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Digital In Arbeit

Rasch eilt der Tod herbei

Nur 56 Jahre war Dr. Dominik Hart-marin, der Musikkritiker des „Volksblattes“ alt, als ihn ein rascher Tod aus dieser Welt abberief. Nur kurze Zeit darauf folgte ihm Dr. Hans Bauer, Vertreter der „Presse“ In Rom, einer der besten Kenner Italiens und des Vatikans, ins Grab. Auch er starb sehr rasch und nur 56 Jahre alt. Ihm folgte unmittelbar als dritter der frühere Chefredakteur des „Volksblattes“ und zuletzt Presseattache in Bonn, Schramm-Schiessl, nicht einmal 51 Jahre alt.

Alle drei waren Journalisten aus Leidenschaft, und ihr Beruf war ihnen eine Berufung im tiefsten Sinn. Alle drei waren ebenso leidenschaftliche Österreicher, die versuchten, ihrem Vaterland mit ihren besten Kräften zu dienen. Alle drei waren überaus liebenswerte Persönlichkeiten und somit echte Repräsentanten Ihrer Heimat.

Ihr rascher Tod ist nur wieder ein Beweis, daß der Herzschlag und der Stundenschlag bei Journalisten die hektische Disharmonie seines Wirkens verursachen. Das Leben der

Journalisten Ist ein steter Wettlauf zwischen den Geschehnissen und seiner Stellungnahme. „Was jeder Morgen brachte, was jeder Tag beschien, was jede Nacht bedeckte, das zu besprechen hatte ich Lust und Mut“, ruft Ludwig Börne aus. Lust und Mut zu haben in einer unlustigen und mutlosen Welt, ist die Gabe, die dem Journalisten zuteil wird, denn für ihn verliert das Leben erst sein Licht, wenn das Herz zu schlagen aufhört. Hart am Ereignis zu sein, der Zeit im Nacken zu sitzen, auf Strömen zu treiben und sie gleichzeitig zu lenken, ins kleinste Wort die größte Weltweite zu drängen und zu wissen, daß es nie einen siebenten Tag für ihn geben wird, das macht die Einzigartigkeit dieses Berufes aus, der jeden Beruf ausschließt und doch alle in sich vereinigt. Es ist ein berauschendes und ein leichtsinniges Leben gleichzeitig. Aber ein solches Leben fordert nur zu leicht seine Opfer. Dr. Hartmann, Dr. Bauer und Schramm-Schiessl waren die typischen Opfer dieses Berufes, der so leicht aussieht und immer schwerer wird.

„Keine Milde!“

Welcher Österreicher kennt ihn nicht, den Polizisten oder Gendarmen, der ein Auto wegen Falschparkens oder zu langen Parkens aufschreibt. Die Urteile über solche Beamte, die ihre Pflicht tun, sind nicht immer sehr mild. Aber daß ein mildes Urteil auch nicht immer für die Gegenseite gilt, zeigt folgendes Beispiel: Da hat die Bezirkshauptmannschaft von Bruck an der Mur der Gendarmerie von Mariazell Auftrag gegeben, sie möge falsch parkende Autos nicht sogleich mit einem Strafmandat versehen, sondern einen freundlichen grünen Zettel an das Auto heften, aus dem zu ersehen ist, daß man von einem Strafmandat absehen wolle, um den Feriengästen den Aufenthalt nicht zu verleiden. Und was tun diese guten Feriengäste? Sie sammeln solche grüne Zettel und geben sie auf jeden Fall, wenn säe ihr Auto verlassen, auf die Windschutzscheibe. Der arme Gendarm, der seiner Pflicht nachgeht, ist der Meinung, daß sein Kollege bereits den falsch parkenden Auto-besitzer sanft ermahnt hat. So wird Wohltat zur Plage, und so geben diejenigen, die solches tun, der Ordnungsmacht nur zu sehr den Hinweis, nicht Milde in ihrem Amt walten zu lassen, sondern die volle Schärfe des Gesetzes. Schade!

Ehrenrettung

Die Bücherfreunde sollten in stiller Dankbarkeit jener jugendlichen Betrügerin gedenken, die soeben vom Gericht sechs Monate Kerker, allerdings nur bedingt, aufgebrummt bekam, weil sie dem Zauber schöner, lesenswerter Bücher nicht widerstehen konnte. Das neunzehnjährige Mädchen hatte zuerst in einem Verlag Bücher im Kaufwert von rund 8000 Schilling ausgesucht, statt der Bezahlung den gefälschten Brief einer Firma vorgezeigt und den somit erschwindelten Lesestoff glücklich nach Hause geschleppt. Noch am selben Tag — es war zur Weihnachtszeit des vorletzten Jahres — bestellte sie dann wettere Bücher im Kaufwert von noch mehr tausend Schilling in einem Wiener Lesezirkel. Dort wurde man mißtrauisch, und der Kriminalbeamte war rasch zur Stelle.

Im Wiener Straflandesgericht ließ man Milde walten. Der Herr Oberlandesgerichtsrat konnte aber beim besten Willen nicht herausbekommen, warum das Mädchen wirklich auf die Bücher verfiel. Juwelendiebinnen, Wäschediebinnen, Automarder kennt die Lokalgeschichte der Kriminalistik genug. Es gibt auch Schwindler, die Fernsehapparate ergattern. Aber Bücher? Wollte sie die Angeklagte am Ende vielleicht lesen? Ja, das gerade wollte sie. Sie habe immer schon gerne gelesen, gab sie schüchtern zur Antwort. Und auch als Weihnachtsgeschenke wollte sie

einige von den Büchern verwenden. Thema für eine Maupassant- oder Tschechow-Novelle. In einem altmodischen Buch, in einem Buch zum Lesen — und vielleicht gar zum Stehlen. Die zu sechs Monaten Kerker bedingt verurteilte kleine Betrügerin hat die Ehre und das Renommee des Hebens-, ja sogar stehlenswer-ten Buches inmitten einer Welt der Autos und der Fernsehapparate ein klein wenig gerettet. Wer schenkt ihr ein paar Bücher — als Dank? Sie würde sie bestimmt lesen — auch wenn sie ihre Strafe nun nicht absitzen muß.

Wozu Kirchen?

Nach dem Vorbild der SOS-Kinderdörfer errichtet die Stadt Wien an der Auffahrt zur Westautobahn eine „Stadt des Kindes“. Nach den zwölf Entwürfen sind in dieser Kinderstadt die Funktionen einer Großstadt modellmäßig vorhanden: Es wird ein Ferienzentrum geben, ein Sportzentrum, ein Wirtschaftszentrum, eine Eisbahn und sogar einen Kinderzoo. Aber keine Kirche. Auf eine Anfrage der Wiener Gemeinderäte Bittner und Dr. Glatzl antwortete die Wohlfahrtsstadträtin, man wolle den Kindern auch „Außenkontakte“ ermöglichen und ihnen eine „Ghettosituation“ ersparen.

Sieht so also das Modell einer modernen sozialistischen Stadt aus? Ein Wohlfahrtsghetto, in dem die Religionsgmeinschaften nichts verloren haben?

Wem das materielle Glück nicht genügt, der soll sich das altmodische Seelenheil durch „Außenkontakte“ suchen...

Hilfe für die Tiere

Wer nicht ganz verhärtet ist, hat sich wohl schon ab und zu in Gedanken mit dem Tierversuch beschäftigt. In den Rundfunksendungen „Du und das Tier“ ist ja in dankenswerter Weise oft genug davon die Rede. Viele anständige Menschen empören oder kränken sich über das, was tagtäglich, oft nicht notwendigerweise, an etwa 120.000 Tieren verübt wird. Lassen wir einmal das Argument, daß es auf dieser Welt wichtigere, „menschliche“ Probleme zu lösen gibt. Das eine, so meinen wir, schließt das andere nicht aus! Wann immer man öffentlich oder im kleinen Kreis das Problem „Tierversuche“ zur Sprache bringt, findet sich jemand, der einwendet: die sind unvermeidlich, soll man an Menschen experimentieren? Wie könne man es verantworten, für die Schonung von „seelenlosen“ Tieren einzutreten, wenn durch das Experiment Menschenleben gerettet werden können? Nun wird es aber, wenn sich genügend Helfer finden, bald eine Alternative zu vielen vermeidlichen Tierversuchen geben. Der „Bund der

Tierversuchsgegner“ hat alles eingeleitet zur Gründung eines Institutes zur Erforschung von Ersatzmethoden. Eine österreichische Gemeinde hat ein Grundstück mit Baugenehmigung kostenlos zur Verfügung gestellt, das Unterrichtsministerium steht dem Projekt wohlwollend gegenüber (und wird dieses Wohlwollen hoffentlich auch bald in Taten umsetzen, etwa durch Aufklärung und Werbung in den Schulen), ein Kuratorium aus Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hat sich gebildet und den Europarat gebeten, die Gründung weiterer Institute zu empfehlen.

Es wäre aber sehr erfreulich und ehrenvoll, wenn in Österreich das erste dieser Institute ins Leben gerufen würde und mit seiner Arbeit beginnen könnte. Deshalb — und der guten Sache wegen — geben wir ausnahmsweise das Konto des „Fonds zur Errichtung eines Instituts zur Erforschung von Alternativmethoden“ an: Postsparkassenamt Wien 79.407. Denn man braucht natürlich viel Geld, auch später, zur Unterhaltung des Instituts. Wir bitten um eine Spende und sagen schönen Dank im voraus.

Verdrahten!

„Verdrahtete Logik“ nannte es der Ingenieur, der uns, die Staunenden, führte. Er wies auf die Rückseite eines elektronischen Elements, wo aufgedruckte, schimmernde Metalllinien unerbittlich den zu erwartenden Impulsen ihren allein richtigen, weil vernunftgemäßen Weg wiesen. Sollte einmal, Gott behüte, ein Impuls trotzdem in die Irre gehen, so würden wahrscheinlich (wir träumten es) erboste Lämpchen aufleuchten, Signale um Hilfe schrillen oder eben sonst was Alarmierendes geschehen.

Wir standen in der neuen, neuesten Telephonzentrale der Creditanstalt-Bankverein-Hauptanstalt, aber

meine Gedanken verirrten sich wieder einmal anderswohin. Zu den Schaltstellen' her öffentlichen Meinungsumformung nämlich und zu den Fauteuils der preisgekrönten Berufsdiskutierer. Wie wäre es dort und bei ihnen mit einem Einbau elektronischer Elemente samt verdrahteter Logik? Kein Ausweg mehr für fehlgelenkte Impulse! Kein Umweg mehr über vorprogrammierte Phrasen, begierig aufgeschnappt vom erfahrungslosen intellektualisierten Spießernachwuchs, getreulich gespeichert und in der Folge schreiend verteidigt, mit der Wut entfesselten Besitzerinstinks. Keine Flucht mehr in die übliche Technik des einander so lange Hinauflobens, bis der eine Monologpartner den anderen absolut nicht mehr zu überhören und zu übersehen vermag. Verdrahtete Logik also, an Stelle politologischen Fachjargons und beharrlichen Wortschwalls? Welcher Segen! Her damit. Verdrahtet sie! Verdrahtet sie!

Schlank, rank, krank

Schülerinnen essen etwa vom 14. Lebensjahr an kein Jausenbrot mehr, weil sie schlank bleiben wollen. Das stellte sich beim ersten Schulbrottest heraus, der vom Schulärztlichen Dienst des Unterrichtsministeriums an 1500 Schülern in Wien durchgeführt worden ist. Die Folge dieser Schlankheitskuren ist eine steigende Anzahl von Kreislaufkollapsen bei jungen Mädchen in den Schulen, vermehrte Krankheitsanfälligkeit und eine deutlich verkürzte Leistungsdauer. Aber: Königin Mode will es, und ihre braven Hofdamen gehorchen.

Wieder soweit?

Der italienische Millionär und Verleger Feltrinelli soll die Herstellung des Sprengkörpers für den schrecklichen Anschlag auf ein Mailänder Bank finanziert haben. „Beweis“: Die des Anschlages Beschuldigten hatten nicht genug Geld für die Vorbereitung dieser Tat. Jemand muß es ihnen gegeben haben. Warum nicht

Feltrimelle, der Linke, der „Anarchist“?

Feltrinelli ist vorsichtshalber untergetaucht. Ein Journalist fragte ihn, warum er sich nicht gestellt habe, wenn er doch ein reines Gewissen habe. Feltrinelli antwortete: „Ich stelle mich doch nicht neben den brennenden Reichstag und rufe: Ich war's nicht!“

Übertriebene Einschätzung der Lage?

Der Anschlag von Mailand kann sehr wohl das Werk einer Gruppe, aber auch das eines wahnsinnigen Einzelgängers gewesen sein. Die Leichtfertigkeit, mit der ein Mißliebiger ohne Beweis, ja praktisch ohne Indizien an den Pranger gestellt wurde, der Rückfall eines Justizapparates in nur noch emotionell motivierte, vom Haß diktierte Reaktionen signalisiert ernste Besorgnisse über den Zustand des Ganzen.

„Winter einer Republik“, um mit J. R. von Salis zu sprechen?

Die Christen sind schuld ...

Missionare und karitative Organisationen der Kirchen in Nigeria stehen vor neuen Aufgaben. Sie müssen versuchen, ihre Hilfe so anzubringen, daß sie dabei niemanden kränken. Denn die nigerianischen Politiker und Offiziere sind stolz, und sie sehen es gar nicht gerne, wenn Europäer ihre Schuldkomplexe der afrikanischen Bevölkerung gegenüber auf die Weise abreagieren wollen, daß sie Lebensmittel und Medikamente den Hungernden und den Kranken aufoktroyieren ... Dies berichten westliche Journalisten aus Lagos und Biafra, wo heute freilich eine Informationswelle ganz anderen Inhalts die diffizilen Probleme introvertierter europäischer Grübler an den Rand schwemmt: nämlich die Verbrüderungsszenen zwischen nigerianischen Offizieren und ihren gestrigen Feinden, den Ibos, Umarmungen, freudige Zurufe, Küsse, wie in der Erkennungsszene eines Lustspiels. Hungernde am Straßenrand, Kranke? Die werden auf den Regierungsphotos nicht gezeigt. Um die sollen sich die Hilfsorganisationen des Westens kümmern, während freilich Freunde aus den sozialistischen Ländern die Waffenlieferungen um harte Währung, selbstverständlich, besorger. Sie haben es auch leichter. Denn verantwortlich für das ganze Elend in Biafra wird jetzt in der nigerianischen Presse die Hilfe der Kirchen gemacht, sie sei es nämlich gewesen, die den Krieg unnötig verlängert habe _n

„Pfiffiger“ Schwejk

Die russischen Sportler, die in diesen Tagen bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Strebske Pleso mehr als ein Dutzend Medaillen einheimsten, hatten diese Siege gegen einen übermächtigen Gegner zu bestehen.

Nicht genug der enormen Anforderungen an Kondition und Nerven, die Sprung- und Langlauf an die Teilnehmer stellen, sahen sich die russischen Sportler, besonders am Samstag, der Phalanx von 130.000 fanatisierten einheimischen (tschechoslowakischen) Zuschauern gegenüber, die das Auftreten eines jeden der Sowjetsportler mit einem spontanen Höllenpfeifkonzert begleiteten. Zum zweiten Male also — der denkwürde Eishockeysieg der Tschechoslowakei über Sowjetrußland und seine „nationale Siegesfeier“ dürften noch in Erinnerung sein! — zieht sich die vox populi in politischen Dingen auf die Siegfriedslinie zurück: den Sport. Das mag bedauerlich sein, es ist angesichts der politischen Lage menschlich verständlich. Und wenn die offizielle Fernsehübertragung auch sorgfältig „tongereinigt“ wurde, so ist doch anzunehmen, daß etwas von der akustischen Kulisse an jene Ohren dringt, denen sie zugedacht ist.

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