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Nadi BOhmen eine BrUcke?

Die „Furche“ gibt im nachstehenden der profilierten Meinungsäußerung eines Autors Raum, mit dessen Auffassungen die Redaktion durchaus nicht in allen Punkten übereinstimmt. Doktor Rudolf Hilf, ein heute 37jähriger Sudetendeutscher, aus Asch gebürtig, entstammt geistig, gleich einem Großteil seiner Generation, dem sogenannten nationalen Lager. Dies wird auch aus der Gedankenführung und Terminologie seines Aufsatzes deutlich. Er war von 1951 bis 1959 persönlicher Referent Dr. Lodgman von Aliens, der bis 1959 als Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe im Exil die zentrale moralische Autorität darstellte. Dr. Hilf war auch praktisch der Leiter der politischen Kanzlei der Sudetendeutschen. Als Dr. Lodgman mit dem im Exil lebenden ehemaligen tschechischen General P r c h a I a ein Agreement über die zukünftige Politik der nachbarlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Tschechen schloß und ein gemischtnationaler Föderativausschuß im Exil gegründet wurde, bestellte man Dr. Hilf zu dessen Generalsekretär. 1959 aber trat Dr. Hilf mit einigen sehr eigenwilligen politischen Thesen an die Öffentlichkeit, die ihn in unüberwindlichen Gegensatz zu seiner Landsmannschaft brachten und schließlich zu seiner Trennung von dieser Organisation aus Gesinnungsgründen führten. Dr. Hilf ist bemüht, von seinem ethischnationalen Gesichtspunkt aus eine neue Konzeption zu finden. Die „Furche“ respektiert ihn all eine lautere Persönlichkeit, deren Auffassungen auch von jenen in Ruhe angehört werden sollten, die ihnen zu folgen nicht willen sind.

Die Tschechoslowakei gab sich in den vergangenen Monaten eine neue Verfassung. Ein Artikel darin beschäftigt sich auch mit den sogenannten nationalen Minderheiten. Den noch in der Tschechoslowakei lebenden Polen, Madjaren und Ukrainern wird darin die volle kulturelle Entfaltung ihres Volkstums zugesichert. Die Deutschen des Staates, die zahlenmäßig mehr als die Polen und Ukrainer zusammen ausmachen, werden mit keinem Wort erwähnt. Diese von den eigenen Thesen einer „sozialistischen Gesellschaft“ und 'eines isffoletarischen Internationalismus“ abweichende Politik erklärt man in Prag damit, daß die Deutschen-nicht mehr'g*' schlössen siedeln würden, daß sie diese den anderen Volksgruppen in der Verfassung garantierten Rechte gar nicht wollten und daß im übrigen dieses Problem durch den Entscheid von Potsdam für alle Zeiten gelöst worden sei. Das Prag des Jahres 1960 stellt sich dabei auf den Standpunkt eines „bürgerlichen Chauvinisten und Revanchisten“, nämlich Eduard Beneschs, des Initiators der Austreibung der Deutschen, obwohl Chruschtschow zu den analogen Fällen der Umsiedlungen innerhalb der Sowjetunion auf dem XX. Parteitag die Meinung vertreten hat: „Kein Marxist, Leninist und überhaupt kein vernünftiger Mensch kann verstehen, wie es möglich ist, ganze Völker, samt Frauen, Kindern und alten Leuten, wegen Verbrechen einzelner und kleiner Gruppen verantwortlich zu machen, Massenrepressalien gegen sie anzuwenden ...“

In Wahrheit ist es so, daß die heutige Tschechoslowakei weder ein polnisches noch ein ukrainisches noch ein madjarisches Minderheitenproblem von politischer Bedeutung hat; nur das eine, das man nicht einmal beim Namen nennen will und von dem man mit einer gewissen Nervosität jedes Jahr neu behaupten muß, daß es für alle Zeiten gelöst sei, existiert noch immer.

Es existiert nicht so sehr wegen der 170.000 Deutschen, die noch in der Tschechoslowakei leben, sondern infolge der ungebrochenen Aktivität der zwei Millionen Sudetendeutschen, die in Westdeutschland aufgenommen wurden.

Diese zwei Millionen sind der „harte Kern“ der mehr als neun Millionen Heimatvertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland. Die Sudetendeutschen spielen dabei nicht nur innenpolitisch eine Rolle — was ihr Anteil an Exekutive und Legislative von Bund und Ländern beweist (ein Bundesminister, im Herbst möglicherweise zwei, drei Staatsminister, zwei Staatssekretäre, 17 Bundestagsabgeordnete und 35 Landtagsabgeordnete), sondern sie scheinen vor allem auch in der Rechnung derjenigen Politiker auf, die um das Ver-triebenenpotential eine dauerhafte, konsequent antiöstliche Politik in Deutschland aufbauen wollen. i

Das Problem der Sudetendeutschen ist damit zu einer Waffe des kalten Krieges geworden. Auf der einen Seite weiß man genau — soweit man überhaupt denkt, natürlich —, daß man gegen den Osten keine wie immer geartete Lösung erzwingen kann. Das tut aber nichts. Wesentlich ist, so meint man, daß die Sudetendeutschen zuverlässiger antiöstlicher Faktor bleiben und damit eine bedeutend größere Schicht der westdeutschen Bevölkerung auf gleichmäßigem Kurs halten. (Der wesentliche Grund, warum Bundeskanzler Adenauer auf Wunsch maßgeblicher einheimischer CSU-Politiker Bundesminister See-bohm gestattete, das Amt des Sprechers der sudetendeutschen Volksgruppe anzunehmen.) Auf der anderen Seite, jenseits der ideologischen Trennungslinie, kümmert man sich weder um Wahrheit noch um Gerechtigkeit. Man sieht nur die Bedrohung, die Revisionsabsicht — und versucht, der bösen bundesdeutschen Katze mit der Erinnerung an 1938 die Schelle hitlerscher Expansionspolitik umzuhängen.

Was auf der Strecke bleibt, ist nicht nur wirklicher Friede zwischen Deutschen und Tschechen, sondern vielleicht die einzige Möglichkeit, in und trotz der heutigen Lage hier in der Mitte Europas einen Neubeginn zwischen West und Ost, zwischen Deutschen und Slawen zu schaffen.

UNGANGBARE WEGE

Sehen wir uns die ungelösten mitteleuropäischen Fragen an. Die deutsche Wiedervereinigung? Weder West noch Ost kann hoffen, sie jemals in seinem Sinn zu erzwingen, ohne den Weltkonflikt auszulösen. Mitteleuropa ist noch immer der Entscheidungsraum des Kontinents. Das deutsche Potential ganz auf dieser oder jener Seite, muß das Gleichgewicht in Europa umwerfen und den Konflikt hervorrufen. Wiedervereinigung und Neutralisierung jedoch ist eine Illusion, nicht mehr. Denn die Sowjets würden einen harten „Fakt“ — die DDR — für ein bloßes Versprechen künftigen Wohlverhaltens hergeben müssen. Was für Moskau zählt, ist aber in diesem die Balance verändernden Fall nicht ein Neutralisierungsvertrag, sondern das Gesellschaftssystem. So bleibt also die deutsche Teilung.

Die Verständigung über die deutsch-polnische Grenze? Der' deutsch-polnische Ausgleich wäre wahrscheinlich viel leichter möglich als manche heute denken, wenn der Staat von Bonn direkt an Polen grenzte. Aber das wird nicht der Fall sein. Und da es nicht der Fall sein wird, werden Bonn und Warschau gar nicht anders können, als auch künftighin starre theoretische Positionen zu beziehen, die zu nichts führen. Kann der Ausgleich und der Frieden über Wien und den Donauraum beginnen? Vielleicht haben manche, die den Staatsvertrag unterzeichneten, unter diesem oder jenem Vorzeichen hin und wieder mit solchen Gedanken gespielt. Seit dem Aufstand in Ungarn ist dieser Weg verschlossen. Der Ostblock kann und wird nicht riskieren, daß sich Ungarn oder gar die Tschechoslowakei — die eine Schlüsselstellung im größeren Mitteleuropa hat — einer österreichischen Neutralität auch nur nähert und umgekehrt: Wer würde in Österreich heute und morgen das Risiko übernehmen, im engeren Sinn Partner kommunistischer Staaten zu sein? Viele sind doch heute froh, daß sie, scheint's endlich, einmal Zuschauer auf der weltpolitischen Bühne geworden sind. Aber es scheint nur so. Ob Zuschauer oder nicht, wird von der Gesamtentwicklung des mitteleuropäischen Problems entschieden, das im wesentlichen um das Verhältnis der Deutschen zum Osten insgesamt und um den deutsch-westslawischen Ausgleich im besonderen kreist.

IST EINE DEUTSCH-TSCHECHISCHE LÖSUNG DENKBAR?

Die negativen Seiten der sudetendeutsch-tschechischen Frage wurden eingangs geschildert. Aber es gibt auch positive Seiten. Sie bestehen darin, daß hier — bei einiger Vernunft auf deutscher Seite — kein Grenzproblem analog der deutsch-polnischen Frage zu bestehen braucht. Geht es nicht um eine Grenzrevision zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei, so ist der Frage der Verständigung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen schon einmal die größte Schärfe genommen. Es stehen sich zwar heute offiziell die Maximalforderungen von Totalverzicht und vollständiger Wiederherstellung des Heimat- und Selbstbestimmungsrechtes gegenüber, aber das braucht in dieser unversöhnlichen Härte nicht für alle Zukunft der Fall zu sein. Die Tschechen wissen, daß sie die Nachbarn der Deutschen bleiben werden und daß sich eines Tages ein Kompromiß als zweckmäßig erweisen kann. Die Sudetendeutschen wissen — oder sollten es wenigstens —, daß man sich schließlich mit den Tschechen außerhalb eines deutschen Nationalstaates wird arrangieren müssen.

Erscheint eine volle Restaurierung der ethischen Verhältnisse vor der Vertreibung aus einer Reihe von Gründen unimöglich, so kann man eine neue Politik in keinem Falle damit einleiten, daß man um diese Frage wie die Katze um den heißen Brei schleicht. Man muß sich also in einem für den Gesprächspartner und die eigene Seite akzeptablen Sinn beschränken. Konkret gesprochen, heißt das, daß die Sudetendeutschen nicht die geringsten Aussichten haben, solange die Erfüllung ihrer politischen Forderungen den Zusammenbruch des staatlichen und gesellschaftlichen Systems der heutigen Tschechoslowakei nach sich ziehen würde — und das ist bei der landsmannschaftlichen Politik, die lediglich aus der Wiederholung von zwei Prinzipien, Heimat- und Selbstbestimmungsrecht, besteht, während alles andere im Dunkel gelassen wird, der Fall.

Eine Lösung ist nur dann möglich,

• wenn sie territorial begrenzt ist, zum Beispiel auf das westböhmische Dreieck Eger—Karlsbad— Marienbad; keine Grenzrevision gegenüber Deutschland beinhaltet und in einem unlösbaren konföderativen Verhältnis dem tschechoslowakischen Staat verbunden bleibt;

• wenn.sie nicht als Selbstzweck für Sudeten-das westliche politische System auf den Boden dieses Territoriums zu verpflanzen — und allen denen, die über eine solche Auffassung erschrecken, sollte doch ins Bewußtsein gerufen werden, daß die westliche Parteien- und Interessentendemokratie bestimmt auch nicht das letzte Wort in der Geschichte ist;

• wenn sie nicht als Selbtszweck für Sudetendeutsche und Tschechen begriffen wird, sondern einem größeren Sinn in Zentraleuropa dient.

Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt. Ein isoliertes Sudetenproblem existiert nicht. An ihm hat niemand in der Welt echtes Interesse. Der höhere Zweck aber kann doch nur darin bestehen, als Ansatzpunkt und Brücke für einen echten Frieden zwischen West und Ost in Zentraleuropa zu^dienen.aMan ist gewohirti* bev'solchen Vorschlägen in ersttr Linie die Gefahren zu sehen. Sie,sollen'jiicht^geleugnetnwe denbnEln jolflWeto Ansatzpunkt hätte ja nur Sinn, wenn damit an Stelle des sterilen und schließlich ebenso gefährlichen Wiedervereinigungskarussells eine Politik der größeren zentraleuropäischen Zusammenarbeit von nichtkommunistischen und kommunistischen Staaten gesetzt würde, was zumindest in der Konzeption einer eigenen, die militärische Blockbildung auf beiden Seiten • auflockernden, zentraleuropäischen Sicherheitszone münden müßte.

Das nationale Problem der Deutschen, das heute im nationalstaatlich-zentralistisch-restau-rativen Sinn weder lösbar ist noch aber auch zur Beruhigung der Welt einfach „eingefroren“ werden kann, würde überwunden, wenn schrittweise eine neue mitteleuropäische deutschslawische Kooperation entstünde, ohne daß dabei die heute bestehenden west- und osteuropäischen Gemeinschaften, an der jeweils eine Hälfte Zentraleuropas teilnimmt, angetastet würden.

Angesichts der gegenüberstehenden ideologischen Positionen, die sich gegenseitig aufheben, scheinbar eine Unmöglichkeit. Aber Geist und Geschichte bleiben auf keiner Seite stehen. Ein dynamisches, nicht statisches Geschichtsdenken ist erforderlich.

Aber die Deutschen sind ihrer selbst nicht mehr gewiß. Sie wissen nicht mehr, wo sie in der Geschichte stehen, seit ihr Nationalstaat im Jahre 1945 so gräßlich in sich zusammenstürzte. Voraussetzung für die Gesinnung der Zukunft aber ist das gesicherte Fundament der Vergangenheit. 1945 stürzten nicht nur Hitler und der Nationalsozialismus, sondern auch Weimar, Bismarck und die von 1848.

BRÜCKEN UND STRASSEN

Vor einem Jahrtausend traten die Deutschen aller Stämme in die Geschichte ein als Träger der damaligen universalistischen Reichsidee. Das 19. und 20. Jahrhundert hat daraus zuerst einen kleindeutschen, dann einen großdeutschen Imperialismus gemacht. Was „Reich“ wirklich bedeutete, hat man nicht begriffen, kaum geahnt. Heute steht die Welt davor, unter welchen Vorzeichen immer, zur wirklichen universalen Einheit zu werden. Ernst Jünger meint: „Vielleicht sind West und Ost nichts anderes als die beiden Gußformen für diese kommende Einheit.“

Wie dem auch sei, während sich unter der atomaren Bedrohung nicht nur das Problem der Koexistenz, sondern — gleich, was für Hintergedanken heute da und dort herrschen mögen — bald der echten Kooperation oder der wirklichen Kovernichtung stellen wird, klammert sich die deutsche Politik an die zusammengestürzten hundert Jahre des preußisch-deutschen Nationalstaates und läuft in der Wiedervereinigungssackgasse mit Rezepten entweder der vermeintlichen Stärke oder einer illusionären Neutralisierung, bei gleichzeitiger Liquidierung der DDR, aufgeregt und ergebnislos hin und her.

Im Sinne ihrer wirklich tausendjährigen Geschichte müßten die Deutschen ihre Teilung zwischen West und Ost heute als Auftrag begreifen, unter Einsatz ihrer Existenz an der Überwindung des Frontdenkens von West und Ost im europäischen Entscheidungsraum zu arbeiten, überall dort zu stehen, wo die Brücken und Straßen, die zur größeren als der bloß nationalen Einheit führen sollen, gebaut werden.

Wenn das praktisch heißt, daß die Brücke vor allen Dingen zum slawischen Nachbarn gesucht werden sollte, und dies trotz der Starrheit oder Unaufrichtigkeit, der man dabei begegnen kann, so ist es offensichtlich, daß dieser Ansatz für eine Neuentwicklung konkret nur dort gefunden werden könnte, wo sich die einzige direkte Berührung zwischen West und Ost und gleichzeitig zwischen Deutschen und Slawen ergibt. Würden die Sudetendeutschen dies erkennen, so würden sie damit auch den besten Teil ihres österreichischen Erbes freilegen und nützen.

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