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Rückblick auf 3 0 Jahre Westeuropa

1945 1960 1980 2000 2020

Europa, Advent: Was ist über diesen Kontinent, aus ihm, für ihn „gekommen" in den letzten 30 Jahren und wie steht es um seine Zukunft? Ein großer Denker macht sich Gedanken…

1945 1960 1980 2000 2020

Europa, Advent: Was ist über diesen Kontinent, aus ihm, für ihn „gekommen" in den letzten 30 Jahren und wie steht es um seine Zukunft? Ein großer Denker macht sich Gedanken…

Im Rückblick auf den Breschnew-Besuch in Bonn, im Blick auf die neuen Konfrontationen, die bevorstehen, im Blick auf die schwierigen Beziehungen westeuropäischer Staaten zu Washington und vor allem zu sich selbst — sie sind praktisch, in den ständigen Streitigkeiten in der Europäischen Gemeinschaft oft schwieriger als Beziehungen zu einigen Staaten Osteuropas — hat es einigen Sinn, in dieser Advent-

zeit die gut dreißig Jahre anzuvi- sieren, die dieses Westeuropa erlebt hat, nachdem es sich aus den ersten Wirren nach 1945 wirtschaftlich zu sanieren begann: mit der unersetzlichen Hilfe des Marshall-Planes. Was wäre ohne ihn aus diesem Bündel von Streitigkeiten, von inneren Konflikten geworden?

Advent: Adventus Augusti (im Relief im Durchgang der Wiener Hofburg zum Michaelerplatz schön zu ersehen): das war der triumphale Einzug des Augustus, des Kaisers, von dem immer wieder, gerade in sinkender Zeit, im Römischen Imperium, ein neuer Aufgang, eine „Neue Zeit“ erhofft wurde. Rhetoren, Priester, sena- torische Lob-Redner verkündeten diesen hohen Advent, und viel Volk glaubte ihm.

Advent: Adventus Domini, Ankunft des Herrn, christlicher Advent. In den fünfziger Jahren gab es eine Art politischer und weltanschaulicher Adventstimmung, zumindest in der Bundesrepublik Deutschland, etwas auch in Italien De Gasparis, schon viel weniger in den anderen Ländern Westeuropas. Immerhin: es wurde damals viel und manchmal sehr gut "über Europa geredet, animiert bereits durch Churchills Züricher Rede 1946, in der er zur Schaffung der Vereinigten Staaten Europas aufrief, jedoch — was in damaliger euphorischer Europa-Begeisterung übersehen wurde - gleichzeitig keinen Zweifel darüber ließ, daß er den Platz Großbritanniens nicht an der Seite der kontinentaleuropäischen Länder sehe.

Europa! Abendland! „Christliches Abendland“: Auferstehung eines karolingischen Europa. Karl der Große als Schirmherr dieses Europa, gen Osten, gegen die Sowjetunion. Im Blick auf heutige Rüstungskalamitäten sei erinnert: Karl der Große verbot den Verkauf fränkischer Panzer (Panzerhemden), die damals bis weit in Nahost hinein sehr begehrt waren, an die Ostvölker im Einzugsbereich seines Reiches, das ganz instabil war, voll innerer Kämpfe, und das zur Grundlage der westeuropäischen Zivilisation, ihrer Schulbildung wurde, dies alles auf der Basis einer in Kirche und Welt herrschenden Kaste einer Handvoll großer Familien war.

Die frischen Winde des Kalten Krieges schienen die Ausfahrt eines westeuropäischen Europa- Schiffes zu begünstigen. Europa,

das war, zumindest in deutschen Augen, eine Einigung Westeuropas, das sich als das wahre Europa verstand, verstehen sollte, um Stalin Widerpart leisten zu können. Nun sagte aber derselbe Churchill, der ja den Aachener Karls-Preis als Champion, als Gallions-Figur „Europas“ erhalten hatte, bei andrer Gelegenheit nun auch dies:

„Ich höre die Leute nicht gerne davon sprechen, daß England, Deutschland und Italien gemeinsam Stellung gegen den europäischen Kommunismus beziehen. Das ist zu einfach, um gut zu sein.“

„Die Frage, wozu Europa überhaupt geeinigt werden solle, ist nie in der rechten Art gestellt, geschweige denn beantwortet worden. Dies hätte aber die zentrale Frage zu Anfang sein müssen: Europa wozu?“ Das bemerkt heute Paul Frank, dessen Memoiren („Entschlüsselte Botschaft - Ein Diplomat macht Inventur“, Stuttgart 1981) gute Europäer - sie gibt es doch (Nietzsche hatte dies Wort erfunden für Männer wie Erasmus von Rotterdam) - nachdenklich sich erlesen sollten.

Dieser Sohn badischer Familien - sein Urgroßvater, ein Bauer, kämpfte 1848 für deutsche Freiheit, der Vater war Zentrums- Mann - erinnert dreißig Jahre diplomatischen Dienstes im Auswärtigen Amt in Bonn, bei den Vereinten Nationen in New York, Staatssekretär und Mitglied der Bonner Delegationen bei den Verhandlungen in Moskau, Warschau und Prag, die zum Abschluß der Ostverträge führten, Chef des Bundespräsidialamtes 1974-1979.

„Europa ist ein großes geistiges und politisches Vakuum, das in der Erwartung, aufgefüllt zu werden, die Dinge nicht ändern kann. Aufgefüllt von wem? Wir wissen es nicht!“

„Die Deutschen trauten sich selbst nicht die Kunst einer neutralen Politik zu.“ Dies im Blick auf Österreich. Paul Frank stellt Figl über Adenauer, dem er aus

reichen Erfahrungen bescheinigt, Mitarbeiter und Gegner als Instrumente meisterlich benützt zu haben. Kurz noch einige weitere Kostproben, um sich einzustimmen in der Besinnung im Rückblick auf dieses Westeuropa, das hinter uns liegt: es müssen neue Strukturen geschaffen, neue Horizonte ersehen werden (Frank: „Am Anfang einer jeden großen Politik steht die Utopie“).

Im Rückblick also: „In Wirklichkeit haben die USA ein vereintes und selbständiges Europa nie gewollt.“ Und: „Was der Welt von heute fehlt, ist nicht Entspannung, sondern Vertrauen.“ Und: „Außenpolitische Geschäftigkeit als Flucht»vor Innenpolitik, die die wirklichen Probleme in sich

birgt.“ Paul Frank vermerkt das im Blick auf Bonn.

Paul Frank, hochaktiver Mitarbeiter der Bonner Ostpolitik,„hat es immer für falsch gehalten, Vertragspolitik mit dem Osten mit Entspannungspolitik gleichzusetzen. „Die Entspannungspolitik ist eine Erfindung Josef Stalins.“ Es geht nicht um „Entspannung“, sondern um eine mühsame, geduldige, auf lange Sicht arbeitende Politik, Schritt für Schritt, ständig gefährdet, unverdrossen, mit dem großen Gegner konkrete, geltende Abmachungen auszuhandeln, die eingehalten werden. Das ist möglich.

Im Heute wird wieder Johannes XXIII. erinnert, sein hundertster Geburtstag. Konrad Adenauer fügt in seine Ansprache, in Audienz bei Johannes, einen Satz ein, der nicht im Manuskript steht: „Der Herrgott hat dem deutschen Volk den Auftrag erteilt, einen Damm gegen den gottlosen Kommunismus zu bilden.“ Der Papst unterbricht in der Mitte seiner Antwort sein eigenes Manuskript: „Herr Bundeskanzler, was den Auftrag des Allmächtigen an das deutsche Volk angeht, so können wir als Christen nur beten und gute Werke vollbringen!“

„Wir haben einen dummen

Papst!“ Mit diesem Ruf läuft ein Mitglied der deutschen Delegation an diesem Tage in Rom herum.

Rückblick auf Westeuropa, im Advent 1981: Es ist sehr, sehr viel geschehen, wirtschaftlich, auch politisch, ja auch politisch, um seine Nationen zu sehr fruchtbaren Kollaborationen zu bringen. Es ist sehr wenig geschehen, um innere Substanz zu bilden. Im Blick auf die Arbeitslosenheere und auf die Jugendunruhen und auf den Terror, nicht zuletzt auf zunehmende politische Radikalisierung, wobei heute die Winde einer rechts-rechten Rechten zuwehen, die offen sich als antidemokratisch bekennt, sollte der gute Europäer dies zu sehen wagen:

Die gutgemeinten Phrasen, die gerade von „christlichen“ und „konservativen“ Leuten heute wieder einer kaum zuhörenden Öffentlichkeit übermittelt werden, sind weithin Stroh, nicht Getreide, Nahrung, Brot - für den Menschen, der, wie es heißt, nicht vom Brot allein lebt.

Es fehlt schlicht an Substanz. An geistiger, an spiritueller Substanz. Kein größerer Mensch, kein größerer Gott ist da in Sicht. Keine politische Anthropologie, die den Menschen, der homo sapiens und homo demens (Edgar Morin)

in einem ist, hochbegabt, sehr leistungsfähig, schöpferisch begabt undjederzeitfähig,in Wahnsinnsideen und Wahnsinnsakte zu fallen, in seinen wirklichen Gründen und Abgründen auszuloten.

Untergrund kommt hoch, nicht nur in Westeuropa, gerade aber auch hier. Politiker und andere öffentliche Herumsteher überschweigen, verharmlosen zumindest die Zeichen an der Wand. Der Mensch, dieses Ungeheuer, dieses höchstbegabte Geschöpf, rüstet sich zu neuen Verbrechen gegen sich selbst.

Advent 1981: Im Rückblick auf dieses Westeuropa der letzten dreißig Jahre, im Rückblick auf dreißig Jahre diplomatischen Dienst visiert Paul Frank die Dummheit an, die unsere ganze politische Szenerie durchherrscht. Berufung auf Thomas von Aquin, der den für dumm erklärt, der „aus Starrheit, Stumpfheit, Uneinsichtigkeit oder Eitelkeit Entscheidungen gegen seine letzte und höchste Bestimmung, Gott, trifft“.

Frank: „Auf das diesseitige Feld der Politik übertragen, heißt das, daß die Starrheit des Geistes, die Stumpfheit der Sinne und die Eitelkeit den Politiker unfähig ma

chen, sein politisches Ziel zu erreichen.“

Adventus Domini. Europäischer Advent. Wer nimmt „so etwas“ ernst, existentiell ernst? Nun, es gibt gar nicht wenige Menschen, in diesem unserem Europa, das ja nicht „uns“ gehört, die bereit sind, dies zu hören und Konsequenzen zu ziehen: gerade in den jungen Generationen.

Westeuropas Zukunft (und so Zukunft des Menschen in allen Kontinenten) wird abhängen von dem, was geschieht: ob wieder „die alten Routiniers“, die nach 1945 Macht übernahmen, die Zugvögel der Zukunft austilgen, abtreiben werden, heute mit vielen freundlichen Worten, von „oben“ herab, in allen Parteigremien — oder ob dies Utopische geschieht: Bildung von „Jungbrunnen“, Erschließung des ganz unerschlos- senen Potentials, das präsent ist, jedoch seelisch junger Menschen bedarf, um es zu mobilisieren.

Kernkraftgewinnung, nach innen hinein: Ja, es geht um Energien, um Kern-Energien. Alle Energien werden verdorben, mißbraucht, schlecht verheizt (der Mensch als „Menschenmaterial“), wenn sie nicht von Menschen behandelt werden, die sie seelisch, geistig bewältigen können.

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