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Freitag nacht...

FREITAG, SPÄT NACHT. Wien, 10. Bezirk, jenseits der Quellenstraße. Ein Mann fliegt aus einem Wirtshaus hinaus, eine Tasche folgt und zuletzt ein Hut. Zwei Fußgänger auf dem Gehsteig drüben lachen.

Samstag, kurz nach Mitternacht, Randgebiet südlich von Wien. Eine Schnapsbude. Vor ihr, ohne lästige Polizeiintervention, eine kleine Prügelei. Einem Beteiligten der Wochenendfeier sickert zwischen linkem Auge und Nase eine dünne Strähne Blut abwärts. Hier lacht niemand.

Sonntag, 2.20 Uhr, nördlich der Schmelz. Ein Taumelnder, den eine Frau stützt. Bittet sie ihn, nach Hause zu gehen? Keineswegs! Der Mann ist bloß mehr betrunken als seine Begleiterin.

Dienstag, 14.31 Uhr. Haltestelle der Stadtbahn. Der Bahnsteigschaffner verweigert dem Fahrgast die Weiterbeförderung. Erklärung, laut für die ganze Umgebung: „Was soll ich tun, wenn ihm da was passiert? Herr, gehn S' zur Straßenbahn, dort paßt man auf Sie auf.“ (Der Herr hat reichlich Mauerspuren auf seinem dunklen ManteJ.)

DER DIREKTOR DER HEIL- UND PFLEGEANSTALT „Am Steinhof“ bemerkt zu unserer Erzählung: „Diese Szenen sind alltäglich oder besser, allnächtlich. Natürlich ab Freitag zahlreicher. Der Anteil der Trunksüchtigen an der Gesamtzahl der Patienten, die bei uns eingeliefert werden, steigt dauernd. 1953 hatten wir 42,5 Prozent, 1954 verzeichneten wir 44,4 Prozent und 1955 waren es 46,9 Prozent. Auch die Zahl der trunksüchtigen Frauen steigt. Hier, diese schwarze Linie der graphischen Darstellung, sind die Männer; die rote Linie deutet den Anteil der Frauen an. 1953 noch 6,7 Prozent, 1954 volle sieben, 1955 schon 8,4 Prozent.“ Auffallend, daß die graphische Linie im Jahre 1929 scharf abfällt. Damals brach die Wirtschaftskrise aus... Ebenso frappant, daß 1938 — als aus verschiedenen Gründen mehr Menschen zu Verdienst kamen — sogleich die Linie ansteigt. „Sie wäre zweifellos damals noch weit mehr gestiegen“, hören wir, „hätte der Kriegsausbruch und damit die Abzweigung des Alkohols für die Wehrmacht und sonstige .Betreuungshäuser' nicht eine Unterbrechung der gewöhnlichen Statistik verursacht. Noch heute erscheinen Männer in der Heilanstalt und geben offen zu, daß sie bei der Wehrmacht im letzten Krieg zum Alkohol fanden. — Bedenken wir gleichzeitig die verhältnismäßig hohen Geburtenziffern jener Jahre, so bietet sich uns das Bild einer Jugend, die alles ,in sich' hat.“

Was schlägt der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt vor? Zuvor: Abstinenzvereine zu gründen; sodann die Fruchtsäfte billiger im Preise zu stellen; ferner: einen Weg von der Arbeitsstätte zum Abstinenzverein zu bahnen. Käme es einmal vor, so sagt dieser Arzt, daß ein Mann aus solcher Gemeinschaft Gleichgesinnter nach Hause kommt und sagt, er habe einen netten Abend verbracht, wären 70 Prozent erreichbarer günstiger Einwirkung erzielt. „Der Alkoholiker ist ein willensschwacher Mensch“, setzt der Arzt fort. „Er braucht jemand, der ihm unter die Arme greift. Eine Anstalt allein ist kein Erziehungsmittel.“

Durch das offene Tor zur Straßenbahnlinie 47. Rechter Hand, ziemlich versteckt, ein kleines Schild, das zu lesen gibt, hier ist das Photo-graphieren verboten. Ja! Hier gibt es keine sensationellen Objekte, keine hübschen Kulissen. Hier stellt der Alltag die Versatzstücke und die Tragödien des Alltags spielen vor leeren Sitzen. *

VOR LEEREN SITZEN. Vergessen wir nie: nur ein Bruchteil gelangt zur Kenntnis der Oeffentlichkeit. Für Wien schätzt man die Zahl der Akoholiker auf 150.000, davon sind zwei Drittel bösartige Fälle und 15.000 können sich ohne fremde Hilfe überhaupt nicht mehr fortbewegen. Die Männerabteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Wien verzeichnete im Jahre 1947 bei einer Gesamtaufnahme von 1860 Personen zehn Prozent Alkoholiker; sechs Jahre später gibt es 48,8 Prozent Alkoholiker! Und die Zahlen sind im Steigen. Als anfälligstes Alter könnte man das der Menschen zwischen 41 und 51 Jahren ansprechen; indes: auch Jüngere unterliegen zunehmend der Trunksucht. 1947 gab es in der Klinik 13 Männer zwischen 21 und 30 Jahren, sechs Jahre später sind es schon 182! Und wer trinkt am meisten? Die Statistik sagt klar: Facharbeiter. Und sagt, daß am Ende dieser soziologischen Reihe — der Student steht.

VORSTADTARZT, WAS SAGST DU? Er meint mit einem Blick in das Grau des sinkenden Tages: „Das Gefühl einer allgemeinen Unsicherheit will nicht aus den Herzen der Menschen weichen. Sie haben es erlebt, daß zweimal ein Krieg ehrlich erworbenes Gut verrichtete. Sie erleben es täglich, wie die .Fortschritte' der Atomforschung ausposaunt werden, und daß die Großen der Welt an keinen ehrlichen Frieden (ganz im Innern, natürlich) glauben. Die Menschen, die einen Roller, einen Fernsehapparat als Kulturfortschritt vorgeführt sehen und sich bewußt werden, daß beides zugleich jedenfalls ihre Arbeitskraft und Lohn-kapazifät übersteigt, stürzen sich — Kennwort: Was man hat, hat man — in niedrigere Genüsse.“

JUGENDAMT HEISST DIE NÄCHSTE STATION. Ein Fachmann ersten Ranges und Jugendbildner sitzt vor uns. Er blättert in einer unscheinbaren grauen Mappe. Akt um Akt. „Jeder Akt“, sagt der Leiter der Magistratsabteilung 11, „ist die unvollkommene Photographie eines menschlichen Schicksals.“ Da, Fall 1: Verdienst monatlich 2135 Schilling, dazu Unterstützung. Zehn Kinder. Geld fast ausschließlich in Alkohol umgesetzt. Fall 2: Ein zehnjähriger Bub betrinkt sich mit seinem Bruder gemeinsam, geht tobsüchtig auf die Polizei los. Fall 3: Ein Mädchen, sechzehnjährig, kommt betrunken nach Hause. Fast überall, wo die Kennzeichnung „Gefährdung“, „Verwahrlosung“, „Schwererziehbarkeit“, „Verführung“, „Mißbrauch“ (mitunter im ,.Vater“hause) aufscheint, steht der Dämon Alkohol dahinter. Uebrigens haben Untersuchungen ergeben, daß die 13. Altersrente fast restlos in Spirituosen aufging. Man wird in Hinkunft versuchen, an offen zugänglichen Stellen der Heime den Alten zu zeigen, daß es noch Güter gibt, die zu kaufen es sich lohnt; Güter, mit denen man anderen Menschen Freude machen kann. Wir erfahren bedrückt, daß sogar Betriebsräte aus Kapfenberg oder Donawitz nach Wien kommen, von Szenen nach der Lohnauszahlung erzählen und um Hilfe bitten. Man verweist auf die zügellose Propaganda für alkoholische Getränke.

PROPAGANDA FÜR ALKOHOL. Eine heikle Geschichte. Zuweilen sogar unpopulär, darüber zu schreiben. Schaut die Plakate auf den Wänden an, heißt es; schaut in die Illustrierten; betrachtet den nächsten „Wiener“ Film samt Grinzing; nehmt zur Kenntnis, daß eine Angelegenheit des Volkes — der Staatsvertrag — noch jetzt, post festum, Anlaß gibt, mit Fläschchen zu prunken, die man den Fremden im Belvedere und in Schönbrunn kredenzte; hört euch doch eine Probe aus dem Rundfunk an, wenn er zum Trunkfunk wird und rührselig von Wien, Weib und Gesang lallt und hört euch die Rätselsendungen mit den Verteilungen von Weinbrand an! In dieser Zeit hat sich in Wien die Zahl der Schnapsbutiken von 320 Anno 1948 auf rund 500 gegenwärtig erhöht; hat sich der Bierausstoß von l“948 bis 1952 allein schon mehr als verdoppelt. In einer Leserzuschrift an das Blatt der linken Regierungspartei — mit anerkennenswertem Mute veröffentlicht — wird eine „Empfehlung an die Neuvermählten“ seitens des offiziellen Brauhauses angeprangert, wo es hieß: „Verlobt, vermählt sich irgendwer, dann muß ein Flascherl — her.“ Prosit! Ex! „Man gebe uns ...“, so sagte der Leiter des Jugendamtes, „nur die eine Chance, täglich im Radio (ohne Namensnennung natürlich) einen Akt zu verlesen, bei dem es um den Alkohol geht!“ Das Jugendamt der Stadt Wien, Dezernat für Kindergärten und Horte, gab übrigens an die Eltern der Kleinkinder ein Flugblatt heraus: „Unsere Kinder sollen keine Rebläuse werden.“

SEELSORGER, LEHRER, RICHTER - wohin man kommt, immer das gleiche Lied mit dem traurigen Refrain. Und alle fordern, daß man ein Ende mit der Reblausplage mache. Alle sind der Meinung, unsere Volksvertreter, die Gesetze genug beschließen, mögen einmal die Schädlingsspritze nehmen. Ein paar schöne Reden weniger, eine einzige Tat mehr!

WAS DER SEELSORGER SAGT. Er macht ein bekümmertes Gesicht und fährt, ehe er zu sprechen beginnt, mit der rechten Hand über die Augen, als wolle er häßliche Bilder wegwischen. „Heutzutage“, so meint er, „geben leider zu oft die Erwachsenen ihren Kindern das schlechteste Beispiel. Die Großen nehmen die Kleinen in öffentliche Lokale mit, wo es schändlich hergeht. Nun, schließlich kann der Gastwirt auch nicht bei jedem Besucher stehen! Da muß schon eine allgemeine sittliche Haltung vorhanden sein. Ein Bewußtsein der Verpflichtung dem Nächsten gegenüber. Und dann noch etwas: der Sonntag findet nicht mehr die Weihe des Ruhetages, der inneren Einkehr, wie es Gottes Wille anzeigte. Auf dem Lande — und leider kenne ich das auch — führt der Weg in die Kirche am Gasthaus vorbei, wohin man nach der Messe einzukehren pflegt. Mancherorts hat sich gar die Angewohnheit eingebürgert, die Frauen in die Kirche vorauszuschicken und bereits vor dem Gottesdienst ins Wirtshaus zu gehen. Natürlich, um etwas ,zu besprechen', was hernach bekräftigt und kräftig begossen wird. Es wäre von hoher Wichtigkeit, wenn unsere Bildungsorganisationen sich der Erziehung dieser Menschen widmeten, wenn in den Pfarrheimen Erziehungsfachleute sprächen, wenn man in den Orten lehrhafte Lichtbildervorträge hielte (ohne weiteres mit bewußter Gegenüberstellung der Kraßheiten, die man leicht und falsch als .Gemütlichkeit' nimmt). Exkursionen in Heilanstalten! Und dann immer und wieder die wache Seelsorge des Priesters.“

UND DIE FRAU LEHRERIN. „Wenn ich -wie kürzlich einmal — eine Aufsatzarbeit mit dem Thema Alkohol' gebe, bin ich betroffen über das, was man so beiläufig erfährt. Eine Schülerin meinte soear: Ich könnte Ihnen viel mehr schreiben, Frau Lehrerin, denn mein Vater kommt jede Nacht betrunken nach Hause. Und eine andere Schülerin — sie ist inzwischen schon ausgetreten — mußte mittags immer, anstatt zu Tisch zu gehen, die Mutter suchen gehen, und zwar an deren Stammplatz, der einmal sogar am Randstein lag. .Mutter', fragte damals das Kind, .bist du schon wieder betrunken?' Ja, wir können Lehrschriften ausgeben und zureden. Am Vormittag. Der Nachmittag, die Nacht, macht unsere Arbeit nahezu illusorisch. ,Was wolln S' denn', sagte mir einmal eine solche Mutter, ,das Kind will auch eine Freude haben.' Unter Freude verstand diese Frau Kino, Burschenverkehr, Tanzkaffee — und die sogenannte Freude bestand für das Kind darin, diese vergnügungstolle Frau zu begleiten. Ich glaube, man müßte in allen Fällen, wo öffentliches Aergernis erregt wird — von Gesetzesverletzungen ganz zu schweigen —, die Strafsätze verschärfen und die Vollmachten des Jugendamtes und der Fürsorge erweitern.“

• DAS WORT HAT DER HERR RICHTER. Er verweist auf die Kriminalstatistik. „Bis 1937 ging die Zahl der wegen Trunkenheit bestraften Personen nicht über 486 hinaus und wies zudem eine fallende Tendenz auf, ja 1935 gab es in ganz Oesterreich bloß 289 wegen Trunkenheit gerichtlich Verurteilte. Im Jahre 1952 lag die Gesamtziffer schon bei 658. Die Zahl der im Rauschzustand (der den Zurechnungszustand ausschließt) begangenen Verwaltungsübertretungen hat sich binnen 10 Jahren verdreifacht. Dabei müssen Sie immer beachten: das sind jene Personen, die man ergriff. Welche. Exzesse werden begangen, ohne daß sie zur Kenntnis der Polizei oder der Gendarmerie kommen, weil da gewöhnlich eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, aber wohl einschlägt. Bei Vergehen und Verbrechen im Rausche fällt die große Zahl der öffentlichen Gewalttätigkeiten auf. Vermehrt erscheinen überdies die Delikte: Gefährliche Drohung, Diebstahl und Fruchtabtreibung.“ Der Richter betont, daß alle asozialen Instinkte des Menschen durch Alkohol eine Aktivierung erfahren. Er erwähnt eine Mitteilung aus Polen, wonach man dort der gesetzesgebenden Körperschaft den Vorschlag gemacht habe, den Ausschank von Alkohol über 3,5 Prozent (ein Glas Normalbier rechnet man mit 3,5 Prozent) an Jugendliche zu verbieten und die Ueber-tretung dieser künftigen Vorschrift mit einer Arrest- oder Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren zu ahnden. „Ich bin aber“, so sagt der Jurist, „prinzipiell gegen die Verabreichung von Alkohol an Jugendliche, und zwar immer auch dann, wenn die Eltern dabei sind und so unvernünftig sind, dies zu gestatten. In diesem Falle müßten die Eltern zur Verantwortung gezogen werden. Weiter könnten die straßenpolizeilichen Vorschriften eine Straffung erfahren (alkoholisierte Fahrer). Schließlich müßte gegen die Werbung für Alkohol dann etwas geschehen, wenn die üblichen Formen den guten Geschmack überschreiten (das wäre das mindeste). Aber zu diesem Punkte möchte ich mich aus begreiflichen Gründen nicht weiter äußern. Nur eines noch: ich bin zwar nur ein Jurist und kein Philosoph. Ich glaube aber an einen Sinn des Lebens und der Arbeit. Man gebe den Menschen den Sinn, den Glauben wieder.“

WIR VERLASSEN DAS UNSCHEINBARE AMTSGEBÄUDE. Hundert Meter weiter, auf der ersten Bank des kärglichen Straßengartens schläft ein Mann. Sein Hut liegt auf der Erde. Es ist 11.30 Uhr und wieder schreibt man Frei-tae. Eine Woche nach dem nächtlichen Freif-atr

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