6646845-1958_29_03.jpg
Digital In Arbeit

Der Westen und der 20. Juli 1944

19451960198020002020

Die Weltöffentlichkeit ist mit gutem Recht immer noch erregt über das Blutgericht in Budapest vom 16. Juni dieses Jahres, über diesen Versuch, die Erhebung des ungarischen Volkes vom Oktober 1956 endgültig zu liquidieren. Unverständnis und Teilnahmslosigkeit des Westens für die inneren politischen und geistigen Entwicklungen im Ostraum am Vorabend des ungarischen und polnischen Freiheitskampfes haben wesentlich mit beigetragen zu dessen Isolierung und Scheitern. Ein merkwürdiges Licht auf dieses Versagen des freiheitlichen Westens fällt nunmehr, erstmalig ganz sichtbar, auf Grund neuerer Veröffentlichungen, wenn wir es vergleichen mit einem ebenso tragischen früheren Versagen: der alliierte Westen hat 1944, zuvor und in den folgenden' Jahren, den deutschen Freiheitskampf, das tragische Ringen der deutschen Opposition gegen Hitler ebenso „übersehen“, nicht zur Kenntnis genommen, ja verleumdet. Man machte es sich gefährlich leicht: die deutschen Patrioten wurden als „dekadente Junker“ und „ehrgeizige Generale“ abgetan, die Patrioten im Ostraum als „Kommunisten, nicht besser als alle anderen Bolschewiken“. Man war einfach nicht imstande und gewillt, zu sehen, daß die Wirklichkeit viel komplexer ist. Dieses zweifache Versagen stellt ein einziges Memento für die Zukunft dar. Der Westen wird sich entschließen müssen, freie und unbefangener zu denken und zu handeln, will er nicht immer wieder das Nachsehen haben im Kampf mit rücksichtslosen Tätern auf der anderen Seite... „Die Furche“

19451960198020002020

Die Weltöffentlichkeit ist mit gutem Recht immer noch erregt über das Blutgericht in Budapest vom 16. Juni dieses Jahres, über diesen Versuch, die Erhebung des ungarischen Volkes vom Oktober 1956 endgültig zu liquidieren. Unverständnis und Teilnahmslosigkeit des Westens für die inneren politischen und geistigen Entwicklungen im Ostraum am Vorabend des ungarischen und polnischen Freiheitskampfes haben wesentlich mit beigetragen zu dessen Isolierung und Scheitern. Ein merkwürdiges Licht auf dieses Versagen des freiheitlichen Westens fällt nunmehr, erstmalig ganz sichtbar, auf Grund neuerer Veröffentlichungen, wenn wir es vergleichen mit einem ebenso tragischen früheren Versagen: der alliierte Westen hat 1944, zuvor und in den folgenden' Jahren, den deutschen Freiheitskampf, das tragische Ringen der deutschen Opposition gegen Hitler ebenso „übersehen“, nicht zur Kenntnis genommen, ja verleumdet. Man machte es sich gefährlich leicht: die deutschen Patrioten wurden als „dekadente Junker“ und „ehrgeizige Generale“ abgetan, die Patrioten im Ostraum als „Kommunisten, nicht besser als alle anderen Bolschewiken“. Man war einfach nicht imstande und gewillt, zu sehen, daß die Wirklichkeit viel komplexer ist. Dieses zweifache Versagen stellt ein einziges Memento für die Zukunft dar. Der Westen wird sich entschließen müssen, freie und unbefangener zu denken und zu handeln, will er nicht immer wieder das Nachsehen haben im Kampf mit rücksichtslosen Tätern auf der anderen Seite... „Die Furche“

Im Mai 1942 übergaben zwei deutsche Theologen — Pastor Schoenfeld und Pastor Bonn-hoeffer —, Mitglieder des Kreises um Beck, Goerdeler, Leuschner usw., dem Bischof von Chichester, Dr. Bell, in Stockholm ausführliche Informationen über die deutsche Widerstandsbewegung mit der Bitte, sie an die englische , Regierung weiterzuleiten. Eden antwortete dem Bischof am 17. Juli: „Ohne die ehrliche Ueber-zeugung Ihrer Berichterstatter im geringsten anzuzweifeln, trage ich keine Bedenken, zu sagen, daß es nicht im Interesse unserer Nation wäre, Ihnen eine Antwort zukommen zu lassen.“ Dr. Bell versicherte noch 15 Jahre später, er sei „ganz fest davon überzeugt, daß die negative Haltung der Alliierten falsch war: daß es eine kluge und staatsmännische Politik gewesen wäre, auf Vorschläge, die unter so schrecklichem Risiko gemacht wurden, eine positive Antwort zu erteilen, und daß es ein tragischer Fehler war, dies nicht zu tun“.

Heute steht der bekannte anglikanische Kirchenführer mit seinem realistischen Urteil über den 20. Juli in England nicht mehr allein. Schon vor zwei Jahren erschien gleichzeitig in England und in den USA eine Schrift „20 July“ von Constantin FitzGibbon, in der die indirekten Folgen des mangelnden Verständnisses der Alliierten für den Widerstand und ihre Weigerung, einem revolutionären, „anderen“ Deutschland gegenüber die Forderung einer „bedingungslosen Uebergabe“ (unconditional surrender) in die Zusicherung eines Verhandlungsfriedens zu verwandeln, unzweideutig als verhängnisvoll--gekennzeichnet wurden.1

Während Weehler-Bennett in „Die Nemesis der Macht“ und in gewissem Sinne auch Allan Bullock in seinem Buch über Hitler im Grunde noch immer an dem bisherigen skeptischen Urteil britischer Historiker über die Erfolgsaussichten des Staatsstreichs festhalten, geht FitzGibbon, über bloße Parteinahme für die Rebellen des 20. Juli hinaus, zum Angriff auf diejenigen über, die das Mißlingen des Staatsstreichs mehr oder minder offen begrüßt haben: „Es liegen Beweise für die Zeit sowohl vor als nach dem 20. Juli vor, daß die Regierungen des Westens keine erfolgreiche Rebellion in Deutschland wünschten und froh waren, daß der Versuch einer Erhebung mißlungen war.“ Der Grund, der hierfür oft angegeben wird, nämlich ihre Furcht vor dem deutschen Militarismus, sei nicht einleuchtend. Warum hätten die Westmächte 1944 nicht ebenso mit einem Deutschland unter Beck und Goerdeler verhandeln können, wie sie 1918 mit einem Deutschland unter Ebert verhandelten? „Ist es ungerecht, anzudeuten“, fragt FitzGibbon, „daß die Regierungen in Washington und Westminster ihre Völker mit dem Schauspiel eines totalen Sieges ergötzen wollten? Das heißt, daß sie die Politik dazu mißbrauchten, die gleichen teuflischen Gefühlsregungen in ihren eigenen Ländern zu-, friedenzustellen, die Hitler zur Macht verholten hatten ... ?“

Die mißtrauische, wenn nicht offen feindselige Einstellung des gegen Hitler-Deutschland kriegführenden Auslandes zu dem Staatsstreich des 20. Juli beruhte auf zwei Ressentiments, die sich, so verschieden auch der Ausgangspunkt war, in der Konsequenz kaum voneinander unterschieden. Das eine kam aus einer „antifaschistischen“ Haltung, die den Nationalsozialismus vor allem als weltanschaulichen und letztlich sozialen Gegner betrachtete („Freiheit gegen Diktatur“), das andere aus dem in Krisenzeiten sich stets steigernden Gegensatz zum nationalen Landesfeind, den man nicht in sympathische und unsympathische Teile aufspalten konnte.

Die „antifaschistische“ Oeffentlichkeit im kriegführenden Ausland war vom reaktionären Charakter der NS-Bewegung und ihres Staates so überzeugt, daß sie in dem Aufstand der „Junker-Clique“ '- diese Kennzeichnung der Verschwörung durch Goebbels wurde groteskerweise im Ausland weitgehend übernommen —

nur den Versuch des ursprünglichen, kapitalistischen, Auftraggebers sah, ein Werkzeug, das sieh durch abenteuernde Unzulänglichkeiten unmöglich gemacht hatte, abzuhalftern, um selbst wieder die Dinge in die Hand zu nehmen. Das galt nicht nur für die französische Resistance, die stark „links“ tendierte, die britische Labour Party und sozialistische oder mit dem Kommunismus sympathisierende Kreise im kriegsgegnerischen Lager überhaupt, sondern auch weitgehend für die an sich keineswegs sonderlich radikale Presse in den USA, die den Gewerkschaften oder der liberalen Intelligenz nahesteht.

Die „nationale“ Stellungnahme beharrte, soweit sie sich nicht darauf beschränkte, einfach die reine Zweckmäßigkeitserwägung anzustellen: „Nutzt oder schadet es dem Kriegseinsatz?“, in der vorgefaßten Meinung, daß alle Deutschen („rechts“ oder „links“, „Nazis“ oder „Anti-nazis“ machte dabei keinen Unterschied) bestrebt waren, den Krieg zu gewinnen, und sah in dem „Putsch“ nur einen Versuch, in einer Art „Wachablösung“ eine unfähige Führung durch eine bessere zu ersetzen. Für beide Auffassungen schien kein Grund vorhanden, sich durch „innerdeutsche Parteistreitigkeiten“ im Willen, den Krieg zugewinnen, beirren zu lassen.

Die Meldungen von dem Attentat gegen Hitler erregten im Ausland zunächst völlige Verblüffung. Die wenigen Persönlichkeiten auf alliierter Seite, die aller Wahrscheinlichkeit nach mehr oder minder gut über die Vorbereitungen unterrichtet waren, haben der Presse gegenüber darüber damals geschwiegen. Zuerst druckte man überall die Meldungen des Deutschen Nachrichtenbüros, die man am Deutschen Rundfunk abgehört hatte, ungekürzt ab. Dann wurde in den Vereinigten Staaten eine Erklärung des Außenministers Hull publiziert, in der es unter anderem hieß, Heinrich Himmler, den man als den nunmehr „kommenden Mann“ betrachtete, „könne von dem deutschen Volk . nicht länger die Erkenntnis fernhalten, daß viele deutsche Generale glaubten, der Krieg sei verloren“. Der „London Star“ kommentierte am Tag darauf: „Der Feind ist beim September 1918 angekommen, und er weiß es nur zu gut!“ Die „liberale“ Presse war sich einig in der — schadenfrohen — „Unparteilichkeit“ gegenüber Naziregierung und „Nazirebellen“: „Die Auseinandersetzung, die jetzt vor sich geht, ist der Kampf zwischen euren herrschenden Gruppen um das Recht, euch ausbeuten zu können“, rief die New-Yorker Zeitung „PM“ den Deutschen zu. Und-

„Jetzt brechen die Junker mit den Nazis ... mit denen sie sich einst zusammentaten: und der Zweck beider Schritte war und ist der gleiche: ihre Ländereien und ihre Macht zu retten!“ orakelte die „New York Post“.

Aber auch die „ernsthafte“ Presse in den Vereinigten Staaten (die britischen und französischen Zeitungen schwenkten völlig auf diese Linie ein) konnte sich für geraume Zeit der allgemeinen Tendenz nicht entziehen, die. „Offiziersclique“ als „den“ Feind zu erklären.

Am 9. August 1944 veröffentlichte zum Beispiel die „New York Times“ einen Artikel, in dem es in edler Entrüstung hieß, die Einzelheiten des Attentats erinnerten eher an „die Atmosphäre der finsteren Verbrecherwelt“ als an die welche man „normalerweise in einem Offizier; korps eines Kulturstaates erwarten würde“, unc die „New York Herald Tribüne“ hatte bereits am 1. August festgestellt: „Wenn der Hitlerismus seine letzte Verteidigungsstellung bezieht, indem er die militärische Tradition zerstört, dann nimmt er den Alliierten einen großen Teil ihrer Arbeit ab“, um am 9. August fortzufahren: „Amerikaner werden im allgemeinen nicht bedauern, daß die Bombe Hitler verschont hat, auf daß er seine Generale erledige. Amerikaner haben nichts übrig für Aristokraten als solche, und am wenigsten für diejenigen, die dem Taktschritt huldigen und, wenn es in ihre Pläne paßt, mit niedriggeborenen, pöbelverbundenen Korporalen zusammengehen. Mögen die Generale den Korporal töten oder umgekehrt — am liebsten beides!“

Diese verfehlte Reaktion des Auslandes dem Widerstand gegenüber kann kaum ein Grund zu Entrüstung oder Ueberheblichkeit sein. In den Wochen um den 20. Juli 1944 hat auch in Deutschland und den von der deutschen Armee besetzten Gebieten nur eine verschwindend kleine Minderheit begriffen, was hier eigentlich geschehen war. Und bis heute ist sich der „Durchschnittsdeutsche“ trotz allen anerkennenswerten Bemühungen offizieller Stellen und verantwortungsbewußter Publizisten der historisch-moralischen Bedeutung jenes deutsch-, europäischen ., $chicksalstages für, die,-. Grund- , .,legung neuer deutscher, Selbstfindung. kaum stärker bewußt als der Ausländer.

In den Vereinigten Staaten begann sich die Haltung zum Widerstand ungefähr im Jahre 1946 zu ändern. Typisch und wegen der überragenden Bedeutung der Zeitung von exemplarischem Charakter ist, was am 18. März dieses Jahres einer der Herausgeber der „New York Times“, C. I. Sulzberger, öffentlich und ausführlich zu Protokoll gab. Er erklärte, daß die alliierten Regierungen nicht nur von der Existenz der deutschen Fronde gewußt hatten und von Emissären des Widerstands detailliert unterrichtet worden waren, sondern daß die Demokraten auch bewußt und eindeutig jede Unterstützung abgelehnt haben. Er stellte weiterhin fest: „Es war eine Verschwörung, die nicht nur einige von Deutschlands führenden Männern wie prominenteste Heeres- und Flottenoffiziere umfaßte, sondern auch wichtige Diplomaten und Geistliche sowohl der katholischen wie der protestantischen Kirche. Die Verschwörer, die untereinander über Methoden und Ziele des öfteren keineswegs einig waren, stellten schließlich die Verbindung mit alliierten Stellen her, so mit dem ehemaligen britischen Außenminister Anthony Eden und Frau Alexandra Kollontay, der ehemaligen russischen Botschafterin in Stockholm. Aber immer* wieder wurde ihnen gesagt, daß man ihnen keinerlei Zusagen machen würde, und sie wurden sich selbst überlassen, um ihre eigene Regierung zu stürzen.“

Diese Veröffentlichung brach die Bresche für verständnisvolle und um Wahrheitsfindung bemühte Publikationen in den USA: Schlabren-dorff, Hassel, Gisevius kamen u. a. in englischen Uebersetzungen heraus. Diese Bücher, die — ebenso wie Pecheis Rechenschaftslegung — ursprünglich in der Schweiz erschienen und dank dem unerfindlichen Ratschluß der Besatzungsbehörden geraume Zeit dem deutschen Leser vorenthalten wurden, haben zusammen mit einer Reihe ungefähr zur gleichen Zeit erscheinender Zeitschriftenartikel dazu beigetragen, der amerikanischen Oeffentlichkeit ein neues Bild der •Jeutschen Opposition zu vermitteln.

So stellte Ford unmißverständlich fest: Moralische Empörung über den Nationalsozia-:smus — oft nicht das einzige Motiv, selten das 'ntscheidende — zieht sich wie ein roter Faden 'urch die ganze Widerstandsbewegung; man erdammte ihn ohne Einschränkung und ohne Rücksicht auf seine Erfolge oder Mißerfolge oder darauf, ob man in ihm eine Gefahr für alte Traditionen erblickte oder glaubte, ihn doch noch in Schach halten zu können. Er war einfach ethisch verwerflich.“

Diese Formulierung ist insofern von besonderem Gewicht, als man zwar oft — wenigstens zögernd — anzuerkennen begann, daß es offensichtlich eine deutsche, aus widerspruchsvollen Elementen bestehende Opposition gegen Hitler gegeben hatte, wenn auch nicht als Massenbewegung im organisatorischen Sinne, ihr aber im allgemeinen noch geraume Zeit recht fragwürdige Motive unterstellte.

„Aus sonderbaren Gründen“, bemerkte der amerikanische Abwehroffizier Alexander B. Ma-ley in „Human Events“ (27. Februar 1946), „ist das Epos des deutschen freiheitlichen Widerstandes unterdrückt worden. Von seinem Heroismus ist uns nichts erzählt worden, seine Opfer blieben unbesungen. Man hat uns glauben gemacht, daß die deutsche Nation fast ohne Ausnahme den Verbrechen ihrer Führer zugestimmt hat. Kein Beweis des Gegenteils durfte sogar bei den Nürnberger Prozessen zutage kommen — ein schwerwiegender psychologischer Fehler; denn nichts würde das deutsche Volk mehr beeindrucken als die Geschichte seiner Volksgenossen, die soviel für sie opferten I“

Langsam aber kamen Stimmen zu Wort, die dem deutschen Widerstand gerecht zu werden versuchten: Allen W. Dulles, der Bruder des heutigen amerikanischen Außenministers, der als Chef einer amerikanischen Nachrichtenorganisation seinerzeit von der Schweiz aus über Gisevius und andere Kontakt mit der deutschen Opposition gehabt hatte, publizierte unter Mitarbeit deutscher Exilierter die „Verschwörung in Deutschland“; der emigrierte deutsche Professor Hans Rothfels erbrachte in seiner Darstellung „Die deutsche Opposition gegen Hitler“ eindeutig den dokumentarischen Beweis für die in schweren Gewissenskämpfen errungene grundsätzliche und jedem Opportunismus ferne Haltung humanistisch-christlichen Protests im führenden Zirkel des deutschen Widerstands. Die von Dulles zum ersten Male publizierten „Kreisauer Dokumente“ konnten denen, die hören wollten, genug über die echte urftl von ethischen Entscheidungen bestimmte Einstellung eines der Führungskreise im deutschen Widerstand sagen, auch denen, die etwa von dem Opfertod der Geschwister Scholl in München zwei Jahre vorher unberührt geblieben waren.

Daß sich die französische Publizistik auch dem deutschen Widerstand gegenüber reserviert verhielt, ist angesichts der konkreten Erinnerungen der Franzosen an die deutsche Besatzung verständlich. Immerhin hat die Zeitschrift „Documents“ in — sympathisierender — Objektivität mehrfach Uebersetzungen von Dokumentationen zum deutschen Widerstand abgedruckt, während die das bis dahin vorliegende ■Tatsachenmaterial durchaus einwandfrei darstellende Untersuchung „L'armee allemande et le complot du 20. juillet 1944“ in der „Revue de la defense nationale“ (Oktober 1948) ebenso wie die etwa ein Jahr später in der amerikanischen Militärzeitschrift „Military Affairs“ (Winter 1949) erschienene Studie „The German officer corps versus Hitler“ von eisiger „Sachlichkeit“ sind.

Es ist natürlich, daß man im Ausland überhaupt — auch abseits der „Fachkreise“ — vor allem am Problem der „Anti-Hitler-Generale“ interessiert war. Daß in England nach Kriegsende eine beinahe frenetische Begeisterung für Marschall Rommel, den „Wüstenfuchs“, ausbrach, ist bekannt. Die Begeisterung galt allerdings mehr dem Feldherrn, als dem „Widerständler“, aber die Bekundungen in Nürnberg, daß man Rommel offiziell wegen Teilnahme an der Vorbereitung des 20. Juli zum Selbstmord veranlaßt habe, hat mehr dazu beigetragen, der angelsächsischen öffentlichen Meinung einen deutschen Widerstand glaubhaft erscheinen zu lassen, als alle Dokumentationen Goerdelers und Helmuth v. Moltkes zusammengenommen.

Noch mehr als der „Fall Rommel“ hat die Phantasie des Auslandes die Figur des „geheimnisvollen“ Chefs der deutschen militärischen Abwehr, Admiral Canaris, beschäftigt'.

Zeitgenössische Urteile über historische Ereignisse hängen immer von den Umständen ab, unter denen sie gefällt werden. Zustimmung, Ablehnung, Gleichgültigkeit sind dabei keine feststehenden Werte. Ihr Gewicht ändert sich mitunter schnell, so wie sich die „Zeiten ändern“, das heißt, die Vorzeichen, nach denen gewertet wird. Nur selten wirken geschichtliche Ereignisse im Bewußtsein eines Volkes fort. Völker vergessen schnell — ihre Schänder und ihre Helden. Aber vielleicht hat die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson (New York) doch so etwas wie eine Parole ausgegeben, die nicht- nur für Amerikaner gilt, als sie 1946 in dem Sammelband „Deutsche innere Emigration“ über die Männer des 20. Juli schrieb: „Wie immer die Geschichte sie beurteilen mag, alles hängt davon ab, wer die Geschichte dieser Männer, die einen Versuch unternahmen, der mißlang, schreiben wird: wenn wir Amerikaner klug wären, sollten wir die Augen des deutschen Volkes auf sie lenken, damit Deutsche wieder auf Deutsche stolz sein können. Denn kein Volk kann ohne Helden leben!“

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau