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Lehren, Legenden, Lügen

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„In den ganzen Jahren seines damaligen Bestandes (vor 1938) hat damals das Bundesheer nur ein einziges Mal geschossen: auf Wohnungen und Schulen österreichischer Arbeiter.“ (Österreichs auflagengrößte Tageszeitung im Jahre 1974 zur Aufklärung der heutigen Jugend über die Bürgerkriegsereignisse 1934.)„Für uns sind diese Ereignisse ohne Interesse.“ (Angehörige einer Wiener CV'-Verbindung im Jahre 1974.)

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„In den ganzen Jahren seines damaligen Bestandes (vor 1938) hat damals das Bundesheer nur ein einziges Mal geschossen: auf Wohnungen und Schulen österreichischer Arbeiter.“ (Österreichs auflagengrößte Tageszeitung im Jahre 1974 zur Aufklärung der heutigen Jugend über die Bürgerkriegsereignisse 1934.)„Für uns sind diese Ereignisse ohne Interesse.“ (Angehörige einer Wiener CV'-Verbindung im Jahre 1974.)

In einem selten begangenen Winkel des Friedhofs von Kirchschlag in der Buckligen Welt (Nö.) stößt der Besucher auf Soldatengräber. Hier liegen Gefallene des österreichischen Bundesheeres. Am 4. September 1920 ging es im Gefecht bei Kirchschlag um das Burgenland. Die Ungarn hatten österreichische Gendarmen, die auf Grund des Staatsvertrages von St-Germain zur „Landnahme“ schreiten wollten, verjagt, weil sie diese westlichen Komitate ihres Königreichs nicht den „Bolschewiken in Wien“ überlassen wollten. Bei der Verfolgung der Österreicher stieß ein ungarischer Verband unter dem Maria-Theresien-Ordensritter Arpäd Taby bis gegen Kirchschlag vor. Dort gerieten die Verfolger auf das II. Baon. des IR 5. Am 4. September 1920 kämpften Offiziere, zum Teil auch Unteroffiziere und Mannschaften, gegeneinander, die zwei Jahre früher gemeinsam Österreich-Ungarn verteidigt hatten. Jetzt aber waren der ehemalige Oberleutnant Taby und der k. u. k. Rittmeister Carl Vaugoin, der als christlichsozialer Heeresminister den Einsatz des Bundesheeres veranlaßt hatte, Feinde. Die Ungarn zogen sich schließlich zurück. Das Bundesheer verlor 7 Tote und 15 Verwundete. Zwei Österreicher gerieten in Gefangenschaft. Einer wurde gehenkt, der andere erschossen. Das war der erste Einsatz des eben aus der Volkswehr hervorgegangenen Bundesheeres, das nur auf Arbeiterwohnungen und Schulen geschossen hat.

Im Juli 1934, beim letzten Einsatz des Bundesheeres, fiel im Kampf gegen die SA ein Stabsoffizier. Im Ersten Weltkrieg war er, wie der tags zuvor am Ballhausplatz gefallene Bundeskanzler Dollfuß, Offizier bei den Kaiserschützen gewesen. 1917 hatte er als Kompaniekommandant zweimal die Goldene Tap-ferkeitsmedaille erworben. 1934 war er Major, aber immer noch Kompaniekommandant, denn im 30.000-Mann-Heer gab es wenig Fortkommensmöglichkeiten. Unter alten Kameraden war bekannt, daß der Major mit dem Nationalsozialismus sympathisierte. Trotzdem stand er im Kampf gegen die Männer mit der Hakenkreuzbinde zu seinem Eid. Er tat es genauso, wie es im Februar 1934 ehemalige sozialdemokratische „Volkswehrleutnants“ im Kampf gegen den Schutzbund gehalten haben. Denn solange unser Heer unter Eid und Befehl stand, hat es nicht geputscht. Die Jugendaufklärung, wonach es ein Heer war, das nur auf Arbeiterwohnungen und Schulen schoß, ist eine Lüge.

Seit der Professor für Geschichte Friedrich von Schiller seine Figur des kaiserlichen Generalissimus Wallenstein auf die Bühne gebracht hat, ist Wallenstein und das von ihm geschaffene Heer der Kaiserlichen zuweilen von dem falschen Verdacht umwittert, es neige zu Verrat und Aufruhr. In unserer Zeit haben viele junge Österreicher die Legende vom Heer, das nur auf Arbeiterwohnungen schoß, zuerst im Elternhaus gehört. In den meisten Fällen bekamen sie diese Weisheit aber in Jugendorganisationen zu hören, die vom Staat subventioniert werden, in denen man zwar für revolutionäre Kämpfer wie Che Guevara und Ca-milo Torres schwärmt, dem Bundesheer aber das Recht abspricht, junge Menschen im „Töten -zu drillen“. Jahrelang hat der ORF durch das Ausstrahlen von Filmen und Fernsehspielen, die diese Tendenz illustrieren, zur Verbreitung der Lüge vom Bundesheer, das nur Schußfeld nach links hatte, erheblich beigetragen.

Zu diesem Image unseres Heeres gehört es, daß man wohl von den Opfern der Exekutive spricht, die im Februar 1934 zu beklagen waren, die Tatsache, daß im Juli 1934 dreiundzwanzig Soldaten des Heeres im Kampf gegen die SA gefallen sind, aber sorgfältig unter Verschluß hält. Diese Toten und die zugleich mit ihnen gefallenen Beamten der Exekutive sowie Angehörigen der Wehrverbände zeugen ja gegen die rote Legende, wonach das Dollfuß-System weder willens noch in der Lage war, gegen den Hitlerismus zu kämpfen. Und außer einigen Kle-rikofaschisten von damals möchte sich heute niemand gegen die Lüge vom Heer, das nur auf Arbeiterwohnungen geschossen hat, stellen; weil man es ja im Fernsehen gesehen hat, wie damals nur auf Arbeiter geschossen worden ist. Auch den Siegern von 1945 paßte dieses Image in den Kram, weil nur so ihre Behauptung aufrechterhalten werden konnte, Österreich habe von sich aus nichts oder zuwenig getan, um sich des Hitlerismus zu erwehren.

Zu den heutigen Geschichtslügen gehört die Behauptung, die österreichischen Klerikofaschisten hätten sich als Feinde der Demokratie die Sympathie der großen Demokratien des Westens verscherzt. Tatsache ist, daß man zum Beispiel - in London, Downingstreet, aus ganz anderen Gründen nur mit mäßiger Sympathie auf die militante Selbstbehauptung des Dollfuß-Regimes blickte. Sir Eric Phipps, britischer Botschafter in Berlin, erklärte selbst nach dem Tode Dollfuß' seiner Regierung, es sei nicht gut, an „Hitlers Süd- und Ostgrenze Stacheldraht (zu) errichten“. Viel besser sei es, diese Grenzen zu Österreich offener zu lassen, weil sonst „das Raubtier nach Westen zurückgetrieben würde“. 1934 war noch die Regierung des aus der englischen sozialistischen Partei hervorgegangenen Premierministers McDonald im Amt. McDonald hat „vom Anfang an nicht an die Behauptungen über Ausschreitungen geglaubt“, die im Dritten Reich nach

der Machtergreifung Hitlers stattfanden. So wie sein schwedischer Genosse Gunnar Myrdal bewies auch McDonald „Verständnis für die* Bewegung des jungen Deutschland“ und als Sozialist kannte er sich ohnedies in jenen „Umständen (aus), die eine Revolution begleiten“.

Bei so viel Aufgeschlossenheit sozialdemokratischer Größen für Hitler durfte es nicht ausbleiben, daß sich auch der letzte Grand Old Man des Liberalismus, Lloyd George, aufmachte, um Hitler auf dem Berghof seine Aufwartung zu machen. Nachher (1937) schrieb dieser erfahrene Staatsmann von der „Bewunderung, die (er) persönlich für Hitler empfinde“ und er „wünschte nur, daß wir (in England) heute einen Mann von seinen Eigenschaften in der Führung der Angelegenheiten unseres Landes hätten“.

Was waren wir Klerikofaschisten doch für arme Würstchen! In unserer „unkritischen Voreingenommenheit“ wollten und wollten wir einfach nicht jene Eigenschaften an Hitler wahrnehmen, die doch erfahrenen Sozialisten und Liberalen des Westens so sonnenklar waren. Noch mehr: Wir verließen uns auf Mussolini, den man 1945 wie einen geschlachteten Stier in Mailand ausgehängt hat. Jenen Mussolini, in dessen Korrespondenz sich die Versicherungen des Wohlwollens und der Anerkennung fanden, mit denen ihm US-Präsident Franklin D. Roosevelt regelmäßig bedacht hat. Von Winston Churchill, der Mussolini noch nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einen „wirklich großen Mann“ genannt hat, ganz zu schweigen.

So wie es um 1974 für sozialdemokratische und liberale Appeasers in Europa Ausdruck einer entideologi-sierfen Realpolitik ist, mit den Kommunisten zu paktieren, standen auch um 1934 ihre Vorgänger nicht an, ähnliches im Umgang mit Hitler und Mussolini zu betreiben. Derlei Berechtigungen standen natürlich Dollfuß und seinen Klerikofaschisten nicht zu.

Freilich: Als Churchill noch vom „großen Mann in Rom“ sprach, waren die führenden österreichischen Klerikofaschisten schon von der Dollfuß-Straße in die Lagerstraße des KZ abgeführt worden. In zebragestreiften Sträflingskleidern konnten jetzt diese Unbelehrbaren an einem Anschauungsunterricht teilnehmen, der ihnen illustrierte, wie Demokraten in München (1938) und Kommunisten in Moskau (1939) Hitler an die Kandare kriegten. In Österreich hatte Hitler den Demokraten die schmutzige Arbeit abgenommen, mit dem Klerikofaschismus aufzuräumen. Aber Millionen Europäer, die auch nach dem Fall Österreichs für die Realpolitik der damaligen Appeasers in West und Ost die Zeche zahlen mußten, waren keine Klerikofaschisten. Hier ist von Tschechen, Slowaken, Polen, Litauern, Esten, Letten, Rumänen in der Bukowina und Finnen die Rede. Diese Menschen und ihre Nachfahren, die im Gefolge von Abmachungen, die noch mit Hitler getroffen wurden, schließlich unter die Diktaturen des Hitlerismus und des Kommunismus gerieten, sind jene Späne,die angeblich fallen müssen, wenn die Großen an der Hobelbank der Weltgeschichte herumpfuschen.

Wer möchte jetzt, im vorwiegend sozialistischen Europa, den französischen Sozialisten Leon Blum zitieren, der noch wenige Tage vor Kriegsausbruch 1939 zu behaupten wagte, das Ribbentrop-Molotow-Ab-kommen zur vierten Teilung Polens müsse man als eine „neue Friedenshoffnung“ ansehen. Das jetzt auszusprechen und die Jungen zu warnen, daß Geschichte Gegenwart ist, dazu fehlt vielen einfach der Mut, der in einer Stunde wie dieser am Platz wäre.

Nach seinem letzten Einsatz im Juli 1934 hat das Bundesheer nicht mehr geschossen. Es wäre uns nicht leicht gefallen, im März 1938 auf jenes Feldgrau zu schießen, das 1914 bis 1918 die Verbündeten unserer Väter und älteren Brüder getragen haben. Den Schießbefehl hätten wir nicht- verweigert; aber Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg gab ihn nicht. Alle, ich betone alle, atmeten damals in Österreich, in Europa und in der Welt auf, als nicht geschossen wurde.

Auch in Dänemark wurde 1940, im Krieg gegen Hitler, nicht geschossen. Der dortige König und sein sozialdemokratischer Ministerpräsident Thorvald Stauning hatten den militärischen Widerstand gegen die Deutsche Wehrmacht, die ins Land rückte, verboten. Nach der deutschen Besetzungs Dänemarks blieben der König und sein Ministerpräsident im Land und im Amt. In einem Gespräch unter vier Augen vertraute der König dem Chef des Stabes der in Dänemark eingesetzten deutschen Truppen an: „Das habt ihr Deutschen wieder fabelhaft gemacht! Das muß man sagen: Großartig.“ Alte Soldaten unter sich konnten schon eine Lippe riskieren.

Nichts gegen Dänemark und sein Volk, dem wir Österreicher so viel Dank schulden und das später erfahren hat, daß Freiheit Blut kosten kann (was man derzeit in Österreich weniger gern hört). Aber: Wie würde im heutigen Österreich erst recht über den damaligen Bundespräsidenten Wilhelm Miklas und Bundeskanzler Schuschnigg hergezogen werden, hätten sie sich im März 1938 so betragen, wie zwei Jahre später — als man wußte, woran man mit Hitler war —, der sozialdemokratische Ministerpräsident Dänemarks? Gewiß übertreibt William L. Shirer in „The Rise and Fall of the Third Reich“, wenn er das deutsch besetzte Dänemark ein „Musterprotektorat“ nennt und die Politik seiner Regierung den Modellfall „für loyale Zusammenarbeit“. Für den deutschen Landser in Osten gab es jedenfalls, außer dem Protektorat, keinen Ort in Europa, an dem er lieber eingesetzt hätte werden wollen, als an der „Butterfront“ in Dänemark.

Und in Butter ging auch 1945 der Nachkriegsstatus Dänemarks. Es wurde zu den „liberated countries“ gerechnet, während Österreich, das bereits unter den Klerikofaschisten mehr Opfer im Kampf gegen den Hitlerismus gebracht hatte, unter den Siegern gevierteilt und ein „occupied country“ wurde. Aber so mußte es nach 1945 an Österreich geschehen. Denn jede Anerkennung der vor 1938 von den Österreichern geleistete Resistance gegen Hitler wäre ja einer Verurteilung der Sieger von 1945 gleichgekommen. Jener, denen die Unabhängigkeit Österreichs keinen Schuß Pulver wert gewesen ist. Und denen es lieber gewesen war, wenn sich das „Raubtier“ gegen andere, nur nicht gegen die eigenen Grenzen wandte.

Das Raubtier und die Schweine Nach 1934 verglich die in der CSR erscheinende „Arbeiter-Zeitung“ unter Zitierung Heinrich Heines besagtes Raubtier mit uns Klerikofaschisten:

„Anständige Schweine sind es doch, Die ganz honett dich überwunden. Doch wir geraten unters Joch Von Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden.“

Indem ich jetzt noch einmal diese Auslassungen lese, kommt mir das Gesicht meines Jugendfreundes Eiß-ler in Erinnerung. Eißler war ein lieber Junge, musisch veranlagt und trotz seiner Heimwehruniform kein Typ für den Bürgerkrieg. Er wollte 1934 seine Ferien bei Mitterndorf verbringen und er fand dort den Tod. Auf die Nachricht vom Tode Dollfuß' stieß er zu seinen steirischen Heimatschutzkameraden und fiel im Kampf gegen die SA.

Für unsereinen waren die SA-Männer, die im Juli 1934 im Kampf fielen, keine Bestien. Im Durchschnitt waren diese Männer nicht älter als 23 Jahre. Es war eine Generation, die schon um 1930 Mängel der Demokratie, des Parlaments und des Parteienunwesens erkannt hatte. Mängel, von denen heute noch geredet wird, die aber fortbestehen. Was Bruno Kreisky unlängst angedeutet hat, daß nämlich der Parlamentarismus nicht die „einzig mögliche reale Form“ sei, in der „die Idee der Demokratie innerhalb der sozialen Wirklichkeit von heute erfüllt werden kann“, war damals in vieler Munde, soweit man nicht lieber hinter dem Ofen saß, um zu überdauern, bis sich der Wind gelegt hatte. Die Zahl derer, die nicht den Marxismus heranziehen wollten, um eine neue reale Form in der sozialen Wirklichkeit hervorzurufen, war da-damals allerdings noch die Mehrheit.

Wieder sind es junge Menschen, die jetzt, 1974, Häuser, Schulen, Warenhäuser und Fabriken in Brand setzen oder in die Luft sprengen. Der Wind der „New Left“, der kräftig in die Flammen bläst, kam im Westen auf. Wieviel Interesse wird wohl Österreich in der freien Welt des Westens finden, wenn einmal der Brand auf unser Land übergreifen sollte? Und wie viele Lehren aus der Geschichte werden bis dahin die jungen Herren bezogen haben, für die die Geschichte des Jahres 1934 zu fad ist?

„1934, DAS JAHR DER IRRUNGEN.“ Rudolf Walter Litschel. Oberösterreichischer Landesverlag, Linz 1974, 123 Seiten, zahlreiche Photos und Kartenskizzen.

„OSTERREICH 1927 bis 1938.“ Protokoll des Symposions der Wissenschaftlichen Kommission des Theodor-Körner-Stiftungsfonds und des Leopold-Kunschak-Preises zur Erforschung der österreichischen Geschichte der Jahre 1927 bis 1938, abgehalten in Wien vom 23. bis zum 28. Oktober 1972. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1973, 276 Seiten.

„THE APPEASERS.“ Martin Gilbert I Richard Gott. Verlag Weidenfeld & Nicolson, London 1963.

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