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„Die fünfundzwanzigste Stunde“

Zu den Pariser Romanbestsellern dieses Winters gehört das Buch eines rumänischen Emigranten, „Die fünfundzwanzigste Stunde“, von C. V. Gheorghiu. Ein abenteuerliches Buch und ein abenteuerlicher Held. Ein rumänischer Bauer, als Jude denunziert, entflieht dem Lager, in das er gesteckt wurde. Ein zweiter — ähnlicher — Irrtum mit umgekehrtem Vorzeichen bringt ihn in die SS. Auch ihr entspringt er durch Flucht hinter die amerikanischen Linien, nicht aber dem Lager. Ist er doch Angehöriger einer .Feindnation“. Die Befreiung durch Hitlers Sturz macht ihn ebenfalls nicht frei. Denn sein Land ist inzwischen hinter den Eisernen Vorhang geraten. Er bleibt Emigrant. Und wartet auf das Wunder seiner Errettung und der seines Volkes. Vielleicht erfolgt sie in fünfundzwanzigster Stunde.

Die Rumänen kennen die Emigration seit Jahrhunderten. Der Begriff der „bejanie“ ist ihnen so geläufig, daß aus dem Appellativum eine der am stärksten verbreiteten Familiennamensippen entstand. Vor Zeiten war es der Hunne, Aware, Bissene, Kumane, Tatar, der die Südostvölker aufstörte (Westeuropäer kennen diese Namen, wenn überhaupt, nur aus dem Geschichtsunterricht). Dann war es der Türke; zuletzt der Russe. Die Kräfte des Widerstands, der Freiheit, des Volkes haben sich eh und je in der .bejanie“, der Emigration, gesammelt.

überträgt man den Bauernhelden Gheorghius in eine andere zeitliche und soziale Sphäre, dann erlebt man etwas höchst Eigenartiges. Er erhält — unerwartet und überraschend — die Züge Constantin Steres. Dieser Name ist den Deutschen besser vertraut, denn Stere war während des ersten Weltkriegs „ihr“ Mann. Ein „Kollaborateur“. Als die Russen im Jahre 1916 in die Moldau einrückten, ließ der Jassyer Staatsrechtler sein Universitätskatheder im Stich und flüchtete in das deutschbesetzte Bukarest. Als Leiter einer von der Besatzungsmacht ins Leben gerufenen großen Tageszeitung wirkte Stere mit seiner ganzen Persönlichkeit gegen die östliche Orientierung seines Volkes, die er mit der Ententefreundschaft zwangsläufig gegeben sah. Stere war ein bessarabischer Rumäne, als russischer Untertan geboren, in Kischineff und Odessa russisch erzogen, wegen sozialistischer Tätigkeit mehrmals verhaftet und nach Sibirien verbannt, der nach seiner Entlassung ins freie Rumänien emigrierte und dort einer der Begründer der sozialistischen Bewegung wurde. Wie C. V. Gheorghius Romanheld ist Stere der ewige „Emigrant“ geblieben, von allen politischen Regimes geächtet und verfolgt, weil seine Nation stets im „anderen Lager“ stand.

Und doch war die staatsmännische Linie dieses bedeutenden Politikers und Staatsmannes, aus den Erfahrungen seines eigenen Lebens heraus, sehr klar und zugleich sehr einfach. Den Südostvölkern war seiner Ansicht nach nur eine beschränkte Freiheit ihrer politischen Ausrichtung gegeben. Sie hatten und haben, meinte er, nur die Wahl zwischen dem Osten: also Rußland und dahinter Asien, oder dem Westen. Der letztere Weg, der europäische, führe aber, behauptete er, notwendig und zwangsläufig über österreichisch und deutsch bestimmtes Mitteleuropa. Diese Konstellation sah er auch nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie im ersten Weltkrieg als grundsätzlich gegeben an. Ein „dritter Weg“, wie ihn die „Realpolitiker“ vom Schlage Take Jonescus und anderer kulturpolitisch mit Leib und Seele an Frankreich hängender Romantiker gehen wollten, schien ihm praktisch ungangbar. Der hätte unter Uberspringung des einst österreichischen Donauraums und eines deutschgeführten Mitteleuropa direkt nach dem Westen führen sollen, am liebsten geradewegs nach Paris.

Stereisten sowohl wie Anhänger Take Jonescus und seiner Kleinen-Entente-Politik, die in dem ebenso blendend geschriebenen wie politisch verblendeten

Buch des ehemaligen rumänischen Außenministers Grigore Gafencu („Europas letzte Tage“, Zürich 1946) einen beredten Verteidkjer gefunden hat, sind' heute in der Emigration. In dem geliebten Paris, in der Schweiz, den USA, Spanien, Argentinien. Der Riß, der sie von zu Hause trennte, hat sich keineswegs geschlossen. War doch die älteste Schicht rumänischer Exulanten bereits 1941 aus Bukarest geflohen, als der „Conducator“ den gegen ihn gerichteten Aufstand der „Legionäre“ mit Gewalt niederschlug. Die wollten das Tempo der faschistischen Staatsreform verschärfen, den Kampf gegen Rußland und die „subversiven Kräfte des neuen Europa“ noch-bedingungsloser führen. Hitler stellte sieh auf die Seite Antonescus. Die Legionäre kamen ins KZ. Nicht wenige von ihnen sind bei einem Großangriff der britisch-amerikanischen Luftwaffe auf Weimar in den auf das KZ Buchenwald niedergehenden Bombenteppichen umgekommen. Was am Leben blieb, bildete nach der Befreiung unter der Patronanz der Amerikaner die erste Zelle der rumänischen Emigration.

Scharenweise folgten die politischen Gegner, als die Hand Moskaus immer schwerer auf der „Volksdemokratie“ zu lasten begann. Die Parteien und Parteigänger der Bratianu, Maniu, Radescu hatten den jungen König Michael im August 1944 zum Ausspringen aus dem Verband der Achsenmächte bewogen. Allein die Voraussicht Steres erwies sich als nur zu wahr. Es gab keinen „dritten Weg“. Der Ubertritt zu den „Kräften der Freiheit“ lieferte Rumänien ganz dem Osten aus. In der rumänischen Volksrepublik haben die Westmächte kein Wort. Ob man die Moskauer „Prawda“ liest oder die Bukarester „Scanteia“, es kommt auf dasselbe heraus: Was westlich des Eisernen Vorhanges lebt, ist „faschistisch“, „kriegshetzerisch“, eine Demokratie gibt es für diese Auffassung weder in England noch in Amerika, geschweige denn in Frankreich. Ausgenommen werden nur kominformtreue

KPs. Noch ist es aber nicht soweit, daß sie das Gesicht des Westens bestimmen.

Bei so heterogener Zusammensetzung der Südostemigration fehlt es an Reibungen unter den einzelnen Gruppen der Rumänen so wenig wie unter den Südslawen, Ungarn, Tschechoslowaken. Bei den Rumänen aber sind über alle weltanschaulichen und - politischen Verschiedenheiten hinweg die einigenden Momente stark genug, das Bestehen einer Exilregierung zu gewährleisten. Sie besteht unter der Führung des Generals Radescu unter dem Namen eines „Freien Ausschusses“. Kein Zweifel, daß die Westmächte, die sie stützen, sie in dem “Augenblick auch offen anerkennen und aktivieren werden, in dem Rußland von dem Kalten Krieg zur Eingliederung der „volksdemokratischen“ Südoststaaten in die UdSSR übergeht.

Das stärkste einigende Moment der rumänischen Emigration ist wie bei den anderen Völkern des Südostens natürlich die Ablehnung des russischen Expansionsdranges, der unter der Maske des Kommunismus und Sozialismus Völker und Staaten national auslöscht und zu Schleppträgern der russisch-kommunistischen Variante eines asiatischen Nivel-lierungsprozesses macht, vor dem jedem Europäer graut.

Darüber hinaus haben die Rumänen ihre besondere Rechnung mit Rußland. 1941 brachen die Roten Armeen nach einem mit drei Tagen befristeten Ultimatum über die Grenzen des Landes und besetzten Bessarabien und große Teile der Bukowina. Die englische Garantie, auf die Gafencu gebaut hatte, erwies sich als unwirksam. Czernowitz, einst Vorort der moldauischen Nordwestprovinz, dann des österreichischen Kronlandes Bukowina, ist heute Teil des russischen Staatsgebiets, nicht anders Kischineff und ganz Bessarabien. Auf der Pariser Friedenskonferenz haben die offiziellen Vertreter Rumäniens diesen Abtrennungen zustimmen müssen. Die rumänische Emigration konnte den „großrumänischen“ Standpunkt wahren. Dem Osten und Westen hat sie in öffentlichen Denkschriften zur Kenntnis gebracht, daß kein wirklicher Rumäne dieses Diktat je anerkennen werde. In diesem Verhalten stimmen in der Tat alle Gruppierungen überein — und so erweist sich die „bessarabische Frage“ als ein hervorragendes einigendes Moment der rumänischen Emigration.

Nicht übersehen kann man ferner die Tatsache, daß an der Spitze der Emigranten der legitime Herrscher des Landes steht. Das hat es in der Geschichte Rumäniens mehr als einmal gegeben. Einzig dastehend sind aber die äußeren Umstände, unter denen die Exilierung König Mihais erfolgte. Sie sind der Weltöffentlichkeit ebenso wie die romantische Heirat des jungen Königs mit der Prinzessin Anna von Parma-Bourbon genügend bekannt. Für wie gefährlich die Gegenspieler den in den Augen seines Volkes vom Charisma jugendlicher Kraft umstrahlten Exilherrscher halten, erhellt aus der Heftigkeit der inner- und außerhalb Rumäniens gegen ihn genährten Propaganda.

Man urteile selbst über die Zugkraft der Parolen, indem man die offiziellen Neujahrsbotschaften des Jahres 1950 einander gegenüberstellt. Professor Doktor Parhon, der Präsident der rumänischen Volksrepublik, verkündete: „Wir sind stolz, der Friedensfront Stalins anzugehören.“

Exkönig Mihai von Rumänien: „Die Hoffnung aller Rumänen ist die Freiheit. Der Morgen der Freiheit beginnt anzubrechen für alle Völker, die heute in der Sklaverei leben. Rumänen! Haltet mutig aus! Gezeichnet Michael L, durch Gottes Gnade und den Willen des Volkes König von Rumänien.“

Auf diese „Stunde der Freiheit' wartet und hofft die rumänische Emigration. Nach einem mit Leiden randvoll gefüllten Tagewerk — in fünfundzwanzigster Stunde.

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