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STÄRKE IN DER OHNMACHT

Wirkungslosigkeit der Publizistik ist eine typisch deutsche “ Erscheinung. Sie wird kaum noch wahrgenommen, so sehr hat man sich daran gewöhnt. Erst beim Vergleich mit den Erfahrungen anderer westlicher Länder wird uns bewußt, daß es sich um eine auffallende Mangelerscheinung handelt. Wo ist die Arbeit irgendeines deutschen Publizisten, von der sich behaupten ließe, was George Washington über die Schrift des Thomas Paine The Crisis sagen konnte, sie haben inmitten der Wirren des- Unabhängigkeitskrieges eine Wende herbeigeführt!

Nun hat Thomas Paine noch andere Volltreffer erzielt, mit Flugschriften, deren scharfgeprägte Titel schon wie Fanfaren des Zeitgeistes klangen: Common sense und Civil rights. Und man könnte einwenden, es sei dies eher ein besonderer Glücksfall gewesen, daß in der Geburtsstunde einer neuen Nation sogleich der Wortführer jener politischen Ideen zur Stelle war, die das rohgezimmerte Gebäude der Selbstregierung mit frischem Leben erfüllten. Aber es war nicht so, als ob ein einsamer Prediger aus der Wüste gekommen wäre. Paine hatte ßeine Mitstreiter in Amerika wie in der englischen Heimat. Sie alle standen überdies auf den Schultern tapferer Vorkämpfer, die in den Überlieferungen nonkonformistischer Sekten ausgeharrt hatten, um der absoluten Gewalt gesetzter Obrigkeit furchtlos Widerstand zu leisten; im Namen der Gewissensfreiheit und im Bewußtsein der eigenen Verantwortung.

Zunächst hatte das alles mit dem Wesen und Unwesen der fiühen parlamentarischen Demokratie wenig zu tun. Die vornehmlich durch Korruption befestigten Majoritäten des britischen Unterhauses gaben sich nicht weniger gewalttätig als vordem die gekrönten Despoten. Lind ihre Willkür traf die Urheber einer frei sich bildenden öffentlichen Meinung, die Autoren, Verleger und Drucker. Sie mußten in den Kerker gehen, während ihre Schriften von Henkershand verbrannt wurden. Gegen die Parlamentsherrschaft der regierenden Mehrheit mußte die Pressefreiheit erst durchgesetzt werden, und sie wurde es, weil ein Richter den Mut aufbrachte, dem Wunsch des Königs wie dem Willen des Unterhauses trotzend, einen Parlamentsbeschluß nach dem anderen als rechtswidrig aufzuheben, so lange, bis endlich die öffentliche Gewalt vor dem aufbegehrenden Volk der City von London zurückwich.

Anders, wenn auch auf ähnliche Weise, ist in Frankreich das freie Wort zur Geltung gekommen. So bestechlich und verderbt die Rechtsprechung in Zivilsachen sein mochte, so unbeirrbar blieben doch die hohen Parlamentsgerichte in der Verteidigung verbürgter Pivilegien von Einzelbürgern und Körperschaften gegenüber absolutistischen Regierungen. Es waren diese Gerichtshöfe ein Hort jenes theologisch begründeten Widerstandes, das in Frankreich, zuletzt durch Fenelon großartig bestätigt, seine Tradition hatte. Unter ihrem Schutz allein wurde die Auseinandersetzung mit dem allmächtigen Staat möglich. Sie legitimierten durch iht Verfahren einen bis dahin unerhörten Anspruch auf Opposition. So konnte man sagen, es habe die Revolution nicht eigentlich mit dem Sturm auf die Bastille begonnen, sondern damit, daß Ludwig XVI., übel beraten, den Parlamentsgerichtshof von Paris suspendierte und seine widerspenstigen Richter strafweise in die Provinz verbannte, wohin sie, von Haufen Volks begleitet, wie im Triumphe zogen.

Wie anders stellt sich die Entbindung der Meinungsfreiheit in unserer Geschichte dar. Hierzulande ist Publizistik kein Wagnis kühner Männer, die der Obrigkeit die Stirne bieten, die notfalls Schutz bei unabhängigen Richtern suchen und sogar finden. Sie erwächst vielmehr aus der Berufserfahrung sachkundiger Fachleute, die ihre Kenntnisse der Vertrautheit mit Amtsgeschäften verdanken. Und folgerichtig wird Publizistik die Nebenbeschäftigung oder Liebhaberei von Staatsdienern und solchen, die darnach trachten, im Beamtenrang immer höher zu steigen. Als Johannes Müller aus Schaffhausen, nicht viel mehr denn zwanzig Jahre alt, seine Promotionsarbeit abgeschlossen hatte, schickte er sie nach Wien an Kaiser Joseph II. und schrieb dazu, es möge sich der-Monarch die Gelegenheit, einen so fähigen Diener zu gewinnen, ja nicht entgehen lassen, andernfalls sich dieser an den König von Preußen wenden müsse. Später, als es keinen Kabinettsminister mehr gab, der die Werke des Johannes Müller in seiner Bibliothek hätte missen mögen, weidete sich dieser an dem Gedanken, daß die Revolution vielleicht alle seine Gönner noch verschlingen werde. Das hatte gar nichts mit offener Opposition zu tun; es handelte sich nur um geheime Vorbehalte eines mit seiner Bestallung beim Kanzler Dalberg in Mainz höchst unzufriedenen Opportunisten. Unter der erlauchten Schar deutscher Publizisten finden wir viele gespaltene Persönlichkeiten, die sich dem Zynismus anheimgaben, weil sie bei schärfster Urteilskraft die private Einsicht stets von den öffentlichen Bekundungen ihres politischen Wohlverhaltens zu trennen wußten. Es gab eben, vergleichbar der Armee und der hohen Bürokratie, auch so etwas wie ein publizistisches Söldnerwesen; nur ließ sich der Wechsel im Dienst mit dem Ehrenkodex des Offiziers oder mit der Kunst des Verwaltens und der Diplomatie leichter vereinbaren als mit der Überzeugungstreue des politischen Schriftstellers.

Man zögert, den Namen des nachmals hochgeehrten Staatsrates Gentz in solchem Zusammenhang zu nennen; jenes Ritters der Feder, der aus Schlesien über Berlin an die Wiener Hofkanzlei gekommen war. Den Zeitgenossen hatte er sich mit einer deutschen Übertragung von Burkes Streitschrift wider die Französische Revolution gleich als Verteidiger der alten europäischen Ordnung vorgestellt. Im Abwehrkampf gegen alle auf Veränderung hindrängenden Kräfte hatte er während der entmutigenden Epoche napoleonischer Siege tapfer ausgeharrt. So zählt man ihn heute noch, oder wieder, zu den erlauchten Ahnen einer Europakonzeption, deren Verwirklichung jedenfalls eine Überwindung der aus Revolutionen geborenen Nationalstaatsidee voraussetzte. Und dennoch enthüllen uns seine Briefe und Tagebücher das Bild eines Mannes, der privat beileibe nicht prinzipientreu konservativ war, sondern eher genußsüchtig auf frivole Weise; bei einer verdächtigen Vorliebe für jede Art von Libertinage. Paradoxerweise gebrauchte er als die ihm gemäßeste Waffe eben jenen rational kühlen und kritischen Scharfsinn, der nach seiner Meinung auch die „schleichende Revolution“ antrieb. Wie sein Herr und Meister, der Fürst Metternich, las dieser heimliche Freigeist mit höchstem Genuß die neuen Lieder von Heinrich Heine, und es mag ihm ein süffisantes Lächeln entlockt haben, wenn er im Auftrag des Staatskanzlers sanft verweisend an den Verleger Cotta schreiben mußte, die Korrespondenzberichte jenes Dichters aus Paris an die Augsburger Allgemeine Zeitung verursachten eine peinliche Störung der Wiener Politik.

Es ist gewiß nicht bloßer Zufall, daß das Wort Publizistik in deutschen Landen noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts keineswegs die Tätigkeit eines politischen Schriftstellers bezeichnete, sondern die Autorität des Rechtskundigen. Ein Publizist war der geprüfte und anerkannte Kenner des positiven Staatsund Völkerrechts; vor allem einer, der sich in den äußerst verwickelten, schwer überschaubaren Rechtsordnungen des Römischen Reiches und mit der Praxis seiner Gerichtshöfe auskannte. Mit ihm durften späterhin gerade noch die Kameralisten wetteifern, die in ihren Schriften von Staats- und gelehrten Sachen die hohe Verwaltungskunst interpretierten und sich dabei sub-missest der Erwartung hingaben, der wohlverdienten Pension noch einige Orden hinzufügen zu können. Hatten sie einmal die Gunst eines hochmögenden Herrn gewonnen, durften sie auf die allgemeinste Verehrung rechnen; keiner ihrer weniger erleuchteten Mitbürger hätte gewagt, an ihrer höheren Einsicht zu zweifeln.

Während das Bürgertum in westlichen Ländern, dort, wo es schon seit langem den Kern der Nationen gebildet hatte, vom Glauben an eine schier unbegrenzte Erziehbarkeit der Menschen zu immer größerem Urteilsvermögen ergriffen worden war — woraus ein kräftiger Wille zur Selbsterziehung entspringen sollte —, kam im Bereich der deutschen Zungen die Erziehung mit landesfürstlichem Segen von oben. Aufklärung in wohlabgemessenen und bekömmlichen Dosierungen unter die beschränkten Leute zu bringen, galt als Privileg treusorgender Obrigkeiten, 8ie diese neuartige Zuständigkeit ihren hergebrachten Vorrechten noch hinzufügten. Wer weiß, was dem wackeren Josef Sonnenfels, vormals Aloys Wiener aus Nikolsburg in Mähren, zugestoßen wäre, wenn nicht eine Kaiserin die Hand schützend über ihn gehalten hätte. Dieser Sohn des jüdischen Gelehrten Lipmann Perlin, der durch die Piaristenschule gegangen war, hatte sich durch seine Wochenschrift mit dem verwegenen, beinahe schon anstößigen Titel „Der Mann ohne Vorurteil“ mehr Feinde gemacht, als ein bescheidener Professor der Staatswissenschaften zu jener Zeit vertragen konnte. Daß er dem heruntergekommenen Hanswurst der deutschen Komödie samt seinen grobschlächtigen Spaßen zugunsten edlerer Bühnenspiele den Garaus machen wollte, war nicht gerade volkstümlich. Und staatserhaltende Kreise konnten ihm nicht verzeihen, daß er mit solchem Eifer für die Abschaffung der Tortur eintrat. Sein Kampf gegen literarische und gesellschaftliche Mißstände trug ihm den gefährlichen Ruf eines Majestätsverbrechers ein, der sogar die Religion mit seinem Spott nicht verschone. Es gehört zu den Ruhmestaten der großen Maria Theresia, daß sie den arg Bedrängten kurzerhand in den Adelsstand erhob und ihn zum wirklichen Hofrat machte. Aber, daß dies zu seiner Rettung geschehen mußte, beweist doch nur, wie selbst der bedeutendste Publizist noch allerhöchster Gnade und Gönnerschaft bedurfte, um wirken zu können. Er blieb dabei stets im Gehege, abhängig von wohlmeinenden Fürsten und Regierungen, die weitherziger waren als die meisten ihrer Untertanen, und die das Maß der jeweils wünschenswerten öffentlichen Unterrich-tung von Amts wegen verordneten. Die im Westen häufig aufgeworfene Frage, ob gewisse Eigenheiten deutscher Entwicklung nicht darauf zurückgeführt werden könnten, daß hier keine einzige erfolgreiche Revolution stattgefunden habe, ist falsch gestellt. Der Drang nach revolutionären Erhebungen oder Durchbrüchen meldete sich gar nicht, wegen des eigentümlich verfestigten Anstaltscharakters deutscher Staaten, die das Bedürfnis nach sauberer Verwaltung, nach rechtlichen Sicherungen und öffentlicher Ordnung leidlich befriedigten. Wobei die Nation — im Westen das zentrale Thema, woran alle politische Leidenschaft sich erst entzündete — noch lange nicht im Spiele war.

Die Autorität kommt vom Amt, gerade oder krumm. Als die sieben Professoren von Göttingen 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung durch den Könff von Hannover protestiert hatten, schlössen sich die Einwohner der preußischen Stadt Elbing mit einer Adresse an. Ein hochfahrender Assessor entwarf die Antwort der Regierung; d«r ihm vorgesetzte milde Geheimrat und sein hochgebildeter Minister fanden nichts dabei, sie durchgehen zu lassen, und so bekamen die Elbinger folgendes zu lesen: „Es ziemt dem Untertan, seinem Könige und Landesherrn schuldigen Gehorsam zu leisten und sich bei Befolgung der an ihn ergehenden Befehle mit der Verantwortlichkeit zu beruhigen, welche die von Gott eingesetzte Obrigkeit dafür übernimmt; aber es ziemt ihm nicht, die Handlung des Staatsoberhauptes ah dem Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen und sich dünkelhaften Übermutes ein öffentliches Urteil über die Rechtmäßigkeit derselben anzumaßen.“ Dies ist ein Denkstein auf dem Wege zur Meinungsfreiheit, dessen Anblick uns nachsichtig schmunzeln ließe, wenn nicht der Verdacht bestünde, daß die mit uns lebenden Deutschen über derartige Zumutungen weniger beleidigt sein würden als unsere braven Vorfahren; heute, da aus unserem „Absolutismus“ die Aufklärung nahezu völlig verdrängt ist.

Nach dem ersten Weltkrieg durfte zum erstenmal mit gutem Grund erwartet werden, daß sich das Bewußtsein der geschlagenen Deutschen den Lehren aus der Niederlage des Kaiserreiches aufschließen würde. Vielleicht, so dachten wohl manche, war durch das schwere Erlebnis aus den Bevölkerungen verschiedener deutscher Staaten, die es in der Bismarck-Konjunktur gerade noch zur „bürgerlichen Erwerbsgesellschaft“ gebracht hatten, nun wirklich im politischen Sinn eine Nation geworden. In der Tat gab es einige lebendige Jahre, erfüllt vom Streit der Meinungen, bewegt durch geistige Anregung. Jedoch, von den Erkenntnissen besorgter Warner erreichten bloß die plattesten bis zur Unkenntlichkeit vereinfachten Kurzfassungen die Menge. Diese lauschte lieber dem grobschlächtigen Anruf der falschen Propheten, die an eine alte Vorliebe für das starke Regiment und an ein dumpfes Mißtrauen gegen jeden intellektuell gefaßten Zweifel appellierten. Wo das Herkommen so verhangen ist, kann die Zukunft nicht sehr helle sein.

Auch in diesem Lande hat es seit Justus Moser große Publizisten gegeben, die leidenschaftlich etwas wollten. Von einigen läßt sich sagen, daß sie zu ihrer Zeit gewissermaßen örtliche Durchbrüche erzielten. Aber sie waren stets am erfolgreichsten, wenn sie eine weltanschaulich gebundene Richtung vorwärts trieben. Das Denken aufs Ganze, der Blick für das Gesamtinteresse, der Sinn für das Gemeinwohl — sie haben bei uns kaum Tradition. Das werbende Wort für Paiteiungen aller Art hatte einige Aussicht, aber die Einladung zum Gespräch, zum Widerspruch, zur fruchtbringenden Diskussion blieb wirkungslos.

Heute erleben wir eine Epoche, in welcher die Resignation Uber das versäumte Penstim der zu spät gekommenen Nationen mit der Endphase im Auflösungsprozeß der Gesellschaft zusammentrifft. Man umschreibt diesen Sachverhalt beschönigend mit dem vieldeutigen Begriff der pluralistischen' Gesellschaft. An wen soll sich der Publizist in einer solchen wenden? In Geniezeiten mochte eine einzige gewaltige Stimme zuweilen das Volksgemurmel der Ratlosen übertönen; heute würde sie im Stimmengewirr der Interessenten untergehen, von denen jeder sein „Anliegen“, wie kleinlich es auch sei, für das allergewichtigste hält.

Ein Volk, das vielen Herren gedient hat, das Staatsformen und Regierungsweisen wechselte wie Röcke, die ihm r.':ht eigentlich gehörten, ist nun darauf versessen, ganz sich selbst zu leben. Seine Parole stammt aus der Zeit des französischen Bürgerkönigtums, und sie heißt: Bereichert euch. In solchem Gedränge vereinsamt der Denkende, seine Meinung wird verdächtigt, seine Unabhängigkeit gilt nicht als Wert, eher als störender Makel, sein Wort fällt ins Leere. Er verliert seine Heimat, nicht weil man ihn zur heimatlosen Linken oder auch Rechten zählt, was ohnedies ein Unsinn ist, sondern weil er sich der Möglichkeit -beraubt sieht, die Entwicklung zu beeinflussen, wie es sein Beruf wäre. Er krankt an dem Leiden, das ihm die Wirkungslosigkeit zufügt.

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