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Heimkehr nach Oesterreich

Wenn ein politischer Mensch nach fast 18jäliriger Emigration in die Heimat zurückkehrt;wird gelegentlich nach seinem „Programm“ gefragt. Will er bloß „sondieren“, womit er; seinem persönlichen Interessen fördern kann; o$pr hat er Ideen zu. offerieren, die dem Gemeinwohl nützen? Nur ein. einziges Mal in der Geschichte des Geistes, ist es geschehen, daß der heimkehrende Piaton die Akademie gegründet hat; artHere'. Emigranten kehrten entweder •niemals' mehr heim, wie Dante, oder sie kamen nur, um den Anschluß an die Möglichkeiten ihrer eigenen Entwicklung, wären sie nicht emigriert, nicht mehr “finden zu Können, wie unzählige Namenlose vieler Völker unserer' Zeitenwende. Wer freilich aus'politischen Gründen Jvn' die.. Emigration.,ging, .soll sich nicht scheuen„ politische Ideen, die dem Staate dienen, aus der. weiteren Welt in die engere Heimat mitzubringen.“ Doch darf der. Heimkehrer, Falschmeldungen gegenüber wohl mit einigem Nachdruck von Haus aus versichern, daß er p a r t e i politische Ambitionen für das

Dümmste halten würde und daß ihn als „Parteigründer'' in der Heimat eingeläutet zu haben, nicht für die journalistische Spekulation spricht, die solches erfunden hat. Dieses Dementi schließt g e i s t e s politische Zielsetzungen wahrhaftig nicht aus. Wenn wir Piaton, den Emigranten, der heimkehrte, recht verstehen, sind wir alle, die wir heimkehren, aufgerufen, van der geistigen., Staatsgründung mit zuwirken, die nicht einmal nur, sondern immer wieder geschieht. Im platonischen Sinne ist dem Heimkehrer aus der Emigration nicht nur die Wiedereroberung, sondern selbst die Keuerzeu-gung- des Vaterlandes anvertraut

Dem Beobachter von amerikanischem Standort aus, der in all den Jahren der Emigration sich um das tiefere Verständnis der weltpolitischen Lage bemüht hat, wie ein solches gerade von Amerika aus möglich ist, scheint es, daß die neue politische Situation Oesterreichs, durch Staatsvertrag und Neutralitätserklärung umrissen, für dessen geistige Führer, zu denen auch die politischen gehören, eine ganz große historische Chance einschließt. Diese liegt eindeutig in der Möglichkeit neuer donauländisch-südosteuropäischer wirtschaftlicher, kultureller und schließlich politischer Beziehungen, die vielfach dort anzuknüpfen vermögen, wo unsere widrigen Zeitläufe eine tausendjährige Geschichte unterbrochen haben. Die neue europäische Atmosphäre ist der Wiederanbahnunj. solcher Beziehungen überaus günstig, wenn wir

nur selbst den historischen Augenblick zu ergreifen wissen. Dabei handelt es sich um keine magischen Verschiebungen in den europäischen Machtverhältnissen, sondern im Gegenteil um Entwicklungsmöglichkeiten im gegebenen Rahmen. Die begründete Annahme ist, daß es eines Tages im wohlerwogenen Interesse beider Welt-

konstellationen liegen könnte, gemeinsam an die Auflockerung der donauländisch-südost-europäischen Verhältnisse in religiöser, kultureller und politischer Hinsicht heranzugehen. Es entspricht sowohl dem amerikanischen wie dem russischen Interesse, die Staatenwelt', des europäischen Südostens, die Rußland, Deutschland und Italien von allzu enger Nachbarschaft bewahrt, in einen gemeinsamen Rahmen zu fassen, um sie vor allem jeder neuen deutschen Südostexpansion entgegenzustellen. In dem Maße, als die deutsche Einheit fortschreitet, bedarf ganz Europa, daher auch Rußland und Amerika; .des Einbaues der donauländischen Einheit, die Oesterreich einschließt, in das europäische Gesamtgefüge. Schon die Wiedervereinigung der beiden Deutschland von heute, erst recht aber die Neuschaffung eines deutschen Einheitsstaates, wird Vorkehrungen unter den Dönau-völkern, einschließlich unseres- Volkes, erheischen, durch die einer Reorganisation der deutschen Staatenwelt (mit dem darin latent

enthaltenen Gefahrenmoment für, ganz Europa). i ein Gegengewicht geboten wird. Statt bloß das machtpolitische Schwergewicht der einen Hemisphäre gegen die andere zu verstärken, soll auch Deutschland der allgemeinen Mittlerfunktion des Südostens u n d' Nordwestens von Mitteleuropa dienen; dies aber kann in erster Linie durch die donauländische Abriegelung seiner naturhaften Expansionstendenzen erreicht werden.

Daß auf österreichischer Seite ein solcher Beitrag ebenso realistisch von der gegebenen Mächtekonstellation und Weltlage ausgehen muß, wie er nicht minder auch die geistigen Werte der österreichischen Geschichte und Ueberlieferung in die Waagschale zu werfen hat, darf als unbestreitbar gelten. Letzteres hat nichts mit dem Romantizismus oder dem Abenteuer zu tun, das auf die Veränderung der ~ Staätsform ausgeht, die keine innerösterreichische Frage allein ist. Es ist hoch an der Zeit, daß gerade die politisch denkenden Kräfte im konservativen Lager über alle Träumereien hinweg einerseits der konstruktiven Aufgabe donauländischer Verknüpfung auf dem Boden de internationalen Status quo dienen 'ernen, anderseits gefühlsmäßig und verstandesmäßig in dem großen spirituellen Anliegen, das, aus der österreichischen Vergangenheit in die unbekannte Zukunft'weisend, in der Gestalt des letzten österreichischen Monarchen verkörpert ist, ihr Genügen finden.

Durch die Aktualität des Donauproblems, dessen zunehmende Neutralitätsbedeutung mit der abnehmenden Blockzugehörigkeir der beiden Deutschland kausal verknüpft ist, rückt Oesterreich mit einem Schlag in die Funktion einer Weltachse, durch die unser kleines Land zu einem Partner weltpolitischer Entscheidungen zu werden vermag. Diese werden auf absehbare

Zeit im Sektor der Atompolitik fallen, sei es in der gemeinsamen Vorbereitung auf eine Weltfriedenswirtschaft der Weltmächte, sei es in der trotz aller gegenteiligen Bemühungen dennoch eintretenden Atomkatastrophe. Letztere mit allen verfügbaren Mitteln, die keineswegs mehr an den veralteten Kategorien militärischer nationaler Ehre gemessen werden dürfen, verhindern zu helfen, wird damit auch für Oesterreich in seiner Schlüsselposition zu einer vordringlichen Aufgabe, vor allem soweit eine kooperative Neuordnung des Donauraumes dazu beitragen kann. Aber auch ersteref, der amerikanisch-russischen Weltfriedensatomwirtschaft, sich nicht restlos und haltlos hinzugeben, wie überhaupt dem bloß Technischen gegenüber die Würde und Herrlichkeit des Menschen zu behaupten, kann wohl zu einer außerordentlich wichtigen Aufgabe des Staates zwischen den Fronten- werden, wenn wir seine geistige Mittler-Funktion, damit aber auch seine Nichtzugehörigkeit zu beiden Weltkonstellationen logisch zu Hnde denken. Hier steht vor allem die Identität des österreichischen Bauerntums, also die ..Rettung des Dorfes“, auf dem Spiele, mit der wieder unsere nationale Individualität steht und fällt. Aller Patriotismus Wiens kann die Ausmerzung dieser Identität nicht aufwiegen. Mit dem Bauerntum fiele gleichzeitig eine Fülle von Werten der Volksernährung und der Volks-gesündheit, die gerade durch die Ueberspitzung des Technischen in der modernen Zivilisation Von den am mutigsten vorwärtsstrebenden wis-' senschäftltchen Kräften wiederentdeckt zu werben beginnen. Diese Verknüpfung läßt in der diesseitigen Sphäre allein bereits auch die industriell-sozialistische Hälfte des Volkes in höchstem Maße an dem Schicksal der agrarischkonservativen Hälfte interessiert erscheinen.

In solcher Perspektive gewinnt, vordem allein von einer winzigen Gruppe in der Wildnis gepredigt, heute aber zur Gesamtüberzeugung der breiten Massen des Volkes, ja geradezu zum ungeschriebenen Staatsgrundgesetz geworden, neue geistige Bedeutung: die Koalition der beiden -staatstragenden Parteien. Wenn diese bisher bloß eine „Vernunftehe“ war (NR Prinke), so- wird sie entweder in den entscheidenden Grundfragen unserer nationalen Existenz in absehbarer Zeit dennoch zu einer „Liebesehe“ werden müssen („ein einig Volk von Brüdern“), oder aber sie wird wieder auseinandergehen. Denn Menschen lieben einander mit vollem Bewußtsein, oder sie beginnen einander immer mehr zu hassen. Dabei bleibt es gewiß durchaus denkbar, daß die „Koalition im Räume“, das Miteinander der Parteien in der Regierung, unter gewissen Voraussetzungen später einmal auch durch die „Koalition in der Zeit“, das Nacheinander verschiedener parteipolitischer Staatsadmihistrationen mit ebensolchen Staatsoppositionen, abgelöst werden wird, wenn nämlich dafür die Staatsgesinnung des ganzen Volkes reif genug geworden ist.

Gewiß hört man viele berechtigte Kritik an dem Funktionieren der Koalition (die zur „Sweipar'teicndiktatur“ entartet, wo sie auf-höri/, der Zweiparteiendienst am gemeinsamen Staate, zu sein), wenn man als Neuankömmling sich von Bregenz über Innsbruck, Salzburg und Linz* längsam bis nach Wien voranarbeitet. Es ließe sich auch eine Fülle von konstruktiven Maßnahmen denken, wodurch eine solche gefährliche Verengung des doppelköpfigen, aber identischen Parteiinteresses an dem Nichtvorhandensein einer echten Opposition aufgelockert werden könnte. Gerade am amerikanischen Beispiel wäre manches zu lernen, da dort nicht minder das Zweiparteiensystem zur Gruhdstruktur des Staates gehört.

“Eine große Aufgabe in diesem Rahmen fällt immer wieder dem Christentum in Oesterreich ;zii. Der gewaltige Fortschritt der letzten beiden Jahrzehnte, der sich dem so lange Abwesenden offenbar stärker aufdrängt als vielen dauernd .Anwesenden, liegt darin, daß sowohl die österreichische Kirche als auch der österreichische Sozialismus die“ Vereinbarkeit von parteipolitischem Bekenntnis zu sozialistischem Einsatz und Aufbau einerseits und von konsequentem, 'praktischem katholischem Glaubensbekenntnis anderseits anerkannt hat. In dieser geistigen Annäherung von Katholizismus und Sozialismus Hegt ein innerer Fortschritt, der das eigentliche -geistige' Rückgrat der österreichischen Staäts-koalition werden könnte. Irgendwie werden alle österreichischen Sozialisten einmal wieder katholisch werden'müssen, wenn sie die Gesellschaft tatsächlich verwandeln wollen, so wie umgekehrt alle konservativen Oesterreicher, welcher sozialen Schichte immer, das volle Verständnis für die sozialistische Ideenwelt in ihren Leistungen innerhalb des industriellen Sektors werden gewinnen müsseh. Das Ziel jeder Staatspolitik, die aus zwei Parteien resultiert, kann immer nur sein „ein einig Volk von Brüdern“, das nicht nur weltanschauliche Toleranz übt, sondern in letzter Linie aus gemeinsamen nationalen-, weltanschaulichen Prämissen seine Bruderschaft ableitet, auch wenn sie sich in unterschiedlichen geistigen Einsätzen und Leistungen darstellt. Wir Christen wollen ohne Abstrich, daß alle Sozialisten wieder Christen werden. Wir müssen daher auch das legitime Recht der österreichischen Sozialisten auf die korrespondierende Haltung anerkennen. Erst auf solcher Grundlage wird Oesterreich vollendet sein ohne daß deshalb ein gesunder sozialer Wettstreit, die Interessenspannung, die im Wesen der modernen Industriegesellschaft liegt, ein naturgegebener Antagonismus, den allein schon Stadt und Land begründen, wegfallen müßte. Denn .wir werden immer Aermere unter uns haben, denen die Reicheren freiwillig etwas von ihrem Lieberflusse geben können, immer aber auch Arme, die das sittliche Recht haben, etwas von den Reichen zu fordern, wenn es nicht aus höchstem staatspolitischem Verstände freiwillig gegeben' Wird.

Der österreichische Katholizismus wird immer etwas anderes sein als der holländisch-deutsche oder irisch-amerikanische, in denen es keine Ueberlieferungen und Werte der christlichen Zivilisation gibt, sondern allein die in den weltlichen Bereich hineinragende, ihn aber nicht mehr gestaltende kirchliche Organisation. Hier liegt wohl das Grundproblem, das gerade

in,: Oesterreich mit seiner Idee einer staatspolitischen Koalition von Katholizismus und So-

zialismus um ein gutes Stück der Lösung nähergebracht werden kann. Es gibt ein Christkönigsthema, das in tragischem Mißverständnis des Christkönigsevarigeliums (Joh. 18, 33-37) diese Welt mehr oder weniger aufgibt, um auf die andere Welt allein alles religiöse Augenmerk zu lenken. Darin liegt nicht die eigentliche evangelische Antithese. Im Evangelium handelt es sich überall einerseits um das heidnischjüdische Getriebenwerden von dieser Welt, anderseits aber um die christliche Gestaltung dieser Welt, niemals um die Preisgabe oder die Flucht oder die Gleichgültigkeit. Die echt? Botschaft Christi ist die Gestaltung dieser Welt aus den Kräften der religiösen Erlösung, die er erschlossen hat. Diese Aufgabe kann und soll die Kirche die Völker lehren, und sie tut es allein schon dadurch, daß sie das Evangelium bewahrt und verkündigt. Durchführen jedoch in der viel-dimensionalen, konkreten Wirklichkeit der Welt und des Lebens muß diese Lehre in erster Linie ein selbstbewußtes, standesbewußtes, zivilisationsbewußtes, freies christliches Laientum, das weiß, was es will, seine Straße aber in Demut und Geduld durchmißt. Dieser „Programmpunkt“ ist kardinal wie kein anderer; er freilich ist dem Christentum als einem Zusammenhang der Generationen auf dieser Erde aufgegeben. Erst in dieser Hinordnung des Christentums auf die Zivilisation, auf die Gestaltung der Erde, erfüllt es sich. Erst dadurch wird Christus, der als historische Realität, nicht als Mythos über die Erde ging, auch durch uns und in uns wieder zur historischen Realität, wenn wir in ihm und

durch ihn die Erde verwandeln. Wö immer die Christen dies nicht mehr vermögen oder gar nicht mehr wollen, ist das Salz der Erde schal geworden.

Dem Heimkehrer nach Oesterreich, ja nach Europa, wird vielfach berichtet, wie satt im Grunde dieser alte Kontinent geworden ist, wie materialistisch seine Jugend, wie wenig hoffnungsvoll daher die Zukunft. Dasselbe gilt freilich auch von anderen Kontinenten. Gerade Europa aber hat noch etwas übrig, was die anderen nicht haben. In dieser alten Welt allein muß es sich in letzter Linie bewähren, was auch für diese Gegenwart noch die Geschichte des Geistes der Väter, die uns vorausgegangen sind, bedeutet. Ich selbst habe in den letzten Jahren auf einem anderen, in vielen Stücken aber durch unsere eigene Veränderung uns immer ähnlicher werdenden Kontinent, der jedoch keine alte Geschichte hat, aus nichts stärkeren moralischen Gewinn gezogen als aus der Geschichte des Frühchristentums, dessen Zeugen auch auf alpen- und donauländischem Boden immer stärker hervortraten. Als ich am ersten Tage meines Wiener Aufenthaltes Heiligenstadt besuchte, fand ich in der dortigen archäologischen Entdeckung (dem St.-Severins-Grab, wie wir überzeugt sind) und in der darauf abgestellten liturgischen Erneuerung die Bestätigung dessen, was ich erhofft hatte. Man muß gar keinem vagen Optimismus huldigen, Um in solchen Zeichen den Gegenbeweis gegen einen weitverbreiteten

Pessimismus zu rinden. Der grundlegende negative Tatbestand in der Zivilisation von heute auf allen Kontinenten soll dabei gar nicht geleugnet werden. Es gibt aber elementare Gegengewichte, die vermutlich dem Heimkehrer stärker ins Auge springen. Es gibt eine große historische Chance, die gerade Oesterreich hat. Es gibt noch immer eine österreichische Geistesgeschichte, die lebendig hinter uns steht, wo immer man sie auch anrührt. Es gibt gegenüber veräußerlichten Massen verinnerlichte Auslesen, die schon seit Gideons Tagen mehr zu wiegen pflegen. Es gibt hier Entwicklungsmöglichkeiten, die das liebende Auge des Heimkehrers schärfer sieht als derjenige, der immer beim Vater war.

In meinen ersten. Wiener Tagen war ich gepackt und bewegt von den Wochentagsgottesdiensten in einer Vorstadtkirche unserer Kala-santiner. Gewiß, es sind vorwiegend alte Leute. Aber Gott sieht nicht auf das Alter. Es schien mir, als ob die Väter und Mütter dieser Stadt und dieses Landes in Inbrunst ringen würden um die Seelen ihrer Kinder. Es mag sein, daß die Alten allmählich abtreten, ohne daß gleichviel Junge schon nachgewachsen sind. Aber noch sind diese Alten ein Wert und eine Größe, wie sie nicht alle Kontinente besitzen. Noch ist die Stunde der Gnade, noch ist uns der Kairos, der historische Augenblick gegeben, damit wir ihn ergreifen. Wie lange noch? Es ist ein Privilegium, sich in Reihen einordnen zu dürfen, denen so viel anvertraut ist.

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