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Wie Stalin mit Hitler teilte

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Vor 50 Jahren unterzeichneten Ribbentrop und Molotow das geheime Zusatzprc-tokoll, das Finnland, die Balten, Ostpolen und Bess-arabien der Sowjetunion auslieferte.

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Vor 50 Jahren unterzeichneten Ribbentrop und Molotow das geheime Zusatzprc-tokoll, das Finnland, die Balten, Ostpolen und Bess-arabien der Sowjetunion auslieferte.

Autoritäre Herrscher haben es so an sich, daß sie gerne, ohne die Betroffenen zu fragen, ihre „Interessensphärenabgrenzen“ und Länder untereinander aufteilen, die gar nicht die Absicht haben, sich ihrer Macht zu unterstellen.

Durch eine solche „Aufteilung“ der Interessensphären war 1810 Finnland - durch Absprache zwischen Zar Alexander I. und Napoleon - den Schweden weggenommen und Rußland zugeteilt worden. Schon in den Jahrzehnten vorher hatte Polen dreimal - 1772, 1793, 1795 - miterleben müssen, wie sich Rußland, Preußen und auch österreich an seinem Staatsgebiet gütlich taten. Die vierte Teilung Polens war dann dem Hitler-Stalin-Pakt vorbehalten. (Und nicht weniger selbstherrlich gingen Stalin, Churchill undRoosevelt in Teherean 1943 vor, als sie ihre Interessensphären in Europa nach Hitler festlegten.)

Am 24. August 1939 unterzeichneten Deutschlands Außenminister Joachim von Ribbentrop und sein sowjetischer Kollege Wjatscheslaw Molotow irrt Beisein Josef Stalins den Nichtangriffspakt zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, der Hitler den Einfall in Polen möglich machen sollte. Späterwurde der Vertrag mit Krimsekt begossen. Der Georgier brachte einen Toast auf den deutschen Führer und auf „die Wiederbelebung der traditionellen deutsch-russischen Freundschaft“ aus.

Stalin spielte damit ebenso auf den Vertrag von Tauroggen an, in dem 1812 der preußische General von Yorck sein Korps Napoleon entzogen und den Russen unterstellt hatte, wie auf den Vertrag von Rapallo, in dem 1922 die beiden Verlierer des Ersten Weltkriegs zueinander gefunden hatten. Beide blieben Stichworte, wenn es galt, in den späteren Jahrzehnten die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu begründen.

Aber Hitler hatte doch in seinem Buch „Mein Kampf“ mehrfach betont, daß der von ihm geforderte „Lebensraum“ für die Deutschen nur in Rußland zu finden sei? Er hatte sich der Illusion hingegeben, das „Riesenreich im Osten“ sei reif für den Zusammenbruch.

Stalin sah diese Gefahr, erwarte-' te sie - und wollte Zeit gewinnen, auch „Zeit kaufen“, wie Stefan Haffner den „Teufelspakt“ aus Stalins Sicht begründet. Selbst die „Tscbistka“ der dreißiger Jahre, die Ausrottung der gesamten militärischen Führungsspitze unter Marschall Tuchatschewski, sei unter diesem Aspekt zu verstehen: Es mußten alle Elemente entfernt werden, die den Stalinschen Plänen für die kommende Auseinandersetzung mit Hitler Widerstand hätten entgegensetzen können, meint Haffner.

Der damals nur zufällig dem Gemetzel entkommene General Alexander Todorsky rechnete 1983 vor, daß alle im Lauf der letzten 200 Jahre in allen Kriegen auf beiden Seiten gefallenen Offiziere erst die Hälfte der Zahl der von Stalin liquidierten Militärs ausmachten. Allein im Lefortowc—Gefängnis seien 53 Korpskommandanten erschossen worden.

Teil des „Teufelspaktes“, von beiden Seiten streng geheimgehalten, in den Auswirkungen aber sehr bald deutlich erkennbar, war das Zusatzprotokoll, das die „Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa“ absteckte. Darin war festgelegt, daß „dienörd-, liehe Grenze Litauens“, dann die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San die beiden Mächte trennen sollten - und daß Hitler sein Desinteresse an Bessarabien erklärte.

Nördlich der Linie lagen die Bal-tenstaaten und Finnland, lag das ganze östliche Polen. Finnland, seit 1809 als Großfürstentum in Personalhoheit mit dem zaristischen Rußland mit weitgehender Autonomie ausgestattet, hatte sich als erstes Glied des alten Zarenreichs am 6. Dezember 1917 für selbständig erklärt. ,

Lenin selbst hatte im April 1917 erklärt, ein russischer Sozialist, der Finnland die Freiheit verweigere, sei ein Chauvinist. Zu Silvester 1917 anerkannte Lenin Finnlands Unabhängigkeit — als aber eine bürgerliche Regierung in Helsinki die Bolschewiken als die ge-f ährlicheren Gegner ansah, unterstützte Moskau die finnischen Genossen im Bürgerkrieg, der 30.000 Tote kostete. Deutsche Truppen stellten die Macht der bürgerlichen Regierung wieder her.

Estland, Lettland und Litauen hatte im Lauf des Jahres 1918 ihre Unabhängigkeit erklärt. Estland und Lettland, einst Bastionen der Hanse und des Deutschen Ordens, waren unter Peter dem Großen Rußland eingegliedert worden. Aus den „deutschen Ostseeprovinzen“ kam dann ein guter Teil der Führungsschicht des Zarenreiches. Litauen, durch Jahrhunderte Teil der litauisch-polnischen Union geriet durch die polnischen Teilungen des 18. Jahrhunderts unter die Fittiche der Zaren.

Zur Zeit der Unabhängigkeitserklärungen standen deutsche Truppen in den drei Republiken. Eigene Kräfte formierten sich — ebenso gegen die „weißrussische“ Nordwestarmee des Zarengenerals Awa-low-Bermondt wie gegen die Bolschewiken, die die jungen Republiken unter ihre Gewalt bringen wollten, wie schließlich auch gegen die deutschen Freikorps, deren Angehörigen - nach dem deutschen Zusammenbruch - Staatsbürgerschaft und Siedlungsland versprochen worden war, wenn sie die Sowjets vertrieben England und Frankreich sahen zu, wie sich die gegnerischen Parteien zerfleischten.

Auch den Polen hatte Lenin die Unabhängigkeit zugesichert. Sie wollten mehr, als ihnen ethnisch zustand, historische Grenzen aus frühen Zeiten, Weißrußland und die Westukraine. Im Juni 1920 griffen sie an, die Rote Armee unter Tuchatschewski ging zum Gegenangriff über und stand schon unmittelbar vor Warschau.

Die Rote Armee lud die Reichswehr ein, den pomischen Korridor zu besetzen. Sie hoffte auf den Ausbruch der Revolution in Deutschland, wo es in Pommern schon zu Unruhen, zum Eingreifen der Freikorps kam. Das war den Alliierten zu viel.

Der französische General Louis Maxime Weygand (von dem man sagte, er sei ein Sohn der Kaiserin Charlotte von Mexiko) beriet Polens Staatschef Marschall Jozef Pil-sudski, der in einer dreitägigen Schlacht im August 1920 die Bolschewiken vernichtend schlagen konnte. Polens Grenze blieb weit im Osten.

Bessarabien schließlich war 1812 aus türkischer unter russische Herrschaft gekommen, war 1918 rumänisch geworden - die Bevölkerung bestand zu 60 Prozent aus Rumänen

- und sollte nun wieder „heimkehren“.

Kaum waren die deutschen Truppen nach Polen vorgestoßen, ging auch Stalin an die Bergung der Beute. Schon am 28. September 1939, fünf Wochen nach dem Pakt mit Hitler, ergingen Noten an die drei Baltenstaaten und Finnland mit der Aufforderung, in Verhandlungen um die Einrichtung von Stützpunkten zur Sicherung des sowjetischen Staatsgebietes und um den Abschluß eines neuen Nichtangriffspaktes einzutreten.

Finnland weigerte sich und wehrte sich einen Winter lang blutig, bis es erlag. Die Baltenstaaten - einschließlich Litauens, das durch eine Korrektur des Geheimprotokolls den Sowjets ausgelief ert worden war -stimmten zu. Im Juni 1940 erfolgte

— „auf Wunsch der Bevölkerung“ -die Eingliederung dieser Länder in die Sowjetunion.

In dieser Neufassung waren auch die polnische Wojwodschaft Lublin und Teile des Bezirks Warschau zur deutschen Interessensphäre geschlagen und der Sowjetunion „territoriale Entschädigung“ zugesichert worden, Ostpolen und Bessarabien, das Rumänien unter deutschem Druck 1940 abtreten mußte. Daß dabei auch gleich die Nordbukowina mitlief, ließ Hitler kalt.

Weder Hitler noch Stalin haben je das Aufteilungsprotokoll erwähnt, dessen Geheimhaltung ausdrücklich vereinbart worden war. Bis in die Zeiten der Perestrojka galt in Moskau die Sprachregelung, es sei umstritten, existiere nicht im Original. Als Michail Gorbatschow im Frühjahr1989Bonn besuchte, konnte er sich im Staatsarchiv von der Existenz überzeugen. In Litauen war der Inhalt bereits im Vorjahr veröffentlicht worden. Nun kam auch in Moskau eine Fotokopie zum Vorschein.

Aber es gab, abgesehen vom engsten Kreis der Unterzeichner und ihrer Stäbe, einen weiteren Informierten: US-Präsident Franklin D. Roosevelt.

England und Frankreich bemühten sich seit April, Stalin für eine Anti-Hitler-Liga zugewinnen-aber ihre Angebote entsprachen nicht dem, was Stalin erreichen wollte.

Schon am 2 4. August unterrichtete US-Botschafter Laurence Steinhardt seine Regierung vom eben abgeschlossenen Pakt mit allen seinen territorialen E inzelheiten. Roosevelt hat, soweit bekannt ist, auch bei seinen Treffen mit Stalin von seinem Wissen Gebrauch gemacht. Er brauchte ja „Uncle Joe“.

50 Jahr lang blieb das Thema in der Sowjetunion tabu. Erst jetzt, im Zeichen des Erwachens der Autonomiebestrebungen der baltischen Republiken, lassen auch die offiziellen Kommentare offen, daß die Eingliederung nicht ganz mit Zustimmung der Betroffenen erfolgt ist - aber der Pakt sei „historisch notwendig“ gewesen, um Zeit zur Abwehr Hitlers zu gewinnen.

In Tallin, Riga und Kaunas wehen wieder die alten Fahnen. Hätte eine Stornierung des Paktes den Austritt der Baltenrepubliken aus der Union zur Folge? Wenn ja, würde wohl auch noch vieles andere zusammenbrechen.

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