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Wahn und Wirklichkeit

In der Fülle der ausländischen Erinnerungswerke ist nun auch ein Buch aus dem deutschen Raum erschienen, das den Versuch macht, zusammenfassend „Wahn und Wirklichkeit " der Außenpolitik des Dritten Reiches auf Grund eigenen Erlebens zu schildern und an Hand von eigenen Aufzeichnungen der Welt zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist.

Erich Kor dt, der auch im Prozeß des Auswärtigen Amtes in Nürnberg genannte deutsche Diplomat, der im Berliner Außenamt und dann 1943 bis 1944 in Ostasien das Kräftespiel der deutschen Außenpolitik aus nächster Nähe erleben konnte, legt in seinem Rechenschaftsbericht eine Zusammenfassung vor, die in ihrer erschütternden Gründlichkeit, aber auch durch die Fülle neuartiger Tatsachen die Wege der deutschen Außenpolitik in der kritischen Zeit aufzeigt. Klar herausgestellt wird vor allem die Rolle Ribbentrops, der nicht erst seit 1938, sondern schon seit 1933 als Berater Hitlers für jenen erst den geeigneten Apparat schuf und die verheerendste Rolle bei der Abkehr der deutschen Außenpolitik von jeder wirklichkeitsnahen Basis spielte. Der deutsche auswärtige Dienst besaß selbst nach 1933 noch viele erfahrene Kräfte, die mehr oder minder stark sich den Extratouren des Regimes entgegenstellten. Je mehr jedoch das Büro Ribbentrop Einfluß gewann und Hitler durch Personaleinschübe aus Parteikreisen bewußt die alte Beamtenhierarchie zerstörte, um so mehr mußte an die Stelle der sachlichen Lagebeurteilung jene Atmosphäre des „ewigen Feldlagers“ treten, in der Deutschland dem Untergang entgegengeführt wurde. Dabei zeigt sich in den Aufzeichnungen Kordts, wie stark schon im Sep-

tember 1938 der Entschluß zu einer kriegerischen Lösung gefestigt war, denn während der Münchner Konferenz gelang es nur mühsam, Hitler zu einem Einschwenken auf eine mäßigende Linie zu bringen, während Ribbentrop durch zahlreiche intransigente Vorschläge versuchte, die Konferenz buchstäblich im letzten Moment scheitem zu lassen. Im Ablauf des Geschehens unmittelbar vor Kriegsausbruch steht der Entschluß zur Zertrümmerung der Resttschechoslowakei als der verhängnisvollste Schritt zum Abgrund. Während die Westmächte noch glaubten, daß nach der Eingliederung der Sudetengebiete der Friede gesichert sei, zog das Verhängnis immer mehr und mehr herauf. Der tschechische Außenminister Chvalkovsky sandte deshalb seinen Kabinettschef nach Berlin und bot eine weitestgehende Zoll- und Wirtschaftsunion mit Deutschland an. Desgleichen sollten die gesamten Waffenbestände der Skodawerke ohne Entgelt an das Reich überlassen werden und eine führende deutsche Persönlichkeit als Minister ohne Portefeuille in das Kabinett eintreten, dessen Stellung dem Rang eines hohen Kommissars oder Gouverneurs gleichzuhalten wäre. Trotz diesem Angebot, das im Kern bereits die wichtigsten Bestimmungen des künftigen Protektoratsstatus enthielt, rollten am 15. März die Panzer nach Prag. Der Kurs Hitlers zielte auf den Krieg, und nachweisbar hat er kurz nach dem Einmarsch in Prag bereits seinen Entschluß zum Vorgehen gegen die Sowjetunion ins Auge gefaßt.

Trotz der antisowjetischen Propaganda des Dritten Reiches waren die Beziehungen, die einstens Seeckt und deutsche Wirtschaftskreise geknüpft hatten, nie ganz ab gerissen, und obwohl die These Ribbentrops, daß Großbritannien nur bluffe, den Kriegsentschluß Hitlers bestärkte, gewann eine Bereinigung der Ostfragen an Boden. Drei Tage nach der Abberufung Litwinows, am 8. Mai 1939, ließ sich Hitler, ganz gegen seine Gewohnheit, durch den Botschaftsrat H i 1 g e r einen mehrstündigen Vortrag über die Sowjetunion halten, ein Vorgang, der bei Hitlers bekannter Verachtung der Fachleute Aufsehen erregte. Bei den nun beginnenden vorsichtigen Verhandlungen mit Moskau über einen Wirtschafts- und Nichtangriffspakt konnte Schulenburg nur mit knappem Vorsprung die Delegationen der Westmächte aus dem Feld spielen. Die große Rechnung schien aufzugehen, denn Hitler verlangte am Morgen der Veröffentlichung des deutsch-russischen Paktes dringend Nachrichten über Kabinettskrisen aus dem Westen. Als diese jedoch ausblieben, kam die erste Enttäusdiung sehr bald, die noch verstärkt wurde durch die Nachricht vom polnisch-englischen Bündnis. Als zweite Hiobsbotschaft folgte ein zwei Seiten langer Brief Mussolinis mit der gewundenen Absage, daß Italien zum sofortigen Kriegseintritt auf Grund der eben erst festgestcll- ten Mängel in der Rüstung nicht fähig wäre. Die Folge dieser beiden Nachrichten war eine Verwirrung in der Reichskanzlei, die in der Zurücknahme des Vormarschbefehls für den 26. August gipfelte und noch einmal eine Friedensmöglichkeit zu bieten schien. Nur daraus erklärt sich die Sonderaktion Görings, der über den schwedischen Industriellen Birger D a h- 1 e r u s nochmals versuchte, zunächst ohne Wissen Hitlers und Ribbentrops, eine Verständigung mit England zustande zu bringen. Hitler richtete parallel dazu sein letztes großes Angebot an Henderson, um London doch noch von Warschau zu trennen.

Der scheinbaren Entspannung vom 29. August, die hervorgerufen wurde durch die allerdings nur theoretische Bereitwilligkeit der Reichskanzlei, einen polnischen Unterhändler innerhalb einer äußerst kurzen Frist zu empfangen, folgten die dramatischen Szenen vom nächsten Tag, bei denen sich Hitler nur widerwillig unter den Zeichen größter Erregung zur Ausarbeitung eines Vorschlags für eine Volksabstimmung im Korridorgebiet bestimmen ließ. Dieser Vorschlag wurde, nachdem inzwischen di ersten Grenzzwischenfälle in Szene gesetzt worden waren, dem britischen Botschafter in der Nacht vom 30. zum 31. August von Ribbentrop lediglich hastig vorgelesen, jedoch gleichzeitig hinzugefügt, daß jede Diskussion durch das Nichterscheinen de polnischen Bevollmächtigten bereits überholt sei. Der definitive Vormarschbefehl wurde bereits am 31. in den frühen Nachmittagsstunden gegeben, um jede Verstän- digungsmögilichkeit, die durch die kurz Vorsprache de9 polnischen Botschafters und die dauernden italienischen Bemühungen doch noch gegeben schien, auszuschalten.

Als auch ein neuerlicher italienischer Vermittlungsvorschlag scheiterte, übergab um 9 Uhr morgens am 3. September Henderson das schicksalsschwere Dokument der Kriegserklärung, wobei man von deutscher Seite nur den Dolmetscher, Gesandten Paul Otto Schmidt, zur Übernahme delegierte. Dieser sagte, bevor er zu Hitler eintrat, zu Göring und den anderen wartenden Würdenträgern: „Diesmal gibt es kein München!" und die betroffene Antwort Hitlers und Ribbentrops war: „Also haben sie uns doch den Krieg erklärt!“ So sehr hatte man die Lage verkannt.

Entscheidend für die außenpolitische Situation war und blieb, trotz den Erfolgen der Jahre 1939 bis 1940, das Verhältnis zur Sowjetunion. Solange der Kreml seine Verpflichtungen erfüllte, konnte Ribbentrop in enthusiastischer Weise nicht genug schildern, wie wohl er sich im Kreml gefühlt habe, gleichwie unter alten nationalsozialistischen Parteigenossen; es wurde Ciano mehrmals zu verstehen gegeben, wie stark die Bindung an Rußland geworden wäre.

Doch seit Anfang Juli 1940, als die Sowjetunion sich stärker in die Fragen Südosteuropas, und zwar auf Grund der ihr zugesicherten Konsultationsrechte, einschaltete, stieg das Mißbehagen in der Wilhelmstraße immer mehr und mehr an, um so mehr, als man inzwischen durch den Dreimächtepakt Deutschland - Italien - Japan jede 'Abschirmung gegen Amerika erreicht zu haben glaubte. Vom mißglückten Mo- lotow-Besuch, der nur mühsam die Differenzen überdecken sollte, bis zum bewaffneten Aufmarsch für den Fall „Barbarossa" (Rußland) im März 1941, kämpf-

ten maßgebende Kreise, vor allem der deutsche Botschafter in Moskau, um eine Sicherung des Friedens im Osten. Am 25. April 1941 fand anläßlich eines Besuches Hitlers in Wien im Hotel Imperial das letzte Referat Schu- lenburgs statt, indem er auf Grund der tatsächlichen Stärke der Sowjetunion H i t- ler warnte, ohne von diesem überhaupt nur eine Antwort zu erhalten.

Das Verhängnis nahm seinen Lauf, bis auf den Eisfeldern vor Moskau das Schicksal Napoleons sich an den deutschen Heersäulen zu vollziehen drohte und hier inmitten der ersten klaren Niederlage Hitlers nur eine Woche vor der verschleierten Verlautbarung derselben eine unerwartete Ret jung erfolgte. Das japanische Kabinett entschloß sich vor allem auf Grund der unwahren Berichte über den günstigen Verlauf des deutschen Rußlandfeldzuges zum Kriegseintritt und rettete psychologisch die deutsche Führung vor einer Katastrophe. Allerdings bedeutete der Eintritt des asiatischen Verbündeten notwendigerweise eine Koordination der beiderseitigen militärischen und politischen Absichten, d i e während des ganzen Krieges nie gelang und mit eine der Hauptursachen der Niederlage wurde. Vor allem kam es im Verlauf des März 1942 zu einer bemerkenswerten Aktion der japanischen Marinekreise, die darauf hinauslief, einen japanischen Staatsbesuch unter der Führung des Ministerpräsidenten Tojo in Berlin anzuregen, dessen Hauptzweck eine Friedensvermittlung zwi s c h en Deutschland und der Sowjetunion war. Der deutsche Botschafter in

Tokio förderte den Plan nach Kräften, well er hoffte, daß das Bekanntwerden von einer Veimittlungsmöglichkeit die oppositionellen Kreise in der Armee so weit stärken könnte, daß es zu weitestgehenden Umbildungen im Reichskabinett kommen müßte. Als Ribbentrop jedoch von den angeregten Besprechungsthemen erfuhr, verhinderte er die Entsendung eines L a n g s t r e c k e n f 1 u gzeu g es für Tojo und am 6. Dezember 1942 zogen die japanischen Militärkreise ihre Folgerung aus der deutschen Haltung, nicht ohne durchblicken zu lassen, daß sie auch weiterhin zu „guten Diensten" — zur Vermittlung — bereit wären. Tatsächlich erfolgte auch noch im April oder Mai 1943 ein ähn licher Schritt, ohne überhaupt von Berlin in Erwägung gezogen zu werden.

Damit war das letzte echte politisch Thema zwischen den beiden Verbündeten erschöpft, doch führten diese Erwägungen von japanischer Seite, die auch in der Presse behandelt wurden, zu ernsten Besorgnissen im alliierten Lager, deren Ergebnis jene unheilvolle Formel nach der bedingungslosen Kapitulation (unconditional surrender) war, die Churchill und Roosevelt 1943 beschlossen. Hier verzichteten die Verbündeten für die Dauer des Krieges auf die Anwendung politischer Mittel zu seiner Beendigung und dieser Verzicht bedeutete auch eine Verschiebung jeder Diskussion über künftige Friedensmöglichkeiten.

Das Buch von Kordt stellt Tatsachen in den Vordergrund, an denen eine zukünftige Geschichtsschreibung nicht Vorbeigehen wird können und die zur Bildung eines wirklichen Geschichtsbildes der vergangenen Jahre Wesentliches beitragen.

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