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Der Schatten Winkelrieds

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ieses Experiments kann von unabsehbaren Folgen für die Zukunft sein — nicht nur für Polen.

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ieses Experiments kann von unabsehbaren Folgen für die Zukunft sein — nicht nur für Polen.

„Die Furche”

Der nachstehende Aufsatz bezweckt die Widerlegung von Meinungen einiger Presseleute im Westen, die uns nicht verstehen und — unserer • Lieberzeugung nach — über polnische Dinge ungerecht urteilen. Ich schreibe ihn, um gewisse festumrissene Tendenzen, die uns gegenüber auf kommen, abzuwehren. Meine Aeuße- rurigen sind dagegen nicht von dem Ehrgeiz getragen, die Beweggründe unseres Tuns restlos darzulegen.

Ich bin gezwungen, mit ziemlich weitläufigen Betrachtungen und einem geschichtlichen Rückblick zu beginnen, denn es ist nötig, nicht nur die jetzige Lage, sondern auch ihren Ursprung zu kennen, um unsere jetzige Haltung richtig zu bewerten. Es sei dabei erinnert, wie tragisch die geschichtlichen Schicksale unseres Volkes in den letzten 200 Jahren gewesen sind. Es darf gesagt werden, daß diese Geschichte von Ueberfällen und Wahnsinn strotzt. Im Laufe dieser 200 Jahre erlebten wir dreimal Unabhängigkeit — genau viermal, wenn man das Herzogtum Warschau berücksichtigt — zwei in keiner Weise provozierte Ueberfälle und mindestens drei wahnsinnige Erhebungen (Aufstände), die ohne die geringsten Aussichten auf Erfolg und ohne jede Möglichkeit eines günstigen Ausgangs entfacht wurden:, 1830, 1863 und 1944.

Die mit größter Mühe wiederhergestellte Unabhängigkeit wurde 1939 aufs neue vernichtet. Die Vergewaltigung war noch greller und unbegründeter.- Polen erhob keine Ansprüche auf deutsches Gebiet und die amtierende polnische Regierung versuchte sogar eine deutschfreundliche Politik einzuleiten. Heute wird unsererseits der damaligen Regierung vorgeworfen, daß ihre Politik zu sehr deutschfreundlich war. Trotzdem wurden wir roh überfallen und unser Staat wurde zerschlagen. Die Grenzen von 1939 werden jetzt auch in Westdeutschland als gerecht anerkannt. Und doch wurde das in diesen •Grenzen bestehende Polen angegriffen. Bomben hagelten eines Tages auf Menschen, die friedlich leben und werken wollten. Nachher aber, nach der Besetzung des Landes, setzte die fürchterlichste Verfolgung ein, die die Geschichte der Menschheit kennt. Das gesamte Kulturleben unseres Volkes wurde vernichtet, Millionen polnischer Staatsangehöriger wurden den Gaskammern überliefert.

Das sind die Erfahrungen, die die letzten Jahrzehnte uns Polen gebracht haben. Es ist leicht verständlich, daß sie das Seelenleben des polnischen Volkes beeinflußt haben und daß dieses Volk nicht einmal einen Gedanken an die Wiederholung solcher Greuel duldet und jedes Massenmärtyrertum verabscheut.

Aus dem Wirbelsturm des zweiten Weltkrieges und aus dem blutigen Gemetzel der Hitler-Besetzung ist Polen als sozialistischer Staat hervorgegangen. Dieses Ergebnis war die Folge internationaler Ereignisse. Diejenigen, die auf eine Wiedergeburt des polnischen Staatswesens in Anlehnung an die Westmächte geglaubt hatten, erlitten eine Niederlage.

Ein neuer Zeitabschnitt begann in Polen, die Zeit der Volksrepublik.

Welche Haltung sollen die polnischen Katholiken in diesem neuen Abschnitt der Geschichte ihres Landes einnehmen?

Das ist die Hauptfrage, die wir seit fünfzehn Jahren nicht nur theoretisch, sondern auch mit unserem Leben und Wirken zu beantworten bemüht sind. Wir haben sie 1945 beantwortet, wir tun es auch heute. Wenn aber die heutige Antwort sich der von 1945 ähnlich erweist, so ist das kein Zufall, denn wir haben sowohl damals wie jetzt geantwortet, indem wir die Dinge in der Zukunft zu sehen suchten.

Zwei grundlegende Tatsachen müssen unsere Haltung bestimmen.

Vorerst der Gegensatz zwischen der katholischen und der marxistischen Weltanschauung.

Wir haben niemals diesen Gegensatz übersehen und haben uns nie die Möglichkeit, ihn zu überbrücken, vorgetäuscht. Wir wissen auch genau, daß er wichtige praktische Folgen nach sich zieht. 1

Zweitens, die lebenswichtigen Belange des polnischen Volkes; Notwendigkeiten, die sein Fortbestehen und seine geistige und materielle Weiterentwicklung aufzwingen. Als Katholiken sind wir verpflichtet, der Kirche unbedingte Treue zu wahren und ihre Lehre in keinem Punkte zu verleugnen. Wir haben aber auch die Pflicht, um das Wohl unseres Volkes tatkräftig zu sorgen. Diese beiden Verpflichtungen dürfen nicht in Widerspruch geraten. Sie aufeinander abzustimmen, ist in praktischer Anwendung nicht leicht, aber im Grunde möglich. Die Lösung muß also gefunden werden. Unser Wirken hat sich eben zum Ziel gesetzt, sie zu finden.

Die polnische romantische Dichtung glorifizierte das Martyrium der Nation und ihre Opferbereitschaft. In edler Entzückung erlaubte sie sich Vereinfachungen und entstellte das moralische Pflichtbewußtsein.

In einem Drama läßt Slowacki Winkelried als Sinnbild erscheinen; „Polen, ein Winkelried der Völkerl” ruft er aus. Ihm wird also der Schweizer Held zum Vorbild, der alle feindlichen .Speere gegen seine Brust richtet, um andere zu retten.

Heute verwerfen wir dieses falsche Ideal, das jahrzehntelang die polnische Nation in Bann schlug. Wir sind der Meinung, daß dieses Ideal im Gemeinschaftsleben verwerflich ist. Ein Mensch darf sein eigenes Leben opfern, das Leben eines Volkes darf aber nicht geopfert werden. Ein Volk ist eine Gemeinschaft, und die in seinem Namen entscheiden, werfen das Dasein und das Wohl anderer Menschen in die Waagschale. Sicher ist aber das Bestehen und das Wohl der eigenen Gemeinschaft nicht weniger wert als jene anderer Gemeinschaften; ihr gegenüber hat man auch besondere Pflichten. Wenn also die Nation derartige Ideale zum • Vorbild gesetzt bekam, wurde die moralische Ebene verzerrt.

Dazu sei noch festgestellt, daß diese polnischen Ueberlieferungen auch im Ausland gewisse Gedankengänge zur Gewohnheit machten. Es war üblich geworden, die Polen als opferwillige Selbstmörder anzuschauen, und das wurde zum Ausgangspunkt, um gewisse unbegründete Forderungen geltend zu machen. Manche Menschen im Ausland würden gerne sehen, daß wir, der alten Lieberlieferung gemäß die Haltung Winkelrieds beibehielten und fortsetzten. Dagegen verwahren wir uns.

Die Völker ziehen früher oder später ihre Schlußfolgerungen aus den Fehlern der Vergangenheit, und wenn sie einmal einen Fehler erkannt haben, wird er unmöglich wiederholt. Sachkundige behaupten, für einen beträchtlichen Teil von Deutschen sei heute schon ein Angriffskrieg, selbst die Militärdienstpflicht eine psychologische Unmöglichkeit. Aehnlich wird die falsche politische Romantik für immer weitere Schichten des polnischen Volkes seelisch untragbar. Beruft sich also jemand auf diese nationale Ueber- lieferung, so begeht er einen psychologischen Fehler. Sie ist schon heute — das darf gesagt werden — eine volksfremde Haltung. Das Spiel auf dieser Saite führt unweigerlich zu einer Entfremdung im eigenen Volke. Es ist leicht sich davon zu überzeugen. Diese Einsicht fehlt aber manchen Emigrantenkreisen, die das heutige Polen nicht kennen und die seelischen Vorgänge. die bei uns eingetreten sind, nicht verfolgen. Auch Fremde begehen diesen Fehler, wenn sie als Grundlage ihrer Folgerungen zu überlief erungstreue Vorstellungen von Polen anwenden.

Von diesen falschen Voraussetzungen ausgehend werden gegen uns gewisse Vorwürfe erhoben. Der Gegensatz zwischen Kommunismus und Katholizismus — der übrigens nicht zu bestreiten ist — wird hervorgehoben und es wird von uns verlangt, daß wir daraus praktische Schlüsse ziehen, die zum politischen Kampf im Lande führen müssen. Es wird mit einem Wort angenommen, daß der Schärfe des Gegensatzes im Bereiche der Ideenwelt eine Zuspitzung der politisch-sozialen Lage im Lande zu entsprechen hat. Dieser Grundsatz ist für uns unannehmbar.

Es ist bekannt, daß die Katholiken in Westeuropa politisch organisiert sind, daß sie Parteien gebildet haben, die gewissermaßen die entsprechenden katholischen Volksgruppen vertreten. Es ist ebenfalls bekannt, daß in manchen Ländern die katholischen politisch-gesellschaftlichen Kräfte gegen die Kommunisten im Kampf stehen. Am schärfsten tritt das in Italien auf. Im Hinblick auf diese Verhältnisse, trachten die Politiker jener Länder den Streit auf dem Siedepunkt zu halten und sie fürchten sowohl besänftigendes Vorgehen wie auch ein Verwischen der Trennungslinien.

Wir wollen hier von einer Beurteilung der Haltung der Katholiken in den westlichen Staaten Abstand nehmen. Wir neigen nicht dazu, uns in die inneren Verhältnisse fremder Länder einzumischen und meinen, daß es zwecklos wäre, Lehren zu erteilen. Wir kennen aber die Verhältnisse in Polen genau und sind für ihre Weiterentwicklung mitverantwortlich. Und hier stellen wir mit aller Entschiedenheit fest, daß eine Politik, die den inneren Streit schürt, den nationalen Interessen zuwiderläuft — und auch vom katholischen Standpunkt sich auf weitere Sicht als selbstmörderisch erweisen muß. Das Wohl des Volkes erfordert, soweit es geht, eine Milderung der inneren Spannungen. Indem wir unsere Aufgabe so verstehen, suchen wir ein mildernder Faktor zu werden und nach Möglichkeit Bande zwischen der alten und der neuen Zeit zu knüpfen. Dieser Versuch, Extreme auszuschalten und ein tragbares „modus vivendi” unter Menschen verschiedener Ueber- zeugung im Rahmen unserer sozialpolitischen Gebenheiten aufzubauen, bildet das besondere polnische Experiment. Wir legen größtes Gewicht darauf, und wir kämpfen um sein Gelingen.

Sein glücklicher Verlauf ist wichtig aus zwei Gründen. Erstens sichert er unserem Volke den inneren Frieden, er ermöglicht die Zusammenballung seiner Kräfte und erleichtert Polen dadurch die Vergrößerung seines wirtschaftlichen und kulturellen Potentials. Zweitens hat er auch eine allgemeinere Bedeutung, indem er den Keim einer Verständigung in weiterem Sinne zwischen den beiden gegensätzlichen Lagern mit sich bringt. Wenn es gelingt, unser Experiment in Polen zu sichern und zu kräftigen, dann kann das zu einem weiteren Abbau des Mißtrauens und der Feindschaft führen.

Es gibt Leute im Ausland, die unser Experi- ‘ ment abfällig beurteilen. Manche von ihnen tun das ziemlich tatkräftig und suchen uns die Notwendigkeit, unsere Haltung zu ändern, einzu- reden. Es ist schwer zu verwundern, daß wir derartige Ratschläge sehr kritisch behandeln. Wir wissen nicht, wie oft diese an uns gerichteten Wünsche ideellen Beweggründen entspringen und wann das eigene politische Interesse sich bewußt oder unbewußt einschaltet. Es befinden sich bestimmt unter unseren Kritikern idealistische Extremisten, die der guten Sache auf diese Weise zu dienen glauben, bestimmt aber auch Menschen, die nur das politische Ränkespiel im Auge behalten.

Wir kennen die Begründungen, die es unterstützen sollen. Es wird behauptet, daß die Hoffnung auf Entspannung und auf eine Duldung des Katholizismus in einem sozialistischen Staatswesen utopisch und daß demnach ein Mitbestehen unmöglich ist. Eine versöhnliche Haltung — wird weiter gesagt — entwaffnet die Katholiken geistig und schwächt dadurch ihre Widerstandskraft vor der fortschreitenden kommunistischen Offensive.

Unsere Antwort lautet: Die Behauptung, daß ein Mitbestehen utopisch ist, stimmt nicht. Hinter uns liegen schwere Erfahrungen der vergangenen Jahre, der Zeit der sogenannten „Verherrlichung eines Einzelmenschen”; auch jetzt fehlt es nicht an Schwierigkeiten. Und doch hat die Politik der Verständigung trotz allem manche wichtige Errungenschaften gebucht.

Und weiter: Nichts Einfacheres als Gegensätze und Schwierigkeiten aufzuzählen, aber was für Schlüsse lassen sich daraus ableiten? Die Frage „Was weiter?” stellen auch wir unseren Kritikern. Es stimmt, daß unser Programm, die Gegensätze zu mildern, auf Schwierigkeiten stoßt; wohin führt aber das entgegengesetzte Programm? Ich bitte, bis zum Endergebnis die Folgen des Programms der Spannung und des Kampfes durchzudenken. Was für Folgen kann es haben? Das Anfeuern zum Kampf kann nur dann logisch sein, wenn man die Möglichkeit einer Aenderung der Gesellschaftsordnung noch zu Lebzeiten unserer Generation voraussetzt.

Solche Gedankengänge waren in Polen ziemlich verbreitet; sie begleiteten die Hoffnungen auf einen baldigen Krieg. Es gibt noch Menschen — sie werden immer weniger —, die auf einen Krieg bauen. Dieses Bauen ist unklug und verbrecherisch.

Es gibt auch Menschen, die dieses Tüpfchen auf dem „i” in ihrem Gewissen nicht stellen können. Wenn sie dann dennoch das Versöhnungsprogramm bekämpfen, werden sie unkonsequent. Sie nehmen eine Haltung ein, die zu keiner Lösung führt, wirken aber so, als wären sie mit der Katastrophe einverstanden.

Die Menschen wollen leben, ihr Dasein verbessern und es reicher gestalten. Dazu brauchen sie ein praktisches und konstruktives Programm. Das Programm eines vernünftigen Nebeneinanderlebens wird von verschiedenen Seiten torpediert. Dabei bleibt es das einzige logische, . konstruktive Programm.

Eine extreme Einstellung nimmt immer in der sturen Verbissenheit dem Gegner gegenüber ihren Anfang. Sie verneint die Vielfalt der Erscheinungen und läßt daher die konstruktiven. Elemente im Programm des Gegners nicht sehen. Dieser Einstellung haben wir den Krieg erklärt und führen ihn konsequent weiter. Ich will nachdrücklichst das Antinationale im polnischen Extremismus anprangern. Er ist antinational, weil er die Wandlungen, die die Nation durchmacht und die neue Perpespektiven eröffnen, übersieht.

Der „Tygodnik Powszechny” befaßte sich vor kurzem mit den großen Baustätten- unseres Landes. Er brachte die spannende Reportage von Maciej Malicki über das Kombinat von Turow, aus dem zu ersehen war, wie in einem in Bau befindlichen Industriezentrum eine neue Gesellschaftsformation von großer Aufnahmekraft und starken Kulturbestrebungen zu entstehen beginnt. Solche jetzt. im Entstehen begriffene Gesellschaftsformationen sind ein Pfand für eine bessere Zukunft. Ihr Wachsen ist eine Grundlage für Optimismus, sowohl in kulturellem wie auch in wirtschaftlichem Sinne.

Diese neuen, kulturell sehr aufnahmefähigen Gesellschaftsformationen haben auch eine klar umrisšene Haltung und deutliche Bestrebungen. Sie verabscheuen das Aufdrängen von .Anschauungen oder das Verbreiten von Ideen, die einer bekennt. Die Forderung nach freiem Meinungsaustausch und der Wille, seine Weltanschauung durch den freien Zusammenprall ernster, beweisbewährter Gedanken zu formen, sind dort allgemein. Den Wunschträumen der Extremisten verschiedener Färbung zum Trotz werden diese Tendenzen immer stärker.

Es fängt an, ein lokaler und gruppengebundener wirtschaftlicher Ehrgeiz aufzukommen, der sich Schritt für Schritt seinen Weg im Kampfe mit dem Doktrinärtum, mit der Routine, der Bürokratie und dem schlechten Willen eigennütziger Cliquen bahnt. Er kündet verstärkte Wirtschaftsdynamik und eine bessere Gestaltung unseres Modells, der Sozialwirtschaft an.

Das sind Elemente eines neuen Innenklimas, von dem Kisielewski geschrieben hat. In diesem neuen Klima schätzen die Leute reale Bemühungen um das allgemeine Wohl, das Wissen und sachlichen Meinungsaustausch. Es bleibt immer, weniger Platz für „Kreuzzüge” aller Art der einen gegen andere. Deshalb wird es auch immer unwahrscheinlicher, daß sich Polen noch einmal in innere Kämpfe drängen lassen, die von fremden politischen Interessen aufgezwungen werden. Der Schatten Winkelrieds verblaßt in der Vergangenheit.

Liebersetzt von Eustachy Swiezawski.

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