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VON NEUEN BÜCHERN

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Wilhelm von Tegettholf. Von Peter Handel-Mazzettt und Hugo So kol. Oberösterreichischer Landesverlag, Linz 1952. 374 Seiten, 17 Bilder, 2 Skizzen. S 88.—

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Wilhelm von Tegettholf. Von Peter Handel-Mazzettt und Hugo So kol. Oberösterreichischer Landesverlag, Linz 1952. 374 Seiten, 17 Bilder, 2 Skizzen. S 88.—

Eine Tegetthoff-Biographie zu schreiben ist ein gewaltiges Vorhaben, denn das Leben des berühmtesten österreichischen Admirals bedeutet gleichzeitig nicht nur drei Jahrzehnte allgemeine und Marinegeschichte, sondern auch Seefahrtsęntwicklung, Handelspolitik, Seestrategie und die Erörterung grundsätzlicher Fragen von Land- und Seerüstung. Es müßten auch die Quellen mehrerer Auslandsarchive erschlossen und die schon schwer übersehbare einschlägige Literatur zur Gänze kritisch untersucht werden. Und wenn dies alles gelänge, scheiterte es in unseren Tagen an der Drucklegung. So waren denn die beiden Autoren, der als Marineschrift6teller geschätzte Dr. Handel-Mazzetti und der verdiente Verfasser von Österreich-Ungarns Seekrieg 1914 bis 1918", Hugo Sokol, gezwungen, eine realisierbare Lösung zu erstreben, die bei bewußter Beschränkung in Stoff und quellenmäßiger Bearbeitung doch etwas in sich Geschlossenes bietet. Der Leser muß feststellen, daß eine solche Lösung erzielt wurde, und zwar durch strenge Konzentrierung auf die Gestaltung der Persönlichkeit des Siegers in jener Schlacht, die einen Glanz über die österreichische Flagge und Kriegsmarine verbreitet, der durch lange Zeiten strahlen wird und sie... im Kriegsruhm mit den größten Marinen der Welt gleichstellt“ (Dahlerup, S. 271). Die Verfasser beleben die Darstellung durch viele Wiedergaben aus Briefen und Tagebüchern, was zur Charakteristik Tegett- hoffs als Seeoffizier, Organisator, Fiottenfüh- rer und Marinekommandant wesentlich beiträgt, allerdings auch zu bedenken gibt, daß das Momentan-Subjektive und Vertraulich- Freimütige solcher Äußerungen nur bedingten Quellenwert haben, denn die Geschichte stellt sich nach Ablauf der Zeit oft ganz anders dar, als sie ein Brief- oder Tagebuchschreiber im eigenen Erleben zu sehen geglaubt hatte. Restlose Hingabe an den Beruf und kompromißloses österreichertum ließen den Sieger von Lissa auch geringste Mängel im Organismus von Staat und Gesellschaft sehr verdammemswert erscheinen, und wir finden deshalb ebenso temperamentvolle als harte Urteile, die sich aber — von anderen Seiten besehen — nicht immer haltbar erweisen. Der oberste Chef der Marine, dem verwickelten und nicht immer sympathischen Getriebe der Innenpolitik in Österreich verärgert gegenüberstehend, konnte begreiflich mit den der Flotte zugewiesenen Mitteln nie zufrieden sein, und ihm war es kein Trost, daß es dem Heer noch schlechter ging. Wenn die Marine trotz allem die ihr je gestellten militärischen und wissenschaftlichen Aufgaben ehrenvoll durchgeführt hat, war das nicht allein dem in der Schilderung trefflich herausgearbeiteten persönlichem Verdienst Tegetthoffs, sondern auch der fürsorglichen Hand der obersten Instanzen zuzuschreiben. Die zusammenfas- sėndė Schlußwürdigung des von Kaiser Franz Joseph I. mit Würden überhäuften Admirals ist den stilgewandten Autoren ausgezeichnet gelungen, im jedem Zug tritt uns wirklich „Ein großer Österreicher“ entgegen, der in seinem ganzen Wesen so sehr an Grillparzer und Conrad erinnert. Der Oberösterreichische Landesverlag hat zum 125. Geburtstag Tegetthoffs am 23. Dezember 1952 der Leserwelt ein empfehlenswertes und geschmackvoll ausge-

Mein Leben mit Dreiser. Von Fielen Dreiser. Paul-Zsolnay-Verlag, 1952. 371 Seiten.

Dieses Buch ist keine erfreuliche Erscheinung. Der Titel ist leider vollkommen zutreffend: Der Akzent liegt auf ihr, es ist eigentiidi ihr Leben, das Frau Helen schildert. Es ist aber dieser Schilderung nicht zu entnehmen, was an ihrem Leben einer so ausführlichen Rede wert wäre. Sie erwähnt immer wieder und viel zu oft, daß sie nur ein von vielen im Leben Dreisers sein durfte, mit dem einzigen Unterschied, daß sie die Zäheste von allen gewesen zu sein scheint, die an dem Vorsatz, in seinem Leben eine Rolle' zu spielen, den sie nach ihrer eigenen Aussage im September 1919 gefaßt hatte, konsequent festhielt, bis er Sie schließlich im Juni 1944, als Dreiundsiebzigjähriger, heiratete, nachdem . seine erste Frau schon 1942 gestorben war, von der er, ohne geschieden zu sein, seit mehr als 30 Jahren getrennt gelebt hatte. Helen Dreiser hat, nach diesem Buch zu schließen, ein viel zu bescheidenes Niveau und eine zu wenig bescheidene Meinung von sich, um über eine Erscheinung wie Dreiser relevant berichten zu können. Edwin Hartl stattetes Budi beschert, das 6icb beachtlicher Sachlichkeit befleißigt und mit so manchen älteren Fehlzeichnungen des österreichischen Seehelden aufräumt. Von der Bebilderung wäre zu sagen, daß die dem Kriegsarchiv entnommenen Photos, darunter die erstmalige Reproduktion der richtigen Admiralskommandoflagge, den Text wirksam ergänzen, daß Romakos Lissa-Bilder im Beschauer einer- .seits eine schwer nachahmbare Lebendigkeit der Szenen bewundern lassen, andererseits ein Bedauern über die Vermengung des Dynamischen mit dem Grotesken auslösen. Das zu wenig motivierte Lutteroth-Porträt hätten wir vielleicht lieber ersetzt gesehen durch Tegett- hoffs eigenhändige Skizze seiner Flottenaufstellung am 20. Juli 1966.

Die Lyra de Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien. 984 Seiten.

Alle Schwierigkeiten, die der Herausgeber einer eolchen Sammlung zu überwinden hat, alle Einwände und Bedenken, die man gegen eine immer willkürlich erscheinende Auswahl geltend machen könnte, hat Felix Braun in seinem gehaltreichen, feinen und klugen Vor wort selbst aufgezeigt und — entkräftet. Er nahm, als er sich dieser Aufgabe unterzog, wohl die Verantwortung des Dichtens, nicht aber die des polyglotten Literarhistorikers auf sich. „Hier stehen deutsche Gedichte“, das heißt: Kriterium für die Auswahl war der künstlerische Wert der deutschen Übertragung, nicht der Grad der Kongruenz mit dem Original. Warum sollte nicht“ — das bezeichnet den äußersten Punkt seines Standortes und ist echt künstlerisch empfunden! — „das Gedicht ebenso wie ein Stern, eine Blume, ein Angesicht zum Gegenstand des Gedichts werden dürfen?" Damit wird auch die zweite Frage hinfällig: warum dies Stück aufgenommen wurde — und jenes nicht?

Die Aussichtslosigkeit des Streben , aus einer Sprache in die andere .übersetzen zu wollen, gleicht der Quadratur des Zirkels. Genaue Übertragungen aus dem Griechischen oder Romanischen etwa sind schon deshalb nicht möglich, weil die Struktur dieser Sprachen, besonders ihre Rhythmik und Metrik, eine völlig andere ist als die des Deutschen. Das gilt trotz der meisterhaften Nachdichtung der Chöre aus der „Antigonae" durdi Hölderlin und trotz der Baudelaire-Übertragung St. Georges. Zeitlich reicht die Sammlung — in der die deutschen Dichter selbstverständlich ausgespart sind — vom Schi-Kung und den Psalmen bis herauf zu Ezra Po und und zu den zeitgenössischen Schweden, Ungarn und Finnen. — Das 6chön ausgestattete, sauber gedruckte Buch ist würdig, an die Stelle der längstvergriffenen Anthologie von Goldscheider („Die schönsten Gedichte der Weltliteratur“) zu treten.

Prof. Dr. H. A. Fiechtnerler in Italien unter dem lastenden Gewicht der künstlerischen Tradition seines Landes sp’ufzt, doch er trägt sie auch in seiner Psyche, in seinem Temperament und in den leiblichen Zügen, das Erbe Europas, seit cjen Tagen der Griechen. Diese nannten die Welt, die sie kannten, soweit sie jenseits Griechenlands lag, Europa. — Europa ist kein geographischer, sondern ein kultureller Weltteil. Wenn dieser Begriff des kulturellen Weltteils in Gefahr ist, s ch in nichts aufzulösen, bedeutet es einen Verlust für die gesamte Menschheit. t ’e junge Generation erlebt allüberall in der Welt die Situationen der Söhne, deren Väter ein Erbe verschleudert haben, doch fehlt ihr noch das Bewußtsein, das erst mit reiferen Jahren kommt, daß sie uch einer Zukunft gegenüber verpflichtet wäre.

Es ist ein bis in die jüngste Zeit der sportlichen Festspiele aus der griechischen Antike überlebender Gedanke, daß der Läufer die Fackel der folgenden Stafette brerjnend zu übergeben hat, damit der Letzte sie am Altar zu Olympia opfern darf.

Hat nicht das religiöse Mittelalter in geistiger Anstrengung und seelischer Not ebenso stündlich darum kämpfen müssen, an das Göttliche zu glauben, es persönlich lebend in der Seele zu erhalten? Bloß, seitdem wir am Altar der Vernunft opfenji, haben wir eine Erziehung, die uns an das Erlebnis aus zweiter Hand glauben piacht: an Doktrinen, Theorien, Utopien.

An die künstlerische Jugend in Europa also, an sie besonders als die zukünftigen

Verwalter des geistigen Erbes Europas, an sie richtet sich die Botschaft meines Werkes: „Die Prometheussaga".

Ich stamme aus Wien, der Grenzstadt des alten römischen Reiches. Die historische Aufgabe des römischen Reiches war, wie sie wissen, dieses hellenische Geistesgut zum europäischen umzugestalten und einer ganzen Menschheit zu vermitteln. Der Antike entnahm ich das Sinnbild eines überheblichen Intellekts, der Prometheus eingab, das Feuer zu stehlen, um die Menschen den Göttern gleich zu machen. Den Menschen, der am Fluch der Sterblichkeit trägt, bindet jedoch an das

Reich der Mütter, die Meoira, die die Vermessenheit verfolgt.

Prometheus ist ein ewiges Symbol, wohl zu unterscheiden von Allegorien etwa des Neoklassizismus, welche zeitgebunden sind. In Prometheus erkennt der Mensch sich selber, der Gefahr läuft, Gesetze zu überschreiten, die ihm die eigene Natur gegeben hat. Je mehr wir heute Utopien anhängen und das Dasein, die Gegenwart, zu überspringen wünschen, desto näher rückt die Gefahr von Fehlresultaten Infolge einer Optik, die die Wirklichkeitsnahe Ignoriert. Im Maße, wie unserem Dasein mehr und mehr die Deutung eines letzten Geheim nisses mangelt, trotz allem analytischen Materialismus, desto weiter rückt jedoch auch der Streit um die Gestaltung des Seherlebnisses aus der Sphäre der bloßen Ästhetik. Die Gestaltungskraft hat Anteil am Sein; so hört das Bild damit, daß es Sinnbild wird, auf, bloß ein rationalistisches Symbol zu bleiben. Darum ist auch mein Bild vom „Prometheus“ nicht wie andere künstlerische Individualleistungen zu verstehen. Anonym hat zu dessen Gelingen dem Maler ja die Menschheit verholfen, die sich heute anschickt, Ost und West gemeinsam, die Reise zum Mond auf der eigenen Petarde anzutreten.

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