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Peter Anich, der STERNSUCHER

9. Fortsetzung

Deshalb sei auch der Feldmesser ein höchst ehrenwerter und nutzbringender Beruf, der sich jedoch am wenigsten für einen Bauern selber eigne, so sehr er dem Bauernstände ich fromme. Seiner wohlwollenden Meinung nach sei es für den kleinen Peter besser und erspare ihm und den Eltern sicherlich manche Enttäuschung, wenn er weiterhin wie bisher af seinem wohlbestellten Hofe arbeite, zum Nutzen des Anichhauses und zur Zierde seines Standes. Ansonsten werde er, Pater Bernhard, so gut wie sicher im Verlaufe der nächsten Wochen, sobald es sein Zustand gestatte, nach Innsbruck reisen und dann den kleinen Umweg über Oberperfuß nicht scheuen.

Das mit der Reise werde wohl gute Weile haben, setzte die Bötin hinzu. Ihrer Meinung nach, und sie habe schon viele Wassersüchtige in ihrem Leben gesehn, werde der hochwürdige Herr bald sehr viel weiter reisen als nach Innsbruck. Er sitze jetzt schon mächtig aufgedunsen in seinem Lehnstuhl und habe nicht weniger als zwei volle Stunden an diesem kleinen Briefe geschrieben. Es sei wahrlich jammerschade um den armen lieben Herrn.

„Dann wollen wir seine freundschaftliche Tat nur noch höher schätzen'', sagte der Vater, „und der wohlgemeinte Rat eines so ehrlichen Freundes soll uns teuer sein.“ -

Während die Bötin nun obendrein mit einer warmen Suppe entlohnt ward, verließ Peter die Stube. Er hatte jedoch den Stall noch nicht erreich*, denn es war die Zeit des Fütterns, da kam ihm auch schon der Vater nach. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander, dann sagte der Bauer: „Hast doch wohl nicht gar gehofft, daß die hohen Herren dich gleich wie ein Weltwunder aufnehmen, Peter?“

„Das habe ich freilich nicht gehofft“, sagte Peter und schritt an seine Arbeit. Auch bei der Abendsuppe ward nicht mehr von jenem Briefe geredet.

In der frühen Nacht aber, da Peter bereits im Bette lag, kam der Vater zu ihm in die Schlafkammer. Das war nun schon, seit der Bub denken konnte, nicht vorgekommen. Der Bauer hieß ihn ruhig liegenbleiben und rückte den Stuhl an das Bett. Er habe den ganzen Abend lang über den Brief nachgedacht, begann er, und es sei besser, sie besprächen die Sache noch einmal, sie könnten dann beide besser schlafen. Auf den ersten Blick habe der Pater ja sicherlich recht, das könne und dürfe kein vernünftiger Mensch bestreiten, am wenigsten der Vater selbst. Mit neunzehn Jahren fange man keinen neuen Beruf an, auch wenn der Kopf dazu hinreiche. Man sei in diesem Alter aber auch bereits Mann genug, den einmal erwählten„ von Gott zugewiesenen und auch erlernten Beruf tapfer auszuüben. Das sei so die Weltordnung und immer wieder den Menschen auch als Prüfung auferlegt. Auf den Höfen rundum in den Dörfern und gar hinten in den Eirischichttälern sitze ja gar mancher Bauer, der in seinem Leben auch andere Dinge gedacht und gewirkt habe als die Bäuerei. Gar in Tirol gebe es solche Sinnierer und heimliche Künstler genug, ob einer nur Krippen schnitzle oder Stubendecken, ob einer Zithern mache oder feine Uhren wie eine Kirchebnerische oder eine Türschnalle zurechthämmere, besser denn jeder zünftige Schmied.

„Der Vater braucht mich nicht erst trösten“, sagte Peter, „ich ertrag es fchon. Es hat nur schlimmer ausgesehn, wie ich den Brief überlesen hab. Wenn der Pater Bernhard mir nicht helfen will, so kann ich deshalb doch nach dem Kornschnitt nach Innsbruck gehn, und wenn auch die Herren in Innsbruck nichts anderes wissen, dann kann ich es immer noch halten wie bisher und mir allein weiterhelfen, so gut es geht. Auch hätt der Pater Bernhard, wenn er gesund wäre, vielleicht eine andere Antwort gegeben.“

„Und eine richtigere“, rief der Vater, „wenn man nämlich genauer hinschaut, stimmt sie hinten und vorne nicht. Einem anderen Bauern darf er das sagen, aber nicht mir. Mit achtzehn Jahren war ich noch Schafhirt, also hätte ich später unrecht gehandelt und gegen das große Gesetz, daß ich heute nichtTnehr Hirt bin und nicht Kohlenbrenner und nicht Schneider, sondern ein Bauer.“

„Auch ich will ja Bauer bleiben.“

„Wir werden den Brief vergessen“, sagte der Vater nach einer Weile, da nur sein Atem in der finsteren Stube war, „wir werden ihm auch nicht schreiben und überhaupt bis Innsbruck keinen Menschen mehr bitten. Ich denke eher, wenn wir beide uns zusammentun, dann finden wir etliche Dinge, die sonst vielleicht ,nur in den Büchern stehn und aus den Büchern zu lernen sind. Zwei Köpf finden das eher als einer allein, glaube ich. Ich hab ja auch in meinem Leben mir über manche Sachen Gedanken gemacht, die ich noch niemals mit dir beredet hab.“

„Wenn der Vater es will“, sagte Peter langsam. Die Freude ließ ihn kaum reden. „Das war freilich noch viel schöner, als wenn mir der Pater Bernhard hundert Bücher herüberschickt.“

„Du mußt mir nur morgen oder die übernächsten Tage einmal alles sagen, was du bisher zusammensinniert hast. Wo es dir nicht weitergeht und wohin du eigentlich willst. Ich weiß das bis heute nicht. Nur eines weiß ich, daß es dir ernsthaft ist, mein Bub. Und“, er dachte eine Weile nach, „jeder Vater verlangt von seinen Kindern eine gute Nachrede. Aber der Vater muß es den Kindern auch leicht machen.“

„Dann soll der Vater nur gleich damit anfangen und dies von der Nachrede bleiben lassen“, rief Peter lachend, „so reden kranke und alte Leut, aber nicht solche, die so viel vorhaben wie wir beide.“

„Wie wir beide“, sagte der Bauer langsam.

Seit jener Nacht aber lag Peter manche Stunde wach. Auch schreckte ihn jedes Geräusch in Haus und Stall aus dem leichten Schlaf empor, und er horchte dann lange, ob drüben in der elterlichen Schlafkammer-jemand herumrenne oder rede oder gar jammere. Einmal schlich er auch hinaus und horchte an der Tür, bis er die beiden Leüt ruhig atmen hörte. Eine so schwer faßbare Angst war in ihm, daß er einmal aufwache und daß dann der Vater tot in seinem Bette liege. Zur Mutter konnte er über diese Angst so wenig reden wie über jene Seligkeit, die ihn dann bei Tage wieder völlig durchdrang wie noch nie in seinem jungen Leben.

Denn was er bisher der kleinen Leni mi(t-/ geteilt hatte und auch dies in kindlicher Art, so daß er oft selbst kindisch dachte, auch sein ängstlich Gehütetes, er konnte es nun ohne Scheu dem Vater anvertrauen, und dieser nahm alles auch so auf, wie es gemeint war. Bei der großen hohlen Sternkugel kam er freilich nicht mit, obgleich ihm auch eine solche nicht mißfiel. Sie sei aber etwas für freie und müßige Stunden, meinte er, und für einen Menschen, der über mehr verfüge denn über ein Sitzbrett und einen Birnbaum. Die Sterne gingen ja ihren alten ewigen Gang, und es sei gleichgültig, ob man diesen nun bis ins Letzte hinein erforsche oder ihn einfältig hinnehme, wie er nun einmal sei. Auch das beste Wissen und die schönste Erfahrung ändere daran nichts. Man könne die Sterne, wenn einer dazu veranlagt \ei, liebhaben, mehr als alles andere in der Welt. Das begreife er wohl, doch sei dies eher eine Sache des Träumens als des Berech-nens, des Sinnierens mehr als des Denkens. Und daß einer um die Bahnen der Planeten wisse, das sei doch nur für den wichtig, der diesen wandelbaren Sternen eine Macht über das Leben zuschreibe, eine Macht, die er, der alte Bauer, nicht diesem und jenem Stern, sondern dem gestirnten Himmel wohl zubillige, wenigstens eine solche über seinen Buben. Deshalb werde er ihn auch den Winter über das Drechseln einer Hohlkugel lehren; ja, mit einigen Vorrichtungen, die er noch zu beschaffen oder selbst herzustellen gedenke, werde es ihnen wohl gelingen, eine große hohle hölzerne Kugel aus einzelnen Teilen zusammenzusetzen, darauf spekuliere der Peter doch.

Doch wenn der Vater auch über die Sterne mehr scherzhaft redete, das, was für Peter nur eine Sprosse auf seiner Himmelsleiter, für den Vater wohl 'die ganze Leiter und in jenen Tagen ein Stück Himmel selbst war, das Vermessen und, wie es der Pater genannt hatte, das ordinäre Berechnen, das ging der Alte nun mit der ganzen seinem Wesen innewohnenden Hartnäckigkeit an. Er fand, die Überlegung des Buben mit dem Adler sei durchaus richtig und jene mit dem Turm noch besser, ja er redete jetzt ganze Tage darüber, wenn er nicht lieber schweigend den .nämlichen Gedanken nachhing. Die Oberperfußer sahen ihn nun des öfteren auf dem Acker zu ungewohnten Zeiten, etwa mitten zwischen Jause und Zwölferläuten, auf einer Garbe hocken, ihn und den Peter und manchmal auch die kleine Leni dabei, während die Kathi allein die Garben band. Es war dem Vater auch lieber so, denn was sie da trieben, erfordere einen andächtigen Menschen, sagte er, der auch einen vielleicht kindischen Plan nicht übelnehme' und eine kleine Träumerei vertrage, selbst noch als hoher Fünfziger.

Die wenigen Stünden daheim aber saßen sie an der Drechselbank, und nach drei Tagen hatten sie den ersten Meßrahmen fertig. Es war ein schönes Stück aus eichenem Holze, und wenn man es vor sich hinhielt und den Stiel verbarg, eher einem feinen Bilderrahmen ähnlich. Am Rande aber waren die nötigen Marken eingekerbt und etliche Roßhaare dazwischen gezogen. Dieser Rahmen war für eine hohe Fichte zugerichtet, die weiter unten in ihrem Garten stand, und die Messungen stimmten denn auch auf die halbe Elle genau. Sie suchten auch nach dem Augenmaß Bäume von ähnlicher Höhe und konnten so bald — auch dabei erwies sich der Vater als ein kluger Mann — aus verschiedenen Übereinstimmungen und Abweichungen die Höhe der Gegenstände bestimmen. Ganz zufrieden war der Bauer freilich auch mit diesem Rahmen nicht. Die Berechnungen waren doch bald allzu langwierig und bei Gegenständen verschiedener Höhe mehr dem rechten Augenmaß anheimgestellt als dem Instrument, auch ging es ihnen, als kähftigen Feldmessern, mehr um die Entfernungen der Dinge untereinander denn um ihre Höhen, die man immerhin leichter schätzen und auch messen konnte, sofern es sich um Bäume oder Türme handelte.

Die Mutter wunderte sich bei alledem bloß, daß der Bauer wohl einen Haufen Aufträge von Seilrain mitgebracht hatte, aber nun keinen Finger dazu rührte. Er werde sich die Hauptarbeit wohl für den Winter sparen, sagte sie. Ja, das tue er mit Bedacht, antwortete der Vater, es sei auch unwichtig, ob die Sellrainer bald ihre Mohnstößel und Melkeimer und Kegelkugeln bekämen, es gebe wahrlich gewichtigere Dinge in der Welt.

Eines Tages — sie rasteten bei der Grummenmahd nächst Ranggen unter einem Schlehenbusch, denn ein böser schwerer Dunst lag gegen Abend auf dem Gebirg — zog der Anichvater ein sauber gefaltetes Blatt Papier aus der Tasche und hielt es Peter hin.

„Das hab ich heute Nacht rasch noch aufgezeichnet“, sagte er, „ich denk, wir sind bisher auf dem Holzweg gewesen.“

Peter betrachtete das Papier andächtig, er*sah aber fürs erste auf dem Blatte nur ein Netz von geraden Strichen, die kreuz und quer zwischen einzelnen besonders angezeichneten Punkten hin- und herliefen und so jeden dieser Punkte mit dem nächstliegenden verbanden. Wie eine große Spinn--webe sah das aus. Dort wo die Linien zusammenstießen — sie schnitten einander ja nicht —, sah er aber dann bald kleine Gegenstände eingezeichnet. Eine Fichte, einen Kirchturm, das Türmchen einer Kapelle, ein kleines Haus. Er begriff auch, sogleich, daß diese Gegenstände nicht willkürlich gewählt waren, sondern, wenn er jetzt prüfend über das schwüle Land hinblickte, in Wirklichkeit vor seinen Augen standen. Es waren der Oberperfußer Kirchturm, die große Fichte hinter dem Ajiich-hause, die Urlaubskapelle an der Weggabelung, das Türmchen der Poltenkapelle, J der Kirschbaum auf dem Erhardtischen | Grund, der Giebel des Badhauses, das Petrusbründel und noch manch anderes Ding, an das er sich jetzt erst so redht erinnerte. Ja“, sagte er, „das müßte man alles abmessen, dann hätten wir halb Oberperfuß auf dem Papier, die Zäune und Wege und Häuser dazwischen kann man dann leicht einzeichnen.“

Das sei richtig, sagte der Vater, und er freue sich, daß Peter sogleich die dargestellten Gegenstände erkannt habe, obgleich er beim Schein einer Kerze und nur in aller Eile die einzelnen Dinge gezeichnet und hingesetzt habe, wie ihm das Dorf mit all seinen Weilern und Bäumen und Kapellen im Gedächtnis gewesen sei. Nur brauche man, und das hätten sie bisher übersehen, ja er selbst wisse jetzt nicht mehr, wie er plötzlich auf diesen Gedanken verfallen sei, man brauche nicht, wie Peter vielleicht befürchte, jeden dieser Striche, also jede einzelne Entfernung zwischen zwei Punkten langweilig abschreiten oder gar mit irgendwelchen Meßrahmen berechnen. Man brauche bloß jeden Punkt, jedes Ding, nicht einmal jedes, sondern nur die auffälligen und wichtigen, von zwei anderen Punkten aus anvisieren, genau so wie das Schwarze auf der Scheibe mit dem Stutzen, gar nicht anders, und die Richtung dieser Visuren, ihre Winkel dann auf dem Blatte vermerken. Der Schnittpunkt der Visuren ergebe dann genau die Lage des anvisierten neuen Gegenstandes. Verfahre man nun auf diese Art mit allen wichtigen Punkten eines Bereiches und visiere man von jedem so gewonnenen Pimkte immer wieder auf einen neuen noch sichtbaren, so erreiche man dadurch ein zuverlässiges Verzeichnis aller wichtigen Punkte, ohne daß man eine andere als die erste Entfernung wirklich abschreiten oder mit der Elle nachmessen müsse. Das sei wohl das wichtigste an dieser neuen und höchst einfachen Art. Jetzt beim Mähen aber sei ihm noch ein Letztes und wohl das Allerbeste eingefallen.

(Fortsetzung folgt.)

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