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Ist Gott tot?

Am Ostersonntag 1950 stieg ein junger Mann im Dominikanerhabit während des Hochamtes aut die Kanzel von Notre-Dame in Paris und riet: .Gott ist tot!“ Dieser junge Mann war Michel Mourre …

Wer ist Michel Mourre? Was hat ihn zu diesem schmerzlichen Aut- schrei getrieben, welche Zweitel und Enttäuschungen, weiches Leid?

Michel Mourre gehört der Generation der Zwanzigjährigen an, denen der Zusammenbruch Europas das geistige und materielle Fundament der 'Väter weggerissen hat. Sein Schicksal steht für das Schicksal der Jugend Europas.

In dem Buch „Gott ist tot?“ deutsch im Verlag „Herold", Wien erzählt Mourre sachlich, nüchtern, ohne Ueberschwang, wie er in bürgerlicher Umwelt als Sohn atheistischer Eltern ungetauft heranwächst, wie 1940, beim Einmarsch der Deutschen in Paris, das weltanschauliche Gebäude seines Vaters gleich einem Kartenhaus zusammenstürzt. Der Gegensatz zwischen den Generationen führt den Sohn ins Lager der Nationalisten und Königstreuen, später in das Doriots. Dafür hat er nach der Befreiung zu büßen — kehrt freilich den Spieß um und klagt die Republik an.

In seiner Verzweiflung weiß er sich gemeinsam mit dem militanten Katholiken Jacques nur einen Ausweg: Die Flucht nach vorn, Gott entgegen. So tritt er bei den Dominikanern in, Toulouse als Novize ein. Aber dann vermeint er, wer unter Christi Fahne kämpfen will, muß hinaus, mitten ins wildeste Getümmel. Doch auch hier läßt sich Gott so leicht nicht finden. Der junge Mann sucht Ihn auf vielen Wegen, in den Existentialistencafes, in den Nihilistenzirkeln von St.-Germain-des- Pres. Da ist Er freilich nicht, aber auch in Notre-Dame mit ihren Domherren und intellektuellen Katholiken, im „Betrieb" des Heiligen Jahres scheint Er nicht zu sein.

Sollte Gott tot sein? Gewiß, dieser „Gott ist tot. — Und Michel Mourre schreit es in die Welt und hat damit den wahren Gott für sich und alle Suchenden gerettet, hat nach notvollen, grauenhaften Jahren den Glauben wiedergefunden, die Hoffnung und die Liebe.

Ich trat in die Reihe der Enttäuschten, Verbitterten und Entgleisten um Saint-Ger- main-des-Pres. Mit ihnen saß ich in den Kaffeehäusern des Boulevard Saint-Germain, in den Bars der Rue Jacob und debattierte endlos über das Ungereimte, Sinnlose des Lebens.

Alle langweilten sie sich und zwangen sich zur Langweile. Wir wußten seit Camus, daß der Mensch ein Fremder auf Erden, daß er als „Strandgut“ in die Welt „geworfen“ ist, sich in ihr umtun muß, ohne je zu ihr zu gehören. Versucht er es, dann verliert er sich, „objektiviert“ sich, löst sich in ihr auf. Versucht er’s aber nicht, wird er dennoch schuldig, denn dann schüttelt er die Verantwortung ab, die er allem gegenüber hat.

Wir waren in einer Sackgasse, wußten es und hielten es gern einander vor. Sagte uns Sartre zu, so nicht, weil er uns Lebensziele steckte — welche Zumutung er sich übrigens verbat —, sondern weil wir bei ihm die genaue philosophische Umschreibung alles dessen fanden, was unser Leben bisher gewesen war.

Allesamt zwangen wir uns, die alten Hoffnungen zum Schweigen zu bringen, die Ruinen zu bejahen, uns in ihnen wohnlich einzurichten, selber zu bewußten, selbstzufriedenen Ruinen zu werden, Es war mit uns so weit gekommen, daß wir in allem planmäßig das Häßliche, Böse, Verpfuschte aufspürten, wobei die meisten von uns sicherlich nur aus Verzweiflung mit großen Worten um sich warfen und hinter dieser Maske bloß ihre Enttäuschung darüber verbargen, das Wahre, Schöne und Gute nicht gefunden zu haben …

Ich hatte mich damals, 1950, in einem ruhigen Zimmerchen der Rue Saint-Louis-en-l’Ile eingemietet und gehörte nun zu einem kleinen Freundeskreis mit dem Sitz nicht im Flore oder den Deux Magots, wo für den Kaffee der unerschwingliche Preis von 55 Francs gefordert wurde, sondern weiter unten am Boulevard Saint-Germain im Mabillon oder im Saint-Claude, wo der Kaffee nur 20 Francs kostete und die Inhaber nicht unbedingt auf Erneuerung der Bestellung drängten.

Da erschienen wir um elf Uhr früh, blieben bis zur Sperrstunde gegen zwei Uhr nachts und vertrödelten unsere Zeit mit Lesen, Schreiben, hauptsächlich aber mit Diskutieren vor einer einzigen Tasse schwarzen Kaffees.

Es führte stets zur gleichen, wie ein Leitmotiv wiederkehrenden Feststellung: „Das Leben ist sinnlos, auch der Selbstmord, die Liebe und die Freundschaft … der Mensch ist allein, heillos allein und nicht einmal mit sich selber, denn er bekommt sich ja nicht in den Griff ..Jeder starrte krampfhaft auf das gleiche-, einzige Verlangen, sein Ich-Ver- langen, ein unstillbares Verlangen, dis wir indes unaufhörlich und mit allen Mitteln anzustacheln suchten, obwohl wir uns immer wieder sagten, es sei nicht zu befriedigen. Die Welt, die mir wie ein fetter Bissen erschienen war, als ich im Glauben wankend wurde, nun war sie mir vor der Nase fortgeschnappt, endgültig entwendet worden. Da es also Gott nicht gab, da die menschlichen Beziehungen Selbstbetrug waren, blieb kein Berührungspunkt mit der Welt und den Nebenmenschen. Man mußte sich in seine Einzigkeit einschließen, in eine ungreifbare, flaue, geheimnisvolle, Ursachen- und zwecklose Einzigkeit, die sich zu nichts hingezogen fühlte, allentschränkt, unermeßlich, heillos allent- bunden, eine in ihre eigene Leere verbohrte Einzigkeit, eine völlig entmachtete Freiheit, die sich auf keinem Gebiet auswirken konnte, die Freiheit, frei zu sein … und unvermögend!

So schleppten wir unsere langen Tage, ohne andere Freude, als sie der Anblick der Seelennöte der Mitmenschen gewährte — die auch unsere Seelennöte waren —, als die Ueber- sättigung an Not und Langeweile, bis wir von der Ueberzeugung durchdrungen waren, daß nur noch Not und Langeweile ein Menschenleben auszufüllen vermochten.

Jeder von uns erging sich in w’ilden Empörerreden. Doch tief in seinem Inneren hegte jeder von uns die Hoffnung, eines Tages doch wieder eine Bindung zu finden.

Auch der kräftigste Optimismus, die tiefste Gewißheit hätten dem Dunstkreis von Saint- Germain-des-Pres nicht widerstanden. Es war, als dränge eine gallertartige Masse lähmend in alle Poren der Haut, durch alle Fugen der Seele, so daß man keine andre Lust verspürte als die nach Schlaf oder Essen, obwohl der Magen der meisten von uns auch das schwerste Fasten so gewohnt war, daß er Wunder an Enthaltsamkeit verrichtete.

Mit meinem Nachbarn auf der Ile Saint- Louis sowie mit dem Gefährten meines Lebensüberdrusses in Saint-Germain-des-Pres verband mich dicke Freundschaft. Nichts unterhielt diese als das unaufhörliche, verzehrende Einander-Gegenübersteilen unserer beiderseitigen Verzweiflung, Ohnmacht und Schlaffheit. Eine trübe, düstere Freundschaft ohne Richtung und Ziel, keine gemeinsame Arbeit, weil keiner etwas mitbrachte und es auch gar nicht wollte, und weil der Ueber- druß, die Teilnahmslosigkeit allem und jedem gegenüber, was nicht ureigenster Ueberdruß, persönlichste Angst und Not war, einen jeden in sich selbst zurücknahm, in sich abkapselte. Da Gott für mich abgeschafft und die Seele ins Irdische eingesponnen war, hatte ich geglaubt, den Menschen, der Erde und der Welt Reiz abgewinnen zu können. Und am Grabe meiner Hoffnung, den Weg zu Gott zu finden, pflanzte ich die neue Hoffnung auf, in ein besseres, glücklicheres Verhältnis zu den Menschen zu gelangen. Daraus wurde nun nichts. Ja, es wollte mir fast scheinen, als hätte ich mit Gott alles verloren. Gott war der einzige Weg zu den Menschen, zur Erde, zum Sein. Da Er sich verbarg, hatte Gott alles mit sich fortgenommen: Himmel und Erde, die Heiligen und die Menschen. Eines Tages, so sagte ich mir, hatte ich mich — wohl unbewußt — Gott vorgezogen, hatte Ihn gebeten, mich mit mir allein zu lassen, ganz allein — und froh darüber. Und Gott hatte meinem Wunsch willfahrt, hatte mein Gebet erhört, mich mit mir allein gelassen, ganz allein — nur war ich des nicht froh geworden, im unausgesetzten Aug in Aug mit der Leere, der erschreckenden Dürre, denn die spürte ich in mir, seit ich von Ihm getrennt war. Ich hatte abgelehnt, Gott zu dienen, doch höchst unbedacht zugleich damit auch abgelehnt, der Welt, dem Menschen und dem Leben zu dienen. Nun war die Naht aufgetrennt zwischen mir und allem, was nicht ich war.

Gegen Ende März glaubte ich die Lösung gefunden zu haben, die Ursache des Uebels: warum ich aller Dinge überdrüssig war, sie als fremd empfand. Was mir jetzt verwehrte, mich in der Welt frei und glücklich zu bewegen, was meiner ganzen Umgebung die düstere, graue Einförmigkeit des Zwecklosen, Gleichgültigen verlieh — war die Erinnerung an Gott. Sie verfolgte mich und vergällte mir die Freude am Irdischen. Das fühlte ich an den stets offenen, stets gastfreundlichen Kirchentoren, angesichts der Kirche, des katholischen Glaubens. Von ihm schien alles hier auf Erden wie durchtränkt, alles trug seine Punze, seinen Stempel, selbst die profansten Dinge unseres Lebens, unsere Fühl- und Denkweisen.

Gott war es oder die Erinnerung an Ihn, Gott, Zeichen des Widerspruchs, der Zwietracht zwischen den Menschen und im Menschen selbst, der mich im Leben behinderte. Gott mußte subjektiv getötet werderi, sollte ich frei sein. Alle Brücken zu einer Kirche waren abzubrechen, so daß ich nach ihr nie wieder Heimweh,, nie wieder den Wunsch verspüren konnte, in ihren Schoß zurückzukehren. Gott mußte getötet werden, und mit Ihm der Teil meiner selbst, der Ihn geliebt hatte und sich noch nach Ihm sehnte, der meine ganze katholische, christliche Vergangenheit zerrissen hatte. Gott war nicht tot, im Gegenteil, Er war sehr lebendig, sehr gegenwärtig, allzu gegenwärtig allenthalben in dieser Welt: und deshalb mußte ich mir zur eigenen Beruhigung einreden, daß Er tot war.

Im Laufe eines Monats verwandelten sich meine Gleichgültigkeit, mein Ueberdruß und Mißvergnügen in hysterischen, überspannten Haß gegen Gott, einen Gott, der immer gegenwärtiger wurde, je mehr ich Ihn haßte, einen Gott, den ich überall sah, ohne Ihn fassen zu können. Heillos von Ihm getrennt, sehnte ich mich heillos nach Ihm …

Gott war allgegenwärtig, wie einen ständigen Vorwurf sah ich Ihn in allen Dingen, an allen Ecken und Enden. Das Heilige Jahr war in vollem Gang. In den Zeitungen konnte man Anzeigen wie die folgende lesen: „Romreise, 14.000 Francs, Papstaudienz und -segen garantiert!“ — Und das war kein Ulk des Canard Enchaine … !

Gewiß, dies waren bloß Kleinigkeiten, nur fielen sie etwas zu sehr in die Augen — und schließlich übersah man darüber das Wesentliche. Gewiß stand nicht die ganze Kirche dahinter, aber eben die sichtbare.

Nun, dieser Gott, der Gott der Kirche, der sich mit Literatur und Fremdenverkehr abgab, der war wirklich tot. Und ich meine, dies ausgesprochen zu haben, war nicht die größte Torheit, die wir in Notre-Dame mit unserem unglückseligen Skandal begingen. Der Gott der Pullmanwagen, der Gott, der erst Anhänger Petains, dann „Widerständler“ gewesen war, und sich nun als „Gaullist“ und „Westler“ bekannte — den für tot gehalten zu haben, tut mir wahrhaftig nicht leid …

Was mir leid tut, ist, einen Augenblick lang des Glaubens gewesen zu sein, dieser mondäne Gott sei der einzige; ist, die heilige Hostie im Herzraum von Notre-Dame zu Paris nicht gesehen zu haben. Seit Jahrhunderten ist sie an diesem Ort Unterpfand der Auferstehung des seit zwei Jahrtausenden verunglimpften, geschmähten Christus — und ich ging am Ostersonntag mit meinen Kameraden hin, Ihm einen neuen, gar zu lächerlichen Schimpf anzutun!

Das alles lief innerhalb zweier Tage ab. Als der Entschluß feststand, blieb keine Zeit zur Ueberlegung: übrigens war ich ihrer nicht einmal mehr fähig. Wenn ich jetzt an diese schon ilte Geschichte zurückdenke, verstehe ich besser, daß sie sich als beklagenswerter Witz, als „bedauerliche Lümmelei“ ausnahm, als die sie ein Journalist bezeichnete. Doch während der schlaflos verbrachten zwei Tage und zwei Nächte vor dem Ostersonntag dachte ich gar nicht daran, was die Leute sagen und die Zeitungen schreiben würden. Zweifellos erwartete ich einen Widerhall des Skandals von Notre-Dame, aber einen Widerhall in mir, eine Selbstbefreiung …

Es wäre lächerlich gewesen, zu erw’arten, das öffentliche Aergernis, zu dem ich mich mit meinen Freunden rüstete, werde an den kirchlichen Zuständen auch nur das Geringste ändern. In unserer damaligen fiebrigen Verfassung glaubten es einige meiner Kameraden wirklich, besonders einer, der früher spanischer Jesuit gewesen war. Ich aber wußte nur zu gut, daß ich nichts beizutragen, nichts zu ändern und zu bessern vermochte. Vielmehr versuchte ich mir einzureden, weder Gott noch seine Kirche und vollends nicht das Gefühl für das Heilige, das in allen Kirchenzeremonien durchbrach, kämen für mich in Betracht. Mit der Beleidigung Gottes, der armseligen Gotteslästerung, die mich immerhin schwer ankam und mit Bangen erfüllte, suchte ich Gott meiner Meinung nach in die menschlichen, vergänglichen, todgeweihten Dinge einzureihen, die man bedenken- und reuelos mit Füßen treten darf …

Jedoch nun die Einzelheiten unseres Vorhabens, den Ostergottesdienst in Notre-Dame zu stören, ausgearbeitet waren, begann ich, mich selber ernst zu nehmen. Meiner erhitzten Phantasie erschien der Aufruf zur Empörung, zu dem wir an einem Tisch des Cafes Mabillon die Vorkehrungen trafen, als eine Botschaft an die Kirche und die Welt, und ich fand es ganz natürlich, die Mönchskutte anzuziehen und die Kanzel zu besteigen. Das Kleid des heiligen Dominikus war mir zum ärgerlichen Sinnbild, zur Seelenpein geworden. Entweihte ich es, würde ich mich seiner auch innerlich entledigt haben.

Anderntags bestieg ich in Notre-Dame nach idem Credo des österlichen Hochamts, als Dominikaner verkleidet und mit tonsuriertem Schädel die Kanzel und rief von ihr herab die alte Lästerung: „Gott ist tot!"

Bloß, daß die Lästerung nun nicht mehr wie zu Nietzsches Zeiten nur das Vorspiel au einem Hymnus an die Freude ist. Heute tönt sie wie ein Wahnsinnsschrei, erschütternd freudeleer …

Keine der drei Nächte vor Ostern hatte ich schlafen können. Am Sonntag gleich' nach dem Skandal verhaftet, wurde ich im Polizeikommissariat von zwei Inspektoren den ganzen Tag verhört — wobei der eine „für" und der andere „gegen" mich war, so zwar, daß sie über ihren Auseinandersetzungen vergaßen, Fragen an mich zu stellen. Für sie war ich das große Ereignis dieses öden Feiertages, an dem sie Dienst tun mußten.

Im Laufe der Vernehmung hörte ich zum erstenmal von der psychiatrischen Abteilung des Polizeikrankenhauses sprechen. Der Kommissär eröffnete mir nämlich, ich hätte alle Aussichten, dort interniert zu werden. Gegen zehn Uhr abends wurde ich auf das Hauptkommissariat gebracht. Die Beamten luden mich ein, mit ihnen zu trinken, und ich mußte die ganze Geschichte noch einmal erzählen. Einer der Beamten meinte:

„Solche wie Sie muß es auch geben, damit die Leute was zum Lachen haben … !"

Ein Polizeiwagen brachte mich zum Polizeigefängnis, zugleich mit etwa zwanzig Bettlern und Straßenhändlern, die sich ihrer aus Not begangenen Vergehen wegen zwei Tage später vor dem Schnellrichter zu verantworten haben würden.

Am Ostermontag versah nur ein Richter Dienst, Goletty. Er empfing mich frostig:

„Wissen Sie, was ich mit Strolchen und Tagedieben Ihrer Art machen würde? Nach Sankt-Anna schicken, unter die kalte Brause! Das einzig richtige für Sie! Oder aber in den Norden, Rüben ausnehmen, das würde Sie Mores lehren …"

Der Untersuchungsrichter blätterte in meinem Akt, blickte schmerzlich zu seinem Sekretär hinüber:

„Nichts zu wollen! Ich habe das Gesetz nach allen Richtungen durchgepflügt: keine Möglichkeit, ihn wegen unbefugten Tragens einer Uniform anzuklagen! Dabei käme er, weiß Gott, leichten Kaufs davon — sechs Tage bis zwei Monate Gefängnis! Und wir dürfen ihn nicht länger als fünf Tage in Untersuchungshaft festhalten … !“

Und zu mir gewendet: „Zu meinem größten Leidwesen, das dürfen Sie mir glauben … !"

Ich kehrte in meine Zelle zurück. Am nächsten Tag wanderte ich mit einem ordentlichen Schnupfen aus dem Gefängnis ins Polizeikrankenhaus.

An die Einweisung in eine Klinik hatte ich nie gedacht. Mehr als die Richter fürchtete ich die Psychiater. Ich hatte den Eindruck, in ein Räderwerk geraten zu sein, meine Bewegungsfreiheit verloren zu haben. Man würde mich pflegen, gesund machen oder töten, ohne nach meiner Meinung zu fragen. Mein Leben war in die Hände tollgewordener Gelehrter gegeben.

Ich durfte weder schreiben noch mit meinem Anwalt Fühlung nehmen. Einer Anstaltsärztin verdanke ich die Mitteilung, zwei unabhängige Blätter hätten die öffentliche Meinung gegen meine Festhaltung mobilisiert. Zu meiner Betrübnis mußte ich feststellen, daß sich neben der ihren keine katholische, keine christliche Stimme erhoben hatte.

Drei Tage saß ich auf der psychiatrischen Abteilung, als ich zu einem anderen Psychiater gerufen wurde. Der war mit seinem rosigen Lebemannsgesicht, seinem weißen Schnurrbart, der ihm Aehnlichkeit mit Marschall Joffre verlieh, seinem steifen Professorenkragen von vornherein viel angenehmer als der erste. Für ihn war die Sache längst entschieden, seine Meinung stand vom ersten Tag an fest: es handelte sich um einen Ulk der Kunststudenten. Ich bestand zwar darauf, es sei kein Ulk gewesen, auch hätte ich der Kunstakademie nie angehört. Es war verlorene Mühe. Der Arzt blieb dabei:

„Doch, doch! Gott, was haben wir gelacht! Ein Studentenulk! Ich kenne das… !"

Die beiden anderen Sachverständigen kamen am nächsten Tag. Die Vernehmung dauerte lange, aber alles ging glatt. Einer sprach mit mir über Andre Breton und trug ein surrealistisches Gedicht vor.

Zwei Tage später war ich frei.

Ich bin am Ende meiner Erzählung angelangt, am Ende der ersten zweiundzwanzig Jahre meines Lebens. Sie ist die Geschichte eines Scheiterns, das weiß ich heute besser als zur Zeit, da ich sie zu schreiben begann. Uebri-

gens habe ich sie geschrieben, weil sie die Geschichte eines Scheiterns ist.

Vor ein paar Monaten sah ich ein, daß ich mein religiöses, mein christliches Leben verfehlt hatte: ich bildete mir ein, alles sei durch Empörung wettzumachen, glaubte, damit das Leben zu wählen. Doch außerhalb Gottes erlangen wir nichts. Gott waltet fort und fort, am Born unseres Lebens und zu unserem Heil. Einmal im Leben war es mir vielleicht gegeben, Ihn an diesem Born zu erkennen, und ich kann das Glück, kann die Liebe nicht vergessen, die ich damals gefunden. Gott bleibt als Gefühl der Reue in der Seele, als Gefühl für Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, das den falschen Adam, den wir der Welt manchmal vorzuspiegeln trachten, in seiner wahren Nacktheit und Nichtigkeit Zeigt. Gott bleibt als reine Hoffnung, die kein Schmutz, keine menschliche Schnödigkeit zuschanden machen kann.

Vielleicht ist es mit der Kirche als zeitlicher Macht vorbei. Vielleicht stehen die Kirchen und Kapellen des Westens und Ostens in hundert oder gar weniger Jahren leer, sind in weltliche Museen, in Kornspeicher verwandelt. Ist dem im Grunde so große Bedeutung beizumessen ? Die Kirche verkörpert sich nicht ausschließlich in ihren Steinbauten, in ihrer großartigen, weltumspannenden Organisation. Das Wesentliche der Kirche, unserer katholischen Kirche, wird uns erhalten bleiben: die Hoffnung, die sie in sich birgt, seit tausend und aber tausend Jahren, die gleiche Hoffnung, unsere Hoffnung, die wie ein Schlag ins Gesicht wirkt, beinahe wie ein Schimpf, so sehr blendet sie die vom Hinstarren auf uns selbst entzündeten Augen.

Ich habe die Kirche gehaßt, als ich glaubte, ihrer Hoffnung nicht gewachsen zu sein, dem Gott, der auch für den ans Kreuz geschlagen wurde, der Ihn ablehnt. Einem Gott, der Seele stets erreichbar, sofern sie willig ist, aus dem Kerker der Hoffart auszubrechen, sofern sie den schauerlichen, satanischen Durst nach sich selbst überwindet, sofern der Mensch bloß Mensch sein will, maßlos zwar in seiner Begierde, in seinem Wesen aber ein armer, gewöhnlicher Durchschnittsmensch …

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