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Digital In Arbeit

VWc ich schreit

„W i e schreibst du? Wieso? Wo nimmst du die Figuren her?“ fragte mich Hildie. Hildie ist meine Freundin. Wenn ich „Freundin“ sage, meine ich nicht „Kollegin“ oder „Bekannte“. Wir saßen auf einer windschiefen, wackeligen Bank, aber es war eine Bank mit Höhenluft und vor uns — oder unter uns - lag die Stadt. „Ich sehe das Riesenrad“, hatte ich gesagt, aber Hildie duldet kein Ablenkungsmanöver.

„Zum Beispiel die beiden Grenadiere. Wie bist du darauf gekommen? Bei den Hauptfiguren kann ich es mir eher vorstellen. Aber bei den anderen ...“ — „Du benimmst dich wie ein Staatsanwalt! Ich könnte dir zum Beispiel die Glorette zeigen. Sie ist jetzt gar nicht weiß, sondern orange, weil die Sonne gleich untergeht ...“ Es ist sinnlos, das sollte ich wissen. Ich kenne Hildie seit zehn Jahren. Sie protestiert gegen den „Staatsanwalt“: „Ich bin sehr diskret!“ Sie spricht es nicht aus, aber sie ist Schauspielerin und ihr Blick ist unmißverständlich. Im stillen gebe ich ihr recht. Ich habe vorhin in der kleinen Kirche nebenan zwei Kerzen angezündet vor der Statue des Antonius, und Hildie hat nicht gefragt, warum. Vielleicht wollte sie es sich ersparen, beschwindelt zu werden. „Es gibt Dinge, die ich auch dir nicht sagen würde.“ Nein, sei nicht böse, komm. Hab' ich schon gesagt, daß du eine wunderbare Freundin bist? Ich kann mich -hließlich nicht dauernd wiederholen. „Diese beiden Grenadiere“, sagt Hildie, „und die Reporterin in dem Stück, das du mir zum Lesen gegeben hast ...“

„Hast du den Segelflieger gesehen? Ich weiß nicht genau, woher sie kommen, die Grenadiere und die Reporterin. Ich arbeite. Ich zwinge mich, konzentriert zu denken. Jemand, der mir schrecklich wichtig ist, hat mir gesagt, daß ich es mir nicht leicht machen darf. Ich zwinge mich zum Denken dadurch, daß ich schreibe ...“

„Aber irgendwo muß doch ein Anfang sein. Als du zum erstenmal auf die Idee gekommen bist, etwas aufzuschreiben, das allererste Mal. Die Personen, woher sind sie gekommen? Waren es Menschen, die du gekannt hast? Hast du sie dir geholt und sie beschrieben?“

Ich glaube, sie haben mich überfallen, Hildie. Sie sind auf mich zugekommen und mir in ganz unverschämter Weise über den Kopf gewachsen. Es war in einer Nacht im August ... soll ich weitererzählen? Wirklich? Wenn du mir jetzt nicht so zuhörst, wie ich es möchte, muß ich für sieben Wochen böse mit dir sein . . .

„Das hältst du nicht durch“, sagt mir ihre Handbewegung, „keine sieben Tage.“ Es ist schlimm, wie gut sie mich kennt. „Schau, dein Segelflieger landet. Dort drüben, auf der Wiese.“ Er fällt nieder wie eine Spielkarte. Sie tut plötzlich sehr uninteressiert. Aber jetzt werde ich dir die Geschichte erzählen, ob du willst oder nicht...

Es war — ich glaube vor drei Jahren, im August. Du weißt, daß ich noch nie an Schlaflosigkeit gelitten habe. Aber damals — das war eine ganz heiße und drückende Nacht, da konnte ich nicht einschlafen. Die Kirchenuhr schlug Mitternacht — eins, zwei, drei —, es war dunkel von schweren, pechschwarzen Wolken, die am Himmel hingen, tief und dicht. Ich zählte die Viertelstunden mit offenen Augen, um vier Uhr früh gab ich es auf. Ich war halb ohnmächtig vor Schmerzen. Mein ganzer Körper schmerzte, mein Kopf, meine Glieder, jeder Atemzug tat mir weh. Dabei die quälende, gläserne Deutlichkeit meiner Gedanken — ich glaube, man kann sein Leben durchdenken in einer einzigen schläflosen Nacht. Es war fünf LIhr früh, als ich begann, mir Räume vorzustellen, endlose Zimmer und Gänge, die ich durchschritt und mir ansah. Galerien, Bibliotheken, ein Theaterfoyer. Dann private Räume von Menschen, die ich nicht kannte, kleine, lichte Zimmer und dann wieder ein großes., düsteres mit schweren Vorhängen. Ich ging von einem ins andere, durch immer offene Türen, auf der Suche nach jemandem, der mich von meinen Schmerzen befreien würde und mir eine Schlaftablette geben oder eine Spritze — Morphium oder was sonst? Ich kam in ein Ordinationszimmer. Merkwürdig, daß bisher alle Räume leer gewesen waren, ich war auf meinem Weg noch keinem Menschen begegnet. Hier war jemand; er wandte mir den Rücken zu. Ein Arzt im weißen Kittel, er beugte sich über jemand — ein Kind? Ich wollte ihn nicht stören, ich hatte Zeit. Das nächste war das Wartezimmer, hell und groß. In der Mitte stand ein Tisch, und eine Frau saß darauf, eine zierliche, dunkle, junge Frau in schwarzen Samthosen. Sie hockte auf dem Tisch und sah gar nicht auf, als ich hereinkam, sie stöberte in einem Berg von Zeitschriften, die um sie herumlagen. Wieso sah sie mich nicht? War ich schon tot? Es war möglich, denn meine Schmerzen hatten in einer sonderbaren Weise nach-gekssen, sie hatten sich von Sekunde zu Sekünde fühlbar gebessert, seit ich hier war. Vielleicht war ich gestorben. Ich lehnte an der Wand und horchte auf das Hämmern in meinem Kopf. Es war ganz angenehm und dumpf geworden. Mir gegenüber war eine weiße Türe, und ich dachte, daß dahinter das Vorzimmer sein könnte. Wieso hatte ich keine Lust, weiterzugehen? Da waren schnelle Schritte draußen und die Türe öffnete sich. Eine zweite Frau kam ins Zimmer. Eine blonde, junge Frau mit glatten Haaren und einem Gesicht von ruhiger Sensibilität. Sie war sehr schön, und ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber auch sie sah mich nicht. Sie sah nur die andere, die auf dem Tisch saß. „Hallo 1“ sagte sie. Und die Dunkle, Zierliche schaute von ihren Zeitschriften auf und antwortete: „Hallo!“ Und die Blonde fragte: „Sind Sie .seine' Frau?“ Und deutete mit dem Kopf zum Ordinationszimmer. Sie sprachen miteinander, ohne sich um mich zu kümmern. „Ja, ich bin seine Frau. Und Sie — warten Sie, ich kenne Ihr Gesicht. Er hat ein Bild von Ihnen in seinem Photoalbum —, natürlich, Sie sind Chris Marton, seine große Liebe...“ — „Ja“, sagte die Blonde wieder, „das ist sechs oder sieben Jahre her, ich weiß gar nicht mehr...“

„Aber ich weiß. Sie haben geheiratet, den Geiger, der damals hier gastierte, den ungarischen Zigeunerprimas mit dem professionellschwermütigen Blick...“ Sie sagte es nett, und die blonde lachte ein bißchen, und dann sagte sie: „Ich hätte mir denken können, daß Sie viel über mich wissen. Ich lese Ihre Berichte und Reportagen seit ein paar Jahren. Ich fürchte, daß Sie sehr tüchtig sind, es gibt nicht viel, das Ihnen entgeht ...“ Die Schwarze sprang vom Tisch und nickte: „Da wäre ich auch eine schlechte Reporterin.“ — Sie war Reporterin, und der Arzt, dessen Rücken ich im Vorbeigehen gesehen hatte, war ihr Mann. Und die Blonde war früher in seinem Leben gewesen, und die beiden Frauen schienen sich gut zu verstehen, obwohl sie sich erst kennengelernt hatten. Was war es für eine Geschichte, die diese drei verknüpfte? Sicher hatten sie eine Geschichte. Ich hätte sie gern gewußt. Auch, was der Mann sagen würde, wenn er jetzt ins Zimmer käme. Die beiden Frauen sprachen nicht weiter. Plötzlich hatte ich den Eindruck, daß meine Gegenwart sie irritierte. Aber wieso, sie hatten mich doch nicht bemerkt. Oder doch? Als ich mich von ihnen entfernte, als ich aufhörte, auf sie zu achten, hatten sie nicht weitergesprochen. Sie schienen mir ein bißchen hilflos, wie Schauspieler auf der Probe, die auf die Anweisung des Regisseurs warten. Es war ein verrückter Gedanke, aber vielleicht würden sie auf mich hören, wenn ich jetzt sagen würde: „Sprecht weiter, ich möchte eure Geschichte wissen.“ Ich habe sie unterbrochen durch meine Unaufmerksamkeit. Sie müßten vielleicht nochmals anfangen, um wieder hineinzufinden. Ich wäre immer gern Regisseur gewesen, nur habe ich als Frau fast keine Chance. Aber hier ... ?

„Gehen Sie nochmals zurück, Chris Marton“, bitte ich die blonde Frau. „Kommen sie nochmals zur Türe herein. Und seien Sie nicht ganz so ruhig und sicher. Sie haben einen großen Kummer, Chris — warum würden Sie sonst nach so vielen Jahren in dieses Haus kommen?“ — „Ich suche Hilfe?“ fragt Chris. Und ich wundere mich gar nicht mehr, daß sie gehorsam zur Türe zurückgeht. „Ja, Sie suchen Hilfe. Bei einem Arzt. Wissen Sie, was das bedeuten kann? Es ist gut, daß Sie Kay in die Arme gelaufen sind (die zierliche, dunkle Frau ist Kay), sonst wäre vielleicht etwas geschehen, was gar nicht gutzumachen ist. Kay wird Ihnen das Richtige sagen.“ Die kleine, dunkle Frau nickt und kriecht wieder auf den Tisch zurück. niaJ, d&ftftr8 lles genau wie bei meinem Eintritt.

Kay War allein mit ihren Zeitschriften, und )biTiyShn kam Chris, und es begann wie vorher. „Hallo!“ — „Hallo!“ — „Sind Sie seine Frau?“ Beide waren jetzt etwas verändert, konzentrierter, und ich hatte den Eindruck, daß sie besser als vorher wußten, was sie wollten. Auch das, was sie sagten, hatte sich etwas geändert. Ich ließ sie weitersprechen und unterbrach erst, als Robert aus dem Ordinationszimmer kam. Robert war der Arzt. „Nein, Sie dürfen noch nicht kommen. Wir müssen uns erst merken, was wir bisher gesagt haben, sonst vergessen wir es. Bitte, Chris, würden Sie nochmals zurückgehen? Die ganze Szene von vorn.“ — Ja, so hatte ich es mir vorgestellt. Wir kamen bis zu Roberts Auftritt und noch etwas weiter. Robert benahm sich sofort so, wie ich es von ihm erwartet hatte. Ruhig und konsequent, fast ein bißchen streng, aber zu Konzessionen bereit, wenn man ihn von ihrer Wichtigkeit überzeugte. Sie begannen ein ziemlich ernstes Gespräch, und ich wollte nicht gern unterbrechen, aber plötzlich hatte ich das Gefühl, daß wir nun doch den Anfang oder einen der Übergänge vergessen hatten — oder vergessen würden? Ich wurde nervös, und sofort hörten sie auf, zu sprechen und standen hilflos und passiv um den Tisch.

So geht es nicht, dachte ich, ich kann sie nicht immer wieder neu anfangen lassen, um das auswendig zu lernen, was sie sagen. Ich muß es aufschreiben, das erleichtert unsere Arbeit. Kein Mensch kann ohne Manuskript Regie führen oder spielen. „Bleibt, wo ihr steht“, bat ich die drei, „ich hole euch gleich wieder, dann machen wir weiter.“ — Ich tastete nach der Lampe und machte Licht. Irgendwo mußte ein Briefblock und ein Bleistift liegen — auf dem Schreibtisch —, ich fand beides und kroch damit ins Bett zurück. „So, jetzt nochmals von Anfang. Es ist das letzte Mal, ich verspreche es euch. Aber langsam, damit ich mitschreiben kann.“ - „Hallo!“ - „Hallo!“ - „Sind Sie seine Frau?“ — Wir kamen bis zu der Stelle, bei der wir aufgehört hatten. „Und jetzt? Ich weiß nicht. Wollt ihr weitersprechen? Ich könnte ja versuchen, gleich mitzuschreiben. Wir lassen uns Zeit und bemühen uns, die richtigen Worte zu finden. Was uns nicht gefällt, wiederholen wir.“ Die drei benehmen sich, als ob ich ihnen etwas zu sagen hätte: Sie sind einverstanden. Sie beginnen mit mir zu arbeiten, langsam und vorsichtig. Sie sind ruhig, aber nicht nachgiebig, fügsam, aber nicht charakterlos. Wir probieren weiter. Nach ein paar Szenen weiß ich auch schon ziemlich viel von der Geschichte, die sie alle verknüpft und ich weiß, wie sie enden wird. Und auch, daß noch zwei dazukommen werden, Alexander Marton, der Geiger, den Chris geheiratet hat, und Melitta, die griechische Pianistin, die ihn behext hat, so daß er sich von Chris scheiden lassen will, obwohl sie ein Baby erwartet — und ich sehe auch, daß Kay gar nicht so furchtbar erwachsen und sicher ist, wie sie tut, und daß sie es selbst nicht glaubt, wenn sie sagt: „Für jeden, der geht, kommt ein Besserer.“ Am Ende wird die zynische kleine Skandalreporterin zusammenbrechen, wenn sie Chris in den Armen ihres Mannes sieht und einen lächerlichen, sentimentalen Abschiedsbrief schreiben und eine Schachtel Kalziumtabletten aufessen, weil sie sie für Veronal hält und nicht weiß, daß Robert sie vertauschte.

Ich bin so müde geworden, todmüde. Es ist 6.30 Uhr früh. Die schwarzen Wolken sind weg und es wird ein Sommertag. August. — „Wartet auf mich“, sage ich zu Chris und Robert und Kay —, „bleibt, wo ihr steht...“

Ich schlief von einer zur anderen Sekunde ein, den Briefblock und den Bleistift in der Hand.

Es war Mittag, als ich wieder aufwachte. Ich wußte, sofort, daß etwas geschehen war, ich Kihlte mich wie nach einer Krankheit; schwach, aber glücklich. Ich hatte Freunde gefunden in dieser Nacht, die besten, die es geben konnte: Chris und Robert und Kay. Und zwei würden noch dazukommen und ich war schrecklich neugierig auf diese beiden. Ich las unser Manuskript von Anfang an durch und fand meine disziplinierten Freunde, wie ich sie in Erinnerung hatte. „Wir machen weiter, gleich nach dem Bad. Bleibt, wo ihr steht, ihr Lieben, Lieben ...“

Das war der Anfang, Hildie. Die kleine Reporterin, die mich ein bißchen an eine Schulfreundin erinnert, und Chris, die etwas von dir hat, ja, von dir — und Robert, der, wenn ich genau nachdenke, dem Primarius gleicht, dessen Vorlesungen ich manchmal hörte, als ich achtzehn oder neunzehn war — und jetzt schau, der Segelflieger startet wieder. Hoffentlich geht das gut. Es ist schon so dunkel.

„Es hängt an einem Seil“, sagt Hildie, „und wenn das Seil ausklinkt, hat er seine zwei Flügel und einen Piloten, der ihn steuert.“

Wir gehen wieder an der kleinen Kirche vorüber. Vielleicht brennen jetzt noch die zwei Kerzen vor dem Antonius. Es ist so wichtig, wer einem begegnet. Man kann davon leben und daran sterben. Und zwischen diesen beiden Möglichkeiten gibt es eine dritte. Die seid ihr: Chris und Robert und Kay und die anderen.

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