin sitzt in ihrem Holzverschlag, und jedesmal wenn sie ein Geräusch hört, heben sich unweigerlich ihre Augengläser mit einem resigniert fragenden Blicik. Wir haben das wiederholt ausprobiert und auch künstlich Geräusche verschiedener Art erzeugt, zum Beispiel Knarren eines Schiebefaches, FaUen eines Bleistifts und so weiter: die Doktorin schickt jedesmal ihre schwermütige Frage aus dem Verschlag vxai sinkt resigniert zurück, wenn sie mit ihrem Blick wieder einmal nichts Besonderes gefangen hat. Sie ist eine unendlich geduldige Pischerin und gibt es nicht auf.

Ich weiß nicht, woher mir damals die Eingebung kam, zu lächeln. Da stand ich in meinem Wintermantel mitten dm bereits angelaufenen Betrieb, der Frageblicdc hob sich schwermütig zu mir herauf, umschlang mich wie der Fangarm eines Polypen, und ich lächelte, lächelte stumpfsinnig wie ein Unzurechnungsfähiger, den man bei einer Übeltat ertappt hat. Seither verschlafe ich nicht mehr, der Wecker läutet, und sofort bin ich wach. Ich wasche mich gründlich, ich putze sogar, was ich sonst nur am Samstag tat, meine Schuhe, und was das Erstaunlichste dabed ist: ich tue das alles nicht ungern. Obwohl es doch eigentlich nur ein kleines Vergnügen ist, einer Gewerbeediülerin auf der Straße zu begegnen, reicht es offenbar aus, diese gehobene Morgenstimmung zu eiTvirken. Wenn die Gewerbeschülerin wenigstens jeden zweiten Tag um ein paar Minuten früher gekommen wäre, aber nein, sie ist pünktMch, trotz dieser nachlässigen Augen; um fünf vor acht kann ich hinter meiner Litfaßsäule hervortreten und planmäßig ihren Weg kreuzen. Meine minimale Verspätung in der Bibliothek beträgt zehn Minuten, meine maximale zwanzig, je nachdem, ob die Verkehrslichter auf Grün stehen oder nicht.

loh erwartete alle Augenblicke, die Doktorin werde mich kommen lassen, um mir seelische Ermahnungen zu erteilen — sie ist nämlich eminent seelisch, gerät nie in Zorn, sondern bearbeitet ©inen immer mit Vernunft, wobei aber in ihirer Stimme ein Seelenton mitschwingt, der peinliche Gefühle hervorruft. Das Lächeln, das ich bei meinem ersten Zuspätkommen erfunden hatte, wandte ich täglich an, und zwar mit einem Erfolg, den ich nicht voraussehen konnte: vielleicht beim vierten oder fünften Male drohte sie mir scherzhaft mit dem Finger, wie man einem Kind droht, dessen Unarten man charmant findet. Meine Kollegien sahen das mit an, und sieither drohen die beiden mir ständig mit dem Finger, wobei sie ein ironisches „Du, du, du” ausstoßen.

Aber damit nicht genug. Die Doktorin führte mit mir ein privates Gespräch. Sie fragte mich nämlich, ob ich jemals eines der Bücher, die ich täglich handhaben mußte, gelesen hätte. Was sollte ich darauf antworten? Natürlich zeiigt man einander, unter Kollegen, gelegentlich gewisse Stellen in gewissen Büchem; das konnte ich doch nioht gut anführen. Ich’ sagte also, daß ich manch-mai dies und das gelesen hätte! Sie wollte wissen was dies und das wäre, doch darüber äußerte ich mich nur sehr unbestimmt. „Versuchen Sie doch einmal dieses Buch”, sagte sie und reichte mir einen Band. Ich schlug höflich den Deckel auf und sah: Homer Odyssee; davon hat schließUch jeder gehört. „Und Sie erzählen mir dann, wie es Ihnen gefällt”; sagte sie mit geheimnisvollem Unterton, als hätte sie mir eine sorgsam verpackte Überraschung mitgegeben.

Ich dachte ja gar nicht daran, dieses beschwerlich dicke Buch, das dcxih nur mehr als Dekoration verwendet wird, zu lesen, doch blätterte ich, mangels einer besseren Beschäftigung, ein wenig darin herum. Abgesehen von der gespreizten Ausdrucksweise scheint es nicht einmal so unlesbar zu sein, wie man das bed einem derartigen Werk voraussetzt. Anscheinend fehlt es an Intimitäten; das macht ein Buch immer langweilig und hölzern. Der Grund, warum dieses Buch für mich interessant wurde, ist aber der, daß ich darin las, wie der Held, wenn er frisch aus dem Bad kommt, besonders reizvoll aussieht; die Götter fahren in den frisch gebadeten Helden, er ist dann fast selbst ein Gott. Das ist nämlich wahr: nach dem Bad sehen die Leute gut aus, und der Gebadete fühlt sdch auch selbst gehoben. Das brachte mich auf die Idee, vor meinem Weg zur Gewerbeschule das Wannenbad im Souterrain des nahegelegenen Bahnhofes aufzusuchen, dag ich bisher nur einmal wöchentlich, und zwar Samstag, zum Abspülen der sechstägigen Langewedle benützt hatte. Als ich meinen Wecker um eine halbe Stunde vorstellte, hatte ich das Gefühl, einen ungewöhnlichen, ja eigentlich einen ganz unerhörten Entschluß gefaßt zu haben. Jahrelang war mein Wecker immer um sieben abgelaufen, nun sollte er um halb sieben ablaufen. Irgend etwas dringt in mein Leben, erst stahl es sich eine Viertelstunde, nun, nach wenigen Tagen, verlangt es schon drei Viertelstunden. Ich werde von meiner Bahn abgelenkt, die Automatik ist gestört, und das fing damals an, als ich einen Augenblick lang die Kontrolle verlor und nach dem Wecken wieder einschlief. Und da haben wir es ja: diese flatternden Augen, die meine Gewerbeschülerin anscheinend gar nicht von ihrer Bahn ablenken, mich lenken sie ab, sie sind ja mitten in mir und setzen alles in unsichere Bewegung.

Ich betrat also um sieben — es war noch finster und Schneematsch bedeckte die Straßen — den Südbahnhof, um ein Bad zu nehmen. Bs wurde mir bewußt, daß ich diesen Bahnhof eigentlich Immer geliebt hatte, im Unterbewußtsein, sicher auch deshalb, weil ich an Samstagen hierherkam, und Samstage sind angenehm, aber auch ganz im allgemeinen, weil ich Bahnhöfe überhaupt liebe, ihre Atmosphäre, die Büfetts, Trafiken und Zeitungsstände, wo man auch noch kaufen kann, wenn andere Geschäfte geschlossen sind. Ich hasse dieses Schließen und Nachhausefahren und dieses frühe öffnen, wenn niemand etwas benötigt, darum macht mir das Immer-offen-Sein den Bahnhof sympathisch; er lädt daziu ein, seine sirmvoUen Einrichtungen zu benutzen, er fordert dazu auf, zu reisen, wohin man wUl, er ist sozusagen ein geborener Weltbürger, der alle Grenzen und Beschränkungen verabscheut, weU sie ihm schaden.

An diesem Tag, nach meinem neuen Entschluß, fand ich den Bahnhof be-somders einladend, und nach langer Zeit war ich zum erstenmal am Morgen gut aufgelegt. Was für ein Luxus, zwischen sieben und acht in einer Bahnhofsbadewanne zu liegen, auf die Signale zu horchen und auf den Lautsprecher, der die Züge ankündigt! Und nachher — ich hatte ncxh fünf Minuten Zeit, mich in der Halle herumzutreiben, frisch gebadet, als geheimer Gott — beobachtete ich einen Herrn, der sich eine Fahrkarte kaufen wollte. Ich stand vor der Tafel mit den Abfahrtszeiten, neben mir der Koffer dieses Herrn, beklebt mit Hoteletdketten, darauf grüne Palmen, und ich hörte wie er Palermo sagte, und sah, wie der Mann am Schalter sich ins Innere seiner Kammer zurückzog und dort auf dem Tisch etwas schrieb, während hinter dem Palermofahrer die Schlange der sich Anstellenden, sozusagen Proletarier des Verkehrs, bösartig zischelte. Er stand da, ruhig rauchend, ignorierte das Zischen des Volks und wartete gelassen, bis der große Fahrschein mit dem handgeschriebenen Bestimmungsort Palermo ausgefertigt war. Dann nahm er seinen Lederkoffer und ließ sich, verfolgt von einigen Haß-blicäcen, von der Rolltreppe davontragen.

Ich trat aus der Halle, und dort, unter dem vorspringenden Dach, saß der Schuhputzer. Ala ich Ihn sah, kam mir ein Gedanke, dessen Kühnheit mich zuerst erschreckte: wie wäre es, wenn Ich mir die Schuhe initzen ließe? Ich ging zögernd einige Schritte hin tmd her. Eigentlich war es ja kein besonderes Wagnis, aber das gänzlich Ungewohnte eines derartigen Schrittes verstörte mich. Ich hatte zwar immer gewußt, daß es Schuhputzer gibt, doch daß sie mir die Schuhe putzen könnten, diese Vorstellung war überhaupt nicht aufgetaucht. Würde es dem Schuhputzer nicht sogleldi auffallen, daß er hier einen vor sich hatte, der ihn sozusagen beleidigte, indem er die Selbstverständlichkeit des Putzens, die jedermann anerkennt, durdi zweifelhafte Gefühle imterminierte. Vielleicht hatte er mich schon bemerkt, wie ich seinen Sitz umlauerte. Schielte er mich nicht von der Seite verächtlich an? Tatsächlich, er sah mich an, jetzt mußte ich entweder vor oder zurück. Ich entschloß mich, vorzugehen, mitten in seinen Blick hineinzugehen, und nachdem dieser Entschluß einmal ausgeführt war, fiel mir das übrige leicht.

Frisch gebadet, mit glänzenden Schuhen, ging ich avif die Gewerbeschule zu. Diesmal kam ich zu spät. Die Gewerbeschülerin stand bereits vor dem Tor, und das Tor lag abseits. Um dort vorbeizukommen, mußte man die Rampe hinauf- und wieder hinuntergehen; oder in das Gebäude eintreten und dann nach kurzer Zeit wieder herauskommen, was dem Portier vielleicht verdächtig werden konnte. Icii wagte es, die Auffahrt zu betreten. Die Gewerbeschülerin kehrte mir den Rücken zu, fast war ich froh darüber, denn was hätte sie denken müssen, wenn sie mich auf diesem Umweg ertappt hätte? Sicher war ich ihr schon an den Vortagen aufgefallen, denn Frauen registrieren doch mit einer Art Zähluhr auch jene Blicke, die ihnen an und für siich gleichgültig bleiben.

Sie sprach mit einer Freundin. Neben ihr stand ein junger Mann, dessen eigenartige, an Puppen oder Schaubudenfiguren erinnernde Kleidung mich auf eine neue. Spur brachte: das waren Kunstgewerbeschüler, und die ausgefallenen Kleidungsstücke deuteten auf das Geniale hin, das bei solciien Leuten Brauch ist. Als ich an ihr vorbeiging, verstand ich ein paar Worte, die sie zu ihrer Freundin sagte; vielleicht handelte es sich um Kocäi-rezepte, jedenfalls sprach sie den Satz: „Nein, mit Cayennepfeffer.” Mit diesem Satz als Beute spazierte ich die Auffahrt wieder hinunter, während hinter mir die Scihulglocke läutete.

Auf die Frage der Doktorin, wie mir Homer gefalle, sagte Ich: „Ausgezeichnet, wirklich ausgezeicihnet.” „Sehen Sie” sagte sie, „ich wußte, daß Sie klug sind, Sie sträuben sich nur dagegen.” Durch meine Abenteuer übermütig gemaciht, dachte Ich im stUlen: Klug bin ich allerdings, klüger als du denkst, ich sträube mich auch nicht länger, ich spüre förmlicih, wie mein Verstand noch zunimmt, was du bei deinem längst nicht mehr spürst.

Gegen Abend fuhr ich ins Stadtzentrum, ging in ein großes Delikatessengeschäft und sagte, wie mir schien, recht unverfroren: „Haben Sie Cayennepfeffer?” Zu diesem Zeitpunkt hatte Ich keine Ahnung, wie dieses Wort geschrieben wird und ob ich es richtig aussprach. „Cayennepfeffer?” sagte der vornehme Verkäufer, „sehr wohl, mein Herr.” Als er das Päckchen aus den hinteren Räumen brachte, hatte Ich Angst, das Gewürz werde einen enormen Preis haben. Schon versperrte er mir durch blitzartiges Einwickeln den Rückzug. „Das kostet?” fragte ich mit unsicherer Stimme.

Es kostete nur eine Kleinigkeit. Daheim öffnete ich das Päcäcchen, betrachtete es wie einen exotischen Fisch, studierte die Inschrift Cayen-rt,epfeffer, stellte Vermutimgen an, was Cayenne wohl sei — eine ostasiatische Insel? —, roch daran und kostete vorsichtig das gelbröüiche Pulver. Bs schmeckte scharf, das war eiigentlich alles. Was sollte ich damit anfangen? Ich streute ein wenig auf ein Käsebrot, trank Tee dazu und überdachte mit brennender Zunge und brennendem Gaumen meine neuen Erlebnisse: das Wannenbad am Morgen, den Palermo-Fahrer, den Schuhputzer, die Gewerbeschülerin, den Cayennepfeffer. Einerseits befriedigten mich diese Ausschweifungen, anderseits kamen sie mir umverständlich vor. Was wollte ich eigentlich? Vielleicht die Meine Gewerbeschülerin? Ich wußte ja gar nichts von ihr — imd doch: in mir war ein fertiges Geschöpf, das sich fühlbar, fast körperhaft bewegte; es hatte ilire Augen, gewiß, vielleicht auch ihre Schnallenschuhe, doch was hatte es so(nst von ihr? Diese mutwiUigen Bewegungen, das schweifende Leben — das war dcxh eigentlich anderswoher gekommen, vom Bahnhof, von den Straßen, von überallher hatte es sich zusammengezogen und bildete jetzt ein Wesen, das nicht recht geheuer war.

Am nächsten Tag hielt mich plötzlich, soll ich sagen zufällig, ein Schaufenster mit Koffern auf. Ich stand eine Weile davor, starrte hinein, und als ich alles gesehen hatte, stand ich immer noch davor. Dann ■ging ich einmal um den Häuserblock herum — ich habe schon viele Geschäfte derartig umkreist — und trat schließlich ein. Mein Koffer war nämlich sehr schadhaft, abgestoßen an den Eciken, außerdem war es ein alter, schäbiger Koffer aus Papiermache, und da gab es jetzt diese neuen Koffer aus Kunststoff, bilUg und doch elegant. Ich wollte eigentlich nur fragen, hatte gar nicht die Absicht, gleich zu kaufen, da trat mir aber eine jener Verkäuferinnen entgegen, die mich schon soviel gekostet haben. Ich konnte einfach die Erwartungen nicht enttäuschen, die sich in ihrem Aussehen, in ihrem Lächeln ausdrückten und die mir alles, auch den Kauf des teuersten Objekts, zuzutrauen schienen. „Du hast mich richtig eingeschätzt”, sagte mein ganzes Benehmen, „ich sehe

Koffer. Würde ich denn wirklich red-

sien?

Der Doktorin gegenüber empfand ich in letzter Zeit ein eigenartiges Gefühl der Sicherheit. Sie schien mir durchaus harmlos zu sein, vielleicht weU sie meine Verspätungen einfach hingehen ließ, vielleicht auch deshalb, weil meine Kollegen behaupteten, sie sei in mich verliebt, was ich allerdings kaum glauben konnte. Als ich sie um Urlaub bat, sah sie mich entsetzt an: „Jetzt? Bei diesem Wetter? Bei dieser Kälte? Wollen Sie etwa verreisen?” „Ja, es wird sich nicht vermeiden lassen. Mein Urgroßvater ist in Palermo begraben, und nun schreibt man mir, daß sein Grab aufgelassen werden soll.” Sie schien beinahe die Fassung zu verlleren, konnte es gar nicht glauben, daß ich irgend etwas mit Palermo zu tun haben sollte. Als sie sich damit abgefunden hatte, sagte sie: „Da müssen Sie dann auch das Staufergrab besuchen.” „Ach, ist das auch dort?” — ich verband, ehrlich gesagt, damit keine deutliche Vorstellung —, „wenn ich schon einmal bed Gräbern bin...”

Nachdem sie mir zahlreiche Ratschläge gegeben hatte, mußte ich ihr noch versprechen, ihr eine Ansichtskarte zu senden. Ich versprach es. „Dann hätte ich noch eine Bitte, es ist mir sehr peinlich.” Sie faßte mich am Ärmel: ich solle nur alles sagen, alles auasprechen. „Können Sie mir tausend Schilling leihen?”

Nach dieser Besprechung ist die Reise beschlossen. Die kleine Gewerbeschülerin wird über den Gehsteig auf ihre Schule zustreben, unbeirrt von den Schwankungen ihrer Augen, ahnungslos, daß dieses Schwanken mich mat einem Schnellzug hinausschleudert. Ich weiß zwar nicht, was ich in Palermo tun soU —

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