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Digital In Arbeit

Auf dem Veitsberg

Ich war über die letzten Hügel gewandert und stand plötzlich am Rande eines Wiesen-hang^s, der steil zur Donau abfiel. Der Stronji kam gerade auf den Hügel herge-flosseh, brach sich an ihm und strömte in steilem Bogen wieder zurück. Silbern glänzte die riksige Wasserfläche in der späten Nachmittagssonne, dahinter stiegen dunkle Wälder ajif, im Tale lagen fruchtbare Felder im Strorrjbogen. Ich hatte nie ein ähnliches Bild gesehen; hier fühlte ich mich gleich daheim. Die Landschaft hatte etwas unendlich Beruhigendes und Feierlidies, wie es bei Menschen eine Liebe auf den ersten Blick gibt, so gibt es etwas Ähnliches bei einer Landschaft, nur ist hier das Gefühl, vielleicht sicherer. Ich setzte mich ins Gras, lehnte mich an meinen Rucksack und sah unverwandt auf die Schönheit, die sich da vor mir ausbreitete. Wie das Wasser aus den Wäldern trat, gerade auf mich zufloß, da den Bogen schlug, zurückfloß und wieder in den Wäldern verschwand. Es war mir, als käme da etwas Großes gerade auf mich zu. Aber ich will nichts hineintragen, es war reine Schönheit, die mich an diesem Platze festhielt, eine Schönheit allerdings, die wie eine Offenbarung wirkte. Nach einer Weile bellte mich ein kleiner Hund an, der sich mir von der Seite näherte. Dort stand nämlich gerade an der Stjellc, wo die Wiese abzufallen begann, ein Häuschen, das' von einem großen Nußbaum überragt war. Ich lockte, ich drohte, der Hund verdarb mir mit seinem blödsinnigen Kläffen die ganze Freude. Schließlich war ich so böse, daß ich aufsprang. Steine aufhob und nach ihm warf. So wird einem schnell das Schönste verdorben. Es war wirklich lächerlich, wie ich mich mit dem Hunde zankte. Schließlich kam noch eine rüstige Alte, barfuß, mit aufgestecktem Rock, und keifte mich an. Was ich hier wolle, da unten sei die Straße. Es sei schon nimmer schön, wo sich heute die Leute herumtreiben. Verärsert blieb ich die Antwort nicht schul-dig. Der Hund stand neben seiner Herrin und bestärkte nur ab und zu durch sein Bellenj was die Alte aus ihrem fast zahnlosen Mündt hervorbrachte. Ich schämte mich dieses dummen Auftrittes, ging auf sie zu und fragte, ob ihr die Keusche gehöre.

„Wi:m denn?“ antwortete sie schnippisch.

„Dann geben Sie mir, bitte, wenigstens etwas Wasser.“

Sie jknurrte zwar noch ein wenig wie ihr Hund, der mich neugierig von hinten beschnüffelte, aber ging doch auf meinen geänderten Ton ein.

Ich setzte mich auf die Bank vor dem Häuschen und sie brachte mir in einem Glas, das durchaus nicht rein war, Wasser.

Als ich es auf ihr Wohl hob. lächelte sie bereits ein wenig. Sie hatte midi inzwischen gemustert und wahrscheinlich herausgefunden, daß ich dodi kein Landstreicher letzter Sorte war. Ob ich ein Hausierer sei, fragte sie mich. Nein. Also ein Sommerfrischler oder Ausflügler? Ja, das stimme schon früher.

„Und die Frau haben Sie daheimgelassen?“

,.Ichj habe mir vorgenommen, von meiner Frau kein Wort zu reden, ja nicht einmal an sie zu denken.“

„Ah so. Da hat es also was gegeben“, sagte sie verständnivoll und interessiert. ..Früher haben sich die Männer angesoffen, aber heutzutage fressen sie es in sich hinein. Mein Alter hat auch getrunken, daß er den Berg nicht heraufkam.“

„Ist das eine Kirche?“ fragte ich, denn vor dem Häuschen mitten in der Wiese auf dem Hügel stand ein altes Gebäude mit einem kleinen Turm.

„Nicht Kirche, die Veitskapelle. Scharen kommen öfter her wegen dem Wetter. Der Pfarrer ist im nädisten Dorf, ich habe die Schlüssel. Tragt nicht viel, aber das war immer beim Häusl dabei.“ So kam ich mit der alten Pichlerin zusammen und obwohl ich zuerst nichts wissen wollte, blieb ich bei ihr über Nacht und am nächsten Tag schob ich meine Abreise wieder hinaus und blieb, und sie hatte sich an mich gewöhnt und mit meinem Dasein abgefunden.

Wenn ich mich jetzt frage, was ich hier will, so finde ich keine Antwort; aber es wird schon sinnvoll sein, wenn es mich hier festhält und wenn ich mich hier nur eine Weile wohlfühle, ist das nicht auch etwas Gutes?

Unser Häuschen ist durch das Vorhaus in zwei Teile geteilt, links ist die Stube und eine kleine Kammer, in der ich schlafe, rechts liegt die Küche und die Speisekammer. Mein Kämmerchen ist eng und muffig, aber es hat ein Fenster nach Norden, wo man auf den Strom hinabsieht und das wiegt die schönste Einrichtung auf. Vom Vorhaus führt ein Gang durchs Haus und man tritt auf den Abhang, wo der Nußbaum, mit dem Bänkchen drunter, steht. Hier hatte die Pichlerin ihren Mann hergesetzt, wenn sie ihn loshaben wollte in den letzten Jahren vor seinem Tod, als er nicht mehr gehen konnte, und jedesmal, wenn sie sich hersetzt, überkommen sie so die Erinnerungen, daß sie von ihm zu reden anfängt.

„Am Schluß hat er mir aus der Hand gefressen, aber früher, was hat mich der Satan geschlagen. Sie hätten ihn sehen sollen, wie sanft er dann war und dankbar. Aber ich habe genug mitgemacht mit ihm. Ich gönne ihm und mir die Ruhe“

Die Pichlerin ist^ kein Gemütsmensch, sie hat scheinbar überhaupt kein Gemüt. Sie ist die Nüchternheit selber. Und die Sauberkeit plagt sie auch nicht.

„Die Pichlerin ist eine Drecksau“, sagte neulich der Briefträger zu mir, als er heroben war. Das ist übertrieben. Aber auf Geld fliegt sie. Ich habe ihr welches gegeben und noch mehr versprochen Ihre Tochter ist im nächsten Dorf verheiratet. Zuerst wußte ich mir nichts Redites anzufangen. Ich schäme mich vor der Pidilerin, draußen zu sitzen und auf den Strom zu starren, obwohl ich das stundenlang könnte, ohne müde zu werden.

Ich habe kein Buch in die Hand genommen, ich komme mit niemand außer ihr zusammen, ich bemühe mich, ein tätiges Leben zu führen. Ith habe meine Kammer gereinigt, die Wände gefegt, den Boden gewaschen, das Fenster geputzt. Sie sah es nicht gerne, weil sie eine Kritik herausspürte.

„Hotel bin ich keines“, sagte sie zu mir, doch ich beruhigte sie, es sei nur zum Spaß. „Ich schlafe besser nach so einer Arbeit.“

„Haben Sie es bei Ihrer Frau auch machen müssen?“

„Beim Militär ab und zu. Bei der Frau nicht.“

Sie haßt meine Geheimnistuerei. Wenn sich ein Weib bei mir blicken ließe, werfe sie mich auf der Stelle hinaus.

„Sie sind die einzige, die ich augenblicklich vertrage“, antwortete ich ihr.

Ob sie mir heißes Wasser machen solle, fragte sie. Nein, es gehe auch so.

Der Hund. kann sich nicht an mich gewöhnen. Er knurrt midi an ^ und schnappt nach mir. Als sie einmal auf dem Felde war. nahm ich ihn mir her und schlug ihn. Seitdem fürditet er mich und weicht mir aus.

Neulich fragte sie mich, wovon ich eigentlich lebe. Wieso ich so Zeit habe, in der Welt herumzulaufen. Ich' erklärte ihr, daß ich ein Schreiber sei.

„Gemeindeschreiber in der Stadt?“

„Nein, ich lese viele Bücher, hernach setze ich mich hin und schreibe selber eines.“

Sie war sehr enttäuscht und ließ midi fühlen, daß das keine ehrliche Arbeit sei für einen Mann in meinem Alter. Wenn ich jetzt am Abend sdireibe. verberge ich es vor ihr. Es wäre wirklich besser, ich schriebe nichts, aber mit allen alten Gewohnheiten kann ich nicht auf einmal brechen.

Ich glaube, es war am zweiten oder dritten “Tag, daß ich mit der Pichlerin in die Veitskapelle ging. Ich war überrascht vom Reichtum der Innenausstattung. Im Schiff sind zwei Reihen alter Bänke, darüber erhebt sich eine gemütliche Kanzel ohne Schalldeckel. Am Hauptaltar ist in einem wunderbaren SchnitzWerk aus dem frühen Barodi der heilige Veit dargestellt, wie er als nackter Knabe in dem Kessel über dem Feuer sitzt. Zwei -goldglänzende Heilige, Stephan und Laurenzius, stehen daneben. Die beiden Seitenaltäre haben große Gemälde; auf dem einen sieht man die heilige Maria mit dem Kind und vor ihr kniet der heilige Bernhard. Ein naives Bild, das mir nicht so gefiel, wie das Schnitzwerk der Engel und Heiligen ringsherum. Die Decke ist flach“, aus einer späteren Zeit, wahrscheinlich ist die Kirche einmal' abgebrannt. Schön ist es auch, wenn die Türe der Kapelle offen steht und man von der Wiese aus hineintritt. Aber die Pichlerin sperrt die Kirche nur dreimal im Tag auf, wenn sie läuten geht. Der große Kirchenschliisssel hängt ' in der Küche an einem Nagel. Ich habe sie gefragt, ob sie beim Läuten bete. Nein, sagte sie, sie zähle bis dreißig. Sie ist nicht fromm. Ich habe geglaubt, alle alten Frauen auf dem Lande seien fromm- Auf ihren Prinzipal, den Pfarrherrn des nächsten Dorfes, ist sie nicht gut zu sprechen. Er verkürzt sie angeblich in ihren Bezügen. Aber sie ist nicht objektiv, wo es um Geld geht.

Wieviel ich mit einem BüchJ verdiene, wollte sie wisssen.

„Einen Tausender, wenn es schlecht geht, mehrere Tausender, wenn ich Glück habe, das heißt das Was und Wie treffe, das die Leute gerade interessiert.“

Das hält sie für Aufschneiderei, denn später hat sie mich nochmals danach gefragt.

Als Kind bin ich gerne neben der Mutter am Herd gestanden und habe ihr beim Kochen zugesehen. In den vergangenen Jahren habe ich oft unter den schlechtesten Umständen kochen müssen. Die Kameraden verurteilten mich immer dazu. Jetzt habe ich der Pidilerin einige Male das Kochen abgenommen, was ihr recht war. Es ist kein Kunststück, ihr es in der Kochkunst gleichzutun, denn sie kodit herzlich schlecht und immer dasselbe. Idi stehe gerne am Herd. Ich habe das Ofenloch ausgeräumt und das Feuer brennt jetzt besser. Ich habe kein Kochbuch, von der Pichlerin kann ich nicht viel lernen, aber ich denke an die fernen Tage meiner Kindheit zurück und merkwürdig, ich sehe meine gute Mutter vor mir, wie sie Zwiebel schnitt und in Fett gab, wie sie das Mehl verrührte und Gemüse schnitt, und wie im Traum mache ich ihr alles nach. Ich fühle mich die ganze Zeit, wenn ich koche, mit ihr verbunden, so daß ich mit einem Gefühle beim Ofen stehe. Ja, ich wollte es zuerst übergehen, aber um der Wahrheit willen will ich gestehen, manchmal habe ich dabei schon geweint. Sie war doch der einzige, ganz uneigennützige Mensch, dem ich begegnet bin. Heute würde ich mich mit ihr verstehen, aber ach, es ist 'zu spät; für immer. Einmal hat mich die Pichlerin weinen gesehen, doch ich stritt es ab und redete mich auf die Zwiebeln aus. Sie ist so hart, daß sie es nicht verstehen könnte. Daß mich gerade jetzt so die Sehnsucht nach der Mutter packt! Kommt das bloß vom Kochen? Wenn sie doch einmal neben mir stünde — aber nein, ich will mich ablenken, sonst beginne ich wieder zu heulen. Hugo würde sagen, das ist Neurose. Doch er versteht mich auch nidit richtig und -sieht alle^ von einer Seite. Die Ärzte halten sich für Hellseher. Die Hausarbeit beruhigt und macht müde. Das brauche ich. Ich nehme mir einen Topf Kartoffel auf die Bank unter dem Nußbaum und beginne ru schälen. Ganz dünn müssen die Schalen werden, die Augen müssen alle heraus. Wie schön sich so ein wohlgeschälter Kartoffel angreift. Ich drehe ihn rundum und laß ihn ins Wasser plumpsen. Dann nehm idi den nächsten vor. Dazwischen gleitet mein Blick in die Ferne. Wie der Strom lautlos an mir vorbeizieht! Da vergesse ich alles und bin glücklich. Die Pichlerin klagt, ihr Augenlicht habe sich verschlechtert und das Kreuz tue ihr dauernd weh. Unter diesem Vorwand läßt sie sich meine Arbeit gefallen. Ich verstehe sie nicht, aber sie hat trotz allem Format. Wunderlich bin ich auch in ihren Augen, wer kann schon den andern verstehen, wie er ist und wie er sich gibt. Ans eigentliche Wesen kommt man nicht heran, das ist versteckt und unverständlich.

Die Pichlerin ist unruhig, ihre Tochter ist krank und braucht Hilfe und Arbeit. Die Pichlerin möchte ihr helfen, aber was soll mit ihrer Geiß, dem Schwein und den Hühnern gesdiehen? Sie redet so herum, ich weiß nicht, was sie will.

„Pichlerin“, sage ich neulich zu ihr. .,bin ich Euch im Weg, d.inn werft mich hinaus.“

„Das nicht.“

„Aber?“

„Ich müßte jemand zu den Vie' hern nehmen. Das letztemal war eine Nichte hier.“

„Die kann man mit mir nicht allein lassen, versteht sich, aber vielleicht könnte ich für einige Zeit die Viedier betreuen. Ganz auf den Kopf gefallen bin ich ja audi nicht. Die Geiß hänge ich an den Baum, am Abend bekommt sie ihren Trank, das Schwein bleibt im Stall und bekommt auch seinen Trank, die Hühner fressen Körner und man entnimmt aus dem Nest täglich ein Ei pro Person sozusagen.“

O je. War sie außer sich. Ich würde wahrscheinlich einmal die Sau an den Baum hängen und die Hühner in den Stall sperren, vom Melken gar nicht zu reden.

Ich will es probieren und lernen. Sie ist voller Bedenken, aber läßt mich doch an die Tiere heran. Mit den Hühnern ist es am einfachsten. Zweimal bekommen sie ein Maß Körner und in ihrer Wasserschüssel muß immer Wasser sein. Auch das Geißfüttern ist nicht schwer, wohl aber das Melken. Wenn mich die Laura, so heißt die Ziege, am Euter spürt, dreht sie sich um, und ich bringe keinen Tropfen Milch heraus.

„Sie hält die Milch ein“; sagt die Pichlerin.

Ich muß die Laura langsam an mich gewöhnen. Ich bringe ihr Leckerbissen und laß sie manchmal frei um die Kapelle herumspringen, wenn es die Pichlerin nicht sieht. Dann nahm ich sie mir einmal allein her, am Euter herumzudrücken, wie ich es von der Pichlerin gesehen hatte. Es kam nur ein dünner Strahl, aber das Eis ist gebrochen.

' Das Schwein heißt Susi und ist das gutmütigste Tier der Welt. Sie ist dankbar für alles und frißt, was ihr unter die Zähne kommt. Sie tut mir leid, weil sie einen ent-setzlidien Stall hat, nieder, eng und dunstig. Sie kommt nie ins Freie, nicht einmal beim Ausmisten, was die Alte sehr selten tut, wenn der Mist schon fast an die Decke reicht. Meine erste hygienische Tat für die Hühner, Laura und Susi war^ daß idi ihre Freßgefäße und Tröge reinigte. Die Pichlerin sagte bloß, das sei überflüssig, die Tiere legten darauf keinen Wert, ein Saustall sei eben ein Saustall und keine Herr-sdiaftswohnung. Ob ich der Susi vielleicht noch ein Klosett machen wolle. Eine richtige Sau werde vom Dreck fett, ob ich das nicht wisse.

Mir liegt sehr daran, daß die Alte fortgeht und mich eine Zeit allein läßt. Ich habe Verlangen nach Einsamkeit. Doch sie hat noch Bedenken, siev traut mir nicht. Wahrscheinlich fürchtet sie, daß ich bei ihrer Rückkehr mit Laura und Susi verschwunden bin. Ich habe das Ganze zur Sprache gebracht. Ob sie sich fürchte, daß ich in ihrer Abwesenheit etwas anstellen könnte. Das könnte ich ja, wenn es mir darum ginge, jede Nacht tun. Aber ich hätte mich doch beim Bürgermeister eintragen lassen, man würde mich finden. Das leuchtete ihr ein und sie leugnete, an so etwas gedadit zu haben. Nun verfiel sie neuerdings in Nachdenken, sie konnte sich nicht entschließen. Bis ihr Schwiegersohn eines Abends kam und sehr desparat tat. Er müsse sein Weib ins Spital geben, für die Kinder müsse .er jemand ins Haus nehmen.

(FortKerzuno fr)

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