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Der wahrheitsliebende AAann und der Teufel

Einem Manne, der mit vollem- Recht auf seine unbedingte Wahrheitsliebe und seine kompromißlose Aufrichtigkeit stolz war, passierte es einmal, daß er eines Nachts um drei Uhr erwachte und am Fußende seines Bettes den Teufel gewahrte, der ihn (den wahrheitsliebenden Mann) ersuchte, ihm (dem Teufel) seine Seele zu verkaufen.

„Kommt gar nicht in Frage“, sagte der wahrheitsliebende Mann in einem Zustand halb Zwilchen Schlaftrunkenheit und Bestürzung, „ich denke gar nicht daran, mich auf derartige Ge-ichäfte einzulassen.“

„Also gut“, sagte der Teufel, sichtlich ein wenig aus der Fassung gebracht, „bitte sehr, tun Sie, was Sie für gut befinden; aber ich warne Sie! Wenn Sie mit mir nichts zu tun haben wollen, so will auch ich mit Ihnen nichts zu tun haben! Die Folgen haben Sie sich selbst zuzuschreiben.“

„Ich wünsche mir wirklich gar nichts Besseres“, sagte der wahrheitsliebende Mann und drehte sich nach der anderen Seite, um weiter-zuschlafen. „Ich werde in allen Dingen immer nur der Wahrheit folgen und will mit Ihnen nichts zu schaffen haben.“ Nach diesen Worten ließ er rhythmisch gleichmäßige Atemzüge hören, die dem Teufel verrieten, daß die Unterredung beendet war. Mit einem ärgerlichen Grunzen verließ der Teufel das Schlafzimmer und schloß die Türe so energisch, daß das ganze Zimmer erzitterte; das war sehr unmanierlich, aber er war auch sehr aufgebracht.

Am nächsten Morgen diktierte der wahrheitsliebende Mann, bevor er in sein Büro ging, wie er gewohnt war, in ein Diktaphon; dieses Instrument (das nebstbei gesagt vom Teufel erfunden ist, was der wahrheitsliebende Mann jedoch nicht wußte) ist in den Häusern vielbeschäftigter Männer der Welt häufig in Gebrauch, und der wahrheitsliebende Mann benutzte es zur Erledigung seiner höchst umfangreichen Korrespondenz; er pflegte seine Briefe in den Apparat zu diktieren, bevor er sein Haus verließ, und am Vormittag erschien eine Sekretärin und schrieb die Briefe auf der Schreibmaschine, so daß der wahrheitsliebende Mann, wenn er gegen Abend aus seinem Büro kam, sie nur zu unterschreiben brauchte.

Als er an diesem Tage heimkam, fand er leine Sekretärin in größter Aufregung.

„Ich fürchte sehr“, sagte sie, „daß heute mit den Briefen hier irgendein Irrtum geschehen ist. Ich habe sie alle wortwörtlich, wie es meine Pflicht ist, nach dem Diktat abgeschrieben und die Stimme hat auch ganz genau wie die Ihrige geklungen, aber die Briefe sind so eigentümlich, daß ich Sie bitten muß, sie doch noch einmal genau durchzulesen, bevor Sie sie unterschreiben und ich sie zur Post bringe. Hier sind sie, bitte lesen Sie sie durch und geben Sie mir dann Ihre Aufträge.“ Mit diesen Worten übergab sie ihm die Mappe mit den Briefen und verließ das Zimmer unter nervösem Schluchzen und mit Tränen in den Augen.

Der wahrheitsliebende Mann putzte sorgfältig leine goldene Brille, bevor er sie aufsetzte, letzte sich an den Schreibtisch und begann itine Briefe durchzulesen. Er las folgendes:

Verehrte Lady Whemsidel Ja, ich werde nächsten Donnerstag zu Ihrer Cocktailparty kommen. Unsere Bekanntschaft ist zwar nur eine flüchtige, und ich werde mir im Kreise Ihrer Freunde und Bekannten ziemlieh deplaciert vorkommen, aber ich brauche ja nicht lange dort zu bleiben. Ich denke aber, daß es für meine Geschäftsinteressen vorteilhaft ist, in so einer Gesellschaft, wenn auch nur für ein paar Minuten, gesehen zu werden; wenn dies nicht der Fall wäre, würde ich unter keinen Umständen kommen. Ich bitte Sie nur um eines: Wollen Sie es bitte unterlassen, persönliche private Fragen an mich zu richten, in der Meinung, dadurch herablassend zu erscheinen. Das ist immer sehr verletzerid für mich, und es ist einer der Hauptgründe, warum ich so ungern in Ihr Haus komme. Ich möchte auch noch hinzufügen, daß ich, obgleich ich ebenso wie Ihr verstorbener Vater, bürgerlicher Herkunft bin, doch einen sehr ausgeprägten Geschmack für gute Wohnungseinrichtungen besitze und daß mir daher in Ihren Räumen immer beinahe schlecht wird.

Ich verbleibe Ihr aufrichtig ergebener

Geehrter Herr! Nein; Ihre Offerte, mit der Sie mir Ihren neuen Imperial British Suction Apparat zur Verwendung in meinen Schiffen anbieten, ist für mich ohne Interesse. Es mag vielleicht sein, daß das eine ganz gute Sache ist und möglicherweise meinen Gewinn aus dem Schiffsunternehmen um einige tausend Pfund steigern könnte, aber ich habe es nicht nötig, mich deshalb auf solche neumodische Dinge einzulassen. Die ganze Mühe mit der Installation auf den Schiffen und die Besorgnis, daß meine Leute dann mit dem Ding nicht umzugehen wissen, veranlassen mich, Ihre Offerte abzulehnen. Ich nehme zur Kenntnis, daß, wie Sie sagen, die Franzosen, Italiener, Deutschen und Amerikaner von Ihnen die Patente zum Gebrauche in ihren Flotten gekauft haben; das macht aber auf mich nicht den geringsten Eindruck. Schließlich, wer sind denn diese Leute? Doch nur Fremde. Abgesehen davon sagt mir meine langjährige Erfahrung, daß ich mich so oder so doch immer durchwursteln werde, und ich hasse es, wenn ich nachdenken

solL Ihr ergebener

Lieber Doktor Burton!

Ich möchte Sie bitten, heute nachmittag oder morgen vormittag einen Sprung zu uns zu kommen und James, meinen Aeltesten, anzusehen. Es fehlt ihm zwar nichts, aber seine Mutter regt sich furchtbar auf, weil er vor ein paar Tagen bei einer Kinderjause mit Kindern beisammen war, die nachher Mumps bekommen haben; da er ein wenig heiser zu sein scheint, so glaubt meine Frau blödsinnigerweise, daß diei ein Symptom dieser Krankheit sei. Ihre Visite wird mich allerdings zwei Guineas kosten, aber ei steht mir dafür, wenn ich dadurch Ruhe bekomme vor dieser Unerträglichen Geschichten-macherei. Als Mann zu Mann sprechend, empfehle ich Ihnen einfach, seine Zunge anzuschauen und ihm dann einen Löffel reinei Wasser als Medizin zu verabreichen und so rasch wie möglich wieder zu verschwinden. Ihr Honorar wird Ihnen trotzdem ausbezahlt werden, und es ist lächerlich, mit einem solchen Unsinn soviel Zeit zu vergeuden.

Ihr aufrichtiger Freund john Roe

Lieber Herr Pfarrer! Ich übersende Ihnen anbei fünf Guineas all Beitrag für den Bau der neuen Kirche. Ich gestehe, daß ich durchaus nicht einsehe, was mir diese Ausgabe einbringen soll, und ich wäre in Verlegenheit, wenn ich Ihnen schwarz auf weiß meine Gründe angeben soll, warum ich Ihnen übeihaupt einen Beitrag sende. Ihre Predigten sind furchtbar langweilig und Ihre guten Lehren (wenn sie wirklich die Ihrigen sind) gehen mir besonders stark gegen den Strich. Wir könnten wirklich sehr gut mit der alten Kirche das Auslangen finden. Im Grunde meines Herzens fühle ich, daß die ganze Sache eine Art Erpressung ist, denn Sie wissen sehr genau, daß ich es mir nicht leisten kann, daß mein Name auf der Spendenliste fehlen sollte, und höchstwahrscheinlich ist dies für eine ganze Anzahl vernünftiger Leute in der Pfarre der Grund, daß sie ganz gegen ihren Willen einen Beitrag spenden. Es wäre vielleicht am besten, eine Art Kartell zu bilden und gemeinsam Ihre Spendensammelei zu boykottieren; leider erlaubt mir meine Zeit nicht, mich mit der Sache weiter zu befassen; so nehmen Sie die fünf Guineas und hol es der Kuckuck!

Ihr getreu und respektvoll ergebener

Lieber Herr Baumeister! Ich habe Ihren Vorschlag für das neue Treibhaus in meinem Garten erhalten; ich habe ihn genau nachgerechnet und habe festgestellt, daß Sie bei dieser Offerte unbedingt verlieren. Ich nehme Ihr Angebot daher ohne Einschränkung an und bitte Sie, ehestens die Arbeit in Angriff zu nehmen. Ich weiß Ihr Motiv für dieses für mich so überraschend vorteilhafte Angebot vollauf zu würdigen. Sie wissen, daß weitere umfangreiche Arbeiten und bauliche Veränderungen in meinem Hause zu machen sind und hoffen dabei, daß Sie, indem Sie einen Hering wegwerfen, einen Walfisch fangen werden. Glauben Sie ja nicht, daß ich Ihnen darauf hineinfallen werde. Für die nächste Arbeit werde ich mich an einen anderen Baumeister wenden, der ebenso einfältig ist wie Sie, und ich werde diese Methode weiterverfolgen, bis meine Arbeiten im Hause beendet sind.

Ihr ergebener + John Roe

Meine liebe Alice!

Den kleinen Betrag, um den Du mich als Deinen Bruder gebeten hast, werde ich Dir nicht schicken, obgleich ich wohl weiß, daß Dir dadurch schwere Sorgen erspart würden. Der Grund hiefür ist einfach der, daß es mich immer ein wenig ärgert, wenn ich einen noch so geringen Betrag ohne jede Aussicht auf eine Rückzahlung oder Vergütung auslegen soll und ganz besonders, wenn ich dies zugunsten jemandes tun soll, der mir nichts %nhaben kann, wenn ich ablehne. Ich fühle zwar eine gewisse sentimentale Anwandlung für Dich, weil Du ja meine Schwester bist, und die Ablehnung Deiner Bitte ist mir in gewissem Grade peinlich. Aber das Gefühl wird rasch vorübergehen, und wenn ich es dem Barverlust entgegenstelle, den es bedeuten würde, wenn ich Deine Bitte erfüllte, so gibt es kein Zögern. Bitte schreibe mir nicht mehr!

Dein Dich liebender Bruder

Geehrter Herr!

Ich übersende Ihnen in der Beilage einen Scheck über £ 250.— (Zweihundertfünfzig Pfund) als Jahresbeitrag zum Kampffonds der Partei. Ich bitte Sie, wohl zu beachten, daß mit dieser Zahlung mein Guthaben bei der Partei unter Berücksichtigung der Zinsen (1 Prozent über den Bankzinsfuß) seit meiner ersten Beitragszahlung auf über 3000 Pfund angewachsen ist. Ich habe es in meinen Büchern genau vermerkt, und ei besteht kein Zweifel an der Richtigkeit meiner Aufstellung. Ich bitte Sie, weiter zu beachten, daß ich mir für meine Beitragsleistungen keinerlei Vergütung oder Belohnung erwarte, außer der Baronie, wie wir es letzthin in Gegenwart eines Zeugen besprochen haben. Abschließend möchte ich betonen, daß ich irgendein Feilschen oder Hinausziehen der Angelegenheit als höchst taktlos und peinlich empfinden würde. Lieber meine Haltung bei den bevorstehenden Wahlen können Sie ganz unbesorgt sein. Mir sind politische Ehren vollkommen gleichgültig; ich übernehme in fünf Versammlungen den Vorsitz und stehe Ihnen gut für ein Gartenfest, drei Dinners und eine Feuerwerksveranstaltung. Mit Druckereispesen will ich nichts zu tun haben.

Stets zu Ihren Diensten

Ihr ergebener John Roe

Als der wahrheitsliebende Mann die Briefe gelesen hatte, entschied er, daß sie in dieser Form nicht abzusenden seien. Als er jedoch versuchte, sie geändert zu diktieren und umzu-stilisieren, entdeckte er. daß ihm alle schönen Phrasen, die ihm sonst so geläufig waren und ihm bei seiner Korrespondenz immer zu Gebote standen, völlig fehlten und er sich ihrer nicht erinnern konnte.

Er ließ daher seine Sekretärin kommen und beauftragte sie, die Briefe nach ihrem eigenen Ermessen und Gutdünken abzuändern, was die junge Dame mit ausgezeichneter Geschicklichkeit und großem Takte in kurzer Zeit fertigbrachte.

Der wahrheitsliebende Mann war sehr ärgerlich, als in der darauffolgenden Nacht in seinem besten Schlafe wiederum der Teufel bei seinem Bette erschien.

„Na“, sagte der Teufel, „haben Sie sich jetzt vielleicht eines Besseren besonnen?“

„Keine Spur“, sagte der wahrheitsliebende Mann, „Sie haben vergessen, daß ich eine gute Sekretärin habe.“

„Ah, der Teufel“, sagte der Teufel, „man kann nicht an alles denken“, und er verließ das Zimmer noch lärmender als die Nacht zuvor.

Auf diese Weise rettete der wahrheitsliebende Mann nicht nur seine Reputation, die, wenngleich das weniger wertvolle von den beiden Dingen, doch in dieser weltlichen Sphäre von beträchtlicher Wichtigkeit für ihn war.

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