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VON NEUEN BÜCHERN

Die Babenberger und Österreich. Von Karl Lechner. 1 Stammtafel und 1 Karte. Verlag Der Bindenschild, Wien.

In der Hochflut von Werken, die uns die letzten Jahre zur österreichischen Geschichte bescherten, befanden sich nicht wenige Monographien über die Zeit der Babenberger, das österreichische Hochmittelalter. Die Arbeit aus der Feder des niederösterreichisdien Landesarchivars nimmt unter ihnen du di Gediegenheit der wissenschaftlichen Grundlage wie durch Klarheit der Formulierung einen besonderen Platz ein. Entsprechend dem ureigensten Forschungsgebiet des Verfassers stehen Siedlung;- und Verfassungsgeschichte im Vordergrund. In markanter Linienführung werden die wesentlichen Fakten seit der Berufung des fränkischen Geschlechtes in die ottonische Mark an der Donau zur Darstellung gebracht. Als neue Ergebnisse — deren eingehende Begründung im engeren Rahmen rein fachwissenschaftlicher Abhandlungen noch aussteht — sind Ausführungen über die Anfänge von Melk und anderer Klostergründungen, über die Wiener Sradtherrschaft sowie verschiedene genealogische Feststellungen zu verzeichnen. Einen ersten und deshalb besonders dankenswerten, wenn auch naturgemäß problematischen Versuch stellt die Kartenskizze über die Anfänge der territorialen Entwicklung von Herzogtum ’and Mark dar. Es ist dem Autor, der 1944 in mutigen Worten das Andenken des echten Österreichers Oswald Redlich würdigte, offenbar ein Bedürfnis wissenschaftlicher Sauberkeit, auch auf Maß und Bedeutung der Stellung Österreichs in der deutschen Geschichte hinzuweisen. Wer den Verfasser und seine Absichten kennt, wird daran keinen Anstoß nehmen, auch wenn er da und dort anderer Auffassung ist.

Vom Weg des Abendlandes. Bilder zur geistigen und religiösen Entwicklung. Von Andreas Posch. Steirische Verlagsanstalt, Graz 1948. 219 Seiten.

Das Buch vereinigt die Vorträge, die der Ver. fasser im Sommersemester 1946 an der Grazer Hochschule vor einem weiteren Kreis von Hörern gehalten hat. Sie wollen kein Beitrag zur Spezialliteratur sein, sind aber keineswegs ein Auszug aus der Kirchen- und Geistesgeschichte, sondern eine selbständige, voller Vertrautheit mit dem Stoff entspringende Darstellung des abendländischen Geschichts- proz sses. Es ist ein neuer Typ einer Kirchengeschichte gelungen, bei der die Ideengesduchte und die Entwicklung der Verfassung im Vorder-

gründe stehen. Nur der Kenner kann beurteilen, wie vie! Problematik hineingearbeitet ist. Gründe und Gegengründe sind mit wohltuender Sachlichkeit und in aller Ruhe vorgelegt. so daß dem eigenen Urteil freier Raum gelassen ist. So bei der Bußdisziplin, beim Glaubenswechsel der Germanen, bei Luther und Loyola usw. In dem Abschnitt „Aufklärung und Josephinismus" betritt der Verfasser sein eigenes Forschungsgebiet, hat er doch das Buch „Die kirchliche Aufklärung in Graz und an der Grazer Hochschule" als Festschrift der Universität Graz 1937 veröffentlicht. Merkle folgend, verweist er bei allen Vorbehalten auch auf positive Momente dieser Geistesrichtung. Vor allem hält er den theologischen Rationalismus, der dem Abfall vom Christenrjm gleichkommt, vom österreichischen Josephinismus, der in erster Linie Staatskirchenrum war, auseinander. Auch in diesem Zusammenhänge empfindet man es bitter, daß noch immer eine große, österreichische Monographie über diese eigenartigste Gestalt eines Kaisers aussteht. Das letzte großgeschaute- Bild, das 19. Jahrhundert und der Katholizimus, läßt besonders die überragende Erscheinung Leos XIII. hervortreten. Laien und Theologen solchen häufig nach einem gehaltvollen Buch zur Vertiefung ihrer Kenntnisse des Gottesreiches auf Erden. Hier ist es.

Orbis catholicus. Herder-Korrespondenz, 1. Jahrgang, 1. Heft. Thomas-Morus-Presse im Verlag Herder, Wien 1948. Ein Heft S 5.—.

Seit 1945 vermittelt die Herder-Korrespondenz eine sorgfältige Umschau über die wichtigsten Erscheinungen des christlichen Raumes in einer monatlichen Ausgabe der Öffentlichkeit. Nunmehr erfolgt für Österreich eine gesonderte Ausgabe, die den hiesigen Verhältnissen noch eingehender Rechnung zu tragen versucht und durch eine straffe Gestaltung neben dem aktuellen Geschehen auch die geistigen Hintergründe darzustellen bestrebt ist.

Das Augustinerkloster bei der Wiener Hofburg. Von Dr. Franz L o i d 1. Verlag J. Licht- ner. Wien 1948.

Die 150jährige Geschichte des jüngeren Hofklosters bei St. Augustin, also desjenigen der Unbesdhuhten Augustinereremiten (von 1630 bis 1783), hat bisher noch keine geschlossene Darstellung gefunden (abgesehen von den Sonderaufsätzen über die Kirche, über die Ordenssrudien und den bekanntesten Mönch dortselbst — P. Abraham a Santa Clara). Darum wird es bedeutsam, daß der Wiener Universitätsdozent Franz Loidl in seiner vorliegenden neuen Arbeit nachdrücklich auf eine Geschichtsquelle aufmerksam macht, die eine Fülle von

Nachrichten zur Geschichte dieses späteren Klosters, darüber hinaus aber auch vieles zur kirchlichen, nicht selten auch zur weltlichen Heimatkunde der Stadt Wien bringt. Diese bisher für die eigentliche Klostergeschichte fast gar nicht benützte Quelle ist die Chronik dgr genannten Unbeschuhten Augustinereremiten zu St. Augustin, die in sieben dicken Foliobänden fast 6000 Textseiten enthält. In gedrängter Kürze wird der Leser mit dem hauptsächlichsten Inhalt der umfangreichen, bis 1774 reichenden Chronik in dieser Arbeit bekanntgemacht. Nunmehr müßte aber das Verhältnis dieses „Protocollum“ zu den Handschriften 12.473, 8466 und 8461 der Wiener Nationalbibliothek geklärt werden.

Der jugendliche Gott. Roman. Von Alma Johanna König. Paul Zsolnay Verlag. Wien 1947, 333 Seiten.

Der Versuch, das Leben Kaiser Neros in seiner rätselhaften Entwicklung von einem liebenswerten Kind zu dem von einer sittlich verkommenen Gesellschaft vergötterten Jüngling von maßloser Genußsucht und vollendeter Brutalität psychologisch zu deuten, ist das Hauptthema des Romans. Der Unmensch Nero erscheint als das Erziehungsprodukt der von schrankenloser Machtgier und Sinnenlust besessenen obersten Gesellschaftsschicht des damaligen Rom, als deren Hauptexponentin Neros sittenlose Mutter Agrippina den Vordergrund der Handlung beherrscht. Auf ihr verhängnisvolles Erziehungswerk fällt dadurch ein etwas ziu grelles Licht, das Neros Befehl zu ihrer Ermordung als tragische Vergeltung für ihren ursprünglichen Machtrausch erscheinen läßt. Die in Nero-Romanen sonst häufig zu beobachtende Lust an der Schilderung' der sittlichen Fäulnis dieser furchtbaren Zeit beschränkt sich wohl- tuendcrwe’se auf die notwendigste Charakteristik. Die vereinzelten historischen Ungeraauig- keiten sind verzeihlich, da der Verfasserin bei ihrer Arbeit nichts als ihr Gedächtnis zur Verfügung stand.

Der Tod und das stumme Geigerlein. Von

Josef Außerhöfe r. Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck 1947.

Diese „Legende einer Jugend" erzählt vom einem ungewöhnlichen Schicksal Ein Knabe, der durch einen Blitzschlag seine Sprache verloren hat, wächst unter drückenden häuslichen Verhältnissen in leidvoller Abgeschlossenheit und Einsamkeit heran und erlebt schon frühzeitig die Gewalt des Todes, den er hinter allen Lebenserscheinungen erblickt. Er widmet sich dem Geigenspiel und wird Komponist, bleibt aber unbeachtet und findet auch durch die Musik nicht die ersehnte Verbindung mit den Menschen. Er fühlt, daß nur das liebende Wort ihm eine Brücke zur Welt schlagen kann. Als er auf wunderbare Weise die Sprache wiedererlangt, reift sein Wesen im Einklang mit der Natur und dem göttlichen Willen zur inneren Harmonie, und eine stille Liebe schenkt ihm schließlich auch menschliche Erfüllung. Die schöne, stimmungsvolle Erzählung, in der Traum und Wirklichkeit oft ineinander übergehen, rührt an tiefste Dinge und hat symbolische Bedeutung. Eine dunkle Melodie beherrscht die Sprache, die reich an seelischec Ausdrucksfähigkeit ist. Wenn man auch die Wandlung zu einem neuen Leben etwas ausführlicher dargestellt wünschen würde und die Gestaltungskraft des Dichters gegen Ende der Erzählung etwas nachläßt, so erhält man von dem Werk doch den Eindruck einer wirklichen Begabung.

Wiener Spieldose. Besinnliches, Aufsätze und Plaudereien. Von Friedrich Sacher. Donau- Verlag, Wien 1947.

Die einzelnen Stücke dieses schmalen, schmucken Bandes wurden zwischen 1933 und 1941 geschrieben — und scheinen viel, viel älteren Datums zu sein. Eine längstvergangene Zeit schlägt die Augen darin auf, und nur an ihrem äußersten Rande wetterleuchtet die Gegenwart. „Komm und tritt ein“, so ladet der Autor den Leser in alte Wiener Höfe, in den Park van Schönbrunn, in ein altes Zimmer, in die Landschaften der Jugend und der Seele. Es ist weniger der Geist Stifters, der aus der Liebe Sachers zum Kleinen und Alltäglichen spricht, als der eines Brockes, Haller und Hagedorn — ins Wienerische übersetzt. Gleichgestimmte werden dem Verfasser mit innigem Vergnügen auf seinen Wegen folgen, Andersgeartete werden einen Typus des Menschen und Künstlers kennenlemen — und vielleicht beneiden —, der in der liebevollen Erfassung der kleinen Dinge sein Glück findet. Der künstlerische Gesamteindruck sehr wesentlich verstärkt durch eine Reihe von Radierungen Karl Matzners, geht vor allem von der Sprache aus, die mit ihren zarten, ungemischten Farben und zierlichen Schnörkeln der Musik des frühen 18. Jahrhunderts verwandt ist.

Der fröhliche Präsidialist. Von Friedrich F. G. Kleinwächter. Amandus-Edition, Wien 1947.

Der Verfasser schildert sein Erleben als Beamter im k. k. Finanzministerium in den Jahren 1910 bis Anfang 1918. Wiewohl das rein Persönliche stark im Vordergrund steht, bildet seine Darstellung doch einen lesenswerten Beitrag zur Zeitgeschichte und Kennzeichnung altösterreichischen Beamtentums. Die Staatsmänner, Minister und leitenden Beamten, mit denen der Verfasser in dienstliche und auch menschliche Berührung kam, werden in ihrem Wesen und ihrer Bedeutung, von einzelnen

Ausnahmen abgesehen, durchaus zutreffend gewürdigt. Die geschichtlichen Ereignisse jener Zeit stehen im Hintergrund, werden aber durci manche, der Allgemeinheit teilweise kaum bekannte Einzelheiten von bezeichnender Bedeutung beleuchtet. Leider liegen der Zusammenbruch des alten Staates und die bewegenden Ereignisse, die sich damals auch im Finanzministerium abspielten, schon außerhalb der Darstellung. Das in ausgezeichneter Schreibweise, mit treffender Beobachtungsgabe und ausgesprochenem, manchmal bissigem Witz verfaßte Buch bildet für jeden damals in der Zentralverwaltung Tätigen einen überwiegend vergnüglichen, mitunter zu Wehmut stimmenden Lesestoff, für alle aber eine Bereicherung ihres Wissens um jene Zeit. Man muß sich nur davor hüten, das Urteil des Verfassers über die Stellung der damaligen Ministerial Verwaltung auch auf die folgenden zwei Jahrzehnte österreichischer Staatsgeschichte auszudehnen. In diesen waren die leitenden Ministerialbeamten oder doch manche unter ihnen in größter Selbständigkeit mit Aufgaben von tiefer Bedeutung befaßt, denen sie sich mit Verantwortungsfreude und Erfolg unterzogen haben. Die Aussage des Verfassers (S. 303), daß ein Sektionschef weniger Bewegungsfreiheit habe als ein Bezirkshauptmann, hat daher nur zeitbedingte Geltung.

Eleonore Duse. Von Nino B o 11 a. Aus dem

Italienischen übersetzt von Hedwig Kehrli, Verlag Alfred Scherz, Bern 1947.

Der Verfasser gibt mit seinem Duse-Budi eine neue Biographie der Künstlerin in der Form eines Romans. Er har damit für seine Darstellung eine Form gewählt, die ihrer Natur nach ein Zwitter sein muß. Ein Zwitter aus historischem Bericht und aus poetischer Ver- ' lebendigung. Der Gattung des historischen Berichtes nähern sich am weitesten die in die Handlung eingestreuten Briefstellen der Duse. deren Quellen leider nicht angegeben sind, wohingegen alles, was im Roman gesprochen wird schon durch die direkte Rede zum größten Teil auf das Konto des Verfassers zu sgtzen ist. D e Vorteile einer solchen Darstellungsweise hat sich auch Bolla zunutze gemacht: das Buch ist leidv und flüssig geschrieben und gut zu lesen. Die Bedenken, die aber doch grundsätzlich der Form des Künstlerromans im allgemeinen, dem Schauspielerroman im besonderen entgegenzuhalten sind, sollen hier nicht verschwiegen werden Vermag der Roman einer Schauspielerin das für ihre Erscheinung Bestimmende mitzuteilen oder muß er sich mit der Umsetzung eines so schwer faßbaren Phänomens, wie es die Kunst des Mimen ist, in eine Reihe mehr oder minder nur an der Peripherie seines Lebens haftenden Begebenheiten begnügen? Hier muß allerdings festgestellt werden, daß Nino Bolla einen Kompromiß schließt. Es steht viel Peripheres aus dem Leben der Duse in dem Buch, aber die Stellen, die aus den Briefen der Duse und aus ihren Betrachtungen über sich selbst mitgeteilt sind, führen nahe an die innere Mitte der großen Künstlerin heran. Es ist nicht ganz leicht zu sagen, warum das Buch trotzdem nicht recht befriedigt. Wahrscheinlich will es dem Verfasser doch nicht recht gelingen, d:e große Faszination, die von der Duse ausging, dem Leser zu vermitteln. Dazu bedarf es gan? geheimer Wortkünste, die dem Autor nicht zu Gebote stehen. Zuletzt sei angemerkt, daß ein; künftige Auflage eine Reihe unschöner Druckfehler auszumerzen hätte, wie Gerhard Hauptmann, Keast, Shelly, Schienter, Resvenic- Signorelli.

Wolfrum-Bücher: Prunkgefäße aus Berg kristall. Von Erich v. Strohmer. Kunstverlag Wolfrum, Wien. 34 Textseiten und 48 Vollbilder.

Wenig bekannt ist es, daß das Wiener kunsthistorische Museum die größte Sammlung der Welt an kostbaren Arbeiten aus Bergkristall, Prunkgefäße, Schalen, Pokale, Vasen usw. birgt, köstliche Schöpfungen des Steinschnittes und der Gravierkunst, ihrer Herkunft nach zurückreichend bis in das 15. und 16., ja mit einem ägyptischen Stücke bis in das 10. Jahrhundert. Unter Kaiser Rudolf II. und seinen Nachfolgern wird Prag/der Sitz einer Künstlerschule, die vermutlich erster Anstoß wurde für die Entfaltung der böhmischen Glaskunst, die hier ihre klassischen Vorbilder fand. Der Bergkristall, von Sage und Nekromantik umzaubert, reizte als Werkstoff durch seine eigenartige Leuchtkraft und Flächenwirkung, obwohl er durch seine größere Härte der Bearbeitung stärkeren Widerstand entgegensetzte. Seltsam genug, daß dafür von Wasserrädern getriebene Steinmühlen in Dienst gestellt waren. Eine ganze Reihe der Wiener Museumstücke stammen von den Miseronis, einer ganzen Famüienfolge von Künstlern, die am Prager Kaiserhofe der Habsburger beschäftigt waren und deren Hofwerkstatt bis ins 18. Jahrhundert fortwirkte. Da ist zum Beispiel der Pokal „Pyramide", geschnitten von dem kaiserlichen Schatzmeister Dionysio Miseroni aus einem drei Zentner schweren Krystallblock, den 1652 Herzog Eberhard von Würtemberg auf dem Regensburger Reichstag dem Kaiser schenkte und aus dem ein zwei Ellen hoher turmartiger, schön ziselierter Aufbau entstand. In der ältesten Beschreibung der kaiserlichen Schatzkammer von 1677 ist dieses eigenwillig komponierte Kunstwerk auf „20.000 Reichstaler“ geschätzt. So schön die Arbeiten dies e Periode sind, bleiben sie doch in der Zartheit des Dekors hinter den Mailänder Arbeiten d’S 16. Jahrhunderts zurück, von denen die Wiener Sammlung deliziöse Stücke weist.

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