6553995-1948_11_08.jpg
Digital In Arbeit

Ein Brief von Anastasius Grün

Unter meinen Familienpapieren befindet sich ein Brief, den Anastasius Grün im Jahre 1849 an den Professor E r. A. Kola c z e k nach Stuttgart gerichtet hat. Dieser war im Alter von 27 Jahren vom Bezirk Ostrau als Abgeordneter in die Nationalversammlung in Frankfurt gewählt worden, wo er in nähere Verbindung mit dem Grafen Anton Auersperg (Anastasius Grün) trat, der vom Bezirk Laibach in die Paulskirche entsendet worden war.

Bekanntlich hat Anastasius Grün bereits im September 1848 sein Mandat zurückgelegt, während Kolaczek im Juni 1849 mit dem Rumpfparlament nach Stuttgart übersiedelte. Dort gab er im folgenden Jahr die „Deutsche Monatsschrift“ heraus, zu deren Mitarbeitern er auch Anastasius Grün zu gewinnen suchte.

Der folgende Brief bildet die Antwort auf diese Einladung. In der von Eduard Castle veranstalteten Gesamtausgabe der Werke des Dichters sind einige Sätze dieses Briefes veröffentlicht; überdies ist einem Verzeichnis in diesem Werk zu entnehmen, daß ein Brief des Dichters an Kolaczek im Jahre 1876 in der „Münchner Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht worden ist. Ob dies der folgende Brief ist, ob er vollständig veröffentlicht worden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Immerhin dürfte es aber auch für österreichische Leser von Interesse sein, die Antwort kennenzulernen, die der Dichter auf die Einladung zur Mitarbeiterschaft an dieser Monatsschrift gegeben hat.

Geehrter Herr!

Nur eine längere Abwesenheit vom Hause konnte meine Beantwortung Ihres gütigen Schreibens vom 21. v.. M. bis heute verzögern; entschuldigen Sie daher nachsichtsvoll diese unwillkürliche Verspätung. Ihr Brief athmet so viel freundliches Wohlwollen, spricht ein mir so ehrenhaftes Zeugniß in so liebevoller Weise aus, daß ich Ihnen dafür nur zu dem herzlichsten Dank verpflichtet sein kann. Ich glaube, diese meine Dankesschuld durch ehrliche Offenherzigkeit am besten und Ihrer und meiner am würdigsten zu bethätigen.

Es gibt kein Maß vernünftiger Volksfreiheit, das mir zu groß schiene, wenn es auf sittlichen und rechtlichen Wegen erreichbar ist. Darum konnte ich mich während meiner kurzen Anwesenheit in der Paulskirche — deren erste große Erinnerungen Sie mir zurückrufen — überzeugungstreu in den meisten wesentlichen Fragen jener Seite des Hauses anschließen, zu welcher auch Sie gehörten, durfte ihr aber auf ihren weiteren, schon damals leise angebahnten, später offen betretenen Wegen nicht folgen. Die großen geistigen und sittlichen Güter des Volkes können nur auf geistigen und sittlichen Wegen dauernd errungen und erhalten werden. Wenden Sie mir nicht ein: auf solchen edleren Wegen sei einer gewaffneten Gewalt gegenüber wenig oder nichts zu erreichen; ich verweise Sie dagegen auf das so naheliegende glänzende Beispiel der Wiener Märztage, wo auf den ersten Hauch des von sittlicher Kraft und Wahrheit getragenen Volkswillens das alte, lügen- und sündenhafte System mit einem Ruck in seinen Moder zerfiel, und im Prinzip alles und vielleicht mehr, als jetzt noch zu behaupten und durchzuführen möglich sein dürfte, für das Volk errungen war; und dieß war, wie ich als Augenzeuge bekräftigen kann, der Sieg einer zwar allgemeinen, aber im Ganzen friedlichen und geistigen Erhebung; die Opfer jener Tage aber fielen zum Theil eben so muthwillig, als für den Erfolg durchaus unnöthig. — Schlagen Sie nicht, um mich zu widerlegen, das Buch der Geschichte auf, mit seiner Reihe von Kämpfen, in denen immer und immer wieder mit physischen Waffen für und gegen Ideen gestritten wurde; ich weiß aus demselben Buch, daß die unserer Ungeduld zu langsame Reform doch immer ein schneller ans Ziel führendes Medium war, als die überfluthende, hinstürmende Revolution, dis nach blutigem

Zeitverlust, auf gräuelvollen Umwegen und mit Entstellung und Verzerrung ihrer ursprünglich reinen Idee im günstigen Falle wieder auf ihren Ausgangspunkt zurückkehren oder ungünstigen Falles in unseliger Fruchtbarkeit nach anarchischen Wehen den Despotismus gebären mußte. Kann ich auch die Thatsache jener Kämpfe und die Möglichkeit ihrer traurigen Wiederkehr nicht in Abrede stellen, so möchte ich doch nicht zu Jenen zählen, welche die Idee auf das Feld der Waffenloose stellen; denn es jgt eine Herabwürdigung des Gedankens, zuzugeben, daß die Entscheidung über seine Gültigkeit in der rohen Faust liegen könne, und es ist eine Versündigung an dem Gedanken, ihn einer solchen Entscheidung wirklich preiszugeben. Das ist seine hohe Kraft, daß er durch sich selber siegen muß, wenn auch langsamer, doch um so unwiderstehlicher. Die Ideen der Zeit in dem Volksbewußtsein zu läutern, zu befestigen, zu verallgemeinern, das Volksgemüth — das durch sie veredelt, nicht verwildert werden soll — zu sittlicher Selbständigkeit, in welcher die sicherste Widerstandskraft liegt,

zu erheben, dies scheint mir die nächste und lohnendste Aufgabe wahrer Volksfreunde, eine Aufgabe, zu deren Lösung ich gerne mit meinen bescheidenen Kräften mitwirken und den Anknüpfungspunkt, den in dieser Hinsicht Ihr Programm bietet, ergreifen möchte. Ist jene Aufgabe einmal gelöst, dann müssen sich auch die bisher unverwirkliditen, aber wohlberechtigten Forderungen der deutschen Bewegung von selbst erfüllen; denn gegen ein überzeugungseiniges Volk wird selbst die gewaffnete Gegengewalt nichts vermögen, und darum auch nichts versuchen. Findet aber diese Gewalt noch immer Anhänger genug, um sie gegen Ideen ins Feld zu führen, dann ist es eben ein Beweis, daß das Volk in seiner Überzeugung noch gespalten und von der Allgewalt jener Ideen noch nicht hinlänglich durchdrungen sei, und ein Fingerzeig für deren Anhänger, auf einem edleren Felde, als dem der Waffenspiele, noch auszudauern und zu säen und zu arbeiten.

Sie bezeichnen Ihre Revue als Parteischrift. Zu der tieferen Selbsterkenntniß — die ich mit andern reichlichen Erfahrungen der Paulskirche danke — gehört auch die innigste Überzeugung, daß ich zum Parteimann durchaus nicht geschaffen bin. So sehr ich es auch Wünschte, brachte ich es nicht über mich, einer der don bestandenen Parteien mich entschieden anzuschließen, einmal, weil ich in keiner derselben die ausschließliche und alleinige Trägerin der Wahrheit, des Rechtes, der Volksinteressen erkennen, dann, weil ich nicht so viel von fneiner eigenen Überzeugung aufopfern konnte, als nöthig gewesen wäre, um diese in die Programmschranken selbst jener Partei genau einzufügen, welcher ich mich doch am nächsten fühlte.

Nicht verkennend die Nothwendigkeit der Parteistellungen auf parlamentarischem Boden, fühle ich nur desto tiefer, daß meine Individualität dort nie ganz heimisch werden mag, wo nur der Stempel der Partei gelten soll, So edel und verführerisch die Bezeichnung „Volkspartei“, so klangvoll und lockend die auch von mir hochverehr ten Namen der von Ihnen aufgezählten

Parteigenossen sind, so sehr ich mich durch deren Nachbarschaft geehrt fühlen könnte, so möchte ich doch andrerseits die Möglichkeit vermeiden, innerhalb der engen und doch so dehnbaren Schranken eines Parteiprogramms in die Gemeinschaft jener, trotz Ihres reinsten Willens unabweisbaren Fraction zu gerathen, die schon einmal den nicht minder edlen Namen der Democratic in Verruf gebracht hat und bald auch jene klangvollen Namen bloßstellen würde, wenn es ihr jetzt — an Erfahrungen, wenn auch nicht an sittlichem Fonde reicher — beifallen wollte, gegenwärtig in Humanität zu experimentiren, wie sie früher in Blut-, thaten experimentirt hat —, Experimente in verschiedenen Richtungen zwar, doch gleichen moralischen Werthes! — Zudem bin ich vor allem Poet, wie Sie selbst mich dessen freundlich mahnen, und als solcher verpflichtet, mir die freieste Individualität zu wahren, und mir den Zugang zu jener „höheren Warte" — von der Freiligrath ein so tiefwahres, leider von ihm selbst vergessenes Wort gesprochen — jederzeit offen zu halten. Lassen Sie den Poeten auf seinen eigenen Wegen die Pfade der Wahrheit und Freiheit verfolgen, lassen Sie ihn allein, wie seine Vorbilder in der Natur, die vereinzelt in Einsamkeit singen, wenn auch ein Stüdk Welt durch ihre Herzen pulst! Oft werden seine Wege sich mit den Ihrigen vereinigen, oft wird er seitab allein, oft auch vorausgehen wie der Sämann früher kommt als der Schnitter. — Ich sah die deutsche Muse, die doch gerade in den Tagen erbitterten Kampfes ihren hohen Beruf als Friedensbringerin, Versöhnerin erfüllen sollte, ihrer Sendung und Ehre vergessend, als sie Partei nahm, in bacchantischem Taumel furienartig bis an die Knöchel im Blute waten und in fanatischen

Dithyramben die Guillotine als Welterlöserin proklamiren —, abschreckenden, ekelerregenden Beispiels genug!

Erlauben Sie mir nur noch, zu gegen, seitiger Orientierung, ein paar Worte über einige Stellen Ihres Programms. Sie stützen Ihr Unternehmen ausdrücklich auf den „Rechtsboden der Revolution von 1848“ Diese friedliche Zusammenstellung sonst unverträglicher Gegensätze scheint mir, ohne nähere Erläuterung, eine contradictio in adjecto. Man sprach wohl früher oft, namentlich in der Paulskirche, von einem Standpunkt auf dem Boden der Revolution gegenüber dem Boden des historischen Rechtes; in jenem Standpunkte fand man nämlich die Rechtfertigung für Alles, was man mit Hülfe der Massen durchzusetzen hoffen durfte. Der Ausdrude aber war verständlich und klar; obschon er strenggenommen vielmehr Revolution und Absolutismus — das heißt Willkühr und Gewalt der Massen gegenüber der Willkühr- gewalt des Einzelnen — als eigentliche Gegensätze, und — recht ehrlich bei Tage gesehen — im Grunde, nur freilich in großartigem Maßstabe, denselben Standpunkt kennzeichnete, welchen der stärkere pistolenbewaffnete Mann im Walde gegenüber dem schwächeren, momentan waffenlosen Wanderer einnimmt, um auch ein Stück gesetzlichen Herkommens in seiner Art zu verbessern.

Wie ganz anderst ist die Stellung des physisch Schwächeren, aber ethisch Stärkeren, der durch die unwiderstehliche Kraft sittlicher Nothwendigkeit auch den gewaltigeren Gegner überwindet und entwaffnet! — Da ich sonach äußersten Falles nur ein Nothrecht der Revolution anerkennen, sie selbst allerdings als Nothwehr gerechtfertigt finden, aber doch in ihr nur den Übergang vom historischen Rechtsboden auf das Terrain des Vernunftrechtes sehen kann, welch letzteres in den Summen seiner Verwirklichung eben dadurch wieder zum historischen Recht wird, da die Revolution mir solchergestalt nur als ein Mittel zum Ziele, keineswegs aber als dieses Ziel selbst erscheint, so muß mir auch der Ausdruck ,,R e c h t s boden der Revolution"' so lange als Anomalie erscheinen, bis ich durch die Art der Lösung des von Ihnen gestellten Problems eine dividiere Anschauung gewinne. Sollte, wie ich aber vorläufig nur vermuthen kann, unter jenem Ausdruck die Aufrechterhaltung und Belebung der von der vorjährigen Revolution zur Anerkennung gebrachten prinzipiellen Forderungen, die theilweise durch die Beschlüsse der Rcichsversammlung auch schon formell zu Richtsgültigkeit gediehen sind, auf dem Fe de der Debatte, durch Überzeugung und Verständigung und deren weitere Ausbildung auf gleichem Wege gemeint sein, so hätte ich nicht das entfernteste Bedenken, meinen Beitritt auszusprechen. Auch dem Vogtschen Oppositionsprogramm könnte idi nur in den beiden ersten Sätzen: „Die Einheit nicht ohne die Freiheit, die Freiheit auch ohne die Einheit" unbedenklich beipflichten; in Betreff des Nachsatzes aber: „die wirkliche Einheit um jeden Preis“ würde ich mir aber doch das Bedenken erlauben, daß es einige Preise geben dürfte, um welche selbst die wirkliche Einheit zu theuer erkauft wäre.

Sie beklagen in Ihrem verehrten Schreiben, daß die deutsche Revolution keine Girondisten gehabt; auch ich beklage dieß lebhaft — und doch andrentheils wieder nicht! Sollen und müssen wir denn in Allem und Jedem die Nadtbilder — leicht werden Karrikaturen darau — der Franzosen sein? Müssen wir denn absolut auch unsere Feuillants, Girondins, Jakobiner, Cordeliers, Montagnards usw. und am Ende auch unsre Regicides und Septembriseurs haben, damit der preiswürdigsten That der Mangel an Originalität, dem Verbrechen noch die Schmach der Nachäffung sich geselle!? Mich hat es schon bei der herrlichen und wohlberechtigten Volkserhebung im März unangenehm berührt, daß sie denn doch erst des Impulses der Pariser Februartage bedurfte —, diese leise Makel der Unselbständigkeit hätte ich jener großen und reinen Bewegung gerne weggewünscht. Der weitere Verlauf unserer Revolution — namentlich in Österreich — war gar erst völlig wie nach den Schablonen der ersten französischen gearbeitet. Ich genoß damals ią meinen näheren Kreisen des Rufes eines Unheilspropheten, weil ich fast von Woche zu Woche die kommenden Ereignisse vor hersagte; meine Prophetengabe war aber gar wohlfeil erworben, ich brauchte nur immer einige Blätter der französischen Re- volutionsgesdiichte voraus zu lesen, um genau zu verkündigen, was sich unfehlbar auch bei uns begeben werde, bis endlich die Armee — in der allein noch Originalität lebte — nicht mehr nach der französischen Schablone fortarbeiten wollte und die bekannte Peripetie herbeiführte. Fürwahr, ich bin kein engherziger Franzosenhasser, aber die Zeit der kosmopolitischen Völkerverschmelzung ist, wie jedes klare Auge sieht, noch ziemlich ferne; bevor ein Volk mit seiner Eigenthümlichkeit der Allgemeinheit ein Opfer bringe, muß die eigene Physiognomie erst völlig ausgeprägt, schön, scharf und männlich selbständig sein, damit das Geschenk seinen Werth .habe. Deutschland ist in so Vielem groß, doch nur aus sich selbst, aus seinen eigenen Tiefen, aus dem Schachte seiner eigenen Gedankenwelt hat es Alles geschöpft, worin es wirklich groß ist. Auch seine politische Regeneration wird Deutschland — dessen habe ich die tiefe Überzeugung — nur dann glücklich vollenden, wenn es alle fcremden Muster und

Einflüsse beiseite wirft und einzig und allein aus sich selbst schöpft —; nur durch die eigene selbständige Kraft, durch den eigenen unverfälschten Gedanken und die deutliche Erkenntniß und Bemessung seines eigenen Bedürfnisses wird, wenn je, Deutschland zur Freiheit, Einheit und Größe gelangen.

Verzeihen Sie die Länge dieser — mich selbst jetzt durch ihren Umfang überraschenden — Expectoration! Ich wollte mich selbst nur in vielleicht übertriebener Gewissenhaftigkeit rechtfertigen und entschuldigen, daß ich auf Ihre so freundliche, liebevolle Einladung nicht so völlig unbedingt, wie ich es wohl wünschte, eingehen konnte; es ist keine unbescheidene Überschätzung des Werthes meiner Mitwirkung — die schon ihrer Natur nach Ihr Unter nehmen eben nicht wesentlich zu fördern vermag —; sondern nur der Wunsch, vor Ihnen ganz und unverfälscht zu erscheinen, wie ich bin, damit Sie danach beurtheilen mögen, ob und in wie weit Sie auf mich rechnen können. Däucht Ihnen meine Mitarbeiterschaft nach den ausgesprochenen Ansichten noch verträglich mit Ihren leitenden Grundsätzen, wohlan, da bin ich mit herzlicher Bereitwilligkeit —, verfügen Sie über das Maß meiner Kräfte!

Mich in die Fortdauer Ihrer freundlichen Erinnerung empfehlend, mit ausgezeichneter Hochachtung und herzlichem Gruße Ihr

A. Auersperg

Thurn am Han (Krain) 20./XII./1849.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau