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Friedenswille zwischen Ost und West

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Die Sorge aller ernsten Christen um den Frieden ist bekannt — ist audi den schärfsten Gegnern des Christentums bekannt, und es wird deshalb immer wieder versucht, sie in Dienst zu nehmen. Den bedeutendsten Versuch dieser Art in letzter Zeit stellt wohl das „Internationale Initiativkomitee zur Lösung der deutschen Frage ohne Militarismus, in Frieden und in internationaler Zusammenarbeit“ dar, dem unter anderen auch eine Reihe angesehener französischer Katholiken angehören, an dessen Spitze Jean-Marie Domenadi, der Chefredakteur des von Mounier begründeten „Esprit“ steht. Zu seinen Kongressen in Basel, Paris, zuletzt in Dänemark, hat es auch eine Reihe von Österreichern eingeladen, unter ihnen den Verfasser dieses offenen Briefes, der als ein katholischer Kriegsgegner bekannt ist. Die „Österreichische Furche vei öffentllcht dieses sehr persönliche Bekenntnis als ein Dokument, welches eindrucksvoll bezeugt, daß es selbst dem bis an die äußersten Grenzen des Entgegenkommens vorstoßenden Christen gegenwärtig nicht möglich ist, an diesen vom militanten Weltkommunismus gesteuerten und ferngelenkten Friedenskonferenzen teilzunehmen, ohne das Christentum und ohne den Frieden, der ein unteilbarer Ist, zu verraten.

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Die Sorge aller ernsten Christen um den Frieden ist bekannt — ist audi den schärfsten Gegnern des Christentums bekannt, und es wird deshalb immer wieder versucht, sie in Dienst zu nehmen. Den bedeutendsten Versuch dieser Art in letzter Zeit stellt wohl das „Internationale Initiativkomitee zur Lösung der deutschen Frage ohne Militarismus, in Frieden und in internationaler Zusammenarbeit“ dar, dem unter anderen auch eine Reihe angesehener französischer Katholiken angehören, an dessen Spitze Jean-Marie Domenadi, der Chefredakteur des von Mounier begründeten „Esprit“ steht. Zu seinen Kongressen in Basel, Paris, zuletzt in Dänemark, hat es auch eine Reihe von Österreichern eingeladen, unter ihnen den Verfasser dieses offenen Briefes, der als ein katholischer Kriegsgegner bekannt ist. Die „Österreichische Furche vei öffentllcht dieses sehr persönliche Bekenntnis als ein Dokument, welches eindrucksvoll bezeugt, daß es selbst dem bis an die äußersten Grenzen des Entgegenkommens vorstoßenden Christen gegenwärtig nicht möglich ist, an diesen vom militanten Weltkommunismus gesteuerten und ferngelenkten Friedenskonferenzen teilzunehmen, ohne das Christentum und ohne den Frieden, der ein unteilbarer Ist, zu verraten.

„Die österreichische Furche“

Sehr geehrter Herr Domenach!

Verzeihen Sie bitte, daß ich erst heute Ihre drei so freundlichen Einladungen zur Teilnahme an der „Conference internationale pour la solution du Probleme alle- mand“ beantworte. Es war nicht nur die zeitliche Bedrängnis, die mich bisher zurückhielt. Ich war auch damit beschäftigt, in meinem Bewußtsein zu klären und zu formulieren, was in mir von Anfang an gegen eine Teilnahme an Ihrem Untere nehmen sprach. Ich glaube, heute so weit zu sein, Ihnen die Bedenken, die meine Ablehnung veranlaßten, im einzelnen mit- teilen zu können und bitte Sie herzlich, den in einigen Punkten zusammengefaßten Erwägungen Ihr Verständnis zuzuwenden.

Österreich wird durch die in Ihrem ersten Brief genannten Persönlichkeiten nicht reell repräsentiert. Sie würden im Ausland ein Bild Österreichs vermitteln, ä’äs vielleicht einem seiner Wesenszüge, aber keineswegs seiner Gesamtwirklichkeit entspräche. Sofern diese Persönlichkeiten scharf profiliert sind, stehen sie in Opposition innerhalb der Gruppen, denen ßie zugerechnet werden. Sofern die Eingeladenen aber — zumindest in den Augen der Öffentlichkeit — zuwenig Profil haben, sind sie wohl noch ungeeigneter, für mein Land mit seinen Besonderheiten stellvertretend zu sprechen und zu handeln.

Die Namen der Mitglieder des „Initiativkomitees“ verstärken den Eindruck einer unglücklich getroffenen Auswahl bedeutend. Hier scheint mir allerdings neben den oben erwähnten Mängeln doch eine Absicht vorzuliegen, die eben darum verstimmt, weil sie nicht merkbar sein soll.

Zu alldem kommt, daß sich unter den von Ihnen oder mit Ihrer Hilfe Eingeladenen und unter den österreichischen Angehörigen des „Initiativkomitees“ kein einziger demokratisch gewählter Repräsentant meines Landes befindet, dies im Gegensatz zu den Delegationen anderer Länder. Gewiß wäre es falsch, nur Persönlichkeiten aus der politischen Sphäre zu wählen. Aber es ist mindestens ebenso falsch, sich über die gewählte Repräsentation eines Volkes einfach hinwegzusetzen.

Es ist auch ein Wort über jene Christen zu sagen, die die Verbindung zwischen Ihnen und mir hergestellt haben. Möglicherweise sind sie sich dessen nicht bewußt, daß sie ihren Glauben einem durchaus irdischen Zweck unterordnen: nämlich der Erhaltung eines Weltfriedens, unter dem sie nota bene etwas ganz anderes verstehen als eine sehr große Anzahl anderer Christen in West und Ost und wohl auch als Sie und die meisten Ihrer französischen Freunde, Herr Domenach! Ich kann mich, um deutlicher zu werden, des Eindrucks nicht erwehren, daß diese Menschen, so gut sie es meinen mögen, nicht etwa den Frieden wollen, weil sie Christen sind, sondern mit Hilfe des Christentums und der Christen eine einseitige Schwächung des westlichen Potentials erreichen wollen. Gewiß soll in Rechnung gestellt werden, daß auch der Furcht vor einem neuerlichen deutschen Überfall eine gewisse Rolle spielt, eine Furcht, die gerade auf Grund der Erfahrungen begreiflich erscheint, die Ihr Land und das meine gemacht haben, Herr Domenach! Und doch — kann man sich nicht vorstellen, daß auch diese Furcht in erster Linie einen willkommenen Motor böte zur Erreichung des eben genannten inoffiziellen Hauptziels?

Ich möchte vor aller Welt keinen Zweifel darüber lassen, daß ich mit zunehmendem Lebensalter als Christ ein immer überzeugterer Gegner der Gewalt und der gewaltsamen Auseinandersetzung geworden bin. Außerdem bemühte ich mich nach Kräften und mit Erfolg, überall das Gute und das Böse zu sehen, weil bekanntlich kein Irrtum existiert, in dem nicht auch eine Quantität Wahrheit, eine schätzenswerte Bemühung und die Möglichkeit zum gnadenhaften Wirken Got tes enthalten ist. Sehen Sie, hierin glaube idi mich von den Kommunisten und ihren Bundesgenossen deutlich zu unterscheiden. Diese halten — auch offiziell — nur die eigenen Bestrebungen für wirklich gut. Wer nicht zu ihnen steht, ist ihr Feind oder gilt zumindest als „verwirrt“. Außerdem bekenhen sie sich in Wort und Tat zum Glauben an die Macht und die Gewalt. Untersuchen wir nicht, ob diese Haltung eine konsequente Folgerung aus dem dialektischen Materialismus ist. Gestehen wir vielmehr zu, daß diese Irrenden vor sich gerechtfertigt sein können. Ich wäre es nicht, Herr Domenach! Schon aus diesem Grunde könnte ich nicht Kommunist sein und nicht in seinen Diensten stehen, sosehr ich Wert darauf lege, die Kommunisten als Christ zu verstehen. Und Sie werden begreifen, daß ich über diese klare Grenzziehung im Interesse der christlichen Friedensaufgabe nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen möchte.

Evangelium und Vernunft lehren, daß man mit der Abrüstung, das heißt aber mit dem tätigen Willen zur konzilianten Lösung aller Fragen, bei sich selbst beginnen muß. Dazu gehört auch die Entschlossenheit, im Falle eines Angriffs — sei er nun in den Augen des Gegners gerechtfertigt oder nicht — nicht zurückzuschlagen. Das ist freilich eine bitter riskante Sache. In Frankreich haben Sie sich als Nation damit noch viel ernster und dringlicher auseinanderzusetzen als wir in Österreich oder als die Deutschen, solange sie noch keine Armee haben. Denn es gibt eine (übrigens nicht unbedeutende) französische Armee. Wir aber sind besetzt von fremden Armeen und verfügen über keinen einzigen eigenen Soldaten! Wir sind also als Nation bis auf weiteres auf die gewaltlose Tat verwiesen, ob wir es wollen oder nicht. (Wobei ich betonen möchte, daß man in Österreich über die darin liegende Aufgabe, in der uns auch Gott eine Chance gibt, viel zu wenig denkt und spricht!)

Bei sich selbst beginnen: das kann doch nur so gemeint sein, daß wir als einzelne zunächst Ernst machen gegenüber unseren Versuchungen zur Gewalttätigkeit im persönlichsten Bereich. Erst daraus folgt die Überzeugungskraft zur Bekehrung des Nächsten (dessen, der uns jeweils am meisten nahe ist), zu einer Bekehrung übrigens im vollen Sinn. Denn es handelt sich ja um eine völlige Abkehr von der Gewalt als Mittel zur Erreichung irgendeines Zweckes und um eine kompromißlose Hinwendung zur Liebe Christi, zu deren Wesen es gehört, unter allen Umständen im Angriff zu liegen! Zugleich verlangt diese Haltung unser offenes Bekenntnis innerhalb der naturgegebenen Zusammenhänge: vor der Familie, vor der Öffentlichkeit unseres Landes, vor Europa, vor der Welt. Erst am Ende dieser Kette also steht der Bereich der zwischenvölkischen Beziehungen. Das ist logisch und das allein entspricht dem Wort vom Sauerteig. Wie aber soll ein echter Anfang zum Frieden gemacht werden, wenn wir nicht — in aller Liebe — von Anfang an den Trennungsstrich ziehen zwischen uns und den Dienern der Gewalt?

Die Gesinnung der Gewaltlosigkeit ist riskant, weil man jeden Augenblick darauf gefaßt sein muß, in die Hände von Gewalttätern zu fallen, denen man sich mit seiner Einstellung überaus zuvorkommend und gefällig erweist. Nun, für je mehr Menschen man Verantwortung trägt, desto größer ihre lastende Schwere. Besonders groß ist sie, wenn man zu den Trägem der politischen Verantwortung gehört, wenn man einer der durch das Vertrauen eines Volkes gewählten Mandatare ist. Ich muß hier auch sagen, wie tief bedeutungsvoll es mir erscheint, daß Sie keinen einzigen Politiker unseres Landes (deren Leistungen ich übrigens nicht zu glorifizieren geneigt bin) für Ihre Bestrebungen zu gewinnen vermochten!

Ich bin persönlich gegen die deutsche Wiederaufrüstung, geradeso wie gegen die Arsenale und Armeen aller übrigen Länder in Ost und West. Ich bin auch überzeugt davon, daß die Herstellung jedeT weiteren Waffe, wo immer sie auch geschmiedet wird, ein in großem Leichtsinn begangenes Verbrechen gegen Menschheit und Menschlichkeit darstellt. Ich bin immer bereit, in diesem Sinne meine Stimme zu erheben, wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, gehört zu werden; gehört, aber nicht verwendet zur Erreichung eines verfälschten Zieles. Denn damit würde ich mich ausspielen lassen gegen die Öffentlichkeit meines eigenen Landes. Wollen Sie mich aber kampfunfähig sehen in meinem eigensten Wirkungskreis?

Wir sind uns darüber im klaren, daß Opportunitätsgründe für unser christliches Wirken nicht maßgebend sein dürfen. Fragen wir uns aber trotzdem: Was würde ich mit der Teilnahme an Ihren Konferenzen erreichen? Regierungen und Generale würden sich um mich nicht scheren, weil sie — doch wohl nicht zu Unrecht? — ignorieren, was sich nicht in leidenschaftlich ernstem Bemühen, in überzeugungstreue und unbeirrbarem Wirklichkeitssinn dazu durchgekämpft hat, als seriöse Repräsentanz einer Nation angesehen zu werden. „Ein Schelm, wer mehr gibt, als er hat“, sagt ein Sprichwort unseres Landes. Soll ich meine ohnehin schwachen Kräfte von meinem Lande ab- ziehen und in einer Intemationalität verpulvern, die sich unter Ausschluß der Öffentlichkeit meines Landes konstituiert? Sagen Sie selbst: Wäre es nicht auch eine große Sünde, eine Hybris, an deren Ende die wohlverdiente Verurteilung von seiten der Öffentlichkeit meines Landes als unbewußter Kryptokommu- nist, damit aber als hoffnungsloser Wirrkopf stünde?

Gestatten Sie noch eine letzte Erwägung und, im Anschluß daran, einen positiven Vorschlag: In den meisten westlichen Ländern hat man nicht nur die Möglichkeit, selber den Kriegsdienst zu verweigern, sondern man kann für die „Conscientious objection“ audi ungestört Propaganda machen. Uber eine ähnliche Haltung irgendeiner volksdemokratischen oder der sowjetischen Regierung ist bisher leider nicht das geringste bekanntgeworden. (Muß man übrigens nicht annehmen, daß sie dem Wesen des Stalinismus stracks zuwiderliefe?) Welch ungeheure Verantwortung nimmt man also heute auf sich, wenn man im Westen gegen die Aufrüstung auftritt, weil es nicht verboten ist, obwohl die gleiche Haltung im Osten verfolgt würde! Nicht wahr, würde man das Ohne uns“ leichtfertig verkünden, man wäre schon gerichtet?! Und nun der Vorschlag: Wie wäre es, wenn Sie Ihren polnischen und tschechischen Freunden im „Internationalen Initiativkomitee“ nahelegten, das Gewissen der westlichen Kriegsdienstverweigerer zu entlasten, iiitiem sie bei sich daheim dafür eintreten, den gleichen Kräftenauch im Osten freien Spielraum zu gewähren? Wäre das nicht eine fast selbstverständliche Forderung der Gerechtigkeit? In Zeiten, in denen so viele unter der Fahne des Friedens reisen, bedarf es im Hinblick auf die Sache besonderer Wachsamkeit. Besser auf den Gefährten verzichten, als in seinem christlichen Ziel — dem so oft mißbrauchten! — mißverstanden zu werden. Wir sind zu wenige, um uns dieses Risiko leisten zu können.

Wenn Sie glauben, auf dem rechten Wege zu sein, dann reisen Sie weiter. Meine Anerkennung und Bewunderung ist Ihnen für Ihre Person sicher, welchen Weg immer Sie wählen mögen.

Für das bewiesene Vertrauen und Ihre Bemühungen, deren Reinheit für mich außer Frage steht, herzlich dankend, Ihr

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