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DER SENSIBLE PROTOKOLLIERER

Dieser „andere” braucht kein leibhaftiger Mensch zu sein, es kann auch das „andere” in seiner eigenen Brust sein, das Denkerische, das logisch auch andere Möglichkeiten zuläßt, das Menschliche, das angesichts grauenvoller Notwendigkeiten schaudert. Was den absoluten Tatmenschen ausmacht, ist eine solche Geradlinigkeit und Einfachheit der Konzeption, daß nur ein einziger Weg möglich ist. Solch eine Konzeption fördert die Energie bei der Ausführung. Conrads Konzeption ist sicherlich gedanklich differenzierter als die eines Hindenburg, die Formeln, die er ausrechnet, sind komplizierter; um sie in Wirklichkeit umzusetzen, würde er eine Armee von morgen gebraucht haben, nicht die Armee von vorgestern, die er im Anfang des Krieges hatte, und die Armee von gestern, die er heute hat. Für diese Qualitäten seiner Armee ihn verantwortlich zu machen, wäre sicher ungerecht. Denn ich weiß nur zu gut, daß er seine Kassandrastimme oft und nachdrücklich längst vor dem Krieg erhoben und durchgesetzt hat, was in diesem indolenten und politisch unreifen, in lauter Rücksichten versponnenen Staat nur irgendwie durchzusetzen war. Daher möchte ich sagen, daß das, was diesen Mann mehr noch als sein eigenes, ihm eingeborenes Wesen zum Österreicher macht, jenes Schicksal ist, das man das spezifisch „österreichische” nennen kann. Dieses Schicksal bedeutet kurz gesagt: zu viele Energien aufbrauchen müssen, um eine Sache durchzusetzen, sie als notwendig den „Maßgebenden” begreiflich zu machen, so daß Müdigkeit eingetreten ist, bevor die endlich durchgesetzte Sache durchgeführt werden darf. Dieses Schicksal können nur

Porträt des Lyrikers Andreas Okopenko

IN EIGENER SACHE

Ich bin das Mädchen mit dem gesunden Urteil.

Ich bin der Bär, der Haferbrei über alles verabscheut.

Ich bin das Knäblein, welches zwei Stunden lang das liebe grüne Gras beobachtet zwischen barbarischen Pflastern.

Ich bin gegebenenfalls der Realist, welcher einzuwenden imstande ist: Stop, Ihr geschätzter Überschlag stimmt nicht, Sie haben die zwo Prozent unterdrückt.

Zwo Prozent sind viel. Sie sind’n Gauner. Gezeichnet A. Ok.

Unter uns gesagt, Edith: Ein Grashalm ist mehr.

Drum legen wir uns gegebenenfalls in solche.

Der erbsenblaue Himmel wird über uns sein Und das Gras ist himmelgrün …

(Aus dem Cedtchtbaud „Grüner November”. 19so)

Der Grashälmchenverehrer „A. Ok.” ist gegebenenfalls ein Realist. Gegebenenfalls sind ihm auch Ironie und Polemik elementare Ausdrucksmittel, die mit einer unübersehbaren Selbstverständlichkeit zwischen Impressionen ihren Platz einnehmen und den lyrischen Charakter von Okopenkos Werk geradezu verstärken. Denn diese Ironie witzelt nicht vom hohen Roß der eigenen Überzeugung aus über die Umwelt, sondern entsteht aus Vorsichtigkeit, Unentschiedenheit und Unzulänglichkeit, korrigiert eigenes als auch fremdes Versagen spitzbübisch, polemisch, wenn es sein muß, wird aber selten aggressiv. Im Grunde ist sie emotionaler Natur. Lyrisch.

SELTSAME NACHT

Blaukalter Maiwind aus mondbraunen Wolken gasend.

Buschende Baumspitzen treibende Allee Kastanien Wald Es will bis jetzt nicht Regen anlangen.

(1952. Aus dem Gedichtband , .Seltsame Tage”)

Die Empfindungswelt eines bed der geringsten Bewegung reagierenden, komplizierten Seismographen, eine Empfindungswelt, flüchtig, vage, gleichsam unfaßbar, Wunschbilder, Sinneseindrücke, Träume werden festzuhalten und wiederzugeben versucht. Die Wiedergabe erfolgt aber so sachlich und konkret als möglich. Die sprachliche Prägnanz regiert nicht über, sondern durch Sensibilität, Farben, Bilder und Formen; das Protokoll tritt den „fluidischen” Wahrheitsbeweis für die Faszination der Existenz an; die Bedeutung des Augenblicks offenbart sich in den Konkretionen. „Gefühle haben unsere Beobachtung bestimmt. Das urtümliche Jahreszeiten- und Wettergefühl, das Gefühl, das Erinnerungen an ähnliche Tage bringt, das Gefühl schlecht genutzter Zeit, das Gefühl, an einer ausgesuchten Stelle im Kalender zu stehen, das Gefühl, das braune Wolken und treibende Baumspitzen aufrufen, und Gefühle um die Verbindung mit Menschen und Dingen. Alles aber mündete in dem einen Gefühl, dem Erleben des Augenblicks… Weswegen wirkt der Augenblick? Wir erkennen in ihm das Sein. Die Freude am Existenten und am Existieren schlägt durch alle engeren Gefühle hindurch …”

Andreas Okopenko ist nach eigenen Angaben und denen von Lexika irgendwie erblich belastet: Grigorij Fjodorowitsch Kwitka-Osnowjanenko (1778 bis 1843), der Begründer der Giganten besiegen, wilde, brutale, rücksichtslose Tiermenschen, die eben andererseits bei uns auch wieder nicht geboren werden. Ich für meine Person bin überzeugt, daß das, was in diesem Krieg von den österreichischen Soldaten und dem Feldmarschall geleistet wurde, vor den gerechten Augen einer alle Momente abwägenden Kriegsgeschichte höher bewertet werden müßte als das, was die deutschen Soldaten und ihre Feldherrn geleistet haben. Denn was unsere Soldaten geleistet haben, das vollbrachten sie unter weit ungünstigeren äußeren Bedingungen, als da sind: schlechte Ausrüstung, Bewaffnung, Verpflegung, primitves Sanitätswesen usw. Unser Feldherr wiederum hatte seinerseits an der aus unserem Völkergemisch — Österreich-Ungarn genannt — rekrutierten Mannschaft ein weniger präzises Instrument als der deutsche Feldherr.

Alles dies, längst vorher schon tausendmal von mir gedacht und erkannt, wurde mir im Anblick des Feldmarschalls wieder gegenwärtig.

Es ist mir ein unvergeßlicher Tag, an dem ich ihn zum erstenmal Mensch zu Mensch begegnet bin, und darum habe ich diesen skizzenhaften Bericht geschrieben, damit auch mein Kind und dessen Kinder dereinst dieses Tages gedenken können.

Diese Tagebucheintragung aus dem Nachlaß des Dichters wurde für die Mitglieder der Autou-Wildgaus-Cesellschaft VOM der Carl Überreuterscheu Buchdruckerei und Schriftgießerei (M. Salzer) zu Wien in 600 Exemplaren her gest eilt, die nicht in den Handel kommen.

ukrainischen Prosa und der europäischen Bauernerzählungen, bewährte sich — nach Meyers Konversationslexikon 1895 — „als ausgezeichneter Kenner des menschlichen Herzens, der namentlich die Seelenwelt der schlichten Landsleute darzustellen weiß, und ist bei den Kleinrussen auch heute noch beliebt..Er war der Bruder des Urgroßvaters von Andreas Okopenko. Sein Vater Andrij war allerdings Psychiater und ukrainischer Diplomat, seine Mutter Wienerin. Geboren wurde Okopenko am 15. März 1930 in Košice (Kaschau), ČSSR, wo er in slowakischen und karpato-ukrainischen Orten seine Kindheit verbrachte und einen entsprechenden Volksschulunterricht genoß. Nach der Ausweisung unter dem Horthy-Regime siedelte sich die Familie in Wien an. Hier absolvierte Okopenko das Gymnasium und sieben Semester Chemie an der Universität. Seit rund 15 Jahren ist er bei einem Papier- und Zellstoffkonzem angestellt.

Schon sehr früh zeigten sich Ansätze zu einer literarischen Entwicklung. Die ersten Gedichte des Volksschülers wie die „zunächst unreife Lyrik” des Gymnasiasten fanden zwar keine Gnade vor den kritischen Anforderungen ihres sichtenden Autors, Humoresken, Novellen und dramatische Versuche befriedigten nicht, aber noch während seiner Gymnasialzeit machte sich ein mehr oder weniger deutliches Stilbewußtsein bemerkbar, das 1950 bis 1952 zu einem Schaffenshöhepunkt führte. Im Zuge dieser ersten „gültigen” Periode, auf die eine jahrelange Schreibkrise folgte, begann auch seine Mitarbeit bei den Neuen Wegen. 1961 nahm Hans Weigel Okopenkos Prosa hinter dem Wahnsinn unter dem Titel Konversation in die Anthologie Stimmen der Gegenwart auf. 1951 bis 1953 gab er die Avantgardezeitschrift Publikationen einer wiener gruppe junger autoren heraus. In der Zwischenzeit hatten sich nämlich fruchtbare Kontaktmöglichkeiten mit anderen jungen Autoren ergeben (Artmann, Eisenreich. Fritsch, Polakovics und andere), und an einer nachhol- bedürftigen, lesefreudigen und aufnahmebereiten Generation nach 1945 konnten die Dichtungen eines Eliot, Brecht, Benn oder der Surrealismus nicht spurlos vorübergehen.

Daneben wirkten auf Okopenko in der Lyrik noch Whitman, Verhaeren, Eluard, Fried, das Haiku, Eich, von der Tradition der Moderne Rilke, Trakl, George und Weinheber, in der Prosa Kafka, Jünger, Klabund, Saint-Exupery, Hemingway, Broch und Proust. Als Auswahlprinzip galt die Affinität in Ethik und Gestaltung, wodurch frühere Stileigentümlichkeiten, Neigungen zu Skurrilem, assoziative Gefühlselemente und so manche Eigenwilligkeit im Ausdruck noch verstärkt wurden. Von 1955 an arbeitete Okopenko bei Wort in der Zeit, 1959/60 bei der Avantgardezeiitschrift alpha mit. Auf seine kompliziert bedingte Schreibkrise folgte 1962/63 der Prosaband Die Belege des Michael Cetus und 1964/65 die zweite, sehr produktive lyrische Periode. Die formalen Mittel werden jetzt sparsamer eingesetzt, die Sprache ist klar, der Ausdruck knapper. Die Gedichte sind nicht lyrisch im Sinn einer Vernebelung oder Chiffrierung, sondern womöglich noch konkreter. Ohne Erstaunen trifft man als alten Bekannten Okopenkos spezifische, behutsam dosierte Ironie und merkt die konsequente Fortführung seiner nun durchgehenden reimlosen Fluidum-Technik:

Kaufmannsmorgen nach Sommer Rückkehr zu sonnenverschärftem Relief von Randsteinen und Pflaster.

(Der Sechzehnjährige. Damals war Kellings Elisabeth schuld.) Steine mit Steinchen bestreut. Dazwischen auch Pflanzen: ausstemend (Gräser) und flechtwerkartig (ein Knöterich).

Man könnte auch Redakteur werden. Aber die Gewohnheit der Dichter, das alles als Chiffren zu nehmen, wäre mir allzu verdrießlich.

Mein Büro ist im Nachbarhaus Freuds. Ich weiß es erst heute und sehe darin eine untiefe freundliche Fügung. Kaninchenställe im Dachbodenausguck!

Es rührt mich, daß auch jener den häßlichen Anblick litt.

(1964. Aus einem noch unveröffentlichten Gedichtband)

Als eines seiner wichtigsten Anliegen in der Dichtung und eines seiner Akkumulatoren im Leben bezeichnet Okopenko das „Fluidum”. Von den parodistischen, polemischen Neigungen abgesehen, besteht seine Lyrik größtenteils aus Fluidumgedichten. „Fluidum ist Gefühl mit existentieller Resonanz oder vor unendlichem Horizont, grundsätzlich immer möglich, auch nachholbar zu gebendem engem Gefühl. Wir finden das Leben interessant, es ist, als würde uns der Reiz des Daseins offenbar… Wir fühlen auch, wie alles voll von Möglichkeiten und Bezügen ist. In Gegenwart und Erinnerung spüren wir Lebensfreude und Einverständnis mit der Welt… Das Fluidum läßt uns das Wesen der Welt ahnen, ihr Allgemeines und ihre stetige Besonderung. Sein, Werden, Werte, es läßt uns alles Besondere und alles Mögliche lieben. Es mahnt uns aber auch zum wesentlichen Leben und alarmiert uns, wenn wir daran sind, uns zu verdämmern und zu vergeuden. Es mahnt uns zur Übereinstimmung mit den Werten und zur Einfügung des überwuchernden Ich… Trotz der Einzigartigkeit des Fluidums ähneln alle eigenen Fluiden einander, und eigene und fremde Fluiden ähneln einander, da jeder einzigartige Augenblick dem anderen und jede Psyche der anderen ähnelt. Künstlerische, fluidische Mitteilung: Eine Lebensfreude alarmiert die andere.”

Auf die Frage im Gespräch, wie sich Fluidum und Assoziatives ins Werk umsetzen lassen, antwortet Okopenko:

Wie es sich umsetzen läßt, ist eine schwere Frage, denn ich weiß bis heute nicht, ob es mir in einem einzigen Gedicht gelungen ist, ein erlebtes Fluidum wiederzugeben — also für einen idealen Leser zu konservieren. Das wird man auch wahrscheinlich nie wissen als Autor. Grundsätzlich nicht, so wie man nur darauf vertrauen kann, daß eine Liebe Gegenliebe findet und daß man sich einem Menschen mit- teilen kann, wie man ist oder wenigstens zu sein glaubt.

Wie sieht das nun in der Praxis aus, unabhängig von der Meinung, das Werk sei gelungen oder nicht?

Die Gedichte sind durchwegs rasch entstanden und fast nicht überarbeitet worden. Von der Spontaneität halte ich nämlich viel. Die Assoziatorik hat in den Gedichten, die nicht gerade epigrammatischen Charakter haben, eine große Rolle gespielt. Viele sind in dem Sinn angesichts der Natur entstanden, also nach der Natur gezeichnet, natürlich auf einer komplizierteren als der naturalistischen Ebene.

Der Sprache ist dabei eine ganze bestimmte Rolle zugeteilt, abseits von Symbolen, die den eigentlichen Bedeutungsinhalt außerhalb des Beschriebenen legen.

Die Sprache ist mir nie als Eigenwert erschienen. Ich bin da sehr ungeisteswissenschaftlich und ungermanistisęh, sęn- dem viel mehr der naturwissenschaftliche Protokollierer.

Bef seinem assoziativen Schreiben sieht Andreäs Okdpėnkb’’’1 mehrere Möglichkeiten, natürlich auch Experimente mit Wortsalat und ähnliche Versuche.

Diese Dinge grenze ich aber ziemlich deutlich von meinen Gedichten ab. Mir liegt an einer gewissen Einheit der Empfindungen und des Gedichts (Heißenbüttel als Texter zum Beispiel kommt mir ein wenig langweilig vor). Eine Darstellungsabsicht muß schon gegeben sein, damit ich es unter Gedichte aufnehme. Das andere habe ich eben als „Versuch zur Psychologie des Surrealismus” festgehalten.

Okopenkos Abneigung gegen das Gleichnishafte der Phänomene, deren Eigenwert er mit illuminierender Hartnäckigkeit betont, gegen Verschlüsselung, Archaismus und Formalismus ist ebenso groß wie die gegen literarischen Konservativismus, obwohl seine Beweggründe des Schreibens nicht gerade revolutionär sind (wie könnten sie auch): nämlich Klärung, Mitteilung und Polemik.

Unter „Klärung” verstehe ich die Klärung für mich selbst. Die Klärungsabsicht ist vorhanden. Der Mitteilungsversuch ist zweites, unabhängiges Emovens, und die Polemik als Spezialform der Mitteilung steht wieder separat.

Der entscheidende Antrieb ist jedoch die Fasziniertheit von der Existenz. Sie wird als ein Integral von Sinneseindrücken und Situationsbewußtsein umschrieben. In seinen Texten drückt sie sich in einer Ergriffenheit aus, die man als einen metaphysischen Realismus bezeichnen könnte. Nicht zuletzt gehört zu den Beweggründen des Schreibens der Umstand, daß Andreas Okopenko an den „idealen Leser” glaubt. Die niedrige Auflage seiner Gedichtbände und die heute weitgehende Interesselosigkeit der Lyrik gegenüber, stehen dazu sicherlich nur scheinbar im Widerspruch.

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