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Die Politik im Roten Salon

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In einzelnen Bezirken Wiens regieren im Frühjahr 1945 die neuen Lokalpolitiker ziemlich linksradikal; der Weg ins Rathaus, der oft zu Fuß zurückgelegt werden muß, war 1945 weit. Man weiß zunächst nicht überall, daß sich dort bereits am 13. April im Roten Salon mehrere Spitzenfunktionäre der Sozialdemokratie mit dem Christlich-Sozialen Leopold Kunschak zusammengesetzt haben. Nur wenig Zeit war seit dem Exodus der braunen Gemeindeväter vergangen, in der Nähe wurde noch an einzelnen Stellen gekämpft.

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In einzelnen Bezirken Wiens regieren im Frühjahr 1945 die neuen Lokalpolitiker ziemlich linksradikal; der Weg ins Rathaus, der oft zu Fuß zurückgelegt werden muß, war 1945 weit. Man weiß zunächst nicht überall, daß sich dort bereits am 13. April im Roten Salon mehrere Spitzenfunktionäre der Sozialdemokratie mit dem Christlich-Sozialen Leopold Kunschak zusammengesetzt haben. Nur wenig Zeit war seit dem Exodus der braunen Gemeindeväter vergangen, in der Nähe wurde noch an einzelnen Stellen gekämpft.

Angeblich bat Dr. Schärf den Erschienenen bei einem neuerlichen Zusammentreffen zwei Tage später vorgeschlagen, den Russen die Ernennung Körners zum provisorischen Bürgermeister Wiens nahezulegen. Jedenfalls bewies die Aktivität dieser Gruppe alter österreichischer Routiniers, daß sie die Gelegenheit des Tages seit längerem berechnet und isich trotz des Terrors der letzten Wochen darauf einigermaßen vorbereitet hatten. Die Herren im Roten Salon glaubten sich völlig anderen Problemen gegenübergestellt als der letzte braune Bürgermeister Blasch-ke. Sie hatten keine Lust zu Untersuchungen, ob die drängenden Fragen des Augenblicks nicht doch gewisse Wesensverwandtschaft mit den Anliegen der nationalsozialistischen Stadtverwaltung aufwiesen. Dabei waren die wiedergekehrten Größen von einst dem Blaschke gar nicht so artfremd, schöpften sie doch gleich ihm aus einem Reservoir von Traditionen, die ebensoviel Trennendes wie Gemeinsames haben. Dessenungeachtet sperrte Marschall Tolbu-chin den Schönbrunner Park zu, ließ die verhungernden Löwen füttern und veranstaltete vor dem Schloß eine riesige Siegesparade.

Voll Zuversicht auf eine eigene zweite Jugend nahmen die Männer im Roten Salon den Kampf mit einer Welt voll Widrigkeiten auf. Da waren die Russen mit ihrem Mißtrauen, ihrer Reizbarkeit und ihren dunklen Zukunffcsabsichten. Immerhin, sie hatten freie Wahlen in Aussicht gestellt, und hiefür trauten sich die Erschienenen mit Recht mehr Geschicklichkeit zu, als Blaschke seinerzeit jemals aufbrachte.

Da war die bereits halbgebrochene österreichische Widerstandsbewegung, quasi ein Fremdkörper, den man ausschalten mußte. Ihre Organisation verlor auch prompt eine weitere Schlacht, denn das Gremium im Roten Salon überging die von der O 5 vorgesehene Gemeindespitze. Hiöbei hatte es sich um den ehemaligen sozialdemokratischen Stadtrat Weber und den Kommunisten Pri-kryl gehandelt, von denen der erstgenannte freiwillig aufgab, während sich Prikryl noch einige Tage als Vizebürgermeister zu halten suchte. Die Gesellschaft des Roten Salons übersiedelte nach dem 21. in die Villa des Hietzinger Margarinefabrikanten Blaimschein, wo Renner mit seinem russischen Begleitkommando hauste. Dorthin kamen auch die Rückwanderer aus Moskau und feilten mit den anderen an jenem Dokument herum, das am 27. April 1945 in drei Teilen, nämlich als Proklamation, als Kundmachung und als Regierungserklärung, das Licht der Geschichte erblickte. Darin hieß es unter anderem: „Feierliche Erklärungen aller drei verbündeten Weltmächte verbürgen uns die Selbstbestimmung, die Unverletzlichkeit des Eigentums, die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse, die staatsbürgerlichen Grundrechte und vor allem die Gleichheit vor dem Gesetz. Alle erdenklichen Zweifel behebt in diesem Punkt die Erklärung der Sowjetregierung über Österreich, die besagt, daß ihr Ziel nicht sei, die gesellschaftliche Ordnung Österreichs zu ändern...“

Die Kommunisten in Wien begreifen bald, daß die Zeit gegen sie arbeitet. Renner schreibt Stalin schmeichlerische Briefe und weckt damit anscheinend im Kreml sentimentale Jugenderinnerungen an Wien. Der Intimus des provisorischen Staatskanz'lers heißt so wie vor 1934 Helmer, den man schon wegen der fürchterlichen Gewalttaten, die von Soldaten der Roten Armee an seiner Familie verübt wurden, nicht gut unter Druck setzen kann. Auch der merkwürdige Figl, der die KZler, hinter sich hat, zeigt sich den unsicheren Heimkehrern aus Moskau gewachsen. Und jenseits der Enns wartet eine ganze Reihe von Herren aus Westösterreich, die alles andere, nur keine Kommunisten sind, aber gegen die Hitler-Wehrmacht am Schluß recht erfolgreich geputscht haben. Die Brüder des Dr. Otto Habsburg sollen angeblich in Innsbruck schon ein und aus gehen. Den Kommunisten wäre jetzt viel geholfen, könnten sie Tito oder Stalin auf die Karawankengrenze festlegen. Aber Erstexer muß sich mit den slowenischen Heißspornen in LaLbach gutstellen und der andere sichert zwar einmal die Grenze von 1937 zu, tut dies aber ausgerechnet Renner gegenüber, der davon sehr diplomatisch und daher sehr wenig Gebrauch macht. Die Kommunisten sind auch für Südtirol und wollen, daß Berchtesgaden an Österreich kommt, aber die Westmächte lassen sich dort nicht hineinreden und selbst in Wien kümmert sich niemand um diese Einfälle des Politbüros in der Wasagasse.

Das Ende voreiliger Hoffnungen

In Wien sehen manche Optimisten den Himmel bereits voller Geigen, denn die Außenminister der vier Siegermächte wollen in die Beratung der Friedensverträge mit den Hitler-satelliten in Osteuropa eintreten und die Wiener rechnen sich aus, wie bald Österreich mit einem solchen Verlrag an die Reihe kommen werde.

Auch sonst geht manches scheinbar geradlinig aufwärts, nur das Knurren der Mägen ist eine Art fremdartiger Begleitmusik dazu. Seit 23. April 1945 erscheint bereits die Tageszeitung „Neues Österreich“ unter dem frischgebackenen Chefredakteur Fischer, der sonst als Staatssekretär für Unterricht mit seinen großartigen Redekünsten bei Intellektuellen Aufsehen erregt. Am 29. April, gerade als Mussolinis Weg ins Veltlin unter den Kugeln eines Erschießungskommandos endet, dirigiert sein einstiger Bewunderer Clemens Krauß das erste Philharmonische im Wiener Konzerthaus. Am 7. Mai werden endlich wieder Lebensmittelkarten ausgegeben, tags darauf dankt man in der Peterskirche für das Kriegsende in Europa, muß aber die Verdunkelung noch eine Woche später sogar offiziell anordnen, da niemand weiß, ob sich die Heeresgruppe Schörner im Norden an besagtes Kriegsende hält. Am 9. Mai gibt es bereits das erste Steuergesetz der Zweiten Republik, am 15. folgen die provisorischen Verfassungsgesetze nach.

Am 2. August 1945 schlugen die Russen den Westmächten in Potsdam vor, den Geltungsbereich der Wiener Regierung auf ganz Österreich auszudehnen, sobald amerikanische und britische Verbände in Wien eingelangt seien. Ihre Vorkommandos machten sich, allseits ehrfürchtig bestaunt, schon in Hietzing und Grin-zing bemerkbar. Anfang Herbst kamen die ersten Heimkehrerkolonnen aus den naheliegenden Kriegsgefangenenlagern zurück, der Alliierte Rat beschloß den freien Verkehr in ganz Österreich, die übriggebliebene Jugend drängte zu den Hochschulen, die ersten Lampen der Ringstraße leuchteten auf und Marschall Konjew gab einen Monsterempfang in der Hofburg anläßlich des sowjetischen Staatsfeiertages. Alles in allem Grund genug für städtische Optimisten, optimistisch zu sein.

Aber die Wiener Pessimisten ließen sich nicht verdrängen und hatten auch allen Grund hiefür. Noch im Mai mußte man 10.000 Wiener Jugendliche aus den LanöVerschik-kungslagern in die Stadt holen, weil draußen chaotische Zustände überhandnahmen. In der Stadt gab es fast nichts zu essen, erst im September wurden 1550 Kalorien Tageszuteilung knapp erreicht, die Kindersterblichkeit stieg unvorstellbar an. Am 3. Juni war die Frist für die Rückgabe von Plündergut abgelaufen, doch kaum einer gab etwas zurück. Die Raubüberfälle von Russen, Österreichern und Unbekannten nahmen erschreckend zu, obwohl mit 12. Juni die Wiederherstellung der Strafjustiz erfolgte und man sich bald mit dem Problem der Hinrichtungsarten herumschlagen mußte. In den Kinos zeigten die Sowjets die deutschen Greuel in Rußland samt ihrer Vergeltung, und die Sanitätsbehörden meldeten pro Monat 6402 neue Syphilisfälle sowie 70.144 Trippererkrankungen. Der tägliche Schwarzhandelsumsatz wurde mit 10 Millionen Schilling geschätzt, es gab Großrazzien der Besatzungsmacht, aber die allgemeine Entkräftung ließ sich nicht verbieten. Am 30. August mußte amtlich zugegeben werden, daß von 5607 Ruhrkranken bereits 2926 gestorben waren. Fern der Stadt schieden auch die letzten Prominenten des Wiener Kulturlebens von einst aus dem Dasein, Beer-Hofmann, Korngold, Roda-Roda und andere. Dafür stellte sich heraus, daß beileibe nicht alle zurückkehrenden Kriegsgefangenen und vertriebenen Volksdeutschen vom Nationalsozialismus genug hatten, im Gegenteil; die weltanschauliche Erziehung der braunen Machthaber erwies sich nach Überwindung des Schocks der Niederlage viel zählebiger, als mancher erwartet hatte. Ab 22. Juni 1945 gingen die eingeborenen Wiener Nationalsozialisten knirschend zur Registrierung.

Daz Naziproblem

Sicherlich war das Erbe, das die Wiener Verwaltung im April 1945 angetreten hatte, furchtbar, desgleichen die Umstände des Antritts dieser Verlassenschaft. Aber auch die neue Garnitur beging alsbald Fehler. Immerhin, offiziell war wieder einmal alles aufs Bestmögliche geregelt, und man muß schon zwischen den Zeilen lesen, um die gröbsten Schnitzer zu erkennen. So zieht die Schriftleitung im „Neuen Österreich“ bereits am 23. April 1945 gegen mechanische Gleichschaltung in unaufrichtigen Regierungskoalitionen zu Felde. Am 22. Dezember gleichen Jahres bestätigen mehrere Redner im Nationalrat, daß die parlamentarische Politik alten Stils zur Krise der österreichischen Demokratie geführt habe, daß man zwischen großen und kleinen Nazis unterscheiden solle, daß aber bereits jetzt die Kleinen die Zeche zahlen müßten, während die Großen geschont würden.

Durch einen Beschluß der provisorischen Staatsregierung am 10. Juli

1945 war die Verfassung der Stadt Wien aus dem Jahre 1931 wieder wirksam geworden. Der Beschluß hatte Gesetzeskraft und enthielt langatmige Übergangsbestimmungen für jene Zeit, bis auf Grund allgemeiner Volkswahlen eine Gemeindevertretung gewählt werden könnte, die ihrerseits eine definitive Gemeindeverwaltung zu bestellen hätte. Bis dahin sollte die Bestellung des Bürgermeisters, seiner Stellvertreter und des Magistratsdirektors auf Grund von Vorschlägen der drei politischen Parteien durch die Staatsregierung erfolgen, die Bestellung der übrigen Mitglieder der Gemeindeverwaltung als Amtsführende Stadträte durch den Bürgermeister. Doch selbst dafür waren Vorschläge der politischen Parteien einzuholen und die Bestellung war an die Zustimmung der Staatsregierung gebunden. Im Rathaus blieben die Personalakten der rund 65.000 Bediensteten Wiens erhalten, und so konnte man gleich mit der großen Säuberung beginnen, die rund 8500 ehemalige Illegale und geflüchtete Nazis betraf. Dazu kamen die Wiedereinstellung von rund 500 Gemaßregelten aus der Dollfuß-Zeit, die Versorgung der Naziopfer sowie der Kampf um bestimmte Dienstposten und Vorrückungsmöglichkei-ten, wozu später die Wiederherein-nahme der hinausgeworfenen Nazis treten sollte. Ein nahezu unüberschaubares Schlachtfeld bürokratischer Leidenschaften tat sich auf, in dem sogar kommunistische Inflltra-tionsversuche früher oder später untergehen mußten.

Vom Wahltag am 25. November 1945 bis zum Silvester wurden in Wien auf diese Art viele Weichen gestellt. 58 Sozialisten, 36 Volksparteiler und ganze 6 Kommunisten zogen damals in den neu gewählten Gemeinderat ein. Nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses hatte ein sowjetischer Offizier Bekannten zugerufen, nun werde die Rote Armee wohl zehn Jahre hierbleiben müssen. Unberührt davon schössen Nachtklubs überall wie Pilze aus dem Boden, Frauen und Mädchen drängten sich in jene Lokale, die nur Amerikanern und Engländern offenstanden. Am 19. Dezember gab es 20 Weihnachtszigaretten für jedermann sowie einen neuen National-und Bundesrat im Parlament. 24 Stunden später entschwand Renner in die Gefilde der Bundespräsidentschaft, am 26. kam der erste Milchtransport als Tropfen auf den heißen Stein über die Demarkationslinie in die Stadt. Mit ihm kamen die Kälte des Winters 1945/46 und die Drosselung der städtischen Gasproduktion. Unterernährung, Wohnungsnot und Verwahrlosung griffen weiter um sich, man sprach von 4213 Schwindsüchtilgen, die in der letzten Zeit an Tuberkulose gestorben seien. Aber 97.608 Nationalsozialisten standen bis zum Altjahrestag in den Registrierungs-listen und stellten damit das gebrandmarkte Erbgut jener Volksgemeinschaft dar, die sieben Jahre früher am Heldenplatz den Aufbruch der Reichs- und Gaustadt ins Glück gefeiert hatte. Vor der Tür wartete das Jahr 1946 mit seinen großen Enttäuschungen: Land und Regierung sollten sehr bald in den internationalen Erdölkrieg um Zistersdorf hineingezogen werden, das Einvernehmen mit den Russen wurde von Tag zu Tag schlechter, die Ennslinie gewann drohende Realität.

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