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Die Ersten vor dem Paradies

„ .., Denn Immer noch, wenn des CescUickes Zeiger die große Stunde der Geschickte wies, stand dieses Volk der Tänzer und .der Geiger wie Gottes Engel vor dem Paradies.

Und hat mit rotem Blut und blanken Waffen zum Trotze aller Frevelgier und List sich immer wieder dieses Land erschaffen, das ihm der Inbegriff der Erde ist.,.“

Aus Anton Wildgans: Das große Händefalten

Zwanzig Jahre, nachdem Oesterreich anscheinend für ewige Zeiten von der Landkarte gelöscht wurde, werden Beiträge zur Geschichte jenes Freiheitskampfes* vorgelegt, der in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 in einsamen Herzen begann und im Frühjahr 1945 mit der Wiederherstellung der österreichischen Eigenstaatlichkeit seinen Abschluß fand. — Di Krönung jenes Einsatzes sollte allerdings weitere zehn Jahre bis zur Unterzeichnung des Staatsvertrages auf sich warten lassen.

„Schon wieder Reminiszenzen an jene verworrene Zeit!“ — „Soll man nicht die Toten ruhen lassen?“ — „Wäre es nicht besser, nicht an alten Wunden zu rühren?“ So die Ausrufe und Fragen der einen. Und diese müssen nicht unbedingt Träger oder Nutznießer des 1945 in Blut und Verwüstung abgetretenen Regimes gewesen sein. Auf der anderen Seite aber steht der bittere Satz, den die Mutter eines Hingerichteten zu dem Verfasser des vorliegenden Buches sagte: „Vielleicht wird Ihre Publikation ein bißchen jenes Denkmal ersetzen können, das die österreichische Bundesregierung bisher den treuesten Söhnen ihres Landes vorenthalten hat.“

Welches Argument wiegt schwerer?

Wir halten es mit den Müttern jener, die kein Befehl aufscheuchte, die kein eiserner Zwang vorwärtstrieb, die allein dem Ruf ihres Gewissens folgten, als sie in der dunkelsten Stunde der Geschichte dieses Landes antraten. Für Oesterreich.

In der Tat: die Toten und Ueberlebenden des österreichischen Widerstandes gegen Hitler und sein Großdeutsches Reich sind vielfach unbequeme Gäste unserer der Oberflächlichkeit und Opportunität des Tages nur allzu gerne zuneigenden Gegenwart geworden. Ja, vor zehn oder zwölf Jahren war das noch etwas ganz anderes! Da konnte man mit dem Hinweis auf den Blutzoll, den Oesterreich für seine Befreiung geleistet hatte, an die Adresse der Alliierten appellieren. Aber heute? Stören die stummen Toten nicht manches sich fälschlich „Befriedung“ nennende politische Geschäft? Könnte ein allzu lautes Bekenntnis zu ihnen nicht diesen oder jenen Wähler aus den sogenannten „Randschichten“ verstimmen? Und noch viel schlimmer-..Ist es angesichts der Aufstellung eines neuen Heeres im Sinne der „Stärkung der,Wehrkraft“ überhaupt angezeigt, viel von Widerstand zu sprechen?

Wer so denkt und spricht, hilft mit — ob bewußt oder unbewußt, -ist dabei gleichgültig —, an aus Vergeßlichkeit, Indolenz und ganz bestimmten politischen Aspirationen

* Der Ruf des Gewissens. Der österreichische Freiheitskampf 1938—1945, Beiträge zur Geschichte der österreichischen Widerstandsbewegung. Von Otto Molden. Verlag Herold, Wien, München, 370 Seiten.kleiner Gruppen zusammengesetzten Geschichtslegenden zu weben.

Gegen Legenden helfen nur die glasklaren geschichtlichen Tatsachen. Um sie im Bewußtsein einer raschlebigen Zeit und einer allzu vergeßlichen Politik zurückzurufen, erscheint Otto Moldens Publikation zur rechten Zeit.

Wäre sie vor einem Jahrzehnt erschienen, hätte man gar leicht den Verdacht aussprechen können, sie diene politischer Propaganda. Auch wäre vielleicht manches Wort aus dem wachen Erlebnis heraus bitterer ausgefallen, als es einer Publikation, die nur der Sichtung und Bewahrung geschichtlicher Tatsachen dienen soll, zuträglich gewesen wäre.

Hätte der Verfasser ein weiteres Jahrzehnt mit der Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse und persönlichen Aufzeichnungen gewartet — manche der an und für sich nicht allzuleicht ausfindig zu machenden Quellen wäre bis dahin verschüttet worden. Die Geschichte einer in vielen Aesten und Einzelaktionen verzweigten Untergrundbewegung — oder wie Molden es im Sinne wissenschaftlicher Genauigkeit nennt: Beiträge zu deren Geschichte — kann sich aus naheliegenden Gründen nicht auf Archive stützen. So müssen die aus denselben Ursachen ebenfalls spärlich vorhandenen verstreuten Druckerzeugnisse her. Vor allem aber war es notwendig, eine großangelegte Befragungsaktion der überlebenden Zeugen durchzuführen, ihre Aussagen gewissenhaft zu wägen und zu werten sowie an Hand anderer Wortmeldungen zu überprüfen. Erst dann konnte daran gedacht werden, mit den Aufzeichnungen zu beginnen.

Die Stärke von Moldens Arbeit ist die sorgfältige „Durchkämmung“ der politischen Landschaft jener Jahre nach Widerstandsorganisationen und Zellen sowie deren Einordnung nach höheren geistigen Gesichtspunkten, die natürlich erst aus der Rückschau gewonnen werden konnten. Mit Recht steht das erste Kapitel unter der Devise „Kampf und Sterben der jungen Idealisten“ (März 1938 bis Sommer 1940). In ihm wird nicht nur dem heute bei allen, die ihn kannten, beinahe zu einer legendären Figur gewordenen, in Rußland gefallenen Jugendführer Helmut Jörg ein Ehrenblatt gewidmet. Sein „Graues Freikorps“ formte vor und nach dem März 1938 eine junge Generation von Studenten und Gymnasiasten, deren Ueber-lebende in den Jahren nach 1945 in nicht wenige verantwortliche Positionen einrücken sollten. Die Vorgänge im Herbst 1938, wo die katholische Jugend es war, die mit der Verwirrung und Orientierungslosigkeit Schluß machte, welche sich auch in den inmitten der allgemeinen Massenhysterie im März entstandenen Hirtenbriefen spiegelte, findet ihre einwandfreie Würdigung. Die Darstellung gipfelt im düsteren Untergang der ersten von Idealisten aufgebauten und getragenen größeren Widerstandsbewegungen, die für immer mit den Namen Scholz-Lederer und Kastelic verbunden sein werden.

Der zweite Abschnitt ist dem Tasten und Suchen gewidmet, das die Jahre 1940 bis 1944 ausfüllt, nicht ohne Dutzende von Opfern zu hinterlassen. Die Vorgänge um den 20. Juli 1944 in Wien — die Ausstrahlungen nach Oesterreich waren viel größer, als allgemein bekannt ist — geben Gelegenheit, mit jenen abzurechnen, denen jedes Bekenntnis zum österreichischen Widerstand ein Akt grober Unfreundlichkeit gegenüber dem heutigen deutschen Nachbarstaat zu sein scheint. Ein von üblen Motiven genährter Kurzschluß — gab es doch genügend Querverbindungen und eine Weggenossenschaft auf eine weite Strecke zwischen den Männern des „anderen Deutschland“ und den Vorkämpfern eines freien Oesterreich.

Breiten Raum nimmt gerechterweise die Vorbereitung des seit Herbst 1944 geplanten großen Wiener Aufstandsplanes ein, der noch in seinem Scheitern durch Verrat dennoch die Dispositionen der Wehrmacht und Waffen-SS so lähmte, daß Wien dem ihm zugedachten Schicksal von Budapest und Breslau entgehen konnte... Die Vorgänge im Raum der „Alpenfestung“ weiß der Verfasser durch eigene Erinnerungen sowie die seines Bruders — die Brüder Molden waren mehrmals Kuriere zwischen den westlichen Alliierten und dem Tiroler Widerstand — zu ergänzen.

Vielleicht wäre es wünschenswert gewesen, diese chronologische und summarische Darstellung durch Wertungen der einzelnen Aktionen zu ergänzen. Auch soziologische Beobachtungen hätten von Interesse sein können. So war es doch unter anderem bemerkenswert, daß, ähnlich wie erst unlängst bei der ungarischen Erhebung, es zunächst beinahe ausschließlich Jugendliche waren, die, während die ältere Generation, von. der Macht des Dritten Reiches fasziniert oder verschreckt, abwartete; spontan für jenes Land antraten, dessen Namen man zunächst verhöhnte und dann für immer zu tilgen glaubte. Auch wäre es einer Spezialuntersuchung wert gewesen, wie sich in Oesterreich die verschiedensten Motive für den Widerstand überschnitten: da waren auf der einen Seite Menschen, die in ihrer Jugend im Geiste eines deutschnational gefärbten Liberalismus erzogen worden waren und die nun, obwohl „Großdeutschland“ Wirklichkeit war, Hitler und seinem totalitären System ihr „Nein“ sagten. Da gab es aber auch nicht wenige langjährige Anhänger der NSDAP, „Illegale“ vielleicht, die zwar, hauptsächlich den Sozialrevolutionären Parolen folgend, für ein nationalsozialistisches Oestarreich gekämpft hatten, aber die „großpreußische Lösung“ mit ihrem Einschwenken in die Reihen des österreichischen Widerstandes beantworteten. Träumer vom „Reich“ aus den Bezirken einer gewissen katholischen Romantik gesellten sich hinzu — das Erwachen war bitter, aber heilsam. Daneben natürlich „Vaterländische“, Legitimi-sten, christliche Demokraten. Sozialisten und auch — ja damals auch die Kommunisten.

Die Geschichte ist eben eine sehr komplexe Angelegenheit. Mit Fragebogen und Registrierungslisten, wie man es nach 1945 hielt, ist ihr nicht beizukommen.

Aber auch nicht, wie es heute da und dort geschieht, mit der Erzeugung und Verbreitung geistiger Unklarheiten.

Was soll man zum Beispiel davon halten, wenn der Chefredakteur eines bekannten Salzburger Blattes den Anlaß wahrnimmt, um dem Patriotismus, der zum Widerstand gegen Hitler führte, gerne den Rang einer ehrenwerten Privatangelegenheit zuzuerkennen, in einem Atemzug aber davor warnen zu müssen glaubt, den Kampf der Frontsoldaten zu „disqualifizieren“.

Wer tut denn das? Am fernsten liegt dies zweifelsohne jemandem, der, wie der Schreiber dieser Zeilen, selbst Frontsoldat war. Oft wurden Widerstandskämpfer Frontsoldaten — und umgekehrt. Eines jedoch ist zu billig: mit der heute gern gebrauchten Zauberformel, alle hätten „für die Heimat“ gekämpft, sich aus der Affäre zu ziehen. Bestimmt: „Schließlich sind die da draußen ja nicht alle für die NSDAP vor den feindlichen Kugeln gestanden ... sondern für die Heimat...“ Der erste Teil des Satzes mag stimmen, der Schluß ist aber schief. Es würde sich empfehlen, deutlicher zu werden und diese vielzitierte Heimat .einmal beim Namen zu nennen. War es das oberösterreichische Mühlviertel oder der Flachgau in SÄzburg, das Lesachtal oder der 5. Wiener Gemeindebezirk — das meint man nämlich allgemein, wenn man von seiner Heimat spricht. Für diese marschiert man aber nicht nach Rußland oder über die Loire. Es würde sich empfehlen, korrekterweise von dem heute gerne schamhaft verschwiegenen Vaterland zu reden. Und hier wird die Sache komplizierter — zumindest für nach gefälligen Wortverpackungen Ausschau haltende Politiker und ihre journalistischen Stichwortgeber. Der Historiker aber muß die vielleicht unangenehme, aber unanfechtbare Tatsache festhalten: im zweiten Weltkrieg 1939—1945 war Oesterreich nicht vertreten. Die in der Deutschen Wehrmacht befindlichen Oesterreicher kämpften daher entweder aus einem fehlgeleiteten Idealismus, mit dem heute kein Mensch mehr rechten soll, für „Großdeutschland“, unter dessen Fahne sie ja marschierten, oder sie folgten allein einem harten Gesetz, das bittere Wissen im Herzen, daß der Weg zur Wiederherstellung ihres Vaterlandes Oesterreich, zumindest seit der Moskauer Deklaration des Jahres 1943, von den Bajonetten und von den Panzern der anderen Seite — vielleicht über den Verlust ihres eigenen Lebens hinweg — gebahnt würde. So ist es schließlich auch gekommen. Mag sein, daß unter uns noch Zeitgenossen siedeln, die gerne einen Sieg der weiland Großdeutschen Wehrmacht über die Wiederherstellung eines selbständigen Oesterreichs gestellt hätten. Einige hätten vielleicht auch gerne beides gesehen. Aber man kann von der Geschichte nicht alles haben.

Unser verehrter Kritiker an der Salzach, der uns zu diesem'Extempore verlockt hat, kann sich jedoch kaum weder unter den ersteren' noch unter den letzteren befunden haben. Nach einem Sieg des Dritten Reiches hätte er nämlich kaum Gelegenheit gefunden, in Salzburg eine gut redigierte Zeitung herauszugeben. Dies war ihm eben nur nach dem glücklichen „Wiederkommen im alliierten Zusammenhang“ möglich — eine Tatsache, die er überlebenden Leuten aus dem Widerstand heute gleichsam zum Vorwurf macht. *

Otto Moldens Publikation scheint uns geeignet, das geschichtliche Wissen zu vervollkommnen und die etwas schläfrigen staatspolitischen Gewissen zu schärfen. Im Hochflug der Gedanken hätte es der Sohn der Dichterin Paula von Preradovic nicht ungern gesehen, wenn sein Werk in Auslegung des bekannten Wildgans-Gedichtes unter dem Titel „Die Ersten vor dem Paradies“ erschienen wäre. Nein: Paradies ist, wie kein Staat auf dieser Welt, auch das wiederhergestellte Oesterreich nicht geworden. Eher jenes „gute Land“, das schon Grillparzer seinen Ottokar von Horneck rühmen läßt. Wohl wert, daß nicht ein Fürst, nein, daß wir alle uns — um mit den Worte des Dichters fortzufahren — seiner unterwinden.

In guten und in weniger guten Tagen.

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