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Die Meraner „Urania“

Seit dem Friedensschluß nach dem ersten Weltkrieg bildet Südtirol den neuralgischen Punkt in Europa. Nicht daß Europa, dieser Jahrmarkt einer Völker- und Sprachenschau, arm an neuralgischen Punkten wäre, dennoch ist Südtirol der goldene Kalvilleapfel der Zwietracht, der jeweils in die Versammlung der Friedenskonferenzgötter gerollt wird. Wie sein mythisches Vorbild, trägt auch er die Aufschrift: „dem Schönsten“, wobei diese Bezeichnung aber durchaus subjektiv, nämlich vom Standpunkt des Apfels aus, gemeint ist, der in diesem Falle nicht die passive Rolle des antiken Vorbilds zu spielen wünscht, sondern in eigenwilliger Weise auf seinem Recht der Selbstbestimmung besteht. Wie immer die Meinung des Apfels — er wurde verteilt! Und wie jeder Schiedsspruch löste auch dieser Proteste aus. Der symbolische Apfel war unzufrieden.

Nach dem zweiten Weltkrieg wollten die Friedensgötter in Paris einer Radikallösung des Apfelproblems geschickt ausweichen und einigten sich auf ein Kompromiß: der erste Neubesitzer des Kalvilleapfels behielt ihn auch in der zweiten Friedensverteilung, aber — so lautete der Spruch des versammelten Rates — „sein ,Aroma' soll er behalten!" Der goldene Südtiroler Apfel sollte seinen deutschen Duft behalten. Was man allerdings nicht bedachte, war, daß man den Besitzer eines Apfels nicht hindern kann, mit allen Mitteln auf das Aroma des ihm gehörenden Gutes Einfluß zu nehmen. Was er denn auch tat. Und weiterhin tut.

Neben der bodenständigen politischen Partei Südtirols ist die deutschsprachige Kulturvereinigung der „Volkshochschulen Südtirols" einer der Hauptträger des oben erwähnten „Aromas“. Der komplizierten Situation im Lande Rechnung tragend, ist der Geist der deutschsprachigen Kulturvereinigung in Südtirol jedoch frei von Chauvinismus, betontem deutschem Turnergeist und Rauschebart oder von körperertüchtigenden Disziplinen. Er ist auch frei von der Politik am Biertisch und der müßigen Frage nach dem „Was wäre, wenn ...“. frei von Mensurehrert- kodex, er ist in des Wortes reinster, edelster Bedeutung „Geist" — daher ohne Grenzen. Seine Ausdrucksform ist die deutsche Sprache.

Die Vereinigung der Volkshochschulen Südtirols wurde von Professor P o k o r n y. Lehrer am Realgymnasium in Meran, ins Leben gerufen und umfaßt heute 3 5 Zentren. Nicht nur die großen Städte der Provinz Bozen gehören dazu, sondern auch alle mittleren und kleinsten Orte, sofern ihre geographische Lage als .Zentrum" gelten kann.

Ich habe nun schon die zweite Vortragsreise in Sii-dtirol hinter mir. und jedesmal war es für mich eine reine und echte Freude, vor diesen

Menschen sprechen zu können, die mit so wachem Geist und so verstehendem Herzen die Vorgänge in der Welt verfolgen. Einmal sprach ich über die Probleme des Nahen und Mittleren Ostens und das andere Mal über Indien und seine heutigen Sorgen. Ich war immer wieder überrascht, wie viele meiner Hörer von diesen fernen Ländern bereits wußten.

Die Vorträge sind meist für 20.45 Llhr angesetzt und beginnen mit dem üblichen akademischen Viertel um 21 Uhr. Hier ist diese Viertelstunde Wartezeit noch berechtigter als in den Hauptstädten des motorisierten Verkehrs, weil viele der Hörer bis spät abends in ihren Obstgärten oder im Weinberg arbeiten, oft auch einen weiten Weg zum Vortragssaal zurücklegen müssen und doch pünktlich sein wollen. Da kommen sie dann, die sonnenverbrannten Männer, denen der Hut die Stirn weiß beschirmt hat, in ihren leuchtend blauen Arbeitsschürzen, die sie stolz wie ein Ehrenkleid tragen. Die Schürze kennzeichnet den Obst- und Weinbauern, den Besitzer, den wahren Herrn des Südtiroler Bodens, der deutsch spricht, wie auch die Staatszugehörigkeit gerade immer sein mag. Die Frauen in ihren Kopftüchern kommen, die Mädchen in Zöpfen und die mit dem „lateinischen Haarschnitt“. Es kommen auch die älteren und die alten Herrschaften, die noch auf ihren Herrensitzen wohnen — viele dieser Sitze sind freilich bereits in Pensionen. Internate und Sommerheime verwandelt. Nur wenige haben noch ihr Gut erhalten, sind technisch und wirtschaftspolitisch mit der Zeit gegangen und sind Mitglieder der Obst- und Weingenossenschaften, die sich in allen Orten gebildet haben. Die Priester kommen und die Lehrer und oft auch die geistlichen Schwestern. Sie alle interessiert in erster Linie der Vortrag in deutscher Sprache, die unmittelbare und direkte Verbindung mit der Kulturtätigkeit jener Länder, in denen Deutsch die Umgangssprache ist. In zweiter Linie mag es dann das Thema sein, das interessiert. Da sie aber fast alle Vortragsabende ihrer „Urania" besuchen, wie die Vereinigung der Volkshochschulen Südtirols in Anlehnung an das älteste Wiener Volksbildungshaus heißt, so bleibt viel von dem Gehörten haften, und ihr Allgemeinwissen über die Dinge in der Welt ist ungewöhnlich groß.

Das Repertoire der vielen Vortragsabende ist deutsche und italienische Grammatik bunt und vielfältig. Neben Fachkursen, wie deutsche und italienische Kurzschrift, gibt es Anstandslehre, Literatur, Kunst geschichte, kaufmännische Wirtschaftslehre und besondere Themen.

Einen Abend sprach ich im Dorfe St. Wallburg im Ultental, das mit dem Autobus über eine so kurvenreiche, steile Straße zu erreichen ist, daß ich nur jedem, der diese Fahrt antreten will und nicht über seefeste Magennerven verfügt, raten kann, vorher eine Pille gegen Seekrankheit zu schlucken. Das Tal ist landschaftlich ein Juwel. So schön, daß man die Unbequemlichkeit der vielen Wegbiegungen vergißt, aus Neugierde darauf, welcher Anblick sich hinter der nächsten Kurve verbirgt. Sankt Wallburg ist ein ganz kleiner Ort. Ich war darauf gefaßt, vor etwa 20 oder 30 Menschen zu sprechen. Am Abend aber waren mehr als 300 gekommen! Der neue Saal im Gasthaus konnte sie kaum fassen. Stundenweit, von ihren Gehöften vom Berg herunter, von anderen kleinen Dörfern aus dem Tal herauf, kamen sie, um den deutschen Vortrag zu hören. Dabei ist es dem patriarchalischen Brauch dieser Gegend ungewohnt, eine Frau als Vortragende zu sehen. Die wetterfesten Männer mit den liniendurchfurchten Gesichtern, die sie dem harten Fels ihrer Berge ähnlich machen, lassen sich nicht gern etwas von Frauen erzählen! Ich rechnete es mir hoch zur Ehre an, daß die Leute des Llltentals nach dem Vortrag noch länger als eine Stunde saßen und fragten und weiteres hören wollten, aber ich erfuhr, daß sie es bei allen Vorträgen so hielten und dann voll des neuen Wissens, bei Fackelschein, ihren stundenlangen Heimweg antreten. um bei Sonnenaufgang wieder auf dem Feld zu sein. Dort, im Ultental. wo es kein Kino gibt und keine Rohn, dort hatte die Vertragene von sechs Abenden eines bayrischen Referenten. ..Von Archimedes bis Einstein", den größten Erfolg. Die Bergbauern rechneten mathematische Exempel beim Biertisch, nur so, Tart pour Tart, und nicht, um daraus die Gewinnspanne beim Verkauf ihrer Ernte zu ermitteln. Hier erfüllt die Volkshochschule wirklich ihre Mission!

Oder in dem Dörfchen T a r s c h. einige Kilometer abseits der Bahnlinie des Vintschgaus, wo mich der junge Lehrer mit dem Motorrad abholte und es einen steinigen Feldweg ins Gebirge hinaufging. Der Holzanbau des Pfarrhauses barg den Vortragssaal. Der Pfarrer selbst bediente den Bildwerfer, und auf den einfachen Bänken drängten sich die jungen Leute des Dorfes und .die älteren Männer: die älteren Frauen waren nicht gekommen. Als wir Zum

Gasthaus gingen, wo ich auch nächtigte und wo die Unterhaltung sich noch Tange mit „Indien" beschäftigte, verstand ich, warum den älteren Frauen der Weg zu beschwerlich gewesen war: der Regen hatte die Dorfwege bodenlos gemacht, und eine Straßenbeleuchtung gab es natürlich nicht.

Durchaus als feierliche Gelegenheit zur Erfüllung einer freiwilligen Pflicht galt den Deuten des Dörfchens K 1 o b e n s t e i n auf dem Ritten bei Bozen der deutsche Vortrag. Es war Sonntag. Am Morgen war Erstkommunion gewesen, nachmittags hatte die große Wassersitzung stattgefunden, die sich, mit der Finanzierung der Wasserleitung auf dem Ritten beschäftigte, und alle Boden- und Hausbesitzer waren hingegangen; außerdem hatte die freiwillige Feuerwehr ihre erste Früh i rąūbung, und der Pfarrer spielte, um seine Erstkommunikanten zu, ehren, nachmittags „Lit-hhaber- theater" auf der Bühne des Pfarrhauses. Nach soviel Festlichkeit, dachte ich, bleibt keine Muße mehr, um einen Vortrag am Abend zu hören, zumal das Wetter strahlend war und der Abend milde und warm. Aber als ich um 9 Uhr vor meine Hörer trat, war der Saal, der 150 Menschen faßte, so voll, daß die Leute am Saalende mehrere Reihen tief standen und dann, ohne mit den Füßen zu scharren, den langen Ausführungen durchaus wachen Auges und offenen Geistes lauschten. So gern gehen die Leute zum Vortrag in „ihren Kultur verein“!

Das deutsche Kulturwerk des Professors Pok’orny und seiner Frau, die ihm als einzige Helferin zur Seite steht, birgt, wie die meisten Taten, die aus Idealismus und Liebe zur Sache geschehen, den Lohn in sich selbst. Er besteht aus der Freude am Werk! Der Professor und seine Frau sind mit ihrem kleinen „Tcpolino" bei jedem Wetter unermüdlich unterwegs. Bald geht’s über den Jaufen nach Sterzing, um ein paar Kulturfilme hinzubringen, dann wieder nach Innichen ins Pustertal, einen neuen Filmapparat aufzustellen und einstellen zu helfen, dann hinunter nach Süden, nach Kaltem, Auer, Neumarkt, um eine wandernde Ausstellung zu arrangieren und den Eröffnungsvortrag zu halten, Korrespondenz, Programm, Abrechnung, Prospekte zum Druck, Neugründungen von „Urania"-Volkshochschulen in einem abgeschlossenen Tal — all dies macht ein Mann und seine Frau ehrenamtlich, aus innerer Berufung zum Lehrer, nicht nur der Kinder und Jugendlichen, sondern auch der Erwachsenen, denen er Weiterbildung und Kultur vermitteln möchte, weil er selbst unermüdlich ist in seinem Wissensdrang und die Freude kennt, die aus der Beschäftigung mit Geistigem wächst.

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