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Schweizer Lichtbilder

Neben Schweden und Portugal, die schon etwas am Rande liegen, ist die Schweiz das einzige europäische Land, das das Inferno der letzten Jahre gut überstanden hat, nie überflutet von den Wogen, die uns überschüttet haben. Die Schweiz kennt die Knechtung nicht, unter der wir lebten, sie kennt den Krieg nicht, weder zu Lande noch zur Luft, abgesehen von einigen bescheidenen Kostproben, sie kennt keine Massenwanderungen Flüchtender und heimatlos Vertriebener, keine Hungersnot. Der Unterschied, der sich hier offenbart, ist geradezu grotesk, wenn man etwa in dem riesigen wundervollen Bahnhof von Zürich aussteigt und vorüber an blumengeschmückten Häusern und blanken Geschäftsläden in das Zentrum der Stadt wandert. Ein Gang durch die Kaufläden wird zu einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Man staunt, wie viele beinahe vergessene Dinge es auf Erden gibt, Dinge, die uns einst das Leben leicht und schön machten und ohne die auszukommen man schließlich doch gelernt hat. Ich ging durch die Musterzimmer eines Warenhauses, in denen sich hunderte Möbelstücke stauen, sauber, licht und schön, Heimatstil, neues Biedermeier. Im Preise beiläufig wie bei uns vor dem Kriege. In einer Zeitung dazu die Anzeige: „Sie können sich von 100 fertigen Zimmern eines aussuchen. Schreiben Sie uns. Wir holen Sie bis zu 80 km mit dem Auto zu unverbindlicher Ansicht.“ Ich erinnerte mich an meinen Bruder in Wien, der mit der Wohnung die Einrichtung verlor und keine neue bekommen kann, weil sie in Österreich für einen gewöhnlichen Sterblichen nicht erschwinglich ist.

Hier ist eine andere Welt. In einem guten Teile Österreichs sind die Menschen zufolge der Kriegseinwirkungen ohne Taschenuhren. Hier im Nachbarland ist das Uhreneldorado, das erste Uhrenland der Erde. Die Schweizer Uhrenindustrie hat es verstanden, wieder einen großen Sprung nach vorwärts zu machen. Ihre neuen Uhren sind wasserdicht, stoßsicher, selbst wenn sie auf den Boden fallen, antimagnetisch und — automatisch. Sie brauchen nicht aufgezogen zu werden. Ist das Perpetum mobile erfunden? Noch nicht. Aber diese neuesten Schweizer Uhren ziehen sich durch die unwillkürlichen Armbewegungen ihres Trägers von selbst auf. — Die eindrucksvollen Bilder reihen sich. Nun freilich darf man sich nicht vorstellen, daß der Krieg ohne jede Folgen an der Schweiz vorübergegangen ist. Wenn er auch die Lebenshaltung und Ernährung nicht verändert hat, so sind die meisten Lebensmittel zwar rayoniert, doch in genügender Menge zu bekommen. Man kann sagen, daß die Schweiz eine schon überspannte Konjunktur hat, die Sorge jener Schweizer Volkswirte, die darauf vorbereiten, daß man mit einer kommenden Umstellung rechnen müsse, ist gewiß berechtigt. Derzeit ist auf dem Arbeitsmarkt ein solcher Mangel an freien Händen, nicht zuletzt, weil die Uhrenindustrie unverhältnismäßig viel Arbeitskräfte aufsaugt, daß die Hilfen im Haushalt selten geworden sind. Die Arbeitslöhne haben eine Höhe erreicht, daß es ein Problem werden wird, wie sie bei einer Normalisierung des internationalen Verkehrs ein Schritthalten der Schweizer Industrie in der Preisbildung zulassen werden.

Der Aufstieg des Schweizer Arbeiterstandes ist imponierend. Ich war in Arbeiterwohnungen, in denen ich immer wieder einen Wohlstand feststellen konnte, der bei uns selbst in Mittelstandswohnungen auch vor 1938 nicht allzu häufig war. Gut bürgerlich eingerichtete Drei- und Vierzimmerwohnungen mit Bad und allem modernem Zubehör sind nichts Seltenes. Am Sonntag und Feierabend kann man den Arbeiter von einem Beamten nicht auseinanderhalten, bei den Frauen und Mädchen sind die Standesunterschiede noch stärker verwischt. Man könnte glauben, in der Schweiz sei die soziale Frage auf kapitalistischem Wege gelöst worden. Ganz so ist es nicht. Es gibt noch ungeheure Einkom mensunterschiede nach oben, Schwerverdiener mit Revenuen, die sozial anfechtbar sind. Eine Fabrik zahlte zu ihrem 50jährigen Jubiläum ihren Arbeitern außer dem doppelten Monatsgehalt noch eine Prämie von 600 Franken, einen ansehnlichen Betrag auch für Schweizer Verhältnisse. Aber es ist kein Geheimnis, daß die Direktoren des Unternehmens sich von ihren Gratifikationen Schlösser bauen konnten. Die im allgemeinen günstige Lage des Schweizer Arbeiters hat die rege Propaganda einer kommunistischen „Partei der Arbeit“ nicht zu verhindern vermocht. Doch dieser Propaganda steht eine uralte und so tief im Verständnis des Volkes verankerte Demokratie entgegen, daß auch der Werbefeldzug des sozialistischen Radikalismus seine natürlichen Grenzen findet. Die minutiöse Durchbildung dieser Demokratie erscheint dem österreichischen Beobachter ebenso eigenartig wie erfrischend. Sie läßt für bürokratische Protektion wenig Raum. Wird in Basel der Posten eines Gerichtspräsidenten frei, dann stimmt das Baseler Volk darüber ab, welcher von den Parteien Vorgeschlagene diesen Posten bekommt. Auch der Oberlehrer wird gewählt und nach einigen Jahren wird abgestimmt, ob er zu bleiben hat oder nicht. Da lief eines Tages eine wilde Schmähschrift gegen einen Oberlehrer um, über dessen Verbleib im Amte abgestimmt werden sollte. Ihm wurde in der Schrift alles Üble nachgesagt, was man einem Pädagogen nachsagen kann. Die wackere Gemeinde ließ sich nicht beirren und wählte ihn.

Das Wunder, das den Fremden immer wieder ergreift, ist die Kraft, mit der dieses kleine Land, in dem jeder Kanton eine Welt für sich ist, mit Sondergesetzen 'und Sonderbestrebungen, trotz der unzweifelhaft vorhandenen großen Gegensätze, das Vielfältige zur Einheit zu sammeln vermag. Es gibt einen Schweizer Nationalismus, der leidenschaftlich ist. Mächtiger als je hat die Bedrohung durch Hitler das Volk zusammengeführt und geeint. Das Land hat die sieben Jahre hindurch in großer Sorge gelebt. Jetzt spricht man gern davon, daß Hitler aus Respekt vor der Schweizer Rüstung nicht angegriffen habe, und weist auf die Befestigungen, die heute noch das ganze Land durchfurchen. Und ich sah jetzt noch mit wenig Gefallen Knaben von 14 oder 15 Jahren in einer halbmilitärischen Uniform mit dem Karabiner am Rücken. Durch das Treffliche und Echte klingt zuweilen der Unterton eines Vorkriegspatriotismus, wie wir ihn von Schulaufsätzen und nationalen Festansprachen kennen, ein Geschöpf, das fern und verschlossen ist der furchtbaren Realität des Krieges. Der poetisch geschulte Schweizer verfolgt die politische Entwicklung der unmittelbaren , Gegenwart mit Bangen, denn er weiß, bei einem dritten Weltbrande würde es keine Neutralen in Europa mehr geben. Man wünscht sich von der UNO nicht auszuschließen, möchte aber einen Ausweg erkunden, auf dem man die kostbare Neutralität retten könnte. Wer die Schweizer um die lange Zeit des Friedens beneidet, mag nicht vergessen, daß ihre Großväter und Vorväter auf allen europäischen Schlachtfeldern gekämpft und oft genug ihr Blut für fremde Völker mit einer erschütternden Treue vergossen haben. Die Enkel haben dafür den Lohn geerntet.

Man könnte zweifeln, wo stärkeres Leben pulsiert, in der Zone des materiellen Schaffens oder in der geistigen Welt dieser Republik. In den Städten glänzend große Ausstellungen, so wie jetzt die Ambrosiana, Werke norditalienischcr Kunst in Luzern; fremde Künstler werden ins Land gezogen, wie Toscanini und das Wiener Burgtheater. Ja, das Theater! Das Züricher Schauspielhaus wurde mir Stätte unvergeßlichen Erlebens. Man spielte den „Erniedrigten Vater“ von Claudel. Ich gestehe, daß ich so etwas als Wiener noch nicht gesehen habe. Maria Becker spielte die Blinde so groß und das Innerst aufwühlend, wie es nur edelste Kunst vermag. Die männlichen Rollenträger reichten ihr nicht an die Schulter. In dieser Kunst war kein plattes Pathos, dessen wir längst überdrüssig geworden sind. Sollte etwas Wahres daran sein, als mir ein Schauspieler sagte, unser Burgtheater sei ruhmvolle, glänzende Vergangenheit? In der Josefstadt mühe man sich schon mehr um diese Dinge. Das Züricher Schauspielhaus bereicherte mich um einen meiner wertvollsten Eindrücke in der Schweiz.

Der Österreicher, der in der Heimat und ihrer Verfolgungszeit mit vielen schweren religiösen Problemen zu rechnen hatte, hat heute eine gewisse Hellhörigkeit für das religiöse Leben im Auslande Der Schweizer Katholizismus ist eine kraftvolle Erscheinung. Außerhalb der Industriestädte ist in den katholischen Kantonen der Einfluß der Kirche, die Kirchentreue der Gläubigen größer als bei uns. In der Gemeinde, in der ich eine Zeitlang wohnte, waren vier Priester für 4000 Seelen tätig und sie waren nicht zuviel. Täglich sah ich sie in viele Häuser die Krankenkommunion tragen; überprüft man den Gottesdienstbesuch, so ist, man versucht, an mittelalterlich gute Zustände zu glauben. Der Klerus ist korrekt und konservativ. Das blühende kirchliche Leben erinnert an Westfalen oder Holland. Ich ging an einem Sonntag in das Baseler Münster und kam gerade in eine protestantische Predigt. Es war schmerzlich: in dem herrlichen alten Dom bei dem einzigen Gottesdienst am Sonntag saßen 160 Leute. Basel hat eine immer stärker werdende katholische Diaspora. Nach dem Besuch im Dom kam ich in eine katholische Vorortkirche. Sie war bis zum letzten Platze gefüllt, dabei wurden am Vormittag fünf Messen zelebriert und die Teilnahme der Gläubigen, erstaunlich vieler junger Menschen und Männer, war gut. Das Hilfswerk der Schweizer Katholiken, der Karitasverband, wirkt heute wieder segensreich in vielen Ländern und auch wir Österreicher müssen dafür dankbares Zeugnis geben. Geadelt ist dieses Helfen durch seine Gesinnung. Es ist wenig Verdienst bei dem Geben eines Satten, der von seinem Überfluß mitteilt. Das wahrhaft Wohltuende, das der österreidier so tief empfindet, ist die warme nachbarliche Gesinnung, der er in der Schweiz begegnet. Stärker als je verspürt heute der Schweizer , die innere schicksalshafte Verbundenheit der beiden Alpenrepubliken, er hat aus der Nähe unseren Existenzkampf gegen den Nazismus verfolgt, er weiß es aus Erfahrungen aus dem eigenen Lande, wie mächtig und tückisch dieser Feind in seinem innerpolitischen Angriff war. Der politisch unterrichtete Schweizer findet deshalb für Österreich zu einem gerechteren Urteil als andere, die den tatsächlichen Begebenheiten ferner standen.

In einem Gespräch, das sich mit einem Vergleich der Staatenschicksale beschäftigte, sagte mir ein Arzt, eine ausgleichende Gerechtigkeit, die den Schweizern in einer Notzeit der ganzen übrigen Welt soviel Glück habe zuteil werden lassen, müsse doch wohl auch den schwergeprüften Völkern etwas Positives, einen großen, vielleicht noch ungesehenen Wert schenken. Ich glaube, die Leiden der europäischen Menschheit in diesen Jahren weisen auf die letzte große Hauptsache, sie weisen auf das Ziel. Mag daneben einem Volk, die Heimsuchung erspart geblieben sein — das geht uns nichts an. Gottes Finger schreiben an die Herzenswände der Franzosen, Polen, Österreicher und Deutschen ihre Sinn- und prophetischen Sprüche. Und wenn wir sie auch noch nicht ganz deuten können, vielleicht kommt ein Daniel, der die Geheimnisse verkündet.

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