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Peter Anich, der STERNSUCHER

31. Fortsetzung

„Ich denk halt, mit den Büchern werd ich allein auch fertig, zu den Sternen aber brauch ich dich. Auch das ist dumm gedacht“, setzte er rasch hinzu, „wo ich kaum ein Buch rechtschaffen geschmeckt hab und vor all den anderen genau so dumm dasteh als vor der Milchstraßen.“

„Wenn Er das nur einsieht“, der Pater setzte wiederum sein weniger gestrenges Gesicht auf, „das'Einsehen ist bei aller Gelehrsamkeit das Wichtigste. Ich kenn sehr studierte Herren, die sich ihres Nichtwissens schämen, für sie ist die große Welt eine geometrische Formel oder ein riesiges Vokabularium, auch ein dickes Buch mit hunderttausend Paragraphen, doch der Herrgott hat die Welt nidit so einfach erschaffen, weder dem Juristen noch dem Physikus, noch dem Philologen, selbst dem Theologen nicht zuliebe. Wer das nicht begreift, kann jeden Stern finden und abzeichnen, er bleibt ein Stümper, wer es aber einsieht, ist ein Weiser, auch wenn er lang noch nicht weiß, wie man den Polstern mißt.“

Im übrigen, der Pater klappte das Buch zu, könnten sie über all diese Fragen leichter und besser im Freien reden, gar an einem so herrlichen Frühlingsnachmittag, auch habe Peter genug Weisheit und Wissen geschljtkt, im Spazieren aber verdaue sich auch die Meßkunst am leichtesten.

An der Burg vorbei und den Inn entlang zeigte der Pater dem Bauern dann die hauptsächlichsten Gebäude, soweit man sie über die blühenden Gärten hinweg erblicken konnte, die Erker und Türmchen der winkeligen Residenz, die neuumgebaute Pfarrkirche mit ihrem fröhlidien Turm, die Hofkirche und noch etliche, die entfernter standen und die sie sich für den nächsten schönen Nachmittag zum Besuche merkten. Auch das gehöre ja zum richtigen Feldmesser, selbst zum Astronomen, sagte der Pater, daß einer seine Heimat kenne und nicht bloß, was in seine Wissenschaft sich fügen lasse, alle Schönheit und alle Gnaden dieser Gotteswelt. Sobald er nur ein wenig eingearbeitet sei, werde er ihm dann auch Bücher geben, aus denen er ersehen könne, was in grauen Vorzeiten und später bis in die jüngste Gegenwart herauf in Innsbruck, in Tirol und im Kaiserreich vorgegangen sei, es gebe aber auch Bücher, in denen alle Geschehnisse der ganzen Welt aufgeschrieben seien; Er brauche nicht alle merken, aber doch die wichtigsten und auch nur so weit, daß er einsähe, wie klein ein Menschenkind inmitten der Zeiten stehe und wie alles, was einer tue, sich einfügen müsse in die große Verwirklidiung des Gottesplanes. Da werde einer immer wieder demütig und bleibe es auch inmitten alles Glückes und Wissens.

Am Rande eines mächtigen Exerzierfeldes standen sie dann lange Zeit und sahen dem Fußvolk zu, wie es in Reihe und Kolonne marschierte und schwenkte und die Gewehre anschlug, als ob es gegen einen Feind feuern wollte. Eine Dragonerschwadron jagte dazwischen, daß gelbe Staubwolken selbst die nahe vor ihnen übenden Kanoniere einhüllten und ihr Geschütz. Diese aber erregten vor allen anderen Dingen die Neugier des jungen Bauern. Exerzieren und Büchsenschießen sah er leicht auch daheim, wenn auch nicht so prächtig, daß ihrer hundert wie ein einziges Werkzeug unter der Stimme ihres Offiziers sich bewegten. Die Kommandos und den Sinn ihrer Bewegungen hatte ihm der Anichvater als Hauptmann der Oberperfußer Schützenkompanie des öftern ausgedeutscht, auch weshalb der einzelne nicht der und jener, sondern allein Glied im Gliede sein mußte. Der Vater hatte gewiß lieber gedrechselt denn exerziert, stand er aber einmal vor der Sdieibe, oder ward der Landsturm aufgeboten, dann gab es keinen strammeren Hauptmann und keinen besseren Schützen im ganzen Mittelgebirg. Ein wirkliches, ein feldmäßiges Geschütz, nicht etwa eine hölzerne Kanone wie daheim, sah Peter jedoch zum erstenmal. Und wenn die Männer und Buben rundum sich ereiferten, ob che Kanoniere nun wirklich sdiießen würden oder ob sie bloß nur Laden und Richten und Chargieren übten, den Peter erfreute schon diese Betätigung über alle Maßen. Er befragte den Pater um die Instrumente, die sie zu solchem ernsthaften Spiel benutzten, und meinte, jeder Kanonier müsse doch wohl bereits ein rechter Meßkünstler sein, er gedachte aber heimlich und dankbar auch jenes Invaliden oder Landstreichers oder verkleideten Engels, der ihm zwischen Kematen und Völs so wunderbar und hilfreich erschienen war.

Sie lebten ja in keiner leichten Zeit, sagte der Pater im Weiterschreiten. Das dritte Jahr währe nun bereits der Krieg, und noch sei kein Ende abzusehn, ja jetzt nach dem Frieden mit den Preußen sei erst recht die ganze Welt aus den Fugen geraten. Wehn sich auch die Engländer, die Russen und die Niederländer in der letzten Zeit zurCaiserin gesellt hätten, sie versprächen doch mehr als sie halten wollten und könnten -— und der Feinde seien eben allzuviele. Spanien und Frankreich, Bayern, Sachsen, Neapel, Kurpfalz und Kurköln, selbst Schweden seien noch, dazugestoßen. Wenn man von dem derzeit befriedigten König Friedrich absehe, stehe der halbe Erdteil gegen die Kaiserin im Kampf, nicht weil diese Frau dem halben Erdteil gefährlich sei oder auch nur unangenehm, man glaube vielmehr, nun, da sie auf dem Throne sitze, dem alten Kaiserreich leicht diesen und jenen Fetzen entreißen zu können. Und dies, obgleich man dem alten Kaiser hoch und teuer die Anerkennung seiner Tochter geschworen und verkauft habe. Gar der Bayer habe sich darin hervorgetan. König sei er jetzt, König von Böhmen, Kaiser sogar. Dafür habe aber den Treulosen auch sogleich die gerechte Strafe ereilt. In Prag sitze er jetzt auf einem angemaßten Thron, sein eigen Land und die Stadt München aber seien von den Österreichern besetzt. Diese Gerechtigkeit freue ihn, den Pater, als Tiroler zumeist, auch wenn der Krieg mit Bayern ihn betrübe. Jetzt brande der Krieg um das schöne Land Tirol wie um eine_ Insel friedlichen Lebens, und er hoffe, daß es audi so bleib, daß aber auch das Schicksal des Bayern das Ende aller Prüfungen für die Kaiserin ankündige.

Einen “Bauern brauche dies alles ja nicht allzusehr bekümmern, obgleich er ihn der Kaiserin ergeben wisse, soferne die Oberperfußer nicht aufgeboten würden, ein Mensch hingegen, der ich weiter im Leben umtue, und sei es auch bloß in der Meßkunst, spüre das Wellenschlagen der Zeit allzusehr auch an seinem friedlichen Ufer. Sobald irgendwo in der Welt eine Visur falsch sei, stimme gleich die ganze Karte nicht zusammen, und auch der beste, der fleißigste Gelehrte könne nicht wirken, wenn sein Land vom Donner der Kanonen widerhalle und seine Gedanken sich immer wieder um das Schicksal des Landes sorgten, gar wenn eine Maria Theresia eben daran sei, ihren Völkern nicht bloß einen materiellen, sondern noch mehr einen geistigen Wohlstand zu bescheren.

Denn so schwer diese Zeit auch sei, sie sei auch groß und schön und voll Blühen wie kaum eine andere zuvor. Peter hätte die Stadt Innsbruck noch vor zwanzig Jahren sehen sollen oder irgendwelche andere große Stadt, wieviel häßlidie Fläuser da abgeräumt, wieviel Morsches und Altmodisches beseitigt worden und durch fröhliche Türme, riesige Kuppeln und breite Fassaden ersetzt worden sei. Wo man früher habe im Finstern schleichen müssen, tue sich jetzt ein Säulengang und hinter Spiegelfenstern der Reichtum der Welt auf. Vasen und Möbel aus Siena und aus Spanien, Stühle und Betten aus Frankreich, unbeschreiblidie Karossen aus edlem Holze gefertigt und sdiwer vergoldet, Kuppeln, in denen Engel schwebten und das Blühen vieler Frühlinge eingefangen sei, das Fruchtwerk eines gesegneten Herbstes. Decken in Kirchen und Palästen, durch die der Himmel stoße, das frei schwebende Gewölk, so künstlich gemalt sei das alles. Es möge einer schier den aufgehenden Mond oder den gestirnten Himmel unter einer solchen Decke erwarten.

Doch nicht bloß die Maler und Bildhauer, die Baukünstler erfänden ungeheure und nie dagewesene Werke, nicht allein jeder Gegenstand des täglichen Lebens sei nun geschmackvoll und künstlich gebildet, nie, solange die Welt bestehe, seien auch so viele gelehrte Bücher geschrieben worden, darüber wisse er, der Pater, doch noch genauer Bescheid, nie zuvor habe man auch so leicht den treffenden Ausdruck, eine freie wohlklingende Sprache, einen mächtig einherschreitenden Duktus gefunden, auch bei minderen Schriftstellern. Ob man nun die Gottesgelehrsamkeit im Auge habe oder die Wissenschaft von den natürlichen Dingen, wie Physik, Mathematik, Geometrie, Meßkunist und Astronomie. Man brauche doch bloß die Weltkugel von Schöner anblicken und den Hommannschen Weltatlas daneben legen, dieses Riesenwerk der Hommannschen Officin in Nürnberg, und einmal vergleichen, was man vor hundert Jahren von der bewohnten Erde gewußt habe und wie weit und herrlich groß die Welt nunmehr geworden sei, dann könne man leicht auf den Gedanken verfallen, daß Gott oft seinen Segen lange zurückbehalte, um ihn auf eine Zeit auszugießen, auf eine Zeit, die man leicht eine unruhige und gar gefährliche schelte, die jedoch gerecht besehn und im Hinblick auf die ewigen menschlichen Werte den höchstgepriesenen Zeitaltern gleichkomme, auch wenn man von ihr nicht soviel Rühmens mache wie von den alten Römern, auch wenn es bloß die eigene, die vielgelästerte Gegenwart sei.

In einem Punkt sei diese Gegenwart sicher ungleich erhabener denn die Blütezeit Roms oder die über Jahrtausende leuchtende Kultur der attischen Städte. Heutzutage schaffe man nicht bloß herrliche Werke, man erwerbe nicht nur ein erstaunliches Wissen, man verstehe, es audi zu Nutz und Frommen aller Menschen anzuwenden. Auch jener Stände, die man in früheren Tagen höchster Kultur bloß als ein notwendiges Übel betrachtet und deshalb in Dumpfheit und Unwissenheit belassen habe. Zum erstenmal mühe man sich um den Bauern, den Handwerker, auch der größte Gelehrte, der höchstadelige Mensch wisse, daß er nicht glücklich sein könne, soferne die genannten Stände in Unglück und Finsternis verharrten. Das sei seine eigene, längst gehegte und erprobte Ansicht der Dinge, sein Glaube an diese Zeit, die man einmal als den Beginn eines goldenen Säkulums bezeichnen werde. Denn was aus all diesen neuen Schulen, aus den vielfältigen Bestrebungen zur Mehrung der Vernunft noch erblühen werde, könne auch die lebhafteste Phantasie sich nicht ausmalen. Und wenn er es manchmal bedauere, in dieser Zeit leben zu müssen, dann nur, weil er noch lieber hundert Jahre später leben würde, wenn die Saat aufgegangen und im neunzehnten Säkulum das goldene Zeitalter tatsächlich angebrochen sei.

Sie hatten indes den Innfluß erreicht, waren mit einer Fähre übergesetzt und zwischen blühenden Gärten und noch kahlen Bischen bergan gestiegen. Auch als sie dann längst auf einem rohbehauenen Baumstamm in der Sonne saßen, redete der Pater noch immer von diesen Dingen. Ein mächtiger Felsvorsprung schützte sie gegen den leichten Westwind, gab aber den schönsten Blick auf die Stadt frei. Wie kleine Blumenbüsche in fönernen Schalen staken die blühenden Kirsch- und Mandelbäume in den Gärten der Landhäuser, über den funkelnden Türmen und Kuppeln aber gleißten die noch sdineeigen Häupter der sudlichen Berge. Viele Leute und Wagen zogen den Fluß entlang, zwei mächtige Flöße trieben langsam die Krümmung des Inn heran, und sie blick-ten ihnen nach, bis sie hinter dem Felsvorsprung verschwanden. Die Soldaten sprangen, schwenkten, liefen und galoppierten auf dem Exerzierplatz wie auf einer Tischplatte, ein Spielzeug inmitten einer herrlichen* frühlinghaften Welt. .

„Ihr habt sdion auch einen feinen weiten Himmel in Innsbruck“, sagte Peter nach einer Weile, „doch mein ich, der unsrige daheim ist noch ein wenig weiter. Vielleicht weil die Berge schöner rundum aufgebaut sind, der Wetterstein, die Martinswand, die Hohe Munde, drüben aber die Kalkkögeln und der Roßkogel.“

„Weil es eben der Oberperfußer Himmel ist.“

„Ich mein es schon ganz ernsthaft“, sagte Peter, „man müßt freilich auch den Sternhimmel hier mit dem unsrigen vergleichen. Aber da hab idi's ja. Du wirst kaum in der Finsternis erst da heraufkriechen, ich aber braudi nur vor die Stalltür treten, da hab ich den allerschönsten Himmel.“

Peter blickte dabei fast zärtlich in die Richtung des Mittelgebirges, doch die verschneiten Gipfel leuchteten gegen Abend über einem für diese Jahrzeit seltsamen Dunst, der die Waldberge hinter Kematen ihren Blicken verbarg. Er konnte daher dem Professor bloß die Gipfel benennen. Aber das war genug für sein mitteilsames Herz.

„Du willst also nicht nach Innsbruck übersiedeln, wie ich sehe“, das Wort des Paters stieß hart in seine Gedanken, „nicht für ständig, mein ich, aber wohl für ein Jahr, oder audi bloß auf ein paar Monat. Geld und Quartier treib ich schon auf. Ich mein nur, daß du rasch vorankommst.“

„Ich weiß schon“, setzte er rasdi hinzu, denn die Augen des Bauern starrten ihn tief erschrocken an, „du bist zuvörderst ein Bauer, du bist der Anichbauer, und die Mutter liegt krank daheim. Doch wenn die Mutter gesund war oder . . .“

Peter schüttelte bloß den Kopf. „Da müßt ich eher das andere aufgeben. Ja, wenn der Vater noch lebte.“

„Hat er dir ein Versprechen abgenommen?“

„Er hat mir kein Versprechen abgenommen. So war der Vater nicht. Ich kann tun, was ich für richtig halte.“

„Und du hieltest es nicht für richtig?“ • „Nein.“ Peter redete aber dann rasch von seinem Vater und wie sie knapp vor seinem jähen Hinsterben sich erst recht gefunden hatten. Der Tod habe sie deshalb auch nicht getrennt. Er glaube bestimmt daran, denn er vernehme seine Stimme bei gewichtigen Entschlüssen. Aber wie der Vater Bauer und nebenbei ein gerühmter Dredisler gewesen sei, so könne er Bauer bleiben und nebenbei die Sterne studieren.

(Fortsetzung folgt.)

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