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Genius Austriae!

Markgraf Leopold, der Babenberger, schon bald ein Jahrtausend der Seraph unserer Heimat, trägt — nach alten Kloster-neuburger Glasgemälden — zweierlei in seinen gesegneten Händen: Zwei Kirchen und zwei Brote*! Gewiß, diese beiden Kirchen und Brote versinnbildlichen zunächst einmal die reichen Stiftungen und Geschenke dieses wundersamen Mannes. Keineswegs ist aber damit das eigentliche Sinnbild zu Ende gedeutet. Sind doch Zeichnungen eines wahren, schöpferischen Künsters — zugleich und zuerst — heilige Zeichen, symbolhafte Enthüllungen des Ewigen im Menschen und seiner Berufung.

Sollten wir daher diese inwendige Bilderschrift, wie ich hoffe, richtig zu lesen verstehen, dann wollte der begnadete Künstler aus dem 13. Jahrhundert in den beiden Kirchen und in den beiden Broten vor allem die bewegende Idee des Fürsten und seines Landes zu einer bleibenden Anschauung bringen und wie .eine Fahne festgehalten wissen: die Idee von der Harmonie des Lebens nämlich, welche auch die Seele und Krone, ja, der Genius des ewigen österreichertums, geworden ist. Das ist — mit anderen Worten — die Idee der schöpferischen Mitte aller Gegensätze und

* Zum Thema sprach im Rahmen einer festlichen Versammlung der österreichischen Kulturvereinigung der Verfasser dieses Aufsatzes am 24. März dieses Jahres im Wiener Musikvereinssaal.

Spannungen, sowohl der geistlichen wie auch der weltlichen Menschheitsgeschichte!

Und so scheinen die beiden Kirchen in den Händen des heiligen Leopold zu bedeuten: „Petrus“ und „Paulus“, Rom und Byzanz, Autorität und Freiheit im religiösen Denken, die römische Rechts- und die griechische Liebeskirche, das christliche Abend- und das christliche Morgenland, das von Österreich aus

— mit johanneischem Auge — zusammengeschaut werden soll. Und so scheinen die beiden Brote in den Händen des heiligen Leopold auf dem weltlichen Gebiet das Gleiche zu bedeuten: nämlich einen Vergleich, einen Ausgleich von „W e s t“- und „O s t r o m“, von Forum Romanum und Akro-polis, von Carolus Magnus und Irene — von gestern, und

— modern gesehen — einen Ausgleich von Persönlichkeit und Gemeinschaft, von Besitz und Arbeit, von individualistischer Freiheit und sozialistischer Bindung — von heute! Und es scheinen diese beiden Kirchen und Brote in den heiligen und fürstlichen Händen selbst wieder in ihrer Gegen- und Gegenüberstellung uns nahelegen zu wollen, Bejahung und Anerkennung der geistlichen und weltlichen Werte und Anliegen, die Ausgewogenheit und Freiheit von Kirche und Staat, von Glaube und Wissen, von außer- und innerweltlicher Betrachtung der Dinge dieser Welt,

Ja, das ist der Kern der leopoldinischen Idee, diese Betrachtung der Welt von zwei Türmen und zwei Krippen aus, das Zusammensehen aller Strömungen des Geistes und der Kulturen der gesamten Welt, die Einholung und Versöhnung aller Genien zu einem Einzigen, eben eine Weltanschauung, die auch Österreich und -seinen Menschentypus geprägt und gestaltet und den Österreicher so berühmt und so beliebt gemacht hat.

Allerdings wurde diese universale Weltanschauung durch die einzigartige Lage unseres Landes erschlossen. Eingebettet zwischen allen Fluß- und Gebirgssystemen Europas, damit aber auch hineingerufen in alle Nationen und Kulturen Europas — mußte Österreich das Herzland dieses Kontinentes werden, wo von altersher die Straßen vom Aufgang zum Untergang, vom Mittag nach Mitternacht, sich kreuzten. Und wie zur Zeit der ersten Völkerwanderung, die sich vorwiegend in Österreich beruhigte, die Herrenvölker der Erde von gestern es wußten —, ähnlich wissen es die Herrenvölker der Erde von heute, inmitten der zweiten Völkerwanderung, die Österreich wieder umbrandet, daß hier, auf dieser „Drehscheibe“ Europas, in Österreich eben, der Geist der Geschichte, der heilige Geist, eint Weltaufgabe zu vergeben hat, deren Sinn nur das Ende der modernen Völkerkriege und Völkerwanderungen und der der Beginn einer neuen Völkerversöhnung und Völkerveinigung sein könne.

Dazu kommt, daß Österreich auch auf

kulturellem Gebiet immer gewohnt -war, schon als Erbe des Römischen Reich, nationale Schranken zu durchstoßen. In Österreich wurde nicht nur in allen Sprachen Europas politisiert; noch mehr wurde hierzulande in allen Sprachen gedacht, gedichtet, gesungen und gebaut. Männer und Frauen aller europäischen Nationen schufen das romanische, das gotische, vor allem das barocke Österreich. Der Wiener Hof lockte Künstler und Gelehrte, Dichter und Denker aller Zungen nach Wien. Auf den kaiserlichen Theatern wurden deutsche Stücke lateinisch und italienisch gespielt! Im 17. Jahrhundert hatte der italienische Geist seinen Sitz in Wien. Im 18. Jahrhundert, da schon Potsdam Gehorsam und lange Beine schätzte, fühlte sich der bessere deutsche Geist, die Weimarer Kultur, Klopstock, Wieland, Lessing, Goethe, nach Wien als ihrer eigentlichen Hauptstadt hingezogen. Fraglos wirkte auch in Österreich „ihr“ Homer, der namenlose Sänger des Nibelungenliedes, wie auch in Wien die erste deutsche Bühne, das Burgtheater, unser Burgtheater, entstand, und damit die große theatralische Tradition dieses Landes überhaupt, mit dem Ergebnis:

Nirgends in der Welt besitzt der Schauspieler diese offen t-1 i c he, ja sakrale Geltung, wie in Wien, in Österreich. Theater ist hier Staatsaktion und Kult! Der Schauspieler rangiert unter die Minister. Er ist im tiefsten Sinn Staatsmann als Träger und Vermittler des Wortes und der Zwiesprache seines Publikums. Mehr noch! Gleich dem Priester hütet er und verkörpert er Wesentliches. Und es ist eine typisch österreichische Erkenntnis, geschöpft aus seinem Genius heraus, daß alles Geschehen theatrum sacrum, großes Welttheater, ist, dessen geduldige Zuschauer, aber auch Riditer, Gott und die Engeln sind.

Buchstäblich aber „erobert“ hat Österreich die Welt durch die Musik. In Österreich, in Wien, erscheint die Welt musikalisch geeint. Mozart, Beethoven, Haydn, Schubert, sie alle schufen hier, wie später Brahms, Bruckner, Mahler, Hugo Wolf, die höchste Reife ihrer Kunst erreichten. Ebenbürtig neben der Königsberger Philosophie und Vernunftkritik, die in die Welträtsel hineinleuchtet wie schon seit Augustinus nicht mehr, steht die Wiener Symphonie, die das Allgemeinmenschlidie verbindlich zelebriert.

Österreich wurde gegeben; Österreich hat gegeben! Das ist der Inhalt seiner Geschichte, seiner Staatsgeschichte, aber auch seiner Kulturgeschichte. So ist die österreichische Idee, der Genius unserer Heimat, weltoffen, hellsichtig und hellhörig. Niemals aber einseitig und einäugig. Nie glückte in Österreich ein Unternehmen von einem Parteioder Interessenwinkel aus. Die verschiedenen Anschlüsse an Extremisten und Außenseiter, hiezu die Mitte-Lage oft verlockte, scheiterten.

Die österreichische Idee ist — wieder anders gesehen — weder einseitig männlich, nodi einseitig weiblich! Sie hat zur Grundfigur und zum Grunderlebnis — das Bild der Ehe. Liebe, Freundschaft, gute Nachbarschaft, niemals aber der Kampf ist Prinzip des Denkens und Handelns. Das ist schließlich auch der so oft mißverstandene und von den Philistern aller Farben bespöttelte und doch so segens- und friedensreiche Sinn des Ausrufes einer längst verklungenen Zeit:

Bella gerant alii, tu felix Austria nube! Die anderen, sie mögen Kriege führen! Du aber, Österreich, Du bist glücklich, indem Du Hochzeit hältst!

Das war und ist die Situation in Österreich. In diesem Wahl- und Wappenspruch aller Häuser, die Österreich bauten, strahlt und offenbart sich der Genius loci im klaren Licht des Tages; in diesem Sakramental entfaltet sich der geheime, der geheiligte Sinn dieses, unseres Landes. In der Tat, besser könnte und konnte die Friedens- und Menschheitsidee Österreichs nicht formuliert werden als es in diesem wunderbaren Vers geschehen ist.

Freilich, diese Formen, diese hochzeitlichen Formen fürstlicher Friedenspolitik, wie sie alle Leopolde und zuletzt noch großen Stils Maria Theresia betrieben hatten, sind vorbei. Aber der Geist, diese hochzeitliche Art, Gegensätze nicht durch das Schwert, sondern durch die Ehe, nicht durch den Kampf, sondern durch den Frieden, nidit durch den Haß, sondern durch die Liebe, auszutragen, ist heute noch absolut giltig und kennzeichnet unübertrefflich den österreichischen Nationalcharakter.

Der Österreicher ist fraglos tapfer. Aber

er ist weder heroisch noch militant. Das bunte Tuch gefällt, aber als Theater, nicht als Sinngebung des Lebens. Es ist ein eisernes Bestandstück der österreichischen Philosophie, daß der Kampf nicht der Vater aller Dinge sei. Vielmehr ist es die Liebe; sind es Mann und Weib. So ist die öster-reichisdie Idee — bildlich gesprochen — „ehelich“, mann-weiblich, weib-männlich. Sie ist wesentlich unkämpferisch; sie ist friedfertig. Österreich will den Frieden und hat immer den Frieden gewollt!

Österreich ist der Staat in Europa, der am wenigsten Kriege geführt hat. Das ist eine feststehende, jeder Geschichtsüberprüfung standhaltende Tatsache, die zu denken gibt und zu denken geben sollte bei der Behandlung Österreichs. Österreich, und es wäre anders keine Macht des Friedens, wollte und will seit eh und jeh auch den Anderen und das Andere vollauf verstehen, würdigen. Leben und leben lassen — das war darum die Parole unserer Väter.

Man hat diese Weltanschauung als eine hedonische bezeichnen wollen, als eine auf das Behagen, den Genuß eingespielte, ausgerichtete. Daher Schillers Spruch von dem Lande derPhäaken; Grillparzers Spruch vom Kapua der Geister. Das alles ist in dem Sinn richtig, als der Österreicher die Ruhe mehr liebt als die Bewegung, und den Genuß mehr als die Betriebsamkeit. Wenn auf der alten Hamburger Hansa die Losung galt: Navi-gare necesse est, vivere non *est! Auf den Schiffen dahin zu segeln, das ist notwendig, leben aber nicht! — so ist damit schlicht ausgedrückt, was der Österreicher nicht ist und auch nicht sein will. Der Österreicher will, und das ist sein Herzenswunsch, den er jedem „Herrn Nachbar“ unter allen Umständen mitzuteilen gesonnen ist, — er will „seine Ruhe haben“... Das ist aber

kein faules und bequemes Gefühl, das Ist ein metaphysisches, ein christliches Gefühl, ein inneres Wissen davon, daß der Mensch zu Besserem geschaffen ist als zur sturen Handlangerdienst und Daseinskampf in der Ge-schidite.

Noch ein anderer wertvoller Gedanke aber steckt hinter dem Verstehen und Lebenlassen des anderen. Das ist der Gedanke der Verträglichkeit. Ihn formulierte einmal ein österreichisdier Politiker treffend in dem Ausruf: „Rechts stehen und links denken“ oder „Links stehen und rechts denken“, ein Programm, worauf im Grunde jeder ehrliche Österreicher eingeschworen ist, der von rechts oder links her seine Heimat liebt und betreut. Daher gilt es auch als Maxime österreichischer Außen- und Innenpolitik: Bevor ein in letzten Entscheidungen gewiß notwendiges „Entweder-Oder“ gefällt sein muß, will vorher ein „Sowohl-Als audi“ reiflich erwogen sein! Das war so eingelebter Brauch in Österreich. In Schönbrunn, später am Ballhausplatz.

Das war das berühmte österreidiische Verfahren, das den Frageknoten niemals alexandrisch, diktatorisch, durchschnitt, sondern — wohl etwas langsam, manchmal zu gemächlich — meistens nicht ganz, aber doch wenigstens halb — löste. Nationale Blindheit verhöhnte diese Methode und dieses System der Lösungen, was in geistreicher Selbstironie einmal Graf Taaffe das „Fortwursteln“ nannte.

Wir aber wissen heute, daß gerade dieses „Fortwursteln“ den Tisch unserer Väter mehr als reichlich deckte und bei aller Vertagung und Halbierung wichtiger Fragen, letzten Endes doch den Krieg vertagte und — 40 Jahre lang! — im francisco-josephini-schen Zeitalter verschob.

Wir wissen aber auch, daß dieses „Fortwursteln“ der Ausdruck einer optimistischen

Lebensauffassung des Österreichers ist. Seit 1440 gilt das AEIOU: „Austria erit in orbe ultima — Österreich wird ewig stehen“, was der Volksgesang auch anders übersetzte: „Der Wiener geht nicht unter“, und was Anzengruber in seinem Steinklopferhanns fortdeutet und ausdrückt: „Es kann Dir nix gschehn! Du gehörst zu dem alln und dös all gehört zu Dir“!

Schließlich wissen wir aber auch, daß dieses „Fortwursteln“ der Ausdruck einer echt aristokratischen und demokratischen Haltung ist: Weil die Menschen doch nicht in allem und jedem besonders nicht in den praktischen Fragen des Lebens wissen, was absolute Wahrheit und absolutes Recht ist, — so sollten sich diese Menschen doch vertragen!

Ja, diesen Schuß ins Relativistische, Erkenntniskritische, das hat Österreich. Daß wir die Dinge dieser Welt nicht allzu ernst nehmen — das ist österreichisch! Daß wir das Meiste nicht tragisch nehmen, daß wir darüber lachen, wenn andere großtun — das ist österreidiisdi! Und einer seiner großen Dichter, der unsterbliche Ferdinand Raimund, hat auch aus diesem schwebenden Geist heraus ein Lied gesungen, das unvergängliche Hobellied, das die österreichische Lebens- und Sozialphilosophie, diese Einheit und Gleichheit in letzten Dingen, diese österreichische Idee, den Genius Austriae, klassisch verkörpert:.

Da streiten sich die Leut' herum wohl um den Wert des Glücks. Der eine heißt den andern dumm am End' weiß keiner nix! Da ist der allerärmste Mann dem andern viel zu reich. Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt beide gleich!

Wir Katholiken haben in einer gesunden und wirklichen Demokratie stets die Bürgschaft des Volkswohles erkannt. Denn schließlich ist die katholische Kirche trotz ihres hierarchischen Aufbaues das Schulbeispiel einer demokratischen Verfassung, in der jeder Berufene und Befähigte aus eigener Kraft zu den höchsten Stellen gelangen kann...

Kardinal Piffl in einer Ansprache, November 1918

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