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Digital In Arbeit

Gespräch der Freunde

Eine Antwort an Otto Schulmeister

„... sie bauen das Morgen, vont Glauben besessen, vom Glauben ans ewige Reich, vom Glauben ans ewige Reich.”

Aus dem Refrain eines Liedes der Jugendbewegung um 1930.

„Jetzt sind wir nur mehr Österreicher und haben nicht länger auf zwei Stühlen zu sitzen.”

Der junge Karl Lueger nach der Schlacht von Königgrätz, 1866.

Lieber Otto Schulmeister!

Warum sollen nur Feinde zu einem Gespräch verpflichtet werden? So will es zumindestens unser Friedrich Heer. Sollte man in unserem von Arbeit, Hast und vielerlei Verpflichtungen erfüllten Journalistenalltag nicht auch das Gespräch der Freunde offen und rückhaltslos pflegen? Dies schiene mir zwischen Menschen, die zu verschiedenen Fragen sehr verschiedene ausgeprägte Meinungen besitzen, die aber, selbst wenn man das gemeinsame offen deklarierte Bekenntnis zu demselben Glauben und an den einen Gott außer Spiel läßt, der Widerspruch gegen die — ich gebrauche jetzt Deine Worte — „Fettleibigkeit, ja Geistlosigkeit mancher politischer Zustände in Österreich” vereint, wozu sich noch eine persönliche Wohlgesinnung gesellt, geboten. Ich gestehe offen, es ist nicht deicht, ein solches Gespräch in Gelassenheit, Ruhe und Sachlichkeit mit Dir zu führen. Es ist sogar in letzter Zeit noch schwieriger geworden. Man trifft Dich gelegentlich. Man hört Deine bekannten scharfen sarkastischen Ausfälle und freut sich an Deinen treffsicheren Aperçus. Aber der Mensch, Kollege und politische Journalist Otto Schulmeister bleibt hinter dieser Mauer aus scharfzüngigen Worten in Deckung. So sei einmal dieser nicht mehr so ungebräuchliche Weg zu einem freimütigen, klärenden Gedankenaustausch beschritten.

Der Anlaß dazu ist gegeben. Als der Schreiber dieser Zeilen vor zwei Wochen an dieser Stelle die fünfund- zwanzigste Wiederkehr eines Datums, das für unser Land und seine Menschen — insbesondere aber für unsere Generation — schicksalsvol! wurde, zum Anlaß nahm, nicht um sich in geschichtlichen Rückblicken zu verlieren oder — wie es gerne behauptet wird — Gespenster zu beschwören, sondern wie es seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit als historisch geschulter Publizist ist, auf gewisse gefährliche Zwiespältigkeiten unserer Politik aufmerksam zu machen’ und das auszusprechen, was gar nicht so wenigen Österreichern seit geraumer Zeit zu denken gibt, da fuhrst Du wie der böse Wolf aus dem Wald2

Was war geschehen? Hat man Dir ein Junges geraubt? War ich Dir per-

sönlich auf den Pelz gerückt? Nichts von alledem. Ich bin nicht einmal in die Nähe Deines Geheges gekommen. Aber etwas ganz anderes, etwas viel Schlimmeres habe ich mir erlaubt: Ich habe festgehalten, daß meiner festen Überzeugung nach der lange bittere Weg, den Österreich von 1804 — man könnte selbst schon frühere Daten nennen — über 1866, 1918, 1938 und 1945 herauf zu seiner Selbstfindung und Standortbestimmung in einer veränderten Welt mit dem aus freien Stücken gewählten Status als freier, unabhängiger und neutraler Staat an der Scheidelinie der Weltpolitik, sinnvoll beendet wurde. Da darf kein Platz mehr sein für ein gewisses „Binde- strich-Österreichertum”, das nur aufs neue alte Nebel. hochsteigen läßt, in denen wir den endlich gefundenen sicheren Pfad verfehlen und aufs neue abstürzen können. Ich habe leider aufzeigen müssen, daß man in den letzten Jahren an zuständiger Stelle nicht immer mehr jene klare staatspolitische Führung walten läßt, die not täte, ja, daß einzelne Handlungen genau in die gegengesetzte Richtung weisen. Diese Worte schienen Dir zu allgemein, zu „sibyllinisch”. Nun, man kann ja deutlicher werden. Ich wollte es zwar nach Tunlichkeit vermeiden, aber wenn Du grünen Steiermark einen Dozenten, der uns erst in diesen Tagen mit der Nachricht überrascht hat, mit Ausnahme der Nieder- und Oberösterreicher gäbe es keine Österreicher, sondern nur Alpendeutsche. Natürlich trägt unser „Alpendeutscher”, den seine wiederholt geäußerten Animositäten gegen unseren Staat gewiß zu einer großen Karriere als Hochschullehrer und geistigen Führer der Jugend dieses Landes befähigen, einen kroatischen Namen. Und keinen schlechten dazu. Sollen wir auch noch sprechen von der Tragikomödie, daß man sich aus wirtschaftlichen und anderen Gründen bis heute noch nicht auf einen österreichischen Staatsfeiertag einigen konnte und daß man selbst die Ersatzlösung des „Tages der Fahne”, um den landauf, landab viele Jugendführer, Lehrer und Erzieher bemüht waren, von Jahr zu Jahr systematisch abwertet? Soll man von dem geistigen Vakuum sprechen, das in Wirklichkeit das Problem unseres (Heeres ist, größer noch und dringender als die Frage des Budgets, der Ausrüstung und der Bewaffnung. Niemand anderer als der junge Minister für Landesverteidigung scheint dies interessanterweise erkannt zu haben, aber . . .

Soll man ... Die Liste der Grava- mina ist noch lange nicht zu Ende. Sie mag Dir aber genügen, um anschaulich zu machen, mit welchen Spatenstichen das Erdreich gelockert wird, auf dem das Haus steht, in dem wir alle wohnen.

Nicht sosehr wegen konkreter wirtschaftlicher Entscheidungen wurde also jener Artikel seinerzeit geschrieben — so folgenschwer sie auch sein mögen. Nebenbei: Wenn die EFTA ihre Rolle als Instrument erfüllt hat, mag man gemeinsam mit den anderen Neutralen weitersehen. Warum auch nicht, aber erst dann, und bitte jedenfalls ohne Mythos.

Jetzt wirst Du, lieber Otto Schulmeister, vielleicht hochfahren, wenn ich behaupte, daß für nicht wenige die EWG eben keine wirtschaftspolitische Entscheidung ist, an die man nüchtern herantritt, sondern nur die Chiffre für das „Reich”. Deswegen ist es auch so schwierig, in dieser Frage sachlich zu diskutieren. Mit Mythen kann man nämlich keine Gespräche führen.

Das „Reich”: Jetzt biegen wir auf die Hauptfront unseres Gespräches zu. Du fühlst Dich als sein allzeit getreuer Roland an der Donau. Welches „Reiches” bitte? Nicht des nationalsozialistischen Dritten Reiches: das weiß ich, wie jeder Dir persönlich Wohlgesinnte. Des alten Kaiserstaates? Ihm gehören unsere Achtung und ein jederzeit ehrfürchtiges Gedenken. Des alten „Heiligen Römischen Reiches”, das Halbgebildete gerne mit dem Zusatz „Deutscher Nation” versehen? Welch Anruf aus den Tiefen der Geschichte! Niemand ariderer als Reinhold Schneider hat uns allen in seinem „Winter in Wien” die Antwort gegeben: Es ist eine große Absage. Es gibt keine „heiligen Reiche” mehr. Es wird sie nie mehr wieder geben. Bleibt noch das „Reich”, von dem wir in unseren Jugendbünden einmal sangen. Wach auf! Wach auf! Die Lieder sind verklungen, die Lagerfeuer sind herabgebrannt.

Geblieben, besser gesagt noch, wiedererstanden, ist das kleine Land mit dem großen, verpflichtenden Namen. „Wohl wert, daß sich ein Fürst sein unterwinde!”: so sang einst der Dichter. Wohl wert, daß wir alle, wo immer unsere politische Wiege stand, sich zu ihm ohne Rückhalt und Mentalreservation bekennen und in seinen Grenzen als Volk unsere Erfüllung finden. Mir braucht man die vielen Fäden der Sprach- und Kulturgemeinschaft, die uns mit dem deutschen Raum verbinden, nicht in Erinnerung rufen. Ich kenne sie wohl und bejahe sie wie jeder vernünftige Österreicher. Ich kenne aber auch die danubische Komponente unseres Vol kes und Landes, die nach Prag und Budapest, nach Krakau und Agram weist, in welchen Städten unter der grauen Tünche der Volksdemokratie auch heute noch Herzen schlagen, die unseren verwandt sind — verwandter mitunter sogar als manche, mit denen uns die gemeinsame Zunge verbindet. Resultante aus beiden Komponenten ist dieses Österreich, das freilich Österreicher (und nicht Deutsche in Österreich) braucht, um leben zu können und seiner neuen, alten Aufgabe gerecht zu werden.

Ist dies auszusprechen österreichischer Nationalismus? Jener österreichische Nationalismus, den Du, lieber Otto Schulmeister, bei jeder sich nur irgendwie bietenden Gelegenheit verbellst. Ich glaube dagegen, es ist die selbstverständlichste Sache der Welt, will man nicht, in ewigem Zwiespalt zwischen „Staat, Volk und Nation”, der politischen Schizophrenie verfallen.

Übrigens: Ich mag diese von Zeit zu Zeit mit nicht geringer Heftigkeit aufflammende Diskussion eben über „Staat, Volk und Nation” in Österreich nicht. Wozu auch? Ich finde sie reichlich überflüssig. Über klare Tatsachen, die sich freilich in einem langen geschichtlichen Prozeß entwickelt haben, diskutiert man nicht. Und Tatsache nenne ich es, wenn Österreich Vollmitglied der Vereinten Nationen ist, wenn die Österreicher Abgeordnete in den österreichischen Nationalrat wählen, ihre Kinder in der Österreichischen Nationalbibliothek ihre Studien treiben, wenn wir uns über den Sieg unserer Fußball-Nationalmannschaft auf dem grünen Rasen freuen und wenn wir alle — eingeschlossen die lautstarksten Kontraredner bei dem Thema „Volk, Staat und Nation” — möglichst viele von der Österreichischen Nationalbank gedruckte Banknoten in der Tasche haben. Wozu das Ganze also? Wozu geistige Nachhutgefechte der Geschichte mit den Werten und Begriffen des 19. Jahrhunderts? Man lasse auch die einschlägigen Zitate, angefangen von Grillparzer bis Seipel, beiseite. Abgesehen davon, daß es für jeden dieser Aussprache einen als Gegenwort gibt, so haben die Worte in dem großen geistigen Umbruch der letzten Jahrzehnte einen anderen Sinn bekommen. Der Dr. Friedrich Funder der „Reichspost” zum Beispiel gebrauchte ein anderes politisches Vokabular als jener der „Furche”. Und das war doch, wie so bald nicht ein Zweiter, ein Mann aus einem Guß.

„Der Geist vom Juli 1936 geht heute wieder um. nur führt er heute andere Namen.” So habe ich geschrieben, und ich habe jenen Geist auch gleich definiert. Es ist die Mentalität, die ein Bekenntnis zum österreichischen Staat ablegt, im selben Atemzug unter dem Ruf „Europa” die rasche Beseitigung desselben fordert und nur einen bleibenden Faktor kennt und diesen lautstark betont: das „deutsche Volkstum”.

Sind es nur politische Randexistenzen, die solche Gedanken hegen? Wenn dies so wäre, hätten weder dieser Brief noch der vorhergegangene Artikel geschrieben werden müssen. Aber dieser Geist beginnt durch die verschiedensten Kanäle in die Vorzimmer unserer Politik einzusickern, ja ihm wurde von manchem Politiker gar nicht niederen Ranges bereits Einlaß gewährt. Offen gesprochen: Tust Du, lieber Otto Schulmeister, nicht auch das Deine zu diesem Prozeß?

Kommen wir langsam zum Schluß. Du plädierst, lieber Otto Schulmeister, für ein Bündnis aller, „für die Österreich noch mehr ist als der Lebensstandard-Index.” Ein gutes Wort. Du findest uns bereit. Aber auf klarer Grundlage. In diesem Sinne grüßt Dich K. S.

‘ „Die Furche” Nr. 27/8. Juli 1961. 2 „Die Presse” Nr. 3918/9. Juli 1961.

meinst... Man könnte von der wirklich nicht zu bagatellisierenden Tatsache reden, daß der österreichische Regierungschef schlecht oder gar nicht beraten war, als er jener „Deutschen Soldatenzeitung” ein Interview gewährte, die ein bekannter Tummelplatz rechtsextremistischer Elemente aus ganz Europa ist, weshalb sie von niemand anderem als dem deutschen Bundesminister Strauß und der Deutschen Bundeswehr auf das Entschiedenste abgelehnt wird. Ein Betriebsunfall? Mag sein, aber gewiß ein gegenüber dem Ausland peinlicher und für den kleinen Mann in der politischen Doppelreihe verwirrender. Von Betriebsunfällen kann man schon kaum mehr sprechen, wenn wir auf einige Berufungen für unsere hohen Schulen zu sprechen kommen würden. Hier müßte man die Geschichte erzählen von einem Mann — überzeugungstreuer Katholik und in schwierigen hohen Missionen bewährter Diener unseres Staates —, dem man trotz des Vorschlages des Professorenkollegiums „primo loco” die Berufung versagt — weil er ein zu schlechter Österreicher ist? Nein, eher ein zu guter. Genug. Man müßte sonst bitter werden. Verweilen wir noch ein Weilchen auf unseren hohen Schulen. Da gibt es in der

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