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Gott in der AAenschentrüst

Mein Stubenältester in Dachau trug die Nummer 9, die ich in den ersten Tagen nicht genug anstaunen konnte; noch nie hatte mir eine Neun so viel zu sagen gehabt. Stammte sie doch von der ersten Numerierung, die zweite hat 1940 begonnen. Es gab nur noch drei oder vier niedere Nummern in Dachau, die niederste war 3; der sie trug, war wie jene anderen mit tiefen Nummern im Herbst 1933 bei der Eröffnung des „Etablissements“, also bei meinem Eintreffen vor achteinhalb Jahren, einer der seltenen Uberlebenden von damals.

Mein Neuner war ein kleiner Mann von über vierzig. Er hatte ein eigenartiges Gesicht mit kleiner Nase und etwas langem und vierkantigem Kinn, das dennoch weich war. Er war wie alle immer ernst und blickte auch so mit seinen graublauen Augen drein. Wenn ihn aber etwas amüsierte oder es fiel ein gutes, tüchtiges Wort, dann konnte sich dieses Gesicht, konnten sich diese Augen erhellen und kindlich strahlen, wie ich es noch an keinem Manne gesehen hatte. Er war Württemberger aus Ludwigslust, Metallarbeiter (wenn ich nicht irre) und Kommunist, dieser kleine Willi Bader.

Er war von einer stillen, kaum bemerkbaren Anteilnahme von ganz persönlicher Art. Ich fühlte sie aus den knappen Fragen nach meinem Schicksal, aus kleinen, an sich unbedeutenden Hilfeleistungen, verschwiegen oder mit einem kleinen rührenden Lächeln dargeboten. Es hat nicht lange gedauert, bis ich mit ihm in das erste Gespräch kam. Uber unsere beiderseitige politische Stellung waren wir uns alsbald im klaren, ohne weiteres über das Gemeinsame daran, die entschlossene Ablehnung des Nazismus. Das war aber doch nur die Grundlage, der äußere Anlaß unseres Zusammentreffens. Nicht lange war's, da gingen unsere Gespräche auf die tieferen Gründe in dem Geschehen, das uns angepackt hatte, und da vor allem auf das Versagen der Menschheit. Dieses Thema wurde von ihm angeschlagen, weil ich nicht viel Verständnis erwartet habe, wenn ich solche Gedanken ausgesprochen hätte. Und war doch nicht erstaunt, als er das erstemal unserem Gespräche diese Wendung gab, ich war froh und befriedigt.

Ich blieb nicht lange bei ihm, denn der Blorkälteste, ein Wiener, holte mich zu sich auf die Einserstube und übertrug mir die sogenannte Belehrung der Neuzugänge, welche durchgeführt sein mußte, bevor diese nach den vorgeschriebenen vierzehn Tagen auf die anderen, die Arbeitsblöcke, verteilt wurden. Das war ein trostloses Geschäft, diese Belehrung, sowohl für mich wie auch für die zu belehrenden neuen Kameraden. Was für eine bunte Gesellschaft saß da oft vor mir! Vom belgischen Arbeiter bis zum tschechischen Grafen, der Gesandter in Wien gewesen war, vom steirischen Kommis bis zum Kommandanten der aufgelösten luxemburgischen Kompagnie; vom Münchener Pflasterer bis zum französischen Reservehauptmann, mit dem Flugzeug von seiner Besitzung in Algier gebracht, Verwandter des Generals Gi-raud; vom holländischen Kaufmann bis

zum Waldviertier Pfarrer; vom jugoslawischen Staatsanwalt bis zum polnischen Landarbeiter. Sie alle mußten auf Deutsch antworten lernen, was ein Häftling nicht tun dürfe, was er bei sich haben dürfe, wie er sich zu melden habe; sie mußten die Gradabzeichen der SS benennen und die von dieser verlangten Marschlieder deutsch singen können.

Diese Belehrung fand abwechselnd in allen vier Stuben statt, in denen man sich zusammendrängen mußte. Am liebsten war ich mit dem „Unterricht“ in der Zweierstube, beim kleinen Bader. Er hat mich auf den Gedanken gebracht und mir den Mut dazu gegeben, diese Stunden einer verzweiflungsvollen Belehrung dafür zu verwenden, diesen Männern vor mir aus allen Weltgegenden jenen anderen Sinn des Geschehens um uns und in aller Welt zu zeigen, in ihnen die Verantwortung zu wecken für sich und für jeden Nebenmenschen. Und ich machte es wie Baderlein: nie sprach er von Nächstenliebe, schon gar nicht von christlicher, aber er lebte sie Tag um Tag; und ich schwieg von ihr, wenigstens am Anfang dieser meiner Laufbahn, aber, ich wies auf die Wirkung des Gegenteiles, der Kälte und des Hasses, die ja alle hier an sich spürten.

Und wenn ich in der Zweierstube meinen Vortrag hielt und nach dem trockenen Tatsachenstoff jene angedeuteten Abwege beschritt, dann sah ich bald das aufmerksame Gesicht Baderleins seitwärts auftauchen, das eine stille Freude sehen ließ und für mich, wenn ich einmal hinsah, ein kleines Lächeln herüberstrahlte.

Baderlein hat mich mehr als einmal überrascht, obwohl ich diesem gütigen, großen Kinde alles zutraute, natürlich alles denkbare Gute. Er klagte einmal, daß der Dienst als Stubenältester doch recht schwer sei, wenn man ihn “genau nähme, und das mußte doch sein. Die Neuen seien beim Kommen so fertig, so benommen von der Tatsache, eben hier zu sein, von dem auf allem und allen lastenden Druck, daß sie schwer in die nun einmal auf dem engen Raum nötige Blockordnung zu bringen seien. Er rede und predige und erreiche doch nicht alles. Abends frage.er sich immer — er sagte nicht: vor dem Abendgebet —, nach jedem Tage, ob er heute recht getan, ob er den Kameraden die richtigen Worte gesagt habe, ob er gegen diese Armen etwas versäumt habe. Es ist so: er sprach nie von Religion; er lebte aber so gewissenhaft und treu nach christlichen Grundsätzen wie viele eifrige Kirchenbesucher nicht; und wenn er nie von Nächstenliebe sprach, er strömte sie aus, denn Gott wohnte in ihm, in seiner armen Menschenbrust. Was waren dagegen alle politischen Theorien!

Baderlein hat mich mehr als einmal überrascht. Eines Tages sagte er: „Du schreibst doch?“

„Ja, auch“, sagte ich, nicht gerade aufmunternd.

„Schau einmal das an, ja?“ Er hatte aus der Lade seines kleinen Tisches ein Notizbuch genommen, das er mir reichte. Es war über die Hälfte mit Gedichten vollgeschrieben.

„Von dir, Baderlein?“

„Ja, weißt — was mir so durch den Kopf geht, du kennst es von unseren Ge-

sprächen, das muß ich aufschreiben, laßt mir keine Ruh.“

Ein klein wenig Stolz auf die von ihm geübte Dichtkunst war ihm anzumerken.

Seine Gedichte waren kunstlos geformt, zum Teil aber recht hübsch gelungen und auch nicht schlecht gereimt. Was er sagen wollte, vermochte er immerhin gut, oft überraschend stark in seinen einfachen lyrischen Formen auszudrücken. Es war didaktische Poesie im echtesten und schlichtesten Sinn. Von Äußerungen eines größeren Talents konnte nicht die Rede sein. Mir schien es genug, daß in diesen Versen und Reimen der reine Schlag dieses echten Herzens zu fühlen war; das in diesen schlichten und doch hohen menschlichen Dingen mit dem Schlag meines Herzens den gleichen Takt pulste. Und es war dem kleinen Mann mit seinen

Ermahnungen und Aufrufen zu wahrer Menschlichkeit ernst, bitter ernst. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er eines Abends zu einer kleinen armen Geburtstagsfeier für einen Frankfurter Kameraden ein kleines Gedicht gemacht hatte, später dann über Aufforderung eines seiner aufrufenden Gedichte vortrug“: mit kurzen Schritten seiner kurzen Beine stampfte er in unserem kleinen Kreis hin und zurück, mit leuchtenden Augen und glühendem Gesicht und wie ein Prophet, der Flammen aus dem Felsen schlagen will, rief er uns seinen Tadel, seine Mahnung und seine fernhin tröstenden Worte zu. Er war stark 'und verlangte von uns die gleiche Stärke, wenn er mit seinen Gedichten zu uns sprach.

Ab und zu war eines oder das andere auch einem weiteren Kreis bekannt ge-

•worden, einzelnen seltenen gab er das kleine Buch in die Hand, so auch hin und wieder einem der Priester, die alle Baderlein sehr gerne mochten. Von manchem dieser Priester, die seine Gedichte gelesen hatten, war ihm, wie er mir mit offenkundiger innerer Befriedigung erzählte, gesagt worden: „Du, Willi, das hätte auch ich geschrieben haben können.“

Zuweilen kam er, wenn er dachte, eine Pause könne in meinem Dienst fällig sein, und setzte sich mit mir an. das Stuben-ältestentischerl und brannte darauf, meine Meinung über dieses und jenes zu hören. Und immer waren es Fragen, die kühl die ethischen genannt werden und nichts anderes als die brüderlichen sind: Wie tue ich dir recht? Das Einverständnis in allen diesen Dingen zwischen uns beiden war mir immer ein seltsames und frohes Erleben. Und man mußte diesen Mann, der so ehrlich und stark um das Rechte rang, von Herzen lieb haben.

„Sag einmal, Baderlein“, sagte ich eines Tages, „du formst Verse zu recht gelungenen Gedichten und kannst sie auch gut reimen; mir scheint aber, du betreibst deine Kunst ohne Wissen von Versarten, Versbau und Strophenbau.“

„Was? Versarten? Kenn ich keine. Das kommt so aus mir.“

„Weißt also nicht, was ein Jambus oder ein Trochäus ist und wie man einmal den einen und in einem anderen Fall besser den anderen verwendet. Und was es sonst alles gibt.“

„Nein“, gestand er, „das weiß ich nicht. Ist das schwer? Muß man das wissen?“

„Vielleicht tat es nicht schaden“, sagte ich.

Und weil ich wirklich meinte, ein gewisses Maß von Kenntnis der dichterischen Mittel könnte ihm förderlich sein, setzte ich mich hin und schrieb für ihn eine kurzgefaßte Poetik, in die ich als Beispiele für das Dargestellte Zitate aus allerlei Gedichten einsetzte, wie es sich gehörte. Welchen Gebrauch Baderlein von meiner kleinen Arbeit gemacht hat, ob 6ie ihn gefördert oder ob er sie als störend in seine Tischlade verbannt hat, konnte ich nicht mehr erfahren, weil ich bald darauf auf ein Dachauer Außenkommando gekommen bin.

Der Tag, an dem ich in das Außenkommando im Allgäu überstellt wurde, war ein schöner, noch warmer Herbsttag. Ich mußte mich von Baderlein verabschieden, traf ihn am Eingang seiner Stube, sagte: „Baderlein, ich muß gehen. Ich danke dir. Leb wohl. Gott schütze dich.“

Er hatte den Kopf abgekehrt, als er mich gesehen hatte. Er wußte, warum ich kam. Nach meinen Worten wendete er sich mir zu, mit einem erschrockenen und beinahe angstvollen Ausdruck in seinen Augen, die sich mit Tränen füllten, drückte mir fest die Hand und drehte sich weg. Er hat kein Wort herausgebracht. Da ging ich, mit dem Taschentuch an den Augen, fort von einem der seltenen, liebsten und treuesten Menschen, denen ich begegnen durfte.

Wir haben trotz der Entfernung immer voneinander gehört, waren wir doch in allem von Dachau abhängig. Und bei jeder Gelegenheit gingen Grüße hin und her. Wir vernahmen, wie nach dem Räumen der KZ-Lager im Osten auch Dachau überfüllt und vollgestopft wurde mit Menschen, und waren doch früher schon stets zwölf- bis fünfzehntausend Häftlinge dort.

Und dann brachen die Seuchen aus. Auch bei uns trat Flecktyphus auf und holte sich seine Opfer. In Dachau „gingen sie durch den Kamin“ wie eh und je. Dort griff die Seuche schrecklich um sich. Man legte schließlich die Kranken einfach auf den Blocks der ungeraden Nummern zusammen, so daß das halbe Lager zum Krankenrevier wurde,' und ließ sie sterben. Und mit all diesen Armen ist auch der kleine Willi Bader mit dem großen Herzen dahingegangen.

Die große Barmherzigkeit hatte ihn an sich genommen. Wer weiß, was ihm noch alles bevorgestanden wäre. Ein holländischer Kamerad hat mir in seinem ersten Brief im Jahre 1946 folgendes geschrieben:

, „Österreicher, habt einander lieb, dann werden Sie eine große Nation werden, hilft einander. Und am Ende, Adalbert, beim definitiven Demasque, wirst du gefragt werden, wieviel Sonntagen bist du nicht zur Kirche gegangen oder so etwas aber am ersten Stelle: Bist du gut gewesen für deinen Nebenmenschen??? Ich war nackt und hast du mich gekleidet? Ich war dürstig und hast du mich zu trinken gegeben? Ich hatte Hunger und gabst du mir etwas zu essen? — Adalbert, der du mich so oft geholfen, lerne die Österreicher die Liebe zu einander! Du warst mich so gut, benütze deine schöne Gabe die Menschen zu lernen, daß nur die einfache Behutsamkeit die Rettung bringen kann.“

Und ich denke mir, daß vielleicht auch Baderlein, hätte er noch leben dürfen, von seinem Standpunkt des Handelns und der Tat aus ebenso geschrieben hätte wie dieser glaubensfeste Holländer.

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