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„ … sondern im Wohnhause“

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Lebensgestaltung. Von Ralph Waldo Emerson. „Stifter-Bibliothek", Salzburg. 94 Seiten. S ,10.—

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Lebensgestaltung. Von Ralph Waldo Emerson. „Stifter-Bibliothek", Salzburg. 94 Seiten. S ,10.—

In den Jahrzehnten vor und nach der Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Werk des in Boston, Neu- England, geborenen Amerikaners Emerson in Gedichten und vor allem in E s s a y s ausgereift. In der späten Blütezeit jener europäischen philosophischen Kultur, die den Reichtum von Natur und Geschichte in Systemen zu fassen suchte, bildet Emerson in den Vereinigten Staaten einen Außenposten derselben; zugleich aber bewegen ihn die Probleme der schlagartig einsetzenden Industrialisierung des großen Kontinents. Es tritt ihm die Notwendigkeit vor Augen, das Leben von seiner empirischen und tatsächlich gelebten Seite zu betrachten. An Emerson läßt sich in hervorragender Weise studieren, wie die Romantik vom Realismus .abgelöst wird. Mit dem Bildungsreichtum im Rücken und der Technisierung vor sich schreibt er: „Erweitere deine Bestimmung nicht!' Sagte das Orakel. ,Sei bemüht, nicht mehr zu tun, als dir aufgetragen wurde.' Die einzige

Klugheit im Leben ist: Sammlung; das einzige Uebel ist: Zerstreuung. . . . Du mußt dir dein Werk wählen; du mußt wählen, was dein Hirn versteht und um alles übrige dich nicht kümmern. Nur so kann die notwendige Menge von Lebenskraft sich ansammeln, die den Schritt von der Erkenntnis zur Tat zu vollbringen vermag." (S. 30.)

Emerson ist ein „Philosoph", der in der Stunde des Spätidealismüs die zentrale menschliche Bedeutung des „kleinen" Alltags und die Verlagerung des Schwergewichts von den „Ideen" zu den faktischen Problemen der Zivilisation gesehen hat. So sagt er: „Ist es nicht klar, daß nicht in Senaten, an Höfen oder in Handelskammern, sondern im Wöhnhause der wahre Charakter und die Hoffnung der Zeit gesucht werden muß?"(S. 31.)

Die „Stifter-Bibliothek" hat aus der deutschen Fmerson-Ausgabe durch Ludwig Praehauser eine vorzügliche Taschenauswahl getroffen.

Dr. Leopold Rosenmayr

Die Geschichte der Neaira und andere Begebenheiten aus der alten Welt. Von Ugo Enrico Paoli. Fräncke-Verlag, Bern. 183 Seiten, 39 Abbildungen, 32 Tafeln. Preis 17.80 Schw. Fr.

Die Umänderung des Titels „Uomini e cose del mondo antico" in der oben angegebenen Weise entspricht wohl geschäftlichen Rücksichten wie auch die Anzeige des Verlages auf die Geschichte der athenischen Kurtisane Neaira zugespitzt ist. Mit „Hetärengespräche", „Die schönsten Liebesgeschichten" usw. haben ja andere Verlage auch güte Erfolge erzielt, wenn auch die. Leser dann doch nicht ganz auf ihre Rechnung gekommen sind, da der Inhalt keineswegs so verlockend war wie der Titel. In Paolis Buch allerdings würde auch ein Liebhaber gepfefferter Geschichten auf seine Rechnung kommen, auch wenn er nicht nur von Neaira, Clödius und Clodia hört: dieses Buch ist geradezu eine Meisterleistung der lebensprühenden Darstellung griechischer und römischer Menschen, ‘ bei der dennoch mit unglaublicher Akribie fast sämtliche Details quellenmäßig aus antiken Werken belegt sind. Wo dies nicht der Fall ist, weil eben die Quellen fehlen, bemerkt P. seine, eigene Ergänzung ausdrücklich. Beruht der griechische Teil zumeist auf rhetorischen Zeugnissen, wie die Titelgeschichte auf Demosthenes, so sind sämtliche Gestalten der Römer zugleich auch Persönlichkeiten, die in der lateinischen Schullektüre begegnen: Cato Censor, Cati- lina,. Clodius,, Clodia, Hirtius —- P. vertritt hier ganz neue Auffassungen —, Velleius Paterculus, Martial. Abbildungen und Tafeln ergänzen in wertvoller . Weise dieses neue Buch des Verfassers dessen 1948 -im gleichen Verlag erschienenes Werk „Das Leben im alten Rom" mit Recht Aufsehen erregt hat. Wie bei allen Erscheinungen des Francke-Verlages ist die Ausstattung hervorragend.

Dr. Wilhelm Krause

Entwicklung und Wesen der Hauptstädte der österreichischen Bundesländer. Von Priv.-Doz. Dr. Herbert Paschinger. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck. 88 Seiten, 8 Abbildungen. Preis 54 S.

Es gibt eine Reihe von vorzüglichen Arbeiten über einige Landeshauptstädte, aber nicht für jedermann leicht erreichbar, und in mehr als einer Hinsicht ungleichwertig und unvollständig. Hier wird von einem Fachmann in geschichtlichem Aufriß auf Grund der weithinverzweigten Literatur der jeweiligen Landeshauptstädte allgemeinverständlich eine willkommene Zusammenstellung geboten, die vom Lehrer und Schüler aller Schulen dringend benötigt wird. Für weitere, eingehendere Studien ist jeweils die wichtigste Literatur angeführt. Der Gesichtspunkt und die Fragestellung, unter denen die geschichtliche Entwicklung aufgerollt wird, sind völlig neu: Warum ist gerade dieser Ort und nicht jener Hauptstadt geworden? Welche Bindungen verknüpfen den Ort mit dem Lande? Hat die Natur die Lage vorgezeichnet oder hat der Mensch sie nach eigenen Prinzipien gewählt? Die beigegebenen Entwicklungskärtchen illustrieren den Text, der in prägnanter Kürze das Wesentliche bringt. Tabellen gewähren erfreuliche, aber auch, traurige Bilanz. Neben Wien ist Graz die einzige Landeshaupt stadt, in der die Todesfälle schon lange die Geburten übertreffen. Die Bevölkerung beider Städte kann auf jeden Fall nur durch Zuwanderung vom Land erhalten werden. Die Verstädterung ist in Oesterreich im Fortschreiten begriffen. Diese sehr instruktive Zusammenfassung füllt eine bedeutende Lücke in der österreichischen Landeskunde und Geschichte aus. Sie gehört in jede Lehrer- und Schulbibliothek. Dr. P. Benno Roth, Seckau

Das Bregenzer Gymnasium. Von Dr. Anton V o n a c h. 1. Teil: Werdegang und- Entwicklung, 1895 bis 1949. 270 Seiten. 2. Teil: Schule und Leben. 340 Seiten. Im Selbstverlag des Verfassers, Bregenz.

Ein W'erk von mehr als 600 Seiten für e i n Gymnasium?, dürfte jemand verwundert fragen. Und doch! In geradezu selbstloser Arbeit ist es dem Verfasser gelungen, neben der Geschichte der Schule auch eine der Schüler (etwa 500 Maturanten) zu. bringen, die zum Teil auf Selbstberichten aufbaut. Da ist auch ein gutes Stück Geschichte des Landes mit eingeschlossen, da der erste Band sozusagen die Reaktion der Schule auf die Ereignisse widerspiegelt, der zweite die Entwicklung und Geschichte der Schüler, aber auch vieler Lehrer in Wort und Bild bringt..Vor allem geht aus dem Werk hervor, daß seit Anfang der Schule immer Begabte erzogen wurden. Der Wandel der Reifeprüfungsthemen, der Berufswahl zeigt auch den Wandel der Zeit in den fünfzig Jahren der Geschichte. Und nicht zuletzt sei der bitteren Opfer gedacht, welche in den beiden Kriegen von den Schülern der Anstalt gebracht wurden. Das Werk ist vorbildlich für ähnliche Gedenkfeiern und zeigt die Opferfreudigkeit des Verfassers ebenso wie die Anhänglichkeit der Schüler an ihre Schule, die nicht gemacht erscheint.

Hofrat Dr. J. Stadl mann

Das Revisions-Universum. Von F. A. Schmitt und Dr. F. Schmitt. Erich Schmidt Verlag, Bielefeld. 621 Seiten. Preis 24 DM.

Es gibt mannigfache Ursachen, aus denen es nötig ist, die Gebarung und den realen Stand eines Wirtschaftsunternehmens zu analysieren. Im allgemeinen Bewußtsein steht wohl die steuerliche Betriebsprüfung im Vordergrund. Ihr unterliegt in periodischen Zwischenräumen jedes Erwerbsunternehmen. Enger ist bereits der Kreis jener Pflichtprüfungen gezogen, denen bloß bestimmte Unternehmungsformen unterworfen werden (Aktiengesellschaften). Gegenüber diesen beiden, durch gesetzlichen Zwang vorgeschriebenen Revisionen sollten jedoch die freiwilligen Selbstprüfungen keineswegs in den Hintergrund treten. Jedes Unternehmen mit verästeltem Produktions- und Kalkulationsprozeß, mit ausgedehnten Finanzierungsproblemen: im weiteren Sinn (wenn auch im verkleinerten Durchführungsmaßstab) jeder „Betrieb" sollte in regelmäßigen Zwischenräumen seine Finanzgebarung, Erzeugnisherstellung, Verwaltungsorganisation, Waren- oder Kreditposition systematisch durchleuchten. Manche Enttäuschung, manches „Zu spät" würde dadurch vermieden werden. Für alle diese Anlässe — wie für eine Anzahl von Sonderfällen — gibt dieses Kompendium in logischer und fachkundiger Darstellung ausgezeichnete Anregungen. Leitlinien und grundsätzliche Feststellungen. Es ist jedem Wirtschafttreibenden und allen mit der Materie beruflich Befaßten bestens zu empfehlen. Carl Peez

Die Erde liegt hinter uns. Von Louis de W o h 1. Verlag Otto Walter. 278 Seiten. Preis 12.80 sfr.

Ist unsere Erde der einzige bewohnte Himmelskörper? Und falls es auch auf anderen Planeten beseelte Geschöpfe gibt, wie könnten sie beschaffen sein und welches wäre wohl ihr geistigseelischer Zustand und der Grad ihrer kulturellen und technischen Entwicklung? Das sind Fragen, mit denen sich die Menschheit seit langem beschäftigt, und mehr denn je in unseren Tagen, unter dem Eindruck jenes noch immer nicht befriedigend erklärten Phänomens, für welches die Bezeichnung „Fliegende Untertassen" landläufig geworden ist.

Damit ist das Problem umrissen, mit dem sich Louis de Wohl in dem vorliegenden Roman auseinandersetzt; in anregend phantasievoller Weise und zugleich mit einem gedankenschweren Realismus bei der Behandlung der sich hier ergebenden theologischen Aspekte. Wie in seinen bekannten romanhaften Biographien erweist sich der Autor auch hier als ein fesselnder Erzähler, der es versteht, das Interesse des Lesers auf der ersten Seite zu erwecken und bis zur letzten ungemindert in Spannung zu halten. Auch wer für utopische Romane grundsätzlich nichts übrig hat, wird nach der Lektüre dieses Buches zugeben müssen, daß es sich lohnte, in diesem Fall eine Ausnahme von der Regel zu machen. Zumal ja heute niemand auf Erden wissen kann, ob das, was hier als Utopie gestaltet wurde, nicht eines Tages in den Bereich greifbarer Wirklichkeit rückt.

Kurt Strachwitz

In Gottes Hand. Roman von Erwin H. Rainalter. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien. 351 Seiten. Preis 67 S.

Nach beinahe einem Jahrzehnt begegnen wir wieder Rainalters Roman „In Gottes Hand". Es ist eine Geschichte aus seiner Tiroler Bergheimat. Irgendwo oben liegt einsam ein kleines Dorf, von Lawinen bedroht. „Man lebt auf solcher Höh’ jahraus, jahrein in Gottes Hand." Das sinnlose Abholzen aus Habgier hat die Gefahr erhöht. (Darin liegt leider eine bittere Aktualität!) In schöner, herber Sprache führt uns Rainalter die Gestalten des kleinen Lebens vor. Und der innere Reichtum dieser Dichtung steigert sich erst recht nach der Katastrophe, wie nur die Hälfte der Bewohner von der Lawine verschont geblieben ist. Jetzt klammern sich die Dörfler mehr denn je an ihre karge Heimat, sogar aus dem Unterland kommt ein Paar herauf, um nicht mehr Knechte, sondern endlich Bauern zu sein. Rainalters „In Gottes Hand" ist das gute und lesenswerte Buch eines Autors, der Menschen und Land aus der Fülle des Herzens und des Geistes zu gestalten weiß.

Prof. Dr. Friedrich Wallisch

• Literatur und Wirklichkeit. Beiträge zu einer neuen deutschen Literaturgeschichte. Von Alexander Abu sch. Aufbau-Verlag, Berlin. 345 Seiten. Preis: 5.40 DM.

Der Verfasser, durch sein historisch-soziologi sches Werk „Der Irrweg einer Nation" bekanntgeworden, gehört zu der Gruppe der nach Mittelamerika Exilierten, war Mitgründer von „El Libro libre" (Das freie Buch, 1942), und ist heute eine führende Persönlichkeit in der Kulturpolitik der DDR. Die Aufsätze, zwischen 1943 und 1952 ent standen, setzen sich zum Ziel, angesichts des Fehlens einer geschlossenen „fortschrittlichen" Literaturgeschichte Bausteine zu einer solchen herbeizutragen. Alle siebzehn Aufsätze (u. a. übet Goethe, Schiller, die Romantiker, den deutschen poetischen Realismus sowie Zeitgenossen wie Becher, Seghers, Bredel und Uhse) sind scharf profiliert, vom Standpunkte des dialektischen Materialismus her gesehen und von den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit bestimmt. Wo immer es um die Entwicklung der gesamtdeutschen Literatur geht, muß man sich mit Abusch — wie man auch weltanschaulich stehen mag — auseinandersetzen. „Es genügt nicht", so schrieb er einmal, „klassische Stücke beliebig zu spielen. Der Kampf für eine nationale deutsche Literatur fordert die Verteidigung des wahren Ideengehaltes."

Hanns Salaschek

Die Wahrheit über Konnersreuth. Ein Bericht. Von Luise Rinser. Benziger-Verlag, Einsiedeln. 134 Seiten. Preis 8.30 DM, und Fischer-Bücherei, Frankfurt am Main. 172 Seiten. Preis …

Die Verfasserin — eine bekannte Schriftstellerin und Dichterin —. bringt im vorliegenden Buche ganz ohne dichterische Phantasie einen schlichten und nüchternen Tatsachenbericht. Sie beschränkt sich auf das rein Tatsächliche und verzichtet darauf, um jeden Preis etwas „Neues" sagen zu müssen; sie geht besonders auf die früheren und seitherigen ärztlichen Befunde und Beurteilungen ein, ferner auf die historisch-biographische Darstellung des Schriftstellers Josef G e r- 1 i c h. Obgleich sie damit bewußt auf alles Streben nach Sensationellem und Neuem verzichtet, ist ihr anspruchsloses Buch vielleicht gerade -dadurch so wertvoll. Sie weiß in überzeugender Weise klarzumachen, daß Therese Neumann keine Betrügerin und keine Hysterikerin ist und widerlegt damit die beiden Annahmen, die bisher so oft und oft so leichtfertig als Argumente gegen die Echtheit der Phänomene herangezogen wurden. Insbesondere hat es sich die medizinische Begutachtung am Anfang mit der Annahme einer „Hysterie" so beschämend leicht gemacht; eine Annahme, die von späteren medizinischen Beurteile« nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Selbstverständlich läßt die Verfasserin das letzte und abschließende Urteil über die Phänomene für die Kirche offen, die allein kompetent ist, ein Urteil über den übernatürlichen Charakter derartiger Phänomene abzugeben. Und mit einem solchen Urteil läßt die Kirche sich Zeit — oft sehr lange Zeit —; aber sie hat guten Grund dafür, sich Zeit zu lassen.

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