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Österreich von Habsburg zu Hitler?

Im Jahre 1936 bereiste ein amerikanischer Professor Österreich. Charles A. Gulick war aber nicht als Tourist aus Ubersee gekommen; er wollte nicht Ferien machen in den österreichischen Bergen oder — gleich vielen seiner Landsleute — als Gast der Salzburger Festspiele österreichisches Kulturerbe bewundern. Das kleine Land, mitten im Kraftfeld der europäischen Großmächte und der von ihnen beschirmten Ideologien, hatte ihn aus einem anderen Grund angezogen. Charles A. Gulick verfolgte nämlich den großen, für einen Professor der Universität California ungewöhnlichen Plan, eine Geschichte Österreichs, eine Geschichte des österreichischen Staates seit 1918 zu schreiben. Mit Bleistift und Notizbuch ausgerüstet, trat der amerikanische Professor an Ort und Stelle den Weg in die jüngste österreichische Vergangenheit an. Von jener eigenartigen, von Sozialromantik nicht freien Vorliebe des ?meri-kanischen .Newdealer“ Rooseveltscher Prägung für den Festlandsozialismus geleitet, suchte Professor Gulick vor allem die Bekanntschaft von Männern der österreichischen Sozialdemokratie und fand in diesen bereitwillige, aber nicht immer von dem Willen zur letzten historischen Wahrheitsfindung Inspirierte Informatoren. Viel Haß war damals zwischen den Menschen In Österreich. Dumpfe Ressentiments wucherten an allen Orten und erstickten jeden Versuch der Vernunft und des guten Willens. Ein Staat hatte durch eineinhalb Jahrzehnte um eine über Parteien und Gruppen hinweg die Menschen einigende Staatsidee gerungen. Vergeblich. Die offenen Wunden eines Bruderkampfes legten Zeugnis dafür ab. So war die Situation, als Professor Gulick, mit reichem Material versehen, Österreich verließ. Es bedurfte eines harten Schicksals, sieben Jahre Nationalsozialismus, der Begegnung der

Gegner von gestern in den Lagern der Gewalt, um Schicht für Schicht, Meter um Meter von den Barrikaden der Vergangenheit abzutragen. Fünf Jahre der folgenden Arbeitsgemeinschaft aller staatserhaltenden Kräfte am Wiederaufbau des zerrütteten Gemeinwesens in der Politik und die mit zähem Willen angebahnten Gespräche zwischen Sozialisten und Katholiken im geistigen Raum schlugen tiefe Breschen in die Parteiburgen des Gestern.

Aber während dieser langen Jahre war Professor Gulick weit weg. Er saß in seiner Studierstube im fernen Kalifornien, er arbeitete sich mit großem Fleiß durch Berge halbvergilbter alter Zeitungen, er diskutierte eifrig mit Emigranten und er vollendete nach 13jähriger Arbeit sein beinahe 2500 Seiten umfassendes Werk, über das er mit kühnem Schwung den Titel setzte: Österreich von Habsburg zu Hitler.“

Die Nachricht war erfreulich und ein Grund zu hochgespannten Erwartungen. Ein in den Traditionen angelsächsischer Wissenschaft erzogener Gelehrter hat sich die Aufgabe gestellt, das an Tragik nicht arme Schicksal eines kleinen, aus einer jahrhundertealten Gemeinschaft mit anderen Völkern gelösten Landes aufzuzeigen. Niemandem zuliebe und niemandem zuleide, frei von dem durch Herkunft, Erziehung und Sympathie bestimmten Vorurteil jedes Inländers legt er mit aller Offenheit und in einer maßvollen, vornehmen Sprache alle Quellen späteren Übels frei — der Gegenwart und Zukunft zur Warnung. Wer mit solchen oder ähnlichen Hoffnungen die Vollendung der Arbeit Charles A. Gulicks begleitete, wird nunmehr bitter enttäuscht. Die fünf Bände des Nationalökonomen aus Kalifornien, deren Übersetzung und Verbreitung in

Österreich zu besorgen der „Danubia“-Verlag für richtig befand, sind nämlich kein durch die Erkenntnisse des letzten Jahrzehnts gefördertes, auf der Höhe kritischer Wissenschaft stehendes Werk, sondern vielmehr das Produkt einer viel früheren Epoche. Das Buch, das im Jahre 1950 in Österreich erscheint, atmet in jeder Zeile seiner 2500 Seiten — man erinnere sich an die Zeit und an die Quellen der Information — die haßgetränkte, für die Motive des Handelns-Andersdenkender unzugängliche Atmosphäre vergangener und, wie nicht die schlechtesten Österreicher zu hoffen wagten, überwundener Vor- und Nachbürgerkriegsjahre.

Drei Gleichungen stehen, gleichsam als Thesen, am Beginn der Arbeit. Sie bestimmen die Bahn von Gulicks Gedanken, sie sind entscheidend für das ganze Werk. Erste Gleichung: Die Geschichte der Republik Österreich ist die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. Zweite Gleichung: Die österreichische Arbeiterbewegung kann mit der sozialdemokratischen Partei dieses Landes identifiziert werden. Die dritte Gleichung ergibt sich aus eins und zwei:

Die Geschichte Österreichs nach 1918 ist die Geschichte des Sozialimus in Österreich oder, wie Gulick in einer Variation des Grillparzer-Wortes von 1848 formuliert, der neuerrichtete österreichische Staat war .im Lager der österreichischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ Hiemit hat Charles A. Gulick aber auch bereits für alle unbefangenen Denker sein noch im Titel angekündigtes Vorhaben, eine Geschichte Österreichs zu schreiben, preisgegeben. Was kommt, ist eine mit großem Fleiß in den Mantel der Wissenschaftlichkeit gehüllte Apologie einer österreichischen Partei. Ob Professor Gulick wohl geahnt haben mag, daß er mit der Anmeldung des Anspruches einer Gruppe auf den Staat den Anfang vom Ende eben dieses Staates geschaut hat — ohne es allerdings auszusprechen: die Gleichsetzung, die Gleichschaltung von Vaterland und Partei, das Rot-Weiß-Rot Österreichs durchwirkt mit den Emblemen einer politischen Gruppe. Hier wurde der Anfang gemacht. Und der Pendel der Geschichte schlägt nie stärker in die Gegenrichtung aus, als man ihn zuvor aus seiner normalen Lage entfernt hatte.

Aber Professor Gulicks Theorie der Geschichte Österreichs will nicht durch die harten Realitäten der österreichischen Vergangenheit abgelenkt werden. In ihr spiegelt sich die Entwicklung ungefähr folgendermaßen: Die österreichische Sozialdemokratie der ersten Republik hatte Gegner. Einen von ihnen kennt die Geschichte als „Christlichsoziale Partei“. Charles A. Gulick zieht es allerdings in der Regel vor, den geschichtlich unkorrekten Ausdruck .die katholische Partei“ zu gebrauchen, wenn er sich nicht überhaupt eines verrosteten Requisits der Kulturkämpfe des 19. Jahrhunderts bedient und von .den Klerikalen“ spricht. Noch einmal, und viel gefährlicher noch, tritt Professor Gulicks Liebe zu ge-schichtsvereinfachenden und verzerrenden Gleichungen in Aktion. Gegner der Sozialdemokratie = Feind der Arbeiterbewegung = Verräter an der Republik. Der Rahmen zu einem Geschichtsgemälde in Schwarzweiß, in Schwarz-Rot ist abgesteckt. Er hat nur Platz für Gute und Böse, Lichtgestalten und Finsterlinge, sozialistische Demokraten und klerikale Faschisten. Die Tagespolemik vergangener Jahrzehnte — nicht umsonst studierte Gulick die Phraseologie der für eine Minute der Geschichte geschriebenen Leitartikel — verbindet sich mit jener Schwerelosigkeit; mit der von jenseits des Atlantiks in der Vergangenheit gerne und mit negativem Erfolg die schwierigsten europäischen Probleme einer Patentlösung zugeführt wurden. Jenes Unvermögen, die schweren Gewichte der Geschichte zu erkennen, die an allen Akteuren der europäischen Bühne und besonders des österreichischen Raums lasten, tritt deutlich in Erscheinung. Gulick steht hier nicht isoliert. Er hat große, tragische Vorbilder: einen Präsidenten Wilson und einen Präsidenten Roosevelt!

Es kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, den von einem amerikanischen Professor schief eingestellten Scheinwerfer auf die österreichische Vergangenheit wieder in die richtige Lage zu bringen. Es ist unmöglich, in wenigen Druckspalten die in fünf Bänden vorgetragenen Thesen anzufechten und dem zusammengetragenen Material anderes entgegenzuhalten. Es wäre auch nicht gut, wenn diese Aufgabe die Publizistik übernehmen würde. Sie muß anderen vorbehalten bleiben: den österreichischen Historikern, ihren Studien und Dissertationen. Hier muß nur aufgezeigt werden, wo die schwersten Sünden gegen eine auf der Höhe der Zeit stehende Geschichtssdireibung und gegen die schüchternen, aber doch hoffnungsvollen Ansätze zur Bildung eines Staatsbewußtseins in Österreich begangen wurden. Dies gilt vor allem für die Beurteilung des alten Staates und seines Verhältnisses zur jungen Republik. Österreich ist nämlich nicht 1918 vom Himmel gestürzt. Die Kräfte, die im neuen Staat um Ausdruck rangen, sind nur zu erkennen und zu entschlüsseln, wenn man nicht die neunhundert Jahre österreichischer Geschichte vor dem 12. November 1918 mit einem Federstrich eliminiert oder in das Dämmerlicht einer finsteren Vorzeit hüllt. Merkwürdig übrigens, daß ein amerikanischer Professor, in dessen Heimatland immer mehr Stimmen laut werden, daß die Zerschlagung der österreichisch-ungarischen Monarchie, jenes Völkerbundes im Donauraum, ein europäisches Ungück gewesen ist, in der Beurteilung dieses Staates den von der deutschnationalen Historiographie ausgetretenen Pfaden folgt und als Kronzeugen zur Stützung seiner Ansicht — Viktor Bibl, jenen Treitschke in Österreich, anführt (1/95). Nicht weniger zweifelhaft ist jener Ton des „öffentlichen Anklägers“. Anklage gegen wen? Gegen alle Kräfte, die am Werke waren, die Konsolidierung des wirtschaftlich schwachen, von dunklen Gewalten von außen bedrohten Staates zu lähmen? Gegen die innere Aushöhlung des Parlamentarismus und der Demokratie, gegen die Politik der „geschlossenen Werkstatt“ genau so wie gegen den Terror der Straße, gleichgültig, in welcher Hemdfarbe er sich manifestierte? Wenn ja, dann ausgezeichnet. Aber nein, der amerikanische Professor ist nur für das Kapitel „Faschismus“ spezialisiert, einen Begriff, von dem er zugibt, daß es von ihm „keine allgemein anerkannte Definition“ (1/21) gibt und der heute bereits mitunter auch auf die Politik seines eigenen Landes ausgedehnt wird. Selbst die Toten sind nicht davor sicher, von Professor Gulick eine schlechte Note in Demokratie zu bekommen.

Gegenargumente finden dabei kein Gehör. Ignaz Seipel rettet nicht einmal die Aussage des für Gulick doch unverdächtigen Otto Bauer, daß dieser — Seipel — „bestimmt kein Faschist sei“ (HI/34) von der Einstufung als „Hauptschuldiger“. Der greise Präsident des Nationalrates der zweiten Republik, von Freund und Feind in Österreich stets als ein Paladin der Verfassung anerkannt, muß sich „schwankende Treue gegenüber der Demokratie“ nachsagen lassen, und die beiden letzten österreichischen Bundeskanzler werden verdächtigt, daß ihr Ringen um die österreichische Freiheit „eine seltsame Mischung von Scheinkampf und verzweifeltem Selbsterhaltungskampf“ war. „Die Behauptung, sie hätten auch gekämpft, um Österreichs Unabhängigkeit zu bewahren“, sei „unaufrichtig“. Hier wird ein Rufmord begangen, der, mit welcher Kritik man immer dem von beiden Männern in jenen Jahren vertretenen System begegnen mag, weit über das hinausgeht, was der politische Anstand erlaubt. Zur Einschätzung der Bedeutung der Religion durch Professor Gulick mag es interessant sein, nur eine weitere seiner Gleichungen wiederzugeben. In einem Kapitel über die „Kinderfreunde“ (11/308) erblickt der amerikanische Professor die vornehmste Aufgabe dieser Organisation darin, „ihre Kinder fern von den Gefahren der Straße und dem Einfluß der starken katholischen Institutionen“ zu erziehen ...

Nein, es ist nicht so einfach. Die Untiefen der ersten österreichischen Republik können nicht mit dem Wort Demokratie allein ausgelotet werden. Noch dazu, wo wir wissen — ein anderer ausländischer Beobachter, der Schweizer P. T. Lux hat es in seinem Buch „Österreich 1918 bis 1938 — eine Demokratie?“ richtiger und kritischer erkannt —, daß eine demokratische Verfassung nicht genügt, „um aus einem Volk lauter Demotraten im machen, der echte demokratische Geist, der erst die Demokratie schaft, fehlte sogar bei vielen, die sich für Demokraten hielten.“

So nimmt man Abschied von Professor Gulick als Wissenschaftler und Historiker. Bevor man aber seine Bücher unter andere Streitschriften und Kampfbroschüren einreiht, fällt der Blick auf einige Zeilen des ersten Bandes. Zur Erklärung österreichischer Verhältnisse für seine amerikanischen Mitbürger geschrieben, geben sie vielleicht den besten Aufschluß über das große Versagen eines kühnen Wurfes: ,

„Für Amerikaner, die in einem Lande leben, wo die Sozialistische Partei nie besondere Bedeutung erlangt hatte, wo es niemals eine katholische Partei gegeben hat, ist es natürlich schwer, ich in eine Situation zu versetzen, in der diese Parteien die Hauptrolle spielen“ (1/29).

Daß es keine gute Saat war, die Professor Gulick gesät hatte, beweisen ihre Früchte, Ein Beispiel liegt bereits vor: ein mit einer in den Spalten der „Zukunft“ bisher ungewohnten Gehässigkeit vorgetragener Angriff gegen einen Toten. Die „Seipel-Legende“, der Ruf des österreichischen Staatsmannes, soll zerstört werden. Die Waffen dazu stammen alle aus dem Arsenal Charles A. Gulicks. Hier wird eine Gefahr deutlich sichtbar, in die die österreichische Politik kommen kann, wenn sie die Kämpfe der Gegenwart mit rückwärtsgewandten Gesichtern austrägt. Die Vergangenheit tut sich aufj sie ruft aber nicht zur Besinnung, sondern zu neuen Fehden unter alten Fahnen. Deshalb müssen alle, denen es wirklich ernst ist mit einer Revision parteipolitisch abgestempelter Geschichtsbilder, die nicht Positionen des Gestern heute und morgen verteidigen wollen, Bücher wie die Charles A. Gulicks ablehnen.

Diese bergen aber noch eine andere Gefahr. Sie machen Antworten und Stellungnahmen notwendig, sie rufen Gegenstimmen auf den Plan, die versucht sein-können, den angeschlagenen Ton der Polemik aufzunehmen und fortzusetzen. Der unheilvolle Kreisel von Argument und Gegenargument setzt sich in Bewegung. Die Narben alter Wunden werden öffentlich zur Schau gestellt, die Toten von diesseits und jenseits verfaulter Barrikaden zu Zeugen angerufen. Und das ist' nicht der Weg, der ins Freie führt.

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