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Der 20. Juli 1944 in Wien

IL Bleibt Osterreich beim Reich?

Ein Charakteristikum der politischen Vorplanungen des 20. Juli 1944, vor allem der führenden Köpfe, ist die leider verhängnisvoll gewordene Vielschreiberei gewesen. Es ist unwahrscheinlich, wieviel Schriftgut in die Hände des Sicherheitsdienstes und der Gestapo fiel und wie rasch dadurch auch die ersten Fäden und Zusammenhänge aufgedeckt werden konnten. Goerdeler, der im Denken eines hohen Verwaltungsbeamten befangen blieb und nie eigentlich konspirativ im Sinne eines Untergrundkampfes wirklich zu handeln vermochte, glaubte nun einmal, alles schriftlich festlegen zu müssen, Vorbereitungen von Manifesten, Stellenbesetzungen, Proklamationen, den Mitverschworenen zur Kenntnis bringen zu müssen. Diese Unvorsichtigkeit hat allerdings für den Historiker wenigstens den einen Vorteil, daß aus den verschiedensten Planungen Becks und Goerdelers sich auch die Ansichten der Männer des 20. Juli über Österreich herausschälen lassen. In der Anlage 1 des Tagesberichtes des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD vom 5. September 1944 (Kaltenbrunner-Bericht) wird eine Summe der Ansichten „der Verschwörer“ im Bezug auf die Außenpolitik 1933—1938 wie folgt dargelegt:

„Die Außenpolitik des Führers in den ersten Jahren nach der Machtergreifung wird ebenfalls noch weitgehend gutgeheißen. Die allmähliche Einbeziehung aller in den Grenzen des Reiches wohnenden deutschen Volksgenossen wurde von Coerdeler, Wirmer, Letterhaus und selbst von Leuschner für richtig gehalten und begrüßt. Goerdeler selbt erklärte sich dahin, daß der Anschluß Österreichs an das Reich eine notwendige und begrüßenswerte Entwicklung sei, die nicht aufgehalten werden könne. Die Methode ihrer Durchführung jedoch habe die erste wesentliche Erschwerung der außenpolitischen Lage Deutschlands mit sich gebracht. Auch der Anschluß des Sudetengaues an das Reich sei begrüßenswert, und es müsse das Ziel einer künftigen Außenpolitik sein, den Sudetengau endgültig beim Reich zu belassen. Aber auch hier habe die schroffe Art der Durchführung das Vertrauen zu Deutschland beeinträchtigt und damit die erste Grundlage für die künftigen Spannungen gelegt.“

Österreich-Frage ausgeklammert

Was hier der vernehmende Gestapobeamte kurz zusammenfaßt, nämlich die Bejahung des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich und damit die Belassung Österreichs im Reichsverband nach einer geglückten Erhebung gegen Hitler, wird noch viel deutlicher in einem anderen Dokument, das vielfach zitiert als „Geheime Denkschrift Goerdelers“ vom 26. März 1943 für die Generalität bestimmt war. In dieser Denkschrift hat Goerdeler sehr einsichtig die gesamte militärische und wirtschaftliche Lage Deutschlands zu analysieren versucht. Er glaubte für den Fall des Haltens der F4atB nach immer, von Seiten der Alliierten ein Entgegenkommen erwarten zu können, und meinte, daß „England seine Kriege mit dem Kopf führe“ und auch der gefährlichsten Situation Herr werden wird.

Goerdelers Schlußfolgerungen

Interessant ist aber, daß im sechsten Kapitel dieser Denkschrift bei einer tour d'horizon über die Lage Deutschlands folgende sehr bezeichnende Schlußfolgerungen noch vor einer Analyse der einzelnen Verbündeten gezogen werden:

„Im Westen und Süden Deutschlands steigt die Abneigung gegen Preußen. Das ist zwar höchst unsachlich, aber in der historischen Entwicklung begründet. Ich bekenne mich als Preuße und betrachte es als eine Ehre, daß in schweren Zeiten die Verantwortung Preußens auch besonders schwer gewogen wird. Österreich hat in allen Schichten seines Volkes dem Deutschen Reich innerlich die Gefolgschaft aufgesagt. Das war bei den seit 1938 angewandten Methoden klar voraussehbar. Mit Worten ist diese Abkehr nicht mehr zu ändern.“

In den „Zielen“, die Goerdeler im Punkt 9 seiner Denkschrift aufstellt, glaubte er, durch richtiges Handeln die Position Deutschlands retten zu können und führt aus:

„a) Der Bestand des Reiches in den Grenzen von 1914, vermehrt um Österreich und Sudetenland. Vielleicht wird es notwendig sein, sich mit den Franzosen auf die Sprachgrenze zu verständigen, wie sie etwa 1918 oder 193$ feststellbar ist. Durch eine solche Verständigung würde erstmalig der alte Kampfbegriff Elsaß-Lothringen eliminiert werden. Das mag dem Nicht-politiker oberflächlich erscheinen. Für eine Politik aber, die auch europäisch denken und sich daher drüber klar sein muß, daß rechtzeitige Schonung von Empfindlichkeiten Früchte bringt, sind solche Erwägungen von wesentlicher Bedeutung. b) Auch die führende Stellung Deutschlands auf dem Kontinent kann noch erarbeitet werden. c) Erreichbar ist sogar noch die Wiedergewinnung Südtirols. Wir wissen, daß die Entente 1919 nicht sehr freudig dieses Gebiet an Italien gegeben hat. Sie wird es heute mit Vergnügen an Deutschland zurückfallen lassen, wenn wir selbst fähig sind, es zu besetzen. Der Raub dieses Gebietes durch Italien war eine solche bevölkerungspolitische Infamie, daß wir uns nicht zu scheuen brauchen, diesen Raub wiedergutzumachen. Ich mache überdies darauf aufmerksam, daß die Wiedergewinnung Südtirols das beste Mittel wäre, um Österreich im Reichsverband aus freien Stücken zu halten.“

Österreich, Elsaß, Südtirol

Trotz der Zweifel und Erkenntnisse, bezüglich1 der'Stimmung in Österreich, war also Goerdeler gewillt, ebenso wie seihe Mitarbeiter, den Versuch zu unternehmen, die Österreich-Frage gleichsam auszuklammern und gemeinsam mit dem Sudeten-Problem als eine conditio sine qua non bei einem eventuellen Gespräch mit den Westmächten zu benützen. Diese Anschauung Goerdelers wird auch von anderen deutschen konservativen Kreisen immer wieder unterstützt, und bei den verschiedenen Planungen des Frühsommers 1944, die auf angebliche Verbindungen Stauffenbergs nach England hinweisen, wird das gleiche Projekt variiert. Der Gestapo-Bericht vom 2. August 1944 nach der Vernehmung des Hauptmanns Kaiser ergab nämlich, daß dieser am 25. Mai 1944 eine Notiz für Staufenberg ausgearbeitet hatte, wonach unter Punkt 8 dieser Notiz die Reichsgrenze von 1914 im Osten, die Erhaltung Österreichs und der Sudeten beim Reich, die Autonomie von Elsaß-Lothringen und die Gewinnung Tirols bis Bozen und Meran Verhandlungspunkte sein sollten. Nach der gleichen Vernehmung soll Stauffenberg, als Ende Juni 1944 angeblich von englischer Seite Erkundigungen über die Vorbereitungen einer Erhebung eingezogen wurden, eine Liste von Verhandlungspartnern, die Bitte der Abrechnung mit den Kriegsverbrechern durch die künftige deutsche Regierung und den Wunsch, daß Österreich beim Reich bleiben möge, an den Westen übermittelt haben. Wenn auch die Ergebnisse der Einvernahmen der Gestapo vorsichtig zu beurteilen sind, gibt es doch einen weiteren sehr interessanten Hinweis, der sich auf die Einvernahme mehrerer Verhafteter stützt, vor allem wieder auf Kaiser und den ehemaligen Regierungspräsidenten Graf Fritz Dietlof von Schulenburg, der als ehemaliger Regierungspräsident als Fachmann für die Verwaltungsvereinfachung herangezogen worden war.

Pläne für ein Rest-Österreich

Diese Pläne finden sich als Anlage 1 im „Kaltenbrunner-Bericht“ vom 12. August 1944 und weisen eine Neugliederung des gesamten Reiches in Gaue auf. Interessanterweise sollte preußen aufgelöst werden, und in Süddeutschland sollten neue Gaue entstehen: Elsaß, Baden, Württemberg mit Vorarlberg, Bayern mit Tirol (Hauptstadt München), Franken (Hauptstadt Nürnberg) und Österreich. Welcher Gebietsumfang diesem restlichen Österreich zugedacht war, läßt sich nicht ersehen. Jedenfalls stand die Planung im krassen Gegensatz zu den Ergebnissen der Besprechungen, die verschiedene politische Emissäre des Goerdeler-Kreises in den Jahren 1943—1944 in Österreich geführt hatten. Bezüglich der Kontakte mit österreichischen Politikern müssen wir uns im wesentlichen auf Lois Weinbergers und Adolf S c h ä r f s Aufzeichnungen stützen, deren Inhalt aber srblo? RGrtMsiEfb? (tsi?0 mi snsg ' voll und ganz durch die nachträglichen Einvernahmen der Gestapo und des Sicherheitsdienstes bestätigt wurden.

Die ersten Fühler nach Wien von den bedeutendsten Mitgliedern des deutschen Widerstandes dürften durch die Reisen des ehemaligen Funktionärs der deutschen christlichen Gewerkschaften, Jakob Kaiser, im Jahre 1940 ausgestreckt worden sein. Sein Wunsch war, Verbindungen zu seinen Kollegen in Österreich, zu Angehörigen der ehemals christlichen Gewerkschaft Österreichs, zu finden. Bei dieser ersten Fühlungnahme führender Persönlichkeiten des Widerstandes beider Länder ging es zunächst darum, sich gegenseitig zu informieren und einen Kontakt für eventuelle spätere Aktionen herzustellen. Das Bemühen Kaisers hatte sich gelohnt, er fand Anschluß bei ehemaligen Gewerkschaftsleuten; durch Vermittlung Otto Troidls wurde er auch mit jüngeren Leuten der Bewegung um Lois Weinberger bekannt, mit denen die Verbindungen bis

„Der Anschluß ist tot

Auf die verlockende Einladung Goerdelers, am Tage der Freiheit nicht nebeneinander mit den Preußen, sondern miteinander zu marschieren, antwortete Weinberger:

„Sehen Sie, wir wollen gewiß alles tun, um Ihnen zu helfen, und wir werden auch nicht undankbar sein ..., aber laßt uns doch vor allein das werden, was wir lange gewesen sind: Österreicher! Als solche werden wir dem deutschen Volk und auch anderen Völkern viel mehr dienen können als das herrlichste Land eines deutschen Reiches, dessen Name nun einmal so schwer befleckt wurde!“

Diese Begegnung hatte nicht erreicht, was Dr. Carl Goerdeler von ihr gewollt hatte. Später wollte er sich mit Weinberger und seinem Kreis noch einmal treffen, doch es blieb für immer bei dieser ersten und letzten Besprechung. Goerdeler hatte damals auch noch mit anderen Personen in Wien verhandelt, mit Karl Seitz, General Körner und Professor von S r b i k — anscheinend ohne wesentliche Ergebnisse. knapp vor dem 20. Juli nicht mehr abrissen. Die Gespräche, an denen auch Felix H u r d e s teilnahm, wurden öfters wiederholt und ihnen allmählich auch andere führende Zivilisten des deutschen Widerstandes, so Max H a b e r m a n n, der letzte Vorsitzende des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, Wilhelm Leuschner, und schließlich Doktor Carl Goerdeler zugezogen.

Goerdeler in Wien

Die Unterredung mit Dr. Carl Goerdeler fand an einem Oktoberabend des Jahres 1942 im Hause Lois Weinbergers in Anwesenheit von Jakob

Kaiser, Otto Troidl und Felix Hurdes statt. Goerdeler entwickelte ein Bild der innen- und außenpolitischen Lage Deutschlands, versäumte es jedoch nicht, von der gigantischen Breitenwirkung der Verschwörung — der Verbindung von den Sozialisten bis zu den Feldmarschällen — zu sprechen. Goerdeler enthüllte so manches, was dann der 20. Juli und die folgenden Tage ans helle Licht brachten.

„Wissen Sie“, sagte er (Goerdeler), „Adolf Hitler ist für mich fast die Verkörperung des Bösen. Er hat nicht nur uns unendlich viel angetan und geschadet. Das Allerschrecklichste ist, daß er den deutschen Namen wahrscheinlich auf viele Jahrzehnte, wenn nicht noch länger in einen so fürchterlichen Verruf brachte. Den deutschen Namen, der doch auch der unsere ist, und einen Ruf, der doch lange Zeit gut war in der Welt. Und daran, daß diese Schande wieder einmal getilgt wird, daran solltet ihr Österreicher mitwirken und mithelfen.“

Im Frühjahr 1943 wurden durch Vermittlung Jakob Kaisers auch Wilhelm Leuschner und Lois Weinberger bekannt, obwohl dieser nicht begeistert war, daß so seine Belastung durch eine solche Bekanntschaft noch vergrößert wurde. Er hätte Wilhelm Leuschner lieber zu den hiesigen Sozialdemokraten abgelenkt, wie er in seinem Buche bekennt.

Neben dem Treffen der Führer der zivilen Widerstandsbewegung Deutschlands mit Vertretern der rechtsstehenden Widerstandskreise bzw. mit Funktionären der ehemaligen christlichen Gewerkschaften fanden auch Gespräche mit Führern der ehemaligen sozialdemokratischen Partei mit Altbürgermeister Karl Seitz und Dr. Schärf statt“.

Dr. Schärf berichtet darüber: „An einem Morgen im Frühsommer des Jahres 1943 kam ein unbekannter Mann in meine Kanzlei. Ohne viel Umstände fragte er, ob ich in meinem Leben einmal der Sekretär der sozialdemokratischen Nationalratsfraktion und ob ich nicht einmal der Sekretär von Seitz gewesen sei. Ich bejahte, darauf nannte mein Besucher seinen Namen — Wilhelm Leuschner — ... Nachdem wir die notwendigsten Ausreden für den Fall einer behördlichen Störung unseres Zusammenseins vereinbart hatten, eröffnete er mir, daß in Deutschland zuverlässig für den Herbst 1943 mit dem Ende des Hitlerregimes zu rechnen sei. Wenn sich Österreich entschlossen auf die Seite der deutschen Revolution stelle, dann könne man mit Zuversicht erwarten, daß im Friedensvertrag der Anschluß Österreichs an Deutschland erhalten bleibe. Er komme zu mir, damit wir Vereinbarungen über die Mitwirkung der österreichischen Sozialdemokraten zur Erhaltung des Anschlusses besprächen.

Die andere Stimme

Leuschner entwickelte nun im einzelnen seine Ideen. Unsere Unterhaltung dauerte etwa drei Stunden. Plötzlich unterbrach ich meinen Besucher und sagte: ,Der Anschluß ist tot. Die Liebe zum Deutschen Reich ist den Österreichern ausgetrieben worden ...'

Während ich diese Worte sagte, hatte ich das Gefühl, als ob nicht ich, nicht meine Stimme spräche, sondern ein anderer Mensch, eine ander Stimme aus mir.“

Schuschnigg in die Regierung?

Dr. Adolf Schärf vermerkt noch in seinem Erinnerungswerk, daß Leuschner erstaunt und erschüttert gewesen sei. Was Leuschners Bemerkung über eine eventuelle Beteiligung des ehemaligen Kanzlers Dr. Schuschnigg in einer Regierung Goerdeler betrifft, handelt es sich hier um eine politische Wunschvorstellung der Planer des 20. Juli. [ Wie Altbundeskanzler Dr. Schuschnigg dem Verfasser in einer Unterredung im Juli 1962 ausdrücklich versicherte, stand weder er noch seine Frau in Verbindung mit den Kreisen um Goerdeler oder Beck, da die Überwachung im Konzentrationslager Oranienburg restlos funktionierte. Dr. Schuschnigg hat von diesen Überlegungen, eventuell als Minister in einer Regierung Beck-Goerdeler aufzuscheinen, erst nach Kriegsende Kenntnis erhalten. Die Kontakte scheinen also, soweit sie stattfanden, direkt von Goerdeler und Jakob Kaiser ausgegangen zu sein. Zu diesem Schluß kam auch der Kaltenbrunner-Bericht selbst, als man im September mehr und mehr die einzelnen Fäden aufzurollen begann. Nach Weinbergers Angabe sei Jakob Kaiser scheinbar allein „gar nicht sehr lange vor dem 20. Juli ein letztes Mal zu uns nach Wien gekommen“. (Weinberger S. 144 ff.) Die Unterredung fand in Weinbergers Wohnung statt, und Dr. Felix Hurdes nahm daran teil. Der spätere Wiener Vizebürgermeister schildert die dramatische Besprechung in seinem Memoirenwerk „Tatsachen, Begegnungen und Gespräche“:

„Wir merkten bald, daß die Zeit nahe war und alles wie vor einer Explosion geladen. Jakob Kaiser sprach entgegen seiner Art rascher und hastiger und er drängte auch uns mehr als zuvor. Es kam ihm sichtlich besonders darauf an, für die allererste Zeit auch für unser Land Persönlichkeiten zu wissen, die bekannt waren und die die notwendige Vertrauensbasis innerhalb der Bevölkerung sichern konnten. Nach dem langen Zögern während der ganzen Zeit vorher nannten wir diesmal zwei Namen: Karl Seitz und Josef Reither. Den einen für die Masse der Arbeiterschaft, den anderen für die Masse der Bauern. Jakob Kaiser hat auch diese beiden Namen nicht etwa notiert, sie sich aber um so besser gemerkt und offenbar auch weitergegeben. Ich weiß es nicht genau, aber nur so ist wohl auch die Verhaftung dieser beiden Männer bald nach dem 20. Juli zu erklären. Beide waren an dem Geschehen dieses Tages völlig schuldlos. Karl Seitz wollte gar nicht schuldig werden und Josef Reither wußte überhaupt nichts von der ganzen Sache ... Manchmal dachten wir auch an Leopold Kunschak und an den einen und anderen aus der mittleren Generation.“

Kontakte mit Seitz und Reither

Der Kaltenbrunner-Bericht hingegen schildert am 6. September 1944 wieder an Bormann, wie sich nach der Aussage Goerdelers die Kontaktnahme mit den österreichischen Politikern abgespielt haben soll:

„Goerdeler hat Seitz zusammen mit Jakob Kaiser aufgesucht. An der Besprechung in Wien waren drei oder vier jüngere, ehemalige Christlich Soziale beteiligt. Goerdeler schildert bis ins einzelne gehend die psychologischen Widerstände, die bei dieser Besprechung vom Reich her zu überwinden gewesen seien. Seitz sei weitgehend geneigt gewesen, die Verbindung Österreichs mit dem Reich aufzulösen, während bei den beteiligten jüngeren Vertretern derartiges nicht zur Frage gestanden habe.

Seitz sei schließlich von Leuschner verpflichtet worden, habe allerdings bis zuletzt Vorbehalte gemacht. Die Unterrichtung von Reither habe Jakob Kaiser, die Unterrichtung von Rehrl in Salzburg ebenfalls Jakob Kaiser durchgeführt.“

Die Leitung der militärischen Vorarbeiten

Wenn nach der einen Seite hin, nämlich nach der politischen, die Verbindungen der Goerdeler-Beck-Gruppe nach Österreich durch die vorliegenden Quellen einigermaßen aufgehellt sind, so fehlt noch immer der führende be; Kopf auf der militärischen Seite, näm- En( lieh der Österreich-Bearbeiter der 20 Männer des 20. Juli. für

Wenn auch nicht alle Hinweise vollständig sind, so muß man doch in dem Leiter der Abwehrstelle Wien, Oberst Rudolf Graf Marogna-R e d w i t z den führenden Kopf der militärischen Planungen erblicken. Er war als Verbindungsoffizier des neuen Oberkommandos des Heeres zum Wehrkreiskommando XVII vorgesehen und sollte mit Seitz und R e i t h e r Verbindung aufnehmen. Sein enger Kontakt mit Canaris und Oster sowie die jahrelange Tätigkeit in der deutschen Abwehr hatten Graf Marogna, der mit Stauffenberg verwandt war, sehr eng mit der österreichischen politischen Problematik vertraut gemacht, um so mehr als der Graf ehedem als Abwehroffizier in München vor 1938 gegen Österreich zu arbeiten hatte. Der langjährige Sicherheitsdirektor von Tirol, Hofrat Anton von Morl, berichtet in seinen Erinnerungen „Aus bewegter Zeit Tirols — 1932—1945“:

„Die beiden Regimenter in Innsbruck und Hall waren, wie ich einwandfrei festgestellt hatte, von illegalen Elementen durchsetzt. Hier hatte Graf Marogna, der Mitarbeiter Canaris', ganze Arbeit geleistet.“

Morl schildert dann die Stimmung bei den Einheiten des Bundesheeres Ende 1937. Ausgerechnet Mörlmußte am 20. Juli 1944 als Unterbeauftragter für Innsbruck im Fernschreiben der Verschwörer genannt werden und hat diese Erwähnung, ohne daß vorher irgendein Kontakt zwischen ihm oder dem Goerdeler-Kreis bestanden hatte, mit neuerlicher Haft zu büßen. Oberst Marogna-Redwitz, der von vielen politisch bedrückten und verfolgten Österreichern innerhalb der Wehrmacht mit Recht als ein guter Engel des Wehrkreises XVII geschildert wird, scheint nach seiner Versetzung von München nach Wien jenen inneren Wandel mitgemacht zu haben, den viele der Männer des 20. Juli erlebten. Auch in ihm zerbrach der Traum von einem großdeutschen Reich, in welchem Österreich einen gleichberechtigten Platz wie einstmals Bayern im Bismarck-Reich nach 1871 hätte haben können. Was die Einvernahmen des am 12. Oktober 1944 hingerichteten Grafen Marogna der Gestapo nicht offenbarten, wird deutlicher durch die vom Österreichischen Institut für Zeitgeschichte durchgeführte Befragung des Obersten im Generalstab Kodre, der knapp vor dem 20. Juli mit Marogna nochmals in dienstliche Berührung kam.

(Wird fortgesetzt)

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