6546027-1947_15_15.jpg
Digital In Arbeit

Auf dem Veitsberg

7. Fortsetzung

Selten merke ich mir einen Traum. In der folgenden Nacht träumte ich, wie ich auf das Maisfeld zulief, wie die Kugeln um mich einschlugen, wie Karl schrie.

Warum bin ich entkommen? War das nur Zufall? Es heißt immer, es gibt keinen Zufall, aber ich glaube, es gibt doch einen. Das Leben ist schwerer, wenn man nicht abergläubisch ist. Jedes Leben kann jederzeit beendet werden, herüben geht die Gleichung nie auf. Ich habe immer, wenn einer fiel, nadigedacht, ob sich darin so etwas wie ein Gesetz oder Plan offenbare, und ich fand keinen. Wenn er für uns unsichtbar ist, brauch ich nicht damit zu rechnen. Wie sich das von wo andersher ansehen mag. ist eine andere Frage.

Ich werkte an der Orgel herum und machte den Blasbalg dicht. Es gibt kein schöneres Instrument als die Orgel, obwohl die Geige auch nicht zu verachten ist. Die Geige ist wie ein herrlicher Baum, die Orgel jedoch ist ein ganzer Wald. Die neuen Orgeln hasse ich, wie sie in den Konzert-häusern aufgestellt werden oder im Kino. Ich hörte so ein Orgelzwisdienspiel auf einer großen Kinoorgel. Sie spielte alle Stücke, flötete, brauste, quietschte wie ein Schwein, schrie wie ein Saxophon. Aber diese alte Orgel hier, wenn man sie schlägt, die alten Orgeln muß man schlagen, sie gibt Töne, die das Herz rühren. Ich fragte einmal einen Fachmann, wann die letzten guten Orgeln gebaut worden seien. Er sagte, vor hundert Jahren seien schon alle großen Orgelbaumeister gestorben. Und er meinte, alte Musik sollte auf alten Instrumenten gespielt werden. Werd' ich es so weit bringen, daß ich auf diesem -alten Kasten noch einen einfachen Choral werde spielen können?

Ich war bei der Pichlerin. Sie ist übermüdet, ganz fremd kam sie mir vor. Mit der Tochter keift sie unnötig herum. Deren Zustand ist schlechter geworden, sie hat mehrere Blutstürze gehabt und ist sehr niedergeschlagen. Ich glaube nicht mehr, daß sie aufkommen wird. Der Arzt hat gesagt, man dürfe die Kinder nidit zu ihr lassen, sie habe offene Tuberkulose, die Amtek-kungsgefahr sei zu groß. Was soll man da machen? Wohin soll man die Kinder geben? Eigentlich hat der Arzt nur vom Mädchen geredet. Weil es kleiner ist, oder liegt ihm an dem gesunden Kinde mehr als an dem Kretin? Die Pichlerin hat mehrere schlaflose Nächte hinter sich. Sie hat nur ja, ja gesagt, als ich ihr von daheim erzählte, von der Wallfahrt, den Tieren, dem Dorfe. Sie hätte sich nicht sonderlich aufgeregr, glaube ich, wenn ich ihr meinen Ausreißer gestanden hätte. Wie einige schlaflose Nächte dem Menschen seine Kraft rauben! Sie ist auch ratlos wegen der Kinder. Die Tochter hatte einen Hustenanfall, als ich dort war, Es war fürchterlich anzusehen. Ich glaube„ ihre Lunge ist schon in Auflösung. E war ihr so peinlich, daß ich zusah, aber wenn ich hinausgegangen wäre, hätte es sie auch verletzt. Sie konnte ~ sich nicht beruhigen und begann von neuem. Mir hat sie leid getan, wenn nur ihr Mann gut zu ihr ist. Ich sah ihn wieder nicht, er Ist tagsüber in der Arbeit. Ich hatte von meinen Bäckereien welche mitgebracht. Die Kranke hat mich so dankbar angeblickt. Ein Stück aß sie, die andern wollte sie den Kindern geben.

„Ich habe noch andere für die Kinder mit, essen Sie diese. Ich freue mich, wenn sie Ihnen schmecken.“

Ich war froh über meinen Einfall mit den^ Keks. Auch die Pichlerin kostete, aber sie sagte nichts. Sie schlief auf dem Stuhle ein, als ich mit der Kranken sprach. Ich mußte daher länger reden, als ich es sonst -£etan hätte. Die Kinder hatten irgendwo gespielt und kamen jetzt heim. Ich ging ihnen vors Haus entgegen und. hielt jedem eine Handvoll Keks hin. Der Knabe zögerte, verdrehte die Augen, er begriff nicht gleich. Als er die Schwester nach der einen Hand greifen sah. tat er es auch. Ich gab ihm die andere, er schaute streng darauf, zitterte, daß eine zu Boden fiel, er wollte danach greifen, sah dabei auf die Schwester, wahrscheinlich aus Angst, sie würde ihm etwas wegnehmen, und stürzte hin. Es war schrecklich anzusehen. Ich half ihm auf, setzte ihn auf den Boden und gab ihm alle Bäckereien in den Schoß. Nun aß er und strahlte vor Vergnügen.

Auf dem Heimweg dachte ich weiter nach, ob Glück und Unglück mit Schuld und Unschuld zusammenhängen. Darüber müßte man mit jemand sprechen oder etwas legen. Ich werde sehen, ob ich in meinem Lesebuch etwas Passendes finde, es ist so ziemlich alles drinnen, was es zwischen Himmel und Erde gibt. Läßt sich der Faden nicht finden, der sich durch das Schicksal der Menschen zieht?

Meine Ästhetik ist mir wieder gründlich durcheinander geworfen worden. Leben wir wirklich, daß wir uns das Dasein schön machen? Dann könnte der Knabe unten nie seinen Daseinszweck erreichen. Sein Leben wäre sinnlos, ein Hohn auf alle Vernunft. Den wahren Daseinszweck muß auch er erreichen können. Samt seiner Mutter, obwohl ihnen beiden keine Freude mehr blüht. Sollten sie mit.ihrem Leid zum Ziele kommen? Was ist dann das Ziel? Was hasche ich nach der Freude, wenn sie nicht dauert, wenn sie so fragwürdig ist? Oder gibt es viele Wege? Man müßte eine feste Weltanschauung haben, eine philosophische Meinung oder einen Glauben. Mit meinem grundlosen Skeptizismus ist nichts gemacht, damit lebt man auf die Dauer schwrr; die ästhetische Verzierung reicht auch nicht tief und verdeckt vielleicht mehr als sie offenbart.

Aus meiner inneren Unruhe bin idi in äußere Beschäftigung geflohen. Das Gras um die Kapelle und ums Haus herum gehört gemäht. Ich habe schon immer mähen wollen, habe mich jedoch nicht drübergetraut. Ich sehe einem Mäher gerne zu, wenn er mit breitem .Schwünge die Sense durchs Gras sausen läßt und die Wiese glattgeschoren hinter sich läßt. Die Pichlerin hat eine Sense, auch den Wetzstein habe ich gefunden. Ich habe mich versichert, daß niemand den Berg herauf kam, dann versuchte ich es hinter der Kirche. So einfach es aussieht, so schwer ist es. Ich hieb die Sense in die Erde, daß sie krachte. Sie ist zum Glück nicht gebrochen, betrübt gab ich meine Versuche auf. Doch es muß was geschehen, das Gras ist so schön und es ist schade drum. Nicht weit hinter der Kapelle haben Bauern gemäht. Ich hörte sie, als ich noch im Bett lag; ich stand auf und ging zu ihnen. Sie müssen mich schon kennen, wahrscheinlich wird über midi mehr geredet als ich weiß. Ihr Hof liegt nicht weit von hier, wo der Hügel ausläuft. Brandhof heißt er. Ich habe ihnen zugeschaut, die Jüngeren beachteten mich nicht sehr, ich schloß mich dem alten Knechte an, er plaudert gerne und ich lobte ihn. Er sagte mir einiges vom Mähen, wie zum Beispiel, daß das Gras taufeucht sein soll, wie man den Bar vor dem Rasieren auch naß macht, um ihn zu erweichen. Sehr viel scheint an der Sense zu liegen. Er ließ mich probieren, sagte mir das und jenes, nahm mir aber die Sense gleich wieder aus der Hand, um nicht hinter den andern zurückzubleiben. Sie ließen mich fühlen, daß ein Stadtmensch doch in mancher Hinsicht hinter einem Bauernknecht steht, und sie sind nicht für eine Vermischung der Bereiche. Doch ich ließ mich nicht abschrecken, beobachtete sie beharrlich und blieb auch bei ihnen, als sie aßen und die Sensen dengelten. Als ich ging, sagte der alte Knecht:

„Kommen Sie am Abend dort auf den Kleeacker, wenn wir Futter mähen. Da geht es leichter und Sie können probieren.“

Ob ich meine Sense mitbringen soll.

„Ja, nehmen Sie sie nur mit.“

Die ganze Zeit dachte ich ans Mähen. Es gibt nichts Schöneres als eine gemähte Wiese und wenn die Wiese um Kapelle und Haus wieder gemäht ist, könnte ich' unbesorgt herumgehen, ohne das Gras niederzutreten. ^ Lange vor ihnen schritt ich mit meiner Sense auf dem Rücken zum Kleefeld, lange lag ich im Gras, bis sie kamen, der alte Knecht und ein Mädchen. Als ich das Mädchen sah, vergaß ich aufs Mähen. Sie heißt Rosr, ist eine der beiden Töchter des Hauses und ist in jeder Weise auffallend. Sie mag achtzehn Jahre alt sein. Sie muß irgendwo in einem Institut gewesen sein, das merkt man beim Reden und auch ihr Arbeitskleid hat irgendeinen besonderen Schnitt. Das Auffällige an ihr ist ein ganz eigenes Leuchten, das von innen herauskommt. Jetzt, wenn ich an sie denke, ist mir, ails sehe ich unendlich viel Licht. Ich kann es nicht anders sagen, es ist als ginge die Sonne in ihrem Innern auf und strahle aus ihrem ganzen Wesen. Ich hälfe das noch nie gesehen. Sie hat vielleicht eine größere Gewandtheit und Sicherheit als andere, aber das ist es nicht. Der Alte sprach schon vom Mähen, als ich noch immer von ihr geblendet war. Daß von einem menschlichen Wesen so viel Licht ausstrahlen kann.

„Also, da stellen Sie sich her, und hauen Sie fest hinein. Nicht in die Erde, sondern schön eben. Ganz wenig vornehmen.“

Ich probierte, er kritisierte, Rosl lachte, er zeigte es wieder. Der Klee ist viel höher als das Gras und die Halme stehen steif und gerade, das Mähen ist wirklich leichter als im Gras. Ich glaube, ich habe es im Gefühl, worauf es ankommt. Ich plagte mich sehr, hielt die Sense zu krampfhaft, aber es ging doch irgendwie. Der Knecht versprach mir, die Sense zu richten. Ich half Rosl den gemähten Klee zusammenzurechen. Der Knecht mähte weiter.

„Haben Sie von mir schon gehört?“ fragte ich Rosl.

„Natürlich, viel.“

„Was denn?“

„Daß Sie Schweine füttern und Bücher schreiben.“

„Sie meinen, das paßt nicht zusammen?“

„Ich verstehe nur das Schweinefüttern, vom Bücherschreiben versteh ich nichts.“

„Schweinefüttern ist auch sehr wichtig, das Büchersdireibrn ist eine fragwürdige Sache. Allerdings ist es schwerer als das Schweinefüttern.“

Ich fragte sie nach dem Hof und erfuhr, daß ihr Vater schon lange tot sei, die Mutter führt die Wirtschaft. Rosl hat eine jüngere Schwester und einen älteren Bruder.

Am Schluß kamen wir wieder drauf zu sprechen, was die Leute über mich redeten und sie sagte, es fiele auf, daß ich nie in die Kirche ginge. Ich war erstaunt.

,Ich, bin doch so viel in der Kirche, wie nie in meinem Leben.“

„Aber am Sonntag sieht man Sie nicht, wenn alle Leute gehen.“

„Ich verstehe, Sie meinen, ich sollte am So.ntag in die Pfarrkirche zur Messe gehen.“

„Ja.“

„Ich bin es nicht gewohnt. Wenn in der Kapelle die Messe wäre, würde ich gerne gehen. Aber ins andere Dorf? Da würden die Leute nur gaffen. Dorthin passe ich nicht.“

„Ein Christ sind Sie doch?“

„Freilich bin ich einer, das heißt, ich bin getauft. Sonst, wer könnte schon sagen, daß er ein Christ sei.“

Es war später Abend, als wir fertig waren. Ich trug die Sense am Rücken wie ein richtiger Mäher. Ich sah mich um und sah den Knecht und das Mädchen heimgehen. Schwarz stand der Wald hinter dem Hof, die ersten Sterne funkelten am Himmel. Ich ging mit einem neuen Gefühle heim. Als ich mit der Arbeit im Haus fertig war, setzte ich mich auf die Bank unter dem Nußbaum und sah auf den dunkelfließenden Strom. Ich dachte an die drei Frauen, die mir eben nahestanden: Maria, Liesl und Rosl. Was mir an Rosl gefiel, war das Frühlingshafte. So ein Mensch wäre ein Glück, eine große Verheißung.

Ich sprach zu mir selber:

„Weh mir, wenn nur ein unguter Gedanke oder Wunsch nach diesem Menschenkinde in mir sich erheben sollte. Sie will ich nicht mit begehrlichen Blicken ansehen, sondern nur mit großen verwunderten Augen und voll Freude, daß mir so ein Glück begegnet ist.“

Wie sehe ich jetzt Liesl? Ein Mann in • meinem Alter braucht eine Frau, die er lieben kann, die zu ihm paßt, eine Gefährtin in allem. Liesl hat nicht mehr das mädchenhaft Ursprüngliche der andern, sie ist ein junges Weib. Und Maria? Ich will nicht an sie denken. Ich werde müde und möchte seufzen. Mir fallen nervöse Anfälle ein, die ich immer nach einem Streit mit ihr hatte, wo ich starr ins Leere sah, alles nachsprach, was man mir vorsagte, und schlaflose Nächte hatte. Das hatte ich die ganze Zeit nicht gehabt, seit ich von ihr weg bin. Zwischen uns ist kein neuer Anfang mehr möglich, nur mehr ein Schlußmachen und ein endgültiges Ende.

Oder wäre es besser, ganz ohne Frau zu sein? Wenn ich älter wäre, vielleicht. Aber so sind damit neue Bedrängnisse verbunden. Wie schwer hat es doch der Mann!

Die Einsamkeit, die noch vor einigen Wochen um mich war, beginnt sich zu bevölkern. Neue Menschen sind in mein Leben getreten: Licsl, Rosl und Veit. Ja, Veit. Was ist Veit? Ein Wesen, dem es verwehrt ist, jemals zur Vollendung in der menschlichen Persönlichkeit zu kommen, dessen geistige Kräfte im Dunkeln bleiben müssen, ein Hohn für uns und eine Anklage gegen den Schöpfer? Ach, die Fragen, die mit dem Kretin Veit in mir aufgestanden sind. Wenn ich härter wäre, würde es mich vielleicht nicht so erregen, aber ich bin zu weich, um es zu verwinden. Es scheint, es geht alles blind und zufällig zu. Alle Vorbestimmung, aller innerer Zusammenhang ist nur Wunschtraum und Aberglaube. Der Glaube der Griechen an das blinde Schicksal war hart aber tief, wenn sich auch etwas in uns dagegen auflehnt.

Was wird die Pichlerin machen? Wie wird es in dem Häuschen aussehen? Ich werde wieder hinfahren müssen, so schwer es mir ankommt. Ich fühle mich wie mit einer Verpflichtung belastet.

Ich schlafe wieder schlechter. Viele Stunden liege ich, ohne ein Auge zuzudrücken. Ich wende alle Künste an. aber es hilft nichts. Auch meine körperlichen Arbeiten scheinen nicht anstrengend genug zu sein. Ich werde wieder Wasserarbeiten machen, das schläfert mich am besten ein. Die Stube und die Kammer gehören aufgewaschen.

Meinen Propheten habe ich enthüllt. Phantastisch sieht er mich bei Nacht an, da es eben mondhell ist. Das Gesicht erscheint noch schmaler, die Augen noch drohender. Er spricht zu mir, aber ich kann es noch nicht formulieren, was er sagt. Wenn mich irgendwann einmal ein Kunstwerk angesprochen hat, dann ist es dieses. Oft drehe ich mich mit dem Gesicht zur Wand, um ihm auszuweichen, wenn ich schmeichelhafte Wünsche in meinem Herzen hege. Aber es ist mir nie ganz wohl dabei. Ich fühle es förmlich am Rücken, wie er mich anblickt. Er ist nur mehr Geist, aber ich bin noch vieles andere auch, das ist der Unterschied. Gera, wäre ich wie er; aber ach, wieviel fehlt!

. Ich brauche Worte, der stumme Blick ist zu wenig. Das Lesebuch allein genügt nicht.

Ich brauchte ein Weisheitsbuch, mit ura'ten heiligen Sprüchen, doch wo nehme ich es •her? Bücher herbeischleppen will ich nicht anfangen, sonst habe ich wieder Haufen davon um mich liegen, die mich einengen und erdrücken.

I (Fortsetzung folgt)

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau