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Beschütze mich in aller Not

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Mit der hier abgedruckten Erzählung gewann die in Puch bei Salzburg lebende Autorin einen der fünf Preise des von der FURCHE und dem Verlag Styria ausgeschriebenen Wettbewerbes für „Christliche Literatur”.

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Mit der hier abgedruckten Erzählung gewann die in Puch bei Salzburg lebende Autorin einen der fünf Preise des von der FURCHE und dem Verlag Styria ausgeschriebenen Wettbewerbes für „Christliche Literatur”.

Wenn ich mit der Großmutter betete, hat sie immer so ein komisches Gesicht gemacht. Ich wußte nie, ist sie ernst oder lacht sie ein bißchen. Ihr Bet-Gesicht. Ich mußte übrigens Großmutter zu ihr sagen. Oma fand sie scheußlich.

„Was beten wir heute?” hat sie an jenem Abend gefragt, als ich wieder mal bei ihr übernachtete, weil meine Eltern auf einer Party waren.

„Was Neues.”

Sie hat mir die Decke hochgezogen und sich neben mich gesetzt. Ich hab die Hände gefaltet und sie auch.

„Lieber Gott mit Christussohn, Ach schenk mir doch ein Grammophon.

Ich bin ein ungezogenes Kind, weil meine Eltern Säufer sind. Verzeih mir, daß ich gähne. Beschütze mich in aller Not. Mach meine Eltern noch nicht tot und schenk der Oma Zähne.”

Sie hört zu, zieht die Augenbrauen hoch, lacht, daß ihr die Tränen in die Augen kommen.

„Wo hast du das her?”

Ich zeig ihr das Kalenderblatt, das mir eine der Sekretärinnen meines Vaters geschenkt hat. Da stand das hinten drauf. Oben stand Kindergebetchen und unten Ringelnatz. Ich fand es lustig, las es dreimal durch und konnte es auswendig.

Die Großmutter sagt: „Eigentlich ist das kein richtiges Gebet, sondern ein Jux. Ein trauriger Jux. Und ich brauch keine Zähne, vielen Dank, aber ich hab noch fast alle, weil ich sie gebraucht hab zum Durchbeißen. Zu meiner Zeit mußte man noch beißen: auf Granit. Deine Eltern sind nach oben geschwommen und du beißt auf weichen Käse.”

Die Wohnung der Großmutter war klein. Mein Vater hat sie ihr gekauft. Eine größere hat sie nicht gewollt.

„Wenn ich alt bin, schaffe ich meinen Haushalt auch noch. Ins Altersheim bringen mich keine zehn Pferde.”

Nur daß die Wohnung am Rand der Stadt lag, darauf hatte die Großmutter bestanden.

„Ich muß Bäume sehen. Früher”, hat sie gesagt, „hatten wir Hühner und Ziegen.”

Es klang, als erzählte sie vom Paradies.

Sonntags nahm sie mich mit ins Münster. Manchmal auch, wenn sie beichten ging.

„Was ist das?”

„Man geht zu einem Priester. Meiner heißt Pater Theodor. Das ist nicht zum Lachen. Man spricht sich den Kummer von der Seele. Nachher ist es wieder gut. Oder besser. Du brauchst nicht lang zu warten. Ich mach's kurz.”

Und sie drückte mir das kleine rotbemalte Holzpferd in die Hand. Ich sah ihr nach, wie sie zu einem der Beichtstühle ging, sah sie in der Dämmerung zwischen den Pfeilern untertauchen.

Ich bin nicht getauft.

Auch Religionsunterricht hätte ich nicht haben sollen, auch keine Konfirmation.

Rausgeschmissene Zeit.

Aber ich hab die Freistunde nicht gewollt, die der Religionslehrer mir anbot.

„Wie du willst.”

Ich sehe sein freundliches Gesicht noch heute.

Solche Geschichten erzählt sonst nur die Großmutter. Von Ruth, wie sie Ähren sammelt auf dem Feld, von Moses, wie er Wasser aus dem Felsen schlägt, (das hab ich oft versucht - früher), von dem Stern über dem Stall, von dem Kind und von den drei Königen.

Mit fünfzehn Jahren wollte ich mich konfirmieren lassen. Mein Vater tippte sich an den Kopf, nachdem er seinen Wutanfall

über den Religionsunterricht ausgetobt hatte. +

„Haben wir dir deshalb eine moderne Erziehung gegeben?”

Die Großmutter gab offen zu, daß sie alles gewußt hatte. Ich saß da wie ein General und sah meine Eltern furchtlos an.

„Lieber noch evangelisch als gar nichts.”

Meine Mutter konnte es nicht fassen.

. „Hinter unserem Rücken.”

Sie bekam einen Weinkrampf.

Meine schöne Mutter.

Das meiste stimmte gar nicht an dem Gebetchen, traf für mich nicht zu.

Ein Grammophon —

Mit zehn Jahren hatte ich eine Stereo-Anlage, daß die halbe Klasse mich besuchte, um sich das anzusehen. Es war mir peinlich, wie meine Eltern die Jungens behandelten, so eine Mischung aus Herablassung und Liebedienerei.

Später kam keiner mehr.

Die Großmutter hatte ein Grammophon. Ein echtes. Man mußte die Platten selbst auflegen. Da kippte nichts automatisch. Sie waren schwer. Ab und zu mußte man auch eine neue Nadel einstecken und das kleine Rad an dem Halter fest zuschrauben, damit die Nadel nicht wackelte.

Dieses Grammophon — aber ich hatte längst aufgehört, mir etwas zu wünschen, weil ich alles bekam.

„Das kriegst du mal, später, wenn ich nicht mehr bin.”

Ich konnte mir nicht vorstellen, was sie meinte.

Die Nadel kratzte auf den alten Platten.

„Wer hat dich, du schöner Wald...”, ein Männerchor.

Auch „Im schönsten Wiesengrunde” und, mit flotter Marschmusik, „Es war einmal ein treuer Husar” und „In einem Polenstädtchen”.

Wenn die Großmutter besonders guter Dinge war, (sie sagte: „heute bin ich guter Dinge”), legten wir die Platte mit dem „Rix-dorfer” auf. Einmal hat die Großmutter mir vorgemacht, wie das getanzt wird. Ich hab gestaunt, wie schnell und schön das ging.

„In Rixdorf ist Musike, Musike, Musike...” ich hab geklatscht wie verrückt, und die Großmutter hat ihren langen Rock an den Seiten gefaßt und sich verbeugt und hat gelacht und war ganz atemlos.

Ungezogen?

Ich war ein mustergültiges Kind.

„Unser Einziger”, sagte meine Mutter, wenn Besuch kam, „mu-ster-gül-tig.”

Wir hatten sehr viel Besuch und ich mußte allen Damen und Herren die Hand geben, die schöne Hand, und Diener machen.

„Ein bißchen still”, sagte meine Mutter, „das wird sich schon verwachsen. Sonst aber: mu-ster-gül-tig.”

Das sagte sie zu den anderen.

Auch, daß ich zu den schönsten Hoffnungen berechtige. Und schließlich sollte ich ja mal die Fabrik übernehmen.

Zu mir sagte sie: „Du bist bok-kig, einfach bockig, und'das werden wir dir austreiben.”

„Verschlossen”, hat die Großmutter einmal zu meinem Vater gesagt, „verschlossen. Wundert euch das? Der Kern ist gut. Das weiß ich.”

„Was soll aus dir mal werden?” seufzte mein Vater.

„Förster.”

Ich hab ihn selten so lachen gehört.

Förster. Die Großmutter war begeistert. Meine Mutter bekam einen Weinkrampf.

Meine schöne Mutter.

Als die Großmutter tot war, wurde ich ein ungezogenes Kind.

Nur daß ich da kein Kind mehr war.

Das Abitur hab ich mit der linken Hand gemacht. Das bißchen Paukerei. Lächerlich.

Im letzten Jahr sind wir nach Berlin gefahren. Eine Woche Kultur und Politik und so rundherum.

An der Mauer waren wir auch.

„Schrecklich”, sagte unser Lehrer, und die anderen machten auch ihre Schrecklich-Gesichter. Man muß schon wieder rechtzeitig solche Gesichter machen. Studienplätze sind knapp.

Daß ich studierte, darüber wurde erst gar nicht geredet. Auch über was nicht.

„Jus natürlich. Ein Rechtsberater in der Firma, da spricht sich gleich ganz anders recht. Und ein Promovierter macht sich immer gut auf den Briefköpfen. Klar?”

Meine Mutter hatte gelächelt und genickt.

Meine schöne Mutter.

„Zeit ist Geld”, sagte mein Vater.

Meine Eltern hatten Geld wie Heu. Zeit hatten sie nie. So lange ich denken kann, haben sie nie Zeit gehabt Zeit hatte die Großmutter.

Säufer waren meine Eltern nicht. Das konnte man nicht sagen. Sekt und Whisky, ja, aber was sollten sie trinken auf den vielen Partys.

„Das gehört zu den Pflichten”, sagte mein Vater.

„Zu den Verpflichtungen”, sagte meine Mutter.

„Wichtigtuerei”, sagte die Großmutter.

Mein Vater konnte sich entrüsten.

„Von nichts kommt nichts. Das ist mein Werk, bei Gott.”

„Bei Gott -”, sagte die Großmutter.

Meine Mutter seufzte.

„Früher hast du Margarine aufs Brot gestrichen”, sagte die Großmutter.

Meine Mutter ging aus dem Zimmer.

Damals, als das mit den Glok-ken war, da wäre noch Zeit gewesen. Da war es noch nicht zu spät.

Die Langeweile hat mich aus dem Haus getrieben.

Es war April. Ich bin früh aufgestanden. Raus aus der Villa, raus aus dem Park, über die Kieswege, aus dem Parktor.

Manchmal nimmt einen ganz schnell einer mit. Manchmal steht man lange auf der Straße, die Tasche neben sich, der Daumen der rechten Hand hoch, bis ein Auto hält.

„Wohin?”

„Egal”.

Ein Auto ist ein Auto. Man kommt weiter. Neue Ungewißheit, alter Straßenstaub. Man gewöhnt sich daran. Auch an die Freiheit, die noch vor ein paar Tagen einen ganz anderen Klang hatte. Wie ein Fanfarenstoß, der Mauern sprengt.

„Der Mensch gewöhnt sich an alles”, sagte mein Vater.

Das macht die Gewohnheit”, sagte meine Mutter.

„Die Macht der Gewohnheit”, sagte die Großmutter, und alle meinten was anderes.

Die Frage „War's schön?” halb , schläfrig durch die Schlafzimmertür gesprochen, wenn ich mal später nach Hause kam aus einem Konzert.

Und ins Bad gehen und duschen und Zähne putzen.

„Nur in einem gepflegten Körper wohnt ein gepflegter Geist.”

Mein Vater war sehr stolz auf diesen Witz — und ins Bett gehen und schlafen.

Am Morgen das leise Klopfen des Zimmermädchens an der Tür. Aufstehen und ins Bad gehen und duschen und Zähne putzen und anziehen und frühstücken.

Die Eltern schliefen noch.

Mit der Zunge über die Zähne:

Fortsetzung auf Seite 14

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