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Vermächtnis eines Großen

Die Erschütterungen im Gefüge der menschlichen Gesellschaft folgten einander seit dem ersten Weltkrieg rascher und die Intervalle der ruhigen Besinnung wurden kürzer. Schon hat, wer heute versucht, eine vorläufige Bilanz der Veränderungen aufzustellen, auf der Verlustseite des historischen Hauptbuches eine Liste moralischer und sachlicher Werte einzutragen, die einst hoch im Kurse standen. Die Monarchien sind selten geworden. Der Adel ist vielfach de-possediert. Und das Bürgertum, das sich stolz für den starken Erben hielt, kämpft mühsam um die Erhaltung unterwaschener Stellungen. Wo sind die einst so machtvollen Wortführer der Gewerbe- und Handelsfreiheit, die Bank- und Industrieherren„ vor denen früher die Tore der höchsten Ämter weit aufsprangen? Eingeklemmt zwischen staatlichen, gemischtwirtschaftlichen und kontrollierten Betrieben, abhängigen Geldinstituten und allen möglichen Formen der Lenkung, Planung und Überwachung, gehemmt durch Devisen-, Paß- und Handelsvorschriften, ringen die Direktoren in Industrie und Handel, Nachfahren sagenhaft gewordener Wirtschaftskapitäne, um letzte Möglichkeiten für persönliche Initiative und Verantwortungsfreudigkeit. Daß das alles mit Berufs- und Interessenvertretungen dünn überschleiert wird, ändert nichts am Charakter dieser Staatswirtschaft.

Nicht viel anders sieht es in der Arbeiterschaft aus. In vielen Staaten ist die altberühmte Koalitions- und Gewerkschaftsfreiheit durch die freiwillig, wie gesagt wird, oder gesetzlich eingeführte Einheitsgewerkschaft aufgehoben, und wer Ausschau hält nach einem Arbeitsplatz, der den persönlichen Fähigkeiten und Neigungen entspräche, also zugleich Broterwerb und innere Befriedung gewähren solle, gerät in die Paragraphenarme staatlicher Arbeitsämter, denen allzuoft auch die parteipolitische Unabhängigkeit abgeht.

Der frühere internationale Gedanken- und Erfahrungsaustausch ist unter den Hemmungen des Reiseverkehrs eingeschrumpft, und sogar die Zusammenkünfte verwandter Parteien kommen nicht recht- in Schwung, trotz der Bedeutung, die ihnen über den näheren Zweck hinaus zukommt als Sicherungen gegen „eiserne Vorhänge“, wie sie allenthalben auftauchen, wo Ideologien oder Interessen die öffentliche Meinung einseitig regulieren dürfen.

Auf diesen Hintergründen spielt sich die innere Politik ab mit ihren häufigen Versuchen, die heute an sich so begreifliche Neigung zur Unruhe auszunützen, um im Namen einer Demokratie Pläne eigener Machtergreifung voranzubringen. Die schlichte Demokratie tut es dabei selten, meist sind diese Meneure Bindestrichdemokraten: Volks-, Wirtschafts-, Gewerkschafts-, Betriebs- und sonstige Demokraten. Ihnen kommt es wirklich nicht darauf an, daß der Demos-Volk das Kratos, die Macht der Selbstregierung, bekommt oder behält, ihnen liegt nur an der eigenen Vorherrschaft. Als unter dem Hakenkreuz die Insassen der Zellen und Lager heimlich über die künftige Ordnung im freien Vaterland flüsterten, dachten sie anders; sie wollten alle nichts als die Sicherung der Freiheit der Heimat und ihrer Menschen durdi eine ehrliche demokratische Verfassung in Gesetz und Praxis, aber keinerlei Sonderdemokratien als täuschende Etiketten von Sonderinteressen.

Ist das Schauspiel dieser Wirrungen und Irrungen nur durch die Not des Augenblicks bestimmt oder wirken Kräfte der Tiefe mit, die durch seelische Veränderungen entbunden wurden? Wir reden vom Volke und seinen Integrationen in Staat und Gesellschaft; hat aber heute das Wort Volk noch den Sinn, den man früher ihm zugeschrieben hat? Ist das Volk nicht seit einiger Zeit- in der sehr ernsten Gefahr, amorphe Masse zu werden?

Als die Binnenwanderungen alten bodenständigen Volkstums im 19. Jahrhundert einsetzten, gerufen von der Aussicht auf Arbeit in neuen Industriezentren, tra“f der Stoß auf ein Volk, das sich als innige Gemeinschaft empfand und doch bewußt war, daß sein Wesen auf den Werten der Persönlichkeit ruhte. Die Spannung beider Pole gab seinem Leben Sinn, Kraft und Freude. Den einfacheren Grundlagen der früheren Wirtschaft entsprediend, war der Besitz zum Garanten der Freiheits- und Rechtsordnung erhoben worden. Nun aber trat gerade an diesem Punkt die Zersetzung ein. Immer mehr Familien blieben ohne Besitz; redlicher Fleiß, sittliche Lebensführung und Tüchtigkeit vermochten nicht mehr das Schicksal der Besitzlosigkeit abzuwenden. Also bildete sich hier im Räume der wirtschaftlich-sozialen Umgestaltung eine seismische Linie heraus.mit tieferen Einsturz-becken. Sie verstärkte eine ältere Bruchlinie in der seelischen Struktur: die Entchrist-lichung des einzelnen und der Gesellschaft. Der mittelalterliche Mensch zeigte noch das ergreifende Bild des Ringens mit heidnischem Erbe; nicht immer siegte er, aber stets erkannte er. Unrecht als Unrecht an, und er war zu harter Sühne bereit. ,In seinen Domen und Kunstwerken, Epen und Lie dern erfühlen wir seine kämpfende und leidende Nachfolge Christi. Denn ihm war Gott der Ausgang alles Seins, da oberste Ziel, sein Wille das heilige Gesetz. Anders der moderne Mensch. Die meisten der, bewunderten Renaissancehelden, deren Enkel er ist, waren großartige Übeltäter, und ihr oberstes Gebot, das alles rechtfertigte, war der Genuß der Macht oder der Sinne. Die Großartigkeit hörte auf, jedoch der Gottesbegriff war nun für viele farbloser, zerfloß in neuheidnischem Unglauben oder in einem harmlosen Deismus, den auch der Spötter hinnimmt, weil er zu nichts verpflichtet. So wenig die Condottieri und Gewaltmenschen der Renaissance vom Nationalsozialismus und materialistischer Geschichtsauffassung wußten, sind sie doch die Ahnherren der halbheidnischen Gegenwart, die zugleich eine Periode drohender Auflösung des wahren Wesens des Volkes ist und des Einbruchs der Vermassungsgefahr.

Die Größe dieser Gefahren erkannten wir plötzlich, als die hitlerische Verfolgung die altgewohnten Binden von den Augen riß, die uns gehindert hatten, die Wirklichkeit zu sehen. Nun erfaßten wir, wie Hitler seine unglaubliche Macht über Millionen ihm blind gehorchender Menschen zu gewinnen vermochte. Verliert der Mensch die Kraft der christlichen Liebe, so sinkt er in die „dunkle Masse“ ab, die nur von der Utilität, vom materiellen Vorteil getrieben, zusammengehalten oder zersprengt wird. Mit der Entleerung der Seele verliert der Mensch auch die Fähigkeit zur echten, das ist in Gottes Willen ruhenden S!ttlichkeit, er verlernt daher auch, Elemente der Führung zu erwählen und sie. in Verantwortung zu halten. Folglich büßt er das innere Selbstvertrauen ein und verfällt den Verlockungen eines Phantoms absoluten Führertums, das ihm .es verheißt und ihn der quälenden Selbstentscheidung scheinbar enthebt. Die Unruhe des Gewissens übertönen scheinromantische Erinnerungen an verschollene Zeiten und die stimmungsschwere Vorstellung einer Gefolgschaftstreue, die wieder einen Rest christlichen ^^fcsens verzehrt. So führt die Tötung der christlichen Liebe zum Verluste der selbstbewußten Persönlichkeit und zur Hingabe an die wilde Totalität des Führer-Diktators.

Noch ein anderer Pfad mündet in das gleiche Elend, ein Irrweg des Geistes. Verführt durch hochmütige Irrlehren, sagt der Mensch dem Glauben an die Sendung des Geistes ab, übergibt sich dem Aberglauben an die Alleingewalt des Willens, einer Fehlgeburt des kategorischen Imperativs, und findet sich bald in der trostlosen Sackgasse der Zwangsläufigkeiten wieder, in denen die Willensfreiheit zu ersticken droht.

Daher die Schwäche des modernen Menschen und sein Schwanken von Extrem zu Extrem. Manchmal bricht schon das brutale Gesetz der Horde aus uralter Versenkung auf; denn es wird dort zur letzten Zuflucht, wo die Verantwortung vor dem ewigen Richter zerstört wurde. Echte Sittlichkeit setzt eben das Bewußtsein der Verantwortung nicht vor mitsiindigen Menschen, sondern vor Gott voraus. Wo mit der Liebe das Gewissen ertötet ist, bleibt die blasse Furcht vor der Strafe die letzte Stütze des positiven Rechtes. Solcher Nihilismus findet sich aber beileibe nicht nur ip den Massen, die aus Fabrikstoren quellen, sondern auch in den Hörsälen der Universitäten, aus denen der Name Gottes verbannt ist. Wer die religiösen Werte preisgibt, der stürzt die Wertordnung um, die der demokratischen Freiheit das Leben gibt.

Heute drängen sich diese Überlegungen mit besonderer Wucht auf, weil die Labilität völkerrechtlicher und politischer Provisorien, an sich Sorge erregend, um so bedenklicher wird, je größer die Zahl der Menschen ist, die in solcher Lage die konstitutiven Schwächen verraten, die dem Massenmenschen eigentümlich sind. Suchend wendet sich darum der Blick zu der jüngeren Vergangenheit, um aus Vergleichen Gewinn und Stärkung zu ziehen. Schon einmal befand sich Österreich in ahn! lieh schwerer Lage, damals, als es den kärglichen und bis zum Weißbluten beraubten Rest reichen alten Territorial- und Volksbestandes zu einer armen und kleinen Republik konstituieren mußte. Dies inmitten einer Geldentwertung, die bis dahin ohnegleichen schien. Damals erhob sich im Dienste des geschwächten und verarmten Vaterlandes eine Persönlichkeit, die das Wissen des Gelehrten mit der Weisheit des Priesters und der sittlichen Höhe des ringenden Christen vereinigte. Ungewöhnliche staatsmännische Begabung ließ ihn an die undankbare Arbeit sich wagen, die dem Nichts zugleitende Währung zu stabilisieren und die Staatsfinanzen zu sanieren. Damals hatte die innere Zersetzung des Volkskörpers noch nicht den S'ditbaren Grad erreicht wie heute. Man schrieb gewisse betrübliche Erscheinungen des Staatslebens daher der Hemmungslosigkeit machtbegieriger Gegner zu, die nicht einmal in historischer Stunde den Mut fanden, zur Rettung des Volkes und Vaterlandes vor dem Abgrund der Wertzerstörung auf die Demagogie zu verzichten. Und doch wies damals die Zeit bereits Symptome auf, die uns heute allzu bekannt anmuten. Mitten in der Not des Volkes verpraßten Schieber und Schleichhändler riesige Summen, die sie darbender Armut abgezwackt hatten. Indessen die Vielen sich mühten, die zerrüttete Wirtschaft wieder in Ordnung und produktiven Gang zu setzen, standen die Wenigen, aber ■ noch immer Zahlreichen müßig-spielerisch beiseite. Damals ergriff Ignaz Seipel in öffentlichen Versammlungen das Wort: Man solle sich nicht wundern, wenn er nun weniger von eigentlich politischen Dingen und mehr von Fragen der Moral und der Gesellschaftsordnung rede. Er sei aber nicht bloßer Politiker und Staatsmann, sondern vor allem Christ und Priester. Das große Sanierungswerk sei gewiß gut gelungen, die Staatsfinanzen wieder in Ordnung, die neue Währung vertrauenswürdig und fest, also die Fundamente für den wirtschaftlichen Aufstieg gegeben. Das alles sei aber kein Grund, daß Hunderte schwelgen, während Tausende darben. Wem die Gunst einer leichteren Lebensführung lächelt, der dürfe seinen Oberschuß an Kaufkraft nicht vergeuden, sondern solle sie verantwortungsbewußt verwenden. Es genügt nich t,. Staat und Wirtschaft eines Volkes in Ordnung zu bringen, man muß vor allem an die Sanierung der Seelen denken. Die s^tliche Verwirrung habe schon viel früher angefangen, lange vor dem Verfall der Währung, die Wurzeln dieses Übels liegen viel tiefer, an dem sittlichen Wiederaufbau werden wir daher länger und schwerer zu schaffen haben.

Gelegentlich warnte Seipel die Akademiker davor, im gebildeten Spezialistentum das Um und Auf zu sehen. Schon hege der einfache Mann ein Mißtrauen gegen die Doktoren und Ingenieure, weil er fühle, daß sie sich von ihm entfernen und viele von ihnen nicht mehr die selbstlose Hingabe, die lautere Gesinnung beweisen, die das Volk von ihnen erwartet. Wahre Bildung gehe den anderen voraus und lebe ihnen ohne viele Worte ein Beispiel christlichen Lebens vor. Wer dies vermöge, sei ein echter Führer, auch wenn er bei keiner Wahl sich als Kandidat vorstelle und unbekannt in der Stille wirke. Gerade diese Stillen 'im Lande seien für die innere Haltung und Gesundheit des Volkes wertvoller und wichtiger als solche, die geräuschvoll auftreteg und doch bestenfalls nur Geschäftsleute sind, die sich teuer bezahlen lassen.

Als oberster Amtsführer seines Vaterlandes stand Ignaz Seipel jahrzehntelang auf weithin sichtbarer Tribüne und führte dennoch ein Leben stiller Verborgenheit. Die Tageszeitungen schrieben alle Tage über ihn, und doch wußten die Menschen fast nichts von seinem persönlichen Leben, von seinem Ringen mit menschlichen Schwächen und Versuchungen, von seiner schier grenzenlosen Güte und Wohltätigkeit, seiner steten Hilfsbereitschaft, seiner Hingabe ah persönlidie und öffentliche Pflichten, seinem Eifer als Priester und Seelsorger. Er war einer, der sich mühte, so zu leben wie er sprach — als Christ. Er war einer derer, die ihre Persönlidikeit inmitten der trüben Wogen der Vermassung rein und stark erhalten und vielen eine Leuchte und Stütze werden dürfen. Darum liegen heute noch die Blumen der Dankbarkeit auf seinem Grabe.

Wieder sucht unsere Sehnsucht heute Gestalten vom hohen Range eines Ignaz Seipel. Die Zeit ist womöglich noch schwieriger geworden als in seinen Tagen. Die nivellierenden und entsittlichenden Wirkungen des Vermassungsprozesses sind indessen weitergediehen. Die Entleerung der Seelen hat sdilimme Fortschritte gemacht. Um so mehr müssen wir den Mut haben, eifriger und ausdauernder als je, Menschen ohne Unterschied der Richtung zum Bewußtsein ihrer sittlichen Verantwortung aufzurufen. Einer der Großen unseres Vaterlandes ist uns mit seinem Beispiel vorangegangen. Er, der, tödlich verwundet, den tückischen Attentäter gegen die Empörung der Menge schützte, hat uns gelehrt, die christliche Liebe über den Wellenschlag hitziger Kämpfe hochzuhalten und der Verhordung zu wide'stehen bis zum Selbstopfer. Lasset uns das Vermächtnis, das er uns hinterließ, als er vor fünfzehn Jahren von uns ging, in ehrfürchtiger Treue erfüllen!

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