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Auf dem Veitsberg

6. Fortsetzung

Aber sie kam nicht. Sie steckte bloß die rosarote Scheibe ihres Rüssels heraus und war nicht weiterzubewegen. Also Mißerfolg *uf allen Linien. Ich versuchte sie von drinnen herauszudrängen. Sie schrie und •prang zur Seite.

„Erstick' in deinem Dreck, du blödes Schwein“, sagte ich in meiner Wut und ging davon.

Scheinbar sollte mir alles mißlingen. Ich' machte mich über die Orgel. Uralten Staub nahm ich aus dem geöffneten Kasten. Das Zeug ist nicht so einfach, ich habe mir einige Skizzen gemacht, bevor ich mit dem Zerlegen begann. Der Blasbalg hat Löcher, die Lade ist wackelig, Verbindungen sind unterbrochen, die Pfeifen sitzen nicht gut •mf, aber Wesentliches dürfte nichts fehlen. Wenn ich mir Zeit lasse, bring ich es vielleicht fertig. Es ist eine Spielerei auf lange Sicht, aber jetzt gerade recht, weil man das nicht mechanisch machen kann, sondern überlegen muß. Draußen ist es heiß, da ist es in der dunklen Kirche angenehm. Ich verstehe mich selber nicht, wie das über mich gekommen ist. Auf diese Verwicklungen war ich gar nicht gefaßt. Ich versuche midi irgendwie zu orientieren, aber ich finde keinen Ausweg, alles ist durcheinander und in mir dreht sich alles.

Ich habe einen Fund gemacht. Hinterm Orgelkasten lag eine Holzfigur, die wie ein Büstenreliquiar aussieht. Auf einem Postament ruht ein holzgeschnitzter Heiliger, aber nur mit Kopf und Brust. Die Anme verschwinden im reichen Faltenwurf des Mantels, darüber sieht man den lebensgroßen Kopf. Er hat einen unerhörten Ausdruck, ist sehr lang, was durch den Bart noch mehr betont wird. Die Stirne und das Vorderhaupt sind kahl, rückwärts und um die Ohren beginnen die Haare, welche in bewegten Linien zum Barte herabwallen. Die Nase ist ganz schmal und lang, der Mund- ist der eines Asketen, eines Fasters und'“Schweigers. Das Größte1 jedoch sind die Augen, die über den eingefallenen Wangen einen durchdringend ansehen. Die Lebensechtheit ist verblüffend. Die Arbeit mag so aus der Renaissance stammen. Der ernste bekümmerte Blick läßt mich nicht los. Ich habe den Staub entfernt und die Figur ins Haus mitgenommen. Ich habe nicht herausgefunden, welcher Heiliger es sein könnte. Ein Prophet oder ein Apostel, etwa Petrus oder Paulus, könnte so dargestellt werden, doch von ihnen gibt es keine Reliquien. Die Züge erinnern auch stark an Jesus. Ich bin vom langen Ansehen verwirrt. Wie klein kommt man sich neben so etwas vor. Mein Glück, daß es nur eine Figur ist, wehe, wenn ich so einem lebendigen Menschen begegnet wäre; ich könnte ihm nicht ausweichen, ich wäre ihm verfallen. Was würde er von mir verlangen?

Ich habe schon als Jüngling geträumt, daß ich einem wirklich überragenden Menschen begegnen möchte, einem Meister, dessen Führung ich mich anvertrauen könnte. Ich bin leider nur ein mittelmäßiger Mensch, doch leide ich darunter und bin bereit, mich einem, der wirklich etwas weiß und kann, unterzuordnen. Ich glaube, im geistigen Leben wirkt sich der Individualismus am schlimmsten aus; wir sind alle Narren auf eigene Faust, wie Goethe sagt. Der Unheimliche, welcher mich aus dem Holze ansieht, könnte mir sagen, so mußt du sein und so mußt du leben. Daß wir das nicht wissen, macht doch unsere ganze Not aus. Ich war so beeindruckt, daß ich Liesl vergaß. Ich bin wieder unsicher geworden. Ist Schönheit und Freude das Erstrebenswerte, oder geht es letztlich um ganz andere Dinge? *

Ich habe der Susi das Türchen jeden Tag aufgemacht und als ich ihr heute das Fressen brachte, lag sie breit auf dem Misthaufen und ließ sich von der Sonne wärmen. Als sie mich sah, begann sie freundlich zu grunzen und lief mir zu. Ich Esel hatte eine übergroße Freude. Nun ist das Eis gebrochen und Susi tut so, als wäre sie an der Sonne aufgewachsen. So muß man von einem andern zur wahren Seligkeit erst hingeführt werden.

Nun lese ich auch wieder in meinem Lesebuch. Als Kind war man zu dumm für diese Sachen, obwohl sie auch irgendwie gewirkt haben mögen. Das Bedeutsame, Gleichnishafte dieser Geschichten und Anek-toden geht mir jetzt erst auf. Ich würde im Augenblick keinen Roman vertragen, aber das Lesebuch habe ich gern. Ob es nur Zufall ist, daß die Pichlerin das Lesebuch hat oder hat sie es auch gerne? Mit den Kalendern kann ich mich nicht befreunden. Sie sind mir zu primitiv. Ein ganz alter allerdings ist nicht schlecht, aber es ist nur mehr ein schmutziger Fetzen, den ich nicht in die Hand nehmen mag.

Über meinem Propheten bin ich ein Kopfhänger geworden. Ich habe ihn in der Kammer aufgestellt und über seine Weisheit nachgedacht, bis es mir zu düster wurde. Ich konnte seinen Blick nicht mehr ertragen, und habe ein Tischtuch über ihn geworfen. Nun sieht er mich nicht mehr mit seinem durchbohrenden Blick an, aber die Beunruhigung ist geblieben. Sie wirkt in der Tiefe weiter. Ich fühle mich nicht recht wohl neben diesem Gast. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte ihn nicht gefunden.

Übrigens muß das Schnitzwerk der Kirche unter den Fachleuten nicht unbekannt sein, denn neulich kamen zwei Herren aus der Stadt und verlangten von mir die Kirchenschlüssel. Sie stellten sich als Kunsthistoriker vor. Sie betrachteten alles von fern und nah, machten Notizen, klopften herum und zeigten besonderes Interesse für die Heiligen, welche auf dem Hochaltar standen. Es dauerte mir zu lange, ich ließ sie allein in der Kirche. Sie kamen später ins Haus und fragten mich, ob die Kirche der Pfarrgemeinde oder dem Dorf gehöre. Das wußte ich nicht. Mir war nicht wohl neben ihnen, jetzt kann ich so blasierte Intellektuelle nicht vertragen. Ich will nämlich selber keiner sein, kann aber nicht aus der Haut. Es hätte mich gereizt, und ich habe auch daran gedacht, ihnen meinen Fund zu zeigen, um ihr Urteil zu hören, aber ich tat es nicht. Wenn dieser geheimnisvolle Blick nach vielleicht einem Jahrhundert mich als ersten Lebendigen getroffen hatte, so will ich das als etwas Persönliches noch eine Zeitlang bewahren. Solche Augen mußten solange im verborgenen ruhen, um mich wieder als das Kind einer andern Zeit zu treffen.

Jetzt hat sich viel ereignet, und es kam überstürzt. Ich weiß nicht, was mich auf einmal so in Bewegung versetzt hat. Vielleicht bloß meine Ungeduld. Ich kann nicht warten, ich will alles schnell beendet, wenigstens entschieden wissen. Mir kam der Gedanke, einmal mußte ich Liesl, nachdem sie von mir wußte, noch sehen, dann könnte ich vielleicht Schluß machen, mich abfinden. Aber wie loskommen? Wer würde läuten, wer würde die Tiere füttern? Ich habe die Steiningerin geholt und ihr auseinandergesetzt, daß ich wegen meiner Verhältnisse, ich sagte Geld, das leuchtet am besten ein, dringend in die Stadt fahren müßte, nur für einen Tag und eine Nacht. Die Pichlerin dürfe aber nichts wissen, ich wollte sie nicht beunruhigen, sie hat schon Kummer genug. Ob sie mir nicht das Läuten und die Tiere für vierundzwanzig Stunden abnehmen wollte. Sie hatte Bedenken, schlafen könne sie nicht auf dem Berg, und wenn es die Pichlerin erfahre, würde sie böse sein. Ich wußte nicht, was ich ihr versprechen sollte, ich sagte bloß, ich würde mich erkenntlich zeigen. Sie solle es sich überlegen, womit ich ihr eine Freude machen könnte. Sie würde es sich überlegen, war ihr letztes Wort. Das war so viel wie ja. Ich war beim Kaufmann und habe den Fahrplan studiert. Es ist am besten, ich fahre früh am Morgen weg. Ich habe die Statue in die Kirche getragen und in den Orgelkasten gestellt. Die Steiningerin wird im Haus alles ansehen, das ist klar. Meine Briefe und Schriften habe ich versteckt. Sie hat dann wirklich zugesagt, sozusagen auf meine Verantwortung, und ich zog los.

Ich habe nicht die Kraft, das zu wiederholen, was in der Stadt geschah. Es war wie in einem unwirklichen Raum, wie im Theater, nur war ich Mitspieler, der sich jetzt selber wundert, wie er seine Rolle gespielt hat. Ich habe einen Korb bekommen.

Ich wundere mich, daß ich so hart gegen Maria bin. Aber gegen Verwandte ist man meistens hart. Ich habe kein Mitleid mit ihr, sondern fühle mich angegriffen und im Recht. Die gemachte leichte Art, die sie jetzt hat, reizt mich noch mehr. Ob sie anders wird, wenn sie von Liesl erfährt? Ob sie Eifersucht zeigen wird? Ich will nicht wissen, ob sie mich noch irgendwie liebt Ob man das sagen kann? Und wenn ich gefragt würde, ob ich ihr noch irgendwie innerlich verbunden bin? Ich würde nein sagen. Würde es mich beeindrucken, wenn Maria mich weiter lieben würde? Ich weiß es nicht, aber es wäre mir unangenehm. Ich habe trotz allem das Gefühl, es wird noch recht werden — irgendwie, irgendwann.

Im Hause traf ich alles gut an, obwohl ich mit Ver^pftung kam. Müde und gebeugt stieg ich auf meinen Berg. Ich fühlte mich geborgen und daheim in meiner Hütte Ich holte den Propheten aus dem Ver,teck und stellte ihn in die Kammer auf den Tisch. Vor dem Schlafengehen stellte ich — was ich noch nie getan hatte — eine brennende Kerze davor, und ich sah lange in das ungeheure Antlitz, das in dem flackernden Licht von übernatürlicher Lebendigkeit zu sein schien. Dann warf ich das Tuch drüber, blies die Kerze aus und legte mich nieder.

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