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„Die Einheit in Bedrängnis quot;

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn der politische Patriarch Ernst Koref zur Feder greift, bekommt er Platz in der FURCHE, auch wenn er Formulierungen wählt, die sonst nicht die unseren wären. Seinem Wort sollten alle Demokraten des Landes Respekt entgegenbringen

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn der politische Patriarch Ernst Koref zur Feder greift, bekommt er Platz in der FURCHE, auch wenn er Formulierungen wählt, die sonst nicht die unseren wären. Seinem Wort sollten alle Demokraten des Landes Respekt entgegenbringen

Als Ex-Schulmeister und ExPolitiker, der doch noch nicht ganz ex ist, s'eit meiner Gymnasialzeit dem Humanismus und seit 63 Jahren dem sozialdemokratischen Gedankengut in ehrlicher Uberzeugung verbunden, erlaube ich mir, von der Freiheit der Kritik Gebrauch zu machen. Ich halte es sogar für meine Pflicht! Denn ich empfinde gerade in der jetzigen Zeit das in höchstem Maße, was Friedrich Schiller irgendwo schrieb: „O, wer weiß, was in der Zeiten Hintergrund schlummert!"

Das ist das Motto, das mich — noch einmal! — bewegt, zur Feder zu greifen, mahnend und warnend! Neun Jahrzehnte habe ich durchlebt, acht davon sehend, fühlend und denkend erlebt, und ich bin wohl berechtigt hinzuzufügen: aktiv und passiv.

Die Heimat liegt mir sehr am Herzen. Sie, aber auch die ganze Welt und diese im besonderen, befinden sich in einem Zustand, der zu ernstesten Besorgnissen berechtigt. Von allen Seiten drohen Gefahren und Gewitter. Eines näheren Beweises bedarf es kaum! Man darf, ja man muß nachdenklicher Pessimist geworden sein.

Waffenstarrend stehen die Völker, die Kontinente einander gegenüber. Der Rüstungswahn kennt keine Grenzen, die nukleare Rüstung keine. Hindernisse. Allmählich macht sie nicht einmal mehr vor den Gestirnen halt.

Mitten darinnen in diesem jammervoll-bedrohlichen Zustand befindet sich unser kleines Österreich, zur Neutralität geneigt und sogar verpflichtet! Und doch ist die schicksalhafte Frage nicht unberechtigt: Quo vadis, Austria? Die fragwürdigen Anti-Lateiner mögen mir diese konservative Entgleisung verzeihen. Schon aber übersetze ich zu deren Gunsten: Wohin treibst du, Osterreich!?

i Die Jugend weiß es nicht, sie kann es kaum wissen: Mit vereinten Kräften haben wir uns nach unvorstellbaren Katastrophen, nach Irrungen und Wirrungen, aus Not und Tod in einem weit mehr als halben Jahrhundert tragischer Verwicklungen und Nöte zu einem in der Welt anerkannten, ja angesehenen Staate, zu einer selbstbewußten Gemeinschaft emporgearbeitet. Die Vernunft behielt schließlich doch bei allen Gegensätzlichkeiten immer wieder die Oberhand und wir werden in der Welt beachtet und geachtet, ja vielfach sogar als „glückhafte Insel" bezeichnet.

Und nun scheint es fast so, als ob wir an einer höchst gefährlichen Klippe stünden! Es wankt und schwankt und gärt; wir haben begründeten Anlaß, nachdenklich und besorgt zu sein! Beobachter und Kritiker, wohlmeinende und fragwürdige, behaupten bisweilen sogar, es ginge den Menschen zu gut! Daran mag vielleicht etwas Wahres sein. Wer darum weiß, wie es der großen Mehrheit der Bevölkerung in Stadt und Land vor 60 oder 70 Jahren gegangen ist und wer sehenden Auges über Land fährt, der wird die sozialen Verhältnisse von heute mutig verteidigen müssend

Der Beweise würde es in großer Zahl geben. Landschaft und Wohlstand sind für die Wissenden und die Gerechten leuchtende Beispiele. Der demokratische Weg, den wir schließlich und endlich nach widrigen und bösen Erlebnissen mit reichem Erfolg beschritten haben, hat uns unbestreitbaren Wohlstand und offenkundiges Glück beschieden. Nicht Machtmonopol, nicht Gewaltherrschaft, sondern ein von sieghafter Vernunft gelenktes Spiel der geistigen, wirtschaftlichen und politischen Kräfte war—trotz mancher Mißtöne und unvermeidlicher Konflikte — schließlich immer erfolgreich am Werke.

Der mit Recht vielgerühmten sozialen Partnerschaft und den demokratischen Parteien gebühren für die kräftige, stets wieder bewährte Sicherung des inneren Friedens viel Dank und hohe Anerkennung.

Und nun meinen viele Staatsbürger, eine höchst bedenkliche Lage bahne sich an, die von lauernden, demokratiefeindlichen Kräften weidlich genutzt wird. Man wühlt und nagt am Ideengut der Demokratie und deren Grundlagen. Es ist gewiß nicht zu verkennen, daß Erscheinungen innerer und äußerer Herkunft an dem Zusammenleben der Menschen nörgeln, die aus egoistischen Gründen an beklagenswerten Erscheinungen des Alltags die Institution der Demokratie auszuhöhlen bemüht sind.

Es drohen dem Gefüge der Demokratie in der Tat höchste Gefahren. Man fragt sich nun mit Recht und Besorgnis: Muß das sein? In der Tat, wenn krasser Egoismus und hemmungslose Habsucht zu Mißtrauen, Unfrieden und Hader führen und so der bisher im großen und ganzen herrschende Burgfrieden untergraben wird, dann werden im Gefüge der Heimat, die nur im inneren Frieden gedeihen kann, gefährliche Risse sichtbar.

Man hat den Eindruck, daß diese tief bedauerlichen Erscheinungen immer mehr zu einem grausamen Kampf aller gegen alle führen könnten. Und lauernde, spekulierende Massen nützen alles hemmungslos aus! Dazu kommt als höchst beunruhigender Faktor die unbestreitbare Tatsache, daß ein dritter Weltkrieg nicht auszuschließen ist, dessen Ausmaß alles bisher Dagewesene unvorstellbar übersteigen würde. All dies dürfen wir nicht übersehen oder unterschätzen.

Doch bleiben wir, wenn ich so sagen darf, bei uns zu Hause, denn den von außen drohenden Gefahren vermögen wir ohnehin kaum zu begegnen. Auch die weltwirtschaftliche Entwicklung mit ihren Ausstrahlungen macht vor unseren Grenzen keinen Halt; auch die Folgen der technischen Entwicklung — ich nenne nur die Mikroelektronik — müssen uns zu denken geben.

Der bekannte „Klub von Rom", eine international zusammengesetzte Gesellschaft von weisen Wirtschaftswissenschaftern, die erst unlängst beraten hat, gibt den denkenden Menschen viele Rätsel auf. Es sind sicherlich sehr ernste Folgen zu gewärtigen. Die Entwicklung wird nicht ohne erheblichen Einfluß auf die Beschäftigungslage bleiben, wenngleich darüber verschiedene Meinungen herrschen.

Das Abrüstungstheater versetzt die Welt in höchste Unruhe. Niemand wagt, Prophet zu sein. Die augenblickliche Lage ist durch die Haltung Reagans drastisch, um nicht zu sagen tragisch markiert. Während Breschnew zu Verhandlungen im gegenwärtigen Stadium der Dinge geneigt zu sein scheint (ich lege Wert auf dieses Wort!), redet Reagan sogar von einer energischen Inangriffnahme der chemischen Aufrüstung. Ich wage es auszusprechen: Er ist übel beraten und eine Art weltpolitischer Pendler, ein verhängnisvoll schwankender Präsident des mächtigsten Staates der Welt. Ein Mensch, der daher im besonderen auf dem westeuropäischen Kontinent (NATO) manche Ablehnung und viel Entsetzen verursacht.

Die Unruhe wird immer größer, als sie schon längst andauert und es ist daher kein Wunder, daß sie vor allem die Jugend, und diese sogar in den Volksdemokratien, ergreift. Vergessen wir nicht, die Jugend hat das Leben vor sich, und sie ist vor allem an vorderster Front kampftechnisch das erste Massenopfer. Das gleiche gilt, richtig gesehen, wenn die Atomwaffen und die Chemie — und das ist wohl sicher! - vor allem auf die Zivilbevölkerung im westlichen Teil Europas eingesetzt würden. Und vergessen wir nicht, daß allmählich Unsicherheit und Besorgnis auch die friedfertige Bevölkerung der Republik Österreich erfassen...

„Aussprechen, was ist", war jahrzehntelang unsere demokratische Parole. Ich erinnere meinen verehrten, so verdienstvollen Freund Kreisky daran, daß wir, als wir noch jung waren, nicht selten wider den Stachel gelockt haben. Ich hoffe zuversichtlich, daß er mir mein Bekenntnis zur Freundschaft und Hochachtung auch heute noch erlaubt. Ich darf hinzufügen, daß Kreisky, der schon zwölf Jahre in härtester Zeit Österreichs so erfolgreicher Regierungschef war und ist, von hingebungsvoller Arbeit und schwerster Verantwortung belastet und von zeitweiligem Ubelbe-finden beeinträchtigt, manchmal, wen würde es wundern, unwirsch reagiert!

Daß aber wir Sozialisten und alle ehrlichen Demokraten in dieser so harten Zeit zusammenfinden und zusammenstehen müssen, versteht sich wohl von selbst. Gerade jetzt, da ein arges Krebsübel an der Demokratie nagt, das deren Feinde hemmungslos mißbrauchen, weil dieser Mißbrauch einträglich ist, ist der in letzter Zeit von ernsten Seiten ohnehin oft genannte Konsens absolute Notwendigkeit.

Ja, mehr als dies: Es ist aus den flüchtig berührten Gründen höchste Zeit und höchste Notwendigkeit, daß alle drei politischen Parteien, die für die Zukunft von Volk und Heimat schließlich doch verantwortlich zeichnen, um der Demokratie und der harten Probleme willen weitgehend zu gemeinsamen Losungen und Lösungen gelangen müßten!

„Sind alle Politiker Gauner?" u.a. (großgedruckt) ist meines Erachtens ein Fleck auf der Ehre der Journalistik. Ich weiß, daß mir diese Äußerung nicht wohlbekommen wird; aber ich halte sie aufrecht.

Tausende von aktiven, opferbereiten Funktionären der demokratischen Parteien stehen — größtenteils völlig freiwillig und unbezahlt—im Dienste der Sache. Das häßliche Dutzend der Übeltäter ist eines „Pfui Teufel" und strenger Bestrafung und der Verachtung wert. Wo Menschen werken und wirken, gibt es halt nun einmal — leider — Schandflecke x darunter.

Reinemachen bis zum Letzten und Äußersten ist die Parole! Bemühen wir uns allüberall und jederzeit, daß Krebs und Pest vom Volkskörper schonungslos und gründlich ferngehalten bzw. beseitigt werden. Reinheit der Demokratie muß und wird wieder unsere Grundfeste bilden. Wo Diktatur herrscht, herrschen rundum in der Welt Elend und Not, Unfreiheit und Schreckensherrschaft. Der Galgen ist ihr Symbol.

Ich rufe und mahne zur Besinnung: Der Idealismus muß wieder Wegweiser werden! Nicht Justa-mente, sondern Argumente müssen obsiegen! Ich kann nicht umhin, eine lateinische Mahnung, diesmal gleich in deutscher Ubersetzung, an den Schluß meines bestens gemeinten Appells zu setzen: In Bedrängnis die Einheit, im Zweifel die Freiheit, in allen Dingen die Wahrheit!

Der Autor war jahrelang Bürgermeister von Linz, Abgeordneter zum Nationalrat und Mitglied des Bundesrates.

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