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Auf der Akropolis: Singverbot

TOTE GLEISE mit ausgedienten Waggons künden Zagreb an; anderswo machen sich Bauern zum Aussteigen in ihrem Dorf bereit, das in sonnenversengter Ebene liegt; Arbeiter verlassen unseren Zug in einem ungepflegten Industrieort. Sie kehren heim — wir fahren durch fremdes Land.

Ich konnte ihre Sprache nicht verstehen, aber ich spürte ihre Erwartung, die gewisse Aufregung, die die vertrauten Erkennungszeichen: Baumgruppen, Brücken, Fabriksschlote, tote Gleise, auslösen; ein Warten, das jeder kennt, auf Rückkehr in eine Geborgenheit, mag sie auch in nichts anderem als dem Ablauf langgeübter Gewohnheiten bestehen. Unsere Erwartung ist noch un beladen, unbegrenzt.

Wir fahren auf Urlaub nach Griechenland. Griechische Studenten, die ihre Ferien antreten, sind mit im Zug. Waren sie zunächst nur eben Mitreisende, so tauen sie in der Nähe der griechischen Grenze zusehends auf, und nach dem Grenzbahnhof Idomeni sind sie fast schon alte Bekannte. Sie beantworten unsere Fragen, geben Erklärungen, Tips, und erzählen von ihren Heimatorten; und bald fragen sie, ob uns Griechenland gefalle. Dies ist eine der ersten Fragen, die uns fast alle Griechen, mit denen wir ins Gespräch kamen, stellten: „Gefällt Ihnen Athen, Nauplion, Epidaurosᾠ?” und „Lieben Sie die Griechen?” Anfangs ist man verwundert, daß jemand ein so rasches Urteil erwartet, aber bei einigem Nachsinnen scheint es fast selbstverständlich: man liebt Griechenland und seine Menschen von Anfang an, oder man findet vielleicht überhaupt nie Zugang zu ihnen.

MANCHES IST ZUERST FREMD, störend, so der Lärm, den man schon während der Bahnfahrt kennenlernt. Die meisten Bahnübergänge sind unbeschrankt, daher gibt die Lokomotive streckenweise fast pausenlos Pfeifsignale. Die Autofahrer ziehen die Hupe jedem Fahrmanöver vor. Auf kurvenreichen Strecken wird unter Dauerhupen, aber ohne besondere Vorsicht, überholt, die Kurve geschnitten, ohne Sicht gefahren. In Athen wechseln die Fahrer unbekümmert die Fahrstreifen, ohne dies vorher anzuzeigen. Dem Hupenlärm folgt bei solcher Fahrweise dann oft das Quietschen der Bremsen, die anscheinend immer noch im rechten Augenblick betätigt werden.

Man kann in Griechenland billig leben. Es gibt Speisehäuser, in denen man sich um wenige Drachmen anessen kann. Obstsorten, die gerade Reifezeit haben, bekommt man beinahe geschenkt. Billig ist der Retsina (Harzwein), billig der Uso (Anisschnaps), der mit kleinen Beilagen serviert wird, der türkische Kaffee. (Es gibt übrigens in Griechenland auch billige und schöne Jugendherbergen, erzählte uns eine Deutsche.) Teuer sind Markenweine (nur in Flaschen) und Bier. Aber man bekommt zu jeder Mahlzeit gutes, kaltes Wasser serviert.

Eine nette Sage erzählt man vom Wasser in Nauplion: Amymone, Tochter des Danaos, habe bei einem Spaziergang im Walde einen Satyr aufgescheucht, der sie sofort begehrlich verfolgte. Poseidon habe dies gesehen und seinen Dreizack nach dem Satyr geschleudert, der die Flucht ergriff. Der Wurf habe ihn verfehlt, an der Stelle, wo der Dreizack in den Boden gefahren war, sei eine Quelle entsprungen, deren Wasser von besonderer Güte sei. Poseidon zeugte sodann mit Amymone den Nauplios.

NAUPLION WAR DER KERNPUNKT unserer Griechenlandreise. Reisegesellschaften nehmen in Nauplion ihr Mittag- oder Abendessen, verbringen wohl auch eine Nacht da, weil die Stadt interessant ist und in der Nähe einiger markanter Sehenswürdigkeiten liegt: Argos, Tiryns, Mykene, Epidauros. Aber man hat noch Spielraum genug, um für sich selbst zu bleiben. Nur selten kreuzen größere Gruppen den Weg: eine Linzer Maturaklasse, eine deutsche Pfadfinderschar, Touristengruppen aus Frankreich, Belgien. Einmal waren Aufreizende dabei: Burschen in „Dodel-Uniformen”, Mädchen mit auffallenden Hüten: im Bad blockierten sie den Brauseraum, weil sie nicht warten wollten, bis die Umkleidekabinen frei wurden; nachts um zwei kamen sie mit Lärm und Gesang ins Hotel — vielleicht voll vom griechischen Wein. Am späten Morgen waren sie fort, sang- und klanglos.

Beschämend ist das Treiben der Ausländer auf Kap Sounion. Jeder Griechenlandreisende versichert, man müsse den Sonnenuntergang von Kap Sounion aus gesehen haben, von jener Stelle, wo noch ein Teil eines alten Poseidontempels steht. Es gibt vielleicht wirklich wenige Plätze, wo man den völligen Einklang eines Naturgeschehens und einer menschlichen Leistung so erleben könnte wie hier. Aber es ist nichts damit. Die Stelle ist entdeckt: laute Rufe fliegen hin und her, die Photosüchtigen rüsten sich zu einer Aufnahme der ins Meer tauchenden Sonne, mit einigen Säulen im Vordergrund, und wenn möglich, auch der Silhouette einer geliebten Begleiterin. Man raucht, schwätzt, kreischt. Kein Gott der Stille fährt mit lautlosem Blitz dazwischen.

ANDERS 1ST ES AUF DER AKROPOLIS IN ATHEN. Eine Tafel am Eingang weist darauf hin, daß es unter anderem verboten ist, „to sing or make loud noises; to introduce food or animals into the Acropolis”. Und die Fremden halten sich im allgemeinen an die Vorschriften. Immerhin ist ja der Eindruck, den man von der Akropolis empfängt, großartig genug.

Was aber im großen vermieden wird, greift um so mehr im kleinen Platz: kein lauter Lärm, aber von Mensch zu Mensch unermüdliches Geplapper; keine Tiere, aber Touristen, die von Stein zu Stein hüpfen, und einem Photo zuliebe reichlich viel Bewegung machen. „Gehst a bisserl da herüber, Spatz —ermuntert eine Frau unter den Propyläen ihren schon recht unterspickten Gatten; und schon hat sie ihn vor einem Säulenpaar eingefangen.

Anders genoß ein junger Deutscher Epidauros: Mit einem Wälzer in der Hand, den Blick zwischen Buch und Erde wechselnd, ging er zwischen den Trümmern des Ruinenfeldes dahin, mit einer Sicherheit, als stünden noch die Gebäude, und er kommentierte seinen Gang für ein ihn begleitendes junges Mädchen in solcher Art:

„Noch sind wir auf dem Boden des Gymnasiums ᾠ noch immer .. . noch immer; du siehst, es war ein großes Gebäude; links das eingebaute Theater.” Sie wollte es von „innen sehen, aber er verwehrte es barsch, denn das Einmalige hier sei der Tho- los, und im Museum warteten noch ungeahnte Herrlichkeiten auf sie, während man Saaltheater solcher Art auch anderswo sehen könne; und es bleibe bis zur Abfahrt des Autobusses nicht allzuviel Zeit mehr. Das

Mädchen sah nicht sehr glücklich aus. Wissensgier statt Schönheitsdurst — nicht jeder blüht da auf. Das Paar versäumte übrigens den Autobus.

SCHÖNHEIT DER KUNST - SCHÖNHEIT DER LANDSCHAFT: beides kann man in Griechenland finden. Verweilen wir etwas in Argo- lis: Durchsichtige Klarheit liegt über der Landschaft, die sich offen hinbreitet oder in sanften Hügeln, auf denen zwischen Steinen oft nur niedrige, hartblätterige Pflanzen wachsen, verläuft; die höheren Berge treten in die Ferne zurück. Es gibt keine Wälder. Auch größere Baumgruppen wirken offen: Anpflanzungen silbriggrüner Ölbäume, eine Allee von Eukalyptus mit hängenden Zweigen von unbestimmter Wehmut; einzelne Pinien in dunklem Ernst umgeben etwa ein Kloster. Da und dort ein Feigenbaum.

In den zwei Wochen, die wir in Nauplion verbrachten, strömte sehr viel Ruhe in uns ein. Wir erlebten sonnendurchflutete Vormittage, warme Abende und Nächte; wir saßen an der Promenade, wo sich allabendlich die Heimischen ein Stelldichein geben, und hatten trotz der Munterkeit ringsum Stille genug für uns, um das langsame Sinken der Sonne in uns aufzunehmen und das Hellerwerden des Mondes, der sich im Meer spiegelte. Ein meisterhafter Gitarrespieler weit draußen auf der Mole mischte ein Präludium von Bach mit griechischen Volksweisen.

Man Schwimmt, ißt, schläft; man setzt sich an den Strand und sieht, wie im silbrigen Tropfenkranz die Fische hochschnellen. Man kann auch ins Kaffeehaus gehen, um zu faulenzen oder zu plaudern. Dort trifft man Kartenrunden wie bei uns; die Gesichter sind vertraut. Der Ältere mit den runzeligen Zügen und den schlauen Äuglein, der Mann mit Brille in mittleren Jahren, gelegentlich ein etwas Jüngerer; friedliche, verschmitzte, abschätzende Blicke wandern hin und her, das Hindreschen der Trümpfe auf den Tisch gibt dem Fluß des Spiels den Takt; gelegentlich folgt einem beendeten Spiel eine, natürlich lautstarke Debatte. Rau chende Kiebitze, meist schweigsame Naturen, geben den Rahmen.

BEOBACHTEND, ABWARTEND, aber sein Interesse zeigend, da und dort fragend, wird man mit Land und Menschen vertraut. Wir waren überall leicht als Ausländer kenntlich, besonders dadurch, daß wir meist in kurzen Hosen gingen; in Griechen-, land tragen die Buben, wie uns erzählt wurde, nur bis etwa zum zwölften Lebensjahr kurze Hosen. Selbst Erwachsene warfen häufig verstohlene Blicke auf unsere, durch Strohhut und Sonnenbrille — auch diese Utensilien sind bei den Heimischen nur teilweise in Gebrauch — vervollständigte Aufmachung. Den Backfischen von Nauplion boten wir manchen Abend auf der Strandpromenade Grund zur Heiterkeit.

UNSERE NETTESTEN BEKANNTSCHAFTEN IN NAUPLION verdankten wir der Wißbegierde und Aufgeschlossenheit junger Studenten. Einer sprach mich beim Baden im Meer an. Während wir uns mit Wellenreiten vergnügten, machten wir uns bekannt. Er lernt Deutsch und Englisch als Autodidakt, und in diesen beiden Sprachen unterhielten wir uns dann mehrere Abende, wobei sich der Kreis der Gesprächspartner durch hinzukommende oder mitgebrachte Freunde vergrößerte. Von diesen Burschen, die durchweg noch nicht aus’ Griechenland hinausgekommen waren, erfuhren wir viel Interessantes, und da es sich um recht verschieden veranlagte Menschen handelte, bot sich uns ein guter Querschnitt durch junggriechische Art. Es gab einen Sportler, einen Schlagerfreund, einen Briefmarkensammler, einen Pfadfinder. Die Reiferen waren sich wohl bewußt, daß sie im Südostzipfel Europas eine, was den geistigen Austausch betrifft, etwas isolierte Stellung einnehmen. Sie versuchen auf verschiedene Weise, so auch durch Gespräche mit Fremden, ihr Blickfeld zu erweitern; nicht nur im Hinblick auf Bildungswesen, sondern besonders auf Kontakte. Bei uns kommt man mit fremden meist nur ins Gespräch, wenn irgendein äußerer Anlaß dies ermöglicht. Diese Studenten suchten Kontakt, ohne erst „schickliche” Gelegenheiten abzuwarten. Ihr Interesse reichte von den privaten Lebensumständen des Gesprächspartners bis zu allgemeinsten politischen, wirtschaftlichen, sozialen Fragen.

In Athen sprach uns ein sechzehnjähriger Schüler in recht gutem Deutsch auf der Straße an und zog Erkundigungen über Österreich, speziell Graz, wo er studieren will, ein. Graz ist, besonders für technische Sparten, ein bei den jungen Griechen beliebter Hochschulort.

Ebenfalls in Athen hatten wir folgendes Erlebnis. Wir saßen an einem Kaffeehaustisch im Freien; ein etwa elfjähriger Bub ging zweimal, immer auf einem Auge zu uns herzwinkernd, vorbei; als er sah, daß ich zurückzwinkerte, kam er zum Tisch, fragte mich auf Französisch, von wo ich sei und ob ich Französisch spräche, und gab einige geographische Kenntnisse zum besten: Vienne — Autriche, Prague — Tcheco-SIovaquie, Berne — Suisse.

Unsere jüngste Bekanntschaft aber waren etwa fünfjährige Zwillinge, die uns am Strand von Nauplion auf Griechisch ansprachen. Ihre Mutter erklärte ihnen, daß wir so etwas wie Deutsche wären; „Österreicher” war ihnen offenbar kein Begriff. Die beiden Buben waren köstlich ernst. Aber noch aus der Ferne winkten sie und schickten Kußhändchen. Sonst allerdings kümmern sich die kleinen Kinder kaum um die Fremden.

Gäste zuerst, durften wir uns schließlich wohl fast Freunde nennen; und fühlten uns, in der Doppelbedeutung des griechischen Wortes, fremd der Herkunft nach, doch als Gastfreunde. Ein alter Mann in Fichtia, den wir nach deni Bus fragten, konnte etwas Englisch. Er fragte uns, ob wir Engländer seien, und gab auf unsere Antwort, wir seien Österreicher, zurück: „It s quite the same” — mag sein, daß er Austria und Australia verwechselte. Aber das ändert nichts an seiner fürsorglichen Hilfsbereitschaft. Als der Bus kam, den er uns angegeben hatte, tätschelte er mir die Wange und nahm händeschüttelnd mit einem „good bye” von uns Abschied.

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