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Rückblick auf meine Jugend

Mein Besitz in Malagar beherrscht das ganze rechte Ufer der Garonne. Bis hin zum Kirchturm von Langon, zwei Kilometer entfernt, reicht der Blick. Um zu meinem Haus zu kommen, muß man einen Hügel hinaufsteigen, der ganz der Sonne ausgesetzt ist. Das Volk der Landes liebt die Bäume nicht und die Erde liebt sie auch nicht. Selbst die hundertjährigen Ulmen, die in meinem Park stehen, sind klein und verkrüppelt.

Hinter einer Baumgruppe versteckt liegen die Wirtschaftsräume über den Viehställen und den Gesindekammern. Wir kommen vor dem Wohnhaus an der Nordseite heraus. Obwohl es keine Freitreppe hat, dichtete ich ihm in fast allen meinen Romanen eine an. Erträumte Schönheit kostet nichts. Der einzige Schmuck an der kahlen Fassade sind die Balkenköpfe unter dem Dach, die alle Herrenhäuser des Südens schmücken.

Mein Großvater hat über den Mittelbau ein plumpes Schieferdach gestülpt.

Gott sei Dank haben die beiden Seitenflügel über dem Weinkeller und der Waschküche ihr ursprüngliches Dach mit den alten Ziegeln be-, wahrt. Einer meiner Freunde meinte, das erste, was er an meiner Stelle tun würde, wäre, das Schieferdach wieder wegzunehmen. Aber warum sollte ich das Andenken meines Großvaters entweihen, der sich soviel Mühe gab, sein Haus, das er gar mit einem Türmchen zierte, als Schloß herauszuputzen.

Nach der Hügelkette von Benauge zu, den letzten Anhöhen dieses abgelegenen Landes zwischen den zwei Meeren“ zieht sich ein sanfter Wiesenabhang hinunter. Selbst wenn diese Landschaft nicht schon meiner Großmutter und meiner Mutter ans Herz gewachsen wäre, hätte ihr doch immer meine Liebe gehört.

Nach Westen breitet sich der Weinberg aus mit der Last seiner Trauben, dieser Weinberg voll des Lebens mit seinem ganzen Glück und all seinem Leid. Nie könnte sein Besitzer ihn mit den Augen eines gleichgültigen Besuchers betrachten.

Gehen wir durch die Diele, wo einst auch meine Kinder wie alle anderen, die in den großen Ferien aufs Land kommen, den Anbruch der abendlichen Kühle erwarteten.

Zwischen den langgestreckten flachen Lagerräumen im Süden glüht noch der Hof unter der Sonne.

Der Blick, den man zwischen den beiden Säulen hindurch genießt, hat Malagar berühmt gemacht.

Die alten Hagebuchengänge führen hinunter zur Terrasse mit ihrer Aussicht auf die Landschaft der Sauternes, auf die Landes und das Gebiet von Langon.

Wie oft habe ich doch diese Ebene beschrieben, „auf die sich der Fieberrausch des Sommers stürzt“! Dieses Funkeln auf den Dächern und den Rebstöcken und diese Stille der Betäubung, führen sie nicht ein Sein für sich? Sowohl die Menschen, die ich liebte, wie die Wesen, die meine Phantasie schuf, haben diese Landschaft betrachtet. Dadurch hat sie für mich menschliche, ja göttliche Züge angenommen. Ich sehe vor mir die Gebeine meiner Vorfahren, die diese Erde verwahrt, und ringsum die kleine Hostie des Lebens in den armseligen Kirchen, deren Glockentürme den unsichtbaren Strom der Ewigkeit markieren. Für mich ist diese im Lichte bebende Landschaft die schönste der Welt, die mir geschwisterlich verbunden bleibt.

Kehren wir ins Haus zurück.

Von der Diele aus kommt man gleich in den Salon.

Wie oft habe ich in meinen Romanen diese Mahagoni- und Palisandermöbel beschrieben, diese Nippessachen, vom Strom der Generationen zurückeelassen wie die Muscheln, die das Meer an den Strand spült.

Als das Wasserglas da noch im düsteren Haus meines Großvaters in Langon stand, klirrte es j edemai, wenn ein Zug vorüberfuhr ... und hier das mit Mondsteinen verzierte Schmuckkästchen meiner Großmutter

Und schließlich über dem Pfeilertischchen mein Porträt: längst ist es nicht mehr auf der Höhe der Zeit, es sieht aus wie ein altehrwürdiges Familienbild. Als es gemalt wurde, hatte ich kaum die Dreißig überschritten.

Heute bin ich über Siebzig. Wenn ich an die Leute denke, die den einfachen und bescheidenen Salon von Malagar sehen, muß ich mich seiner fast schämen. Aber meine Besucher können ja nicht wissen, was dieser Salon für mich bedeutet ... all die Wesen, die ihn bewohnt haben und die nicht mehr leben und die mit mir zum zweitenmal sterben, sobald mein Bild Seife an Seite mit dem ihren in das Familienalbum aufgenommen wird

Das ist mein Urgroßvater. Er kaufte Malagar und lebte nach dem Motto: „Arbeite ordentlich und spare beizeiten!“ Mein Großvater...: gehörte er sein Leben lang auch zu den Antikleri kalen, seine letzten Worte waren: „Der Glaube allein macht selig!“ Mein Vater ... 1870 schrieb er unter sein Bild: Jean Paul Mauriac, Soldat der Republik; nie konnte ich mich an das Unglück gewöhnen, ihn kaum gekannt zu haben. — Und meine Mutter... als Kind vermochte ich nicht, mich auch nur einen Tag von ihr zu trennen. Alles, was ihrem Herzen nahestand, war mir heilig, nahm teil an ihrer Vollkommenheit. Und schließlich unter seinen Kameraden der schmächtige Gymnasiast mit dem spitzen Gesicht, den man eines verletzten Augenlides wegen „Herr Schönauge" rief... das gleiche Kind, das sich mit „Furcht und Zittern“ dem Tabernakel näherte und das während seiner Erstkommunion beim Ertönen der Sakramentslieder vor dem Ungeheuren erschauerte.

Als Kind habe ich mich kaum in Malagar aufgehalten. Unsere Ferien verbrachten wir in Saint-Symphorion und gelebt haben wir in Bordeaux. In dem Buch „Anfänge meines Lebens“ habe ich Erinnerungen aus meiner Kindheit erzählt. Da stoße ich gerade auf die Geschichte mit dem Abendgebet, das wir gemeinsam sprachen und das uns sehr beeindruckt hat.

Vielleicht meint man, wir hätten nicht viel davon verstanden, wenn wir zwischen Betschemel und Bett uns so oft miteinander stritten. Trotzdem hat gerade dieses Gebet eine außerordentliche Wirkung auf mich ausgeübt.

II.

Meine Mutter hatte in den Landes ein geräumiges Landhäuschen gebaut, in dem ich mit meinen Brüdern den Sommer verbrachte. Stets bin ich unserer Erde treu geblieben. Schon als Kind saß ich an dieser Biegung der Allee. Damals wie heute hörte ich, ohne sein Weh p im Gesicht zu spüren, den Wind in den Kiefern. Die unübersehbaren Wälder, heiß und duftschwer, fangen des Frühlings Winde wie die des Herbstes auf. Nur im Gleiten der Wolken und im Wiegen und Rauschen der Wipfel verraten sie sich. Der Wind, der in den Kiefern stöhnt, gebärdet sich nicht so wild wie das Brausen des Atlantik. Er hört sich an wie das Klagelied auf einer Aeolsharfe. Stehe ich reglos im dichten Wald, dringt er wie das Wehklagen eines Menschen in mich ein. Und mit allen Fasern meines Wesens gehe ich in dieses undefinierbare Seufzen auf, als wäre auch ich nur eine Kiefer unter tausend anderen, die das Wehen des Windes überfällt.

Nur in diesem Land der Kiefern, des Sandes und der Grillen gab es für uns glückliche Ferien. Hier erst fand ich — vom Zwang der Schule befreit — mich selber wieder. Auf einem Kiefernstamm sitzend, betäubt von der Sonne und vom Gezirp der Grillen, buchstäblich trunken vom Alleinsein, konnte ich doch, so sehr ich sie auch herbeigesehnt hatte, die Begegnung mit mir selber nicht ertragen: ich fand mich wieder, nur um mich ins All zu verlieren. Die Unerbittlichkeit des Sommers ist für alle Zeiten in mich eingegangen, dieser von Grillen knisternde Wald, unter einem ehernen Himmel, den manchmal der riesige Schwefelschleier eines Waldbrandes verdunkelt; dann schrecken die keuchenden Feuerflocken die Dörfer aus ihrer Betäubung.

Ist der Nachmittag auch noch so heiß, am Abend steigt aus dem Bach und aus den sumpfigen Wiesen gefährlich kühl die Nebelflut. Wenn sich der Duft der Minzen und der Gräser, vollgesogen mit Wasser, gemischt mit allem, was der plötzlich erkaltete Ofen des Landes verströmt, mit dem Geruch verbrannten Heidekrautes, lauwarmen Sandes und des Harzes, mit dem ganzen köstlichen Duft der veraschten Erde, deren Ab hänge und Abgründe die Bäume bevölkern, muß ich an die Herzen denken, die die Gnade entflammt. an die Herzen, die das Leid sich auserkoren haben.

Der Herbst zieht in die Landes ein wie ein Wunder. In einem Schulaufsatz, der — welche Ehre! — vor der ganzen Klasse verlesen wurde, schrieb ich: „In vielen anderen Ländern verwandelt der Spätherbst das Farnkraut in dunkles Gold, aber nirgends löst er eine solche Befreiung aus, wie in unseren von der Sonne versengten Landes."

Die Ringeltauben unter dem trüben Blau des Oktoberhimmels sind das Zeichen, daß die Sintflut des Feuers zu Ende ist.

Oktober, das bedeutete auch Rückkehr nach Bordeaux und Wiederbeginn der Schule.

Wenn der Zug auf der Brücke über die Garonne langsamer fährt und ich den ungeheuren Leib der Erde spüre, wie er sich dehnt und sich der Flußkrümmung anschmiegt, dann suche ich den durch einen Glockenturm gekennzeichneten Ort, zu dem Glück und Sorge, Sünde und Traum ihre Zuflucht nehmen.

Bordeaux, Schauplatz meiner frühen Jugend,

!: eüte von mir losgerissen, zu einem eigenen Sein erstarrt: „rein und unbefleckt" war damals noch „Das Gewand des Jünglings", lieber den Dächern steigt das Schilf der Kathedrale Saint Andrė empor, das sich mitten in der Stadt gegen den Geist der Welt verschließt. Wer betet, tritt dem Höchsten unmittelbar gegenüber. So besprach auch ich mich schon als Kind allein mit meinem Gott, wenn ich niederkniete unter der riesigen einzigartigen Wölbung, die sich nicht in Seitenschiffe verlor und die in einem Chor zusammenlief, der mit seiner Enge und Reinheit so von fraulicher Anmut durchdrungen war, daß man an die Jungfrau Maria denken mußte.

Wichtiger als das große Theater und die Börse war für mich in Bordeaux die Rue du Mirail, in der ich die Leiden meiner Kindheit erduldete, mit fünf Jahren in einem Heim frommer Schwestern, später im Institut Sainte-Marie. Die Trümmer, zwischen denen ich heute umherirre, zeugen von einer Welt, die nur noch mir allein verständlich ist.

Trotz der vielen Automobile verrät mir ganz in der Nähe des Tour Pez-Berland das Klingeln der Straßenbahn, wo ich die heute noch unveränderte Rue Dufour Dubergier finde, in der eine junge Witwe mit ihren fünf Kindern eine Zuflucht fand.

In diesem, altehrwürdigen Haus bewohnten wir zunächst die dritte, später noch eine weitere Etage.

In winterlicher Morgendämmerung lauerten wir vor der Haustür mit vom Frost aufgeschwollenen Füßen auf „Die Linie“. So nannten wir den Pferdebus des College, der aus der ganzen Stadt die Schulbuben einsammelte.

Eines meiner stärksten Kindheitserlebnisse verdanke ich dem in Bordeaux herrschenden Brauch, sich den Narreteien des Karnevals erst am Aschermittwoch und nicht schon am Fastnachtsdienstag auszuliefern. Von unserem Fenster aus sahen wir die Anlagen, die zur Intendantur führen, auf denen sich die Menge stieß und drängte; aber mehr als alle Wagen und Mummereien erregte mich das Schauspiel dieser dem Tod geweihten Wesen, deren Pappmasken den Himmel verhöhnten.

Auch der Jahrmarkt auf der „Place des Quin- conces" machte uns für die Reize der Sünde empfänglich. Zwielichtige Buden, über deren Eingang ein weiblicher Vorname stand, erregten uns.

Auch das Hippodrom war so ein Ort. von dessen zweideutigen Belustigungen jene Kameraden zu berichten wußten, die wir „die Schmutzfinken" nannten.

Eine Tänzerin im „Zirkus Plege“ entfachte bei mehr als einem Gymnasiasten eine recht heftige Leidenschaft. Die Lehrer entdeckten ihr Photo in unseren Wörterbüchern.

Jahrmärkte, Ausstellungen oder Pferderennen versperrten fast das ganze Jahr hindurch die „Place des Quinconces“. Nur während der heißen Monate konnten sich die Einwohner von Bordeaux des Platzes erfreuen.-

An jenen Juniabenden, an denen die Leute in der Allee Tourny mit kleinen Schritten und im Gänsemarsch hintereinander hergingen, zogen uns die mächtigen Kastanienbäume hinter den Parkgittern an, obwohl ihre reglosen Blätter die absolute Windstille noch fühlbarer machten.

Auf der Terrasse vor den großen Häusern des 18. Jahrhunderts, da, wo ein Marmorjüngling seinen Traumgespinsten nachhängt, und diese Allee hinunter, die sich in der Rue d’Aviau an den schönen Häusern im Stil Ludwigs des XVI. entlangzieht, schreckten wir die Liebespärchen auf, derweil auf der kleinen Insel der Musikzug des 57. Regiments die Schwäne aus dem Schlaf riß.

Vermeinte zuweilen jemand auf seiner Stirn einen Lufthauch zu verspüren, so war er dessen doch nicht sicher. Nur der „Quinconces“ bot noch eine Zuflucht. Setzte man sich auf dem riesigen, beinahe ausgestorbenen Platz gegenüber den mit Schiffsschnäbeln geschmückten Säulen nieder, kam durch das nach dem Fluß zu geöffnete Tor endlich ein Luftzug herüber; von weither stieg er mit der Flut aus der Tiefe des Meeres.

Kehrte man in die Straßen zurück, roch es nach sauerwarmem Urin. Das Schokoladeeis von Prevost oder ein Gefrorenes im Cafe de la Comėdie gehörten zu jenen kleinen Freuden, die in keinem Verhältnis stehen zu dem Weltschmerz, der das Herannahen der Pubertät anzukündigen pflegt. Rings um die Säule der Girondisten saßen die pausbäckigen Republiken in einem winzigen Bassin auf dem Trockenen.

, Das Theater ist dunkel, die Saison ist zu Ende; Madame Brejan-Garriere singt nicht mehr, auch der Tenor Scaremberg ist verstummt.

Eine Vergangenheit und eine Gegenwart zu haben und sterben zu müssen, das ist ein Gesetz, an dem kein Künstler rütteln kann, auch nicht mit dem trügerischen Bild, das die Buchstaben seines Namens vielleicht bei seiner Lesergemeinde wecken. Wenn ich von der Kirche in Verdelais komme, von dem kleinen Friedhof, auf dem Toulouse-Lautrec ruht, dessen Leben heute den Massen im Kino wie ein Schauerroman aufgedrängt wird, muß ich an die verlorenen Mythen denken, die an berühmte Namen anknüpfen. Auch den meinen wird man für eine Geschichte mißbrauchen, die sich aus falschen Angaben und erfundenen Geständnissen zusammensetzt. Aber der eigentliche Mensch, zu dem ich geworden bin, wird unerkannt bleiben. Weder die Landschaft des Landes noch meine Familie noch meine eigene Zeit können mein persönliches Geheimnis enthüllen. Vielleicht ist es auch für einen Schriftsteller besser, dem Gedächtnis der Menschen zu entschwinden, als unter einem Bild verewigt zu werden, das mit der Wahrheit seines Lebens nicht übereinstimmt. Sollte ich je, was ich nicht glaube, zu den „Unsterblichen“ gezählt werden, dann weiß ich heute schon, daß die Legende von mir nichts mehr mit mir selbst zu tun .haben wird, bin ich doch schon zu meinen Lebzeiten nicht der Mensch, den sich die anderen unter meinem Namen vorstellen, ja, weiß ich doch selbst nicht, wer ich eigentlich bin.

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