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WAREN DIE JAHRE VERLOREN?

Nicht lange nach meiner Rückkehr nach Küsnacht begegnete ich in Zürich dem Dramatiker Bert Brecht und seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel. Das Ehepaar Brecht hatte eine lange Odyssee hinter sich. Im Herbst 1933 hatte Brecht die Schweiz verlassen und war nach Dänemark gegangen. Später zog er nach Schweden und von dort nach Finnland. Als ihm auch in Finnland die Lage zu unsicher wurde, reiste er quer durch Rußland nach Japan und schiffte sich nach Amerika ein. Jetzt war er aus Amerika zurückgekehrt und bereitete seine Übersiedlung in die Ostzone vor. Brecht trug immer noch seine mausgrauen Anzüge, seine braunen Lederkrawatten und sein kurz geschnittenes Haar ä la Friedrich Schlegel. Auch seine klugen braunen Augen waren dieselben wie früher. In den Jahren vor 1933 hatten wir uns in Berlin oft gesehen und manches lange und kluge Gespräch miteinander geführt, aber diesmal haperte es mit unserem Gespräch, Brecht hatte sich nicht geändert. Er war zwar nicht nach Rußland gegangen, aber er glaubte immer noch an den Kommunismus. loh hatte mich dagegen geändert, mein Bedarf an Totalitarismus war gedeckt. Als junger Mensch meinte ich, es sei anregend und befruchtend, sich mit anders denkenden Leuten zu unterhalten, aber im Laufe der Jahre hat mich die Erfahrung gelehrt, daß man im Gespräch mit Gleichgesinnten tiefer in die Probleme eindringt.

Meine Frau und ich hatten im Sinn, im Sommer 1948 nach Deutschland zurückzukehren, aber anstatt umziehen zu können, wurde ich sehr krank, und erst im Sommer 1949 verließen wir Küsnacht und zogen nach dem schönen Wiesbaden, das nach dem Krieg die Hessische Hauptstadt geworden war. Ich reiste voraus, und als ich nun das dritte Mal seit dem Krieg den Boden des Vaterlandes betrat, war das Wunder geschehen. Deutschland lebte wieder. In allen Städten wurden neue Häuser gebaut, in den Geschäften konnte man wieder alles kaufen und in den Gaststätten alles essen, worauf man Lust verspürte. Auch die Menschen sahen wieder gesund aus. Die bleiche Kedlerfarbe war von den Gesichtern verschwunden.

Ich bin froh und dankbar dafür, daß ich wieder daheim bin. Deutschland ist schön, fleißig und lebendig, und wenn es immer eine lohnende Lebensaufgabe war, ein Deutscher zu sein, so ist das heute doppelt und dreifach eine gute Aufgabe. Die Schweizer Jahre waren anregend und lehrreich, aber Exiljahre sind harte Jahre, ganz gleichgültig, in welchem Land man sie zubringt. Stefan Zweig besuchte einmal Maxim Gorki in Sorrent, und im Gespräch erzählt.der russische Dichter dem Deutschen von seiner Sehnsucht nach Rußland.

„In der Ferne“, sagte er, „verlernt man das Beste. Keiner von uns hat im Exil etwas Gutes geleistet.“

Natürlich hatten wir es gut gehabt in unserem friedlichen Küsnacht. Bei Kriegsausbruch wurde in der Schweiz die Zensur eingeführt, aber sie war maßvoll. Man konnte sagen, was man wollte, und ich konnte in meinen Büchern schreiben, was ich wollte. Ich brauchte auf niemand zu hören als auf die Stimme meiner Erkenntnisse und mußte keinem Führer gehorchen als meinem Gewissen. Im Krieg bekamen wir keine Bomben auf den Kopf, und wenn wir spazieren gingen, kein Maschinengewehrfeuer in den Rücken. Aber der Mensch lebt weder vom Brot noch von der Sicherheit allein, obgleich Brot und Sicherheit sehr lebensnotwendige Dinge sind. Ein erwachsener Mensch, er sei, wer er wolle, ist neben seinem Beruf auch Bürger, und Bürger ist man nur daheim, nur im Kreis der Mitbürger, nur dort, wo man Rechte hat. Ich bin kein Wahlfanatiker, aber wegen seiner Eigenschaft als Ausländer jahraus, jahrein gar nicht wählen zu dürfen, das ist auf die Dauer eine Beschneidung der Existenz, die einem Mann nicht bekommt. Seitdem ich wieder daheim bin, darf ich auch wieder am Leben der Gemeinde und am Staatsleben steuern helfen, und vielleicht kommt es hier oder dort auch auf meine Stimme an, vielleicht auch nicht. Das Leben, die gewaltigste aller Großmächte, richtet sich nicht nach unseren Wünschen, doch es verlangt von uns, daß wir sie ihm sagen. Der Mensch, der sich seiner Menschenwürde bewußt ist,'kann kaum anspruchsvoll genug sein und kaum bescheiden genug, Gott seine Wünsche vortragen und abwarten, ob er sie erhört.

Aber wie sieht es heute politisch bei uns aus? Von 1945 bis 1947 herrschten Chaos, Hunger, Elend, Rechtlosigkeit und Niedergeschlagenheit. Von 1947 bis 1950 entstand die Bonner Republik, welche die wirtschaftliche Ordnung und die Wirtschaft selber erstaunlich rasch wieder hergestellt hat. Heute leben wir in der Zeit der Restauration, der Zeit der Wiederherstellung. Aber der Wiederherstellung wessen? Das ist die Frage.

Die Niederlage von 1945 war total. Ich glaube, daß sie viel totaler war als das Dritte Reich, das ihr vorausging. Im Dritten Reich gab es von 1933 bis 1945 eine Opposition und keineswegs eine schwächliche. In der Wehrmacht und in den Kirchen, in den Verlagen, unter den Schriftstellern und auf den Hochschulen gab es Gruppen von Menschen, die sich nicht gleichschalten ließen. Entschlossen, tapfer und trotzig fuhren sie fort, das zu denken, was sie immer gedacht hatten. Nach der Niederläge zählte ihre Stimme nicht, und Deutschland wurde atomisiert. Die Zerstörung Preußens war mehr als ein physischer Gewaltakt allmächtiger Sieger. Sie war ein operativer Eingriff in unsere Geschichte, und ich glaube, daß sie ein großer Fehler gewesen ist.

Nach der Niederlage der französischen Heere stürzte 1871 das Kaiserreich Napoleons III. ein. Am nächsten Tag kamen die Männer der Dritten Republik an die Macht. Der Sieger kam gar nicht auf den Gedanken, sie zu stören, und die Republikaner setzten die Tradition fort, die Napoleon 1852 beiseitegeschoben hatte. Die neuen Herren brachten nicht nur ihre republikanische Tradition mit, sondern auch ihren Stolz und ihre unbeugsame Vaterlandsliebe. In ihren Augen war Napoleon besiegt worden und nicht etwa Frankreich, und für. die kaiserliche und tyrannische PoMfa„sfä& Jahre vor 1870 lehnten sie jede Verantwortung ab. Sogar die Gegner Frankreichs dachten nicht daran, ihnen eine solche Verantwortung aufzubürden. Jedermann respektierte die Entwicklung und die Tatsache, daß auf das Kaiserreich die Republik gefolgt war. Auch die Franzosen selber respektierten diesen Umstand. Frankreich hatte sich zwei napoleonische Abenteuer geleistet und beide Male viel Unglück über Europa gebracht, aber als der Emigrant Victor Hugo aus seinem englischen Exil nach Paris zurückeilte, das selbstredend die Hauptstadt Frankreichs blieb, sprach er nicht über den französischen Charakter oder die Fehler der Vergangenheit, sondern über die Zukunft. Bei uns fehlten im Jahre 1945 solche Männer, und wo es sie gab, mußten sie schweigen. Die unseligen Verfechter der Theorie von der Kollektivschuld gingen so weit, sogar die Männer zu hassen, die für ihre freiheitlichen Überzeugung ihr Leben hingegeben hatten.

Aber die Geschichte eines Volkes ist ein Felsbrocken, der sich ebensowenig aus dem Weg räumen läßt wie ein Gebirge, und sowenig es der Propaganda des Dritten Reiches gelang, dem deutschen Volk oder der Welt einzureden, alle Juden seien Untermenschen, ebensowenig gelang es anderen Propagandisten, die Welt von der falschen Behauptung zu überzeugen, der Sozialdemokrat Leuschner und der Jesuitenpater Delp, der Pfarrer Bonhöfer und der Graf Helmut von Moltke, der Botschafter von Hassel und viele andere Männer des 20. Juli seien preußische Militaristen gewesen, die nichts anderes im Sinn hatten, als die Alliierten „um ihren Sieg zu betrügen“.

Trotzdem gelang dieser unglücklichen Propaganda einiges, weil, leider Gottes, jeder Propaganda irgend etwas gelingt. Zwischen der Wahrheit, die seither in ein paar Büchern steht, und dem Bewußtsein unseres Volkes klafft ein breiter Graben. Das Volk, und die meisten Gebildeten inbegriffen, weiß nicht, was am 20. Juli 1944 geschehen ist, und den Schaden tragen Deutschland und Europa.

Und das Volk weiß noch mehr nicht. Die Jugend steht schweigend oder mißtrauisch abseits oder fährt mit der Stange im Nebel umher. Über unserer Geschichte liegt ein Schleier aus Schweigen, und die jungen Leute, die hellhörig geworden sind gegen Rattenfänger, wissen nicht, was sie glauben oder nicht glauben, woran sie sich halten sollen.

Vor einiger Zeit fragte mich ein amerikanischer Politiker: „Was denken Sie? Was soll man mit Deutschland machen?“

„Erlauben Sie der Republik“, antwortete ich, „so zu sein, wie alle anderen Republiken auch sind. Helfen Sie denen, die Ihre Freunde sind. Eine andere Haltung nützt ja doch nichts. Wenn die Geschichte etwas lehrt, dann lehrt sie, daß der Mensch denkt und Gott lenkt.“

Viele Menschen glauben heute zum zweitenmal, was ihre Vorgänger schon im Jahre 1918 glaubten, sie könnten auf die Erfahrungen und die Weisheit der Vorfahren verzichten. Stolz — vorausgesetzt, daß es sich hierbei um Stolz handelt — ist keine schlechte Eigenschaft, aber die Weisheit der Vorfahren ist ein hohes Gut, auf das zu verzichten mindestens leichtsinnig ist. Auch Bismarck gehört zu den Vorfahren Europas, wie Pascal und Goethe, Racine und Shakespeare, und wo immer ich die Schriften aufschlage, die er uns hinterlassen hat, finde ich sie gut, klug und maßvoll. Im Jahre 1871 forderten viele Leute — zu denen auch die Londoner „Times“ gehörte — Bismarck auf, Napoleon III. und seine Minister wegen Anzettelung des Krieges vor ein Gericht zu stellen. Bismarck lehnte das Ansinnen ab. „Wir teilen diese Ansicht in keiner Weise“, sagte er. „Allerdings ist die öffentliche Meinung nur zu sehr geneigt, daß bei Konflikten zwischen Staaten der Sieger sich mit dem Moralkodex in der Hand über den Besiegten zu Gericht setzt. Ein solches Verlangen ist aber völlig ungerechtfertigt, es stellen heißt, die Natur der politischen Dinge, unter welche die Begriffe Strafe, Lohn und Rache nicht gehören, gänzlich mißverstehen; ihm entsprechen heißt, das Wesen der Politik fälschen. Die Politik hat die Bestrafung etwaiger Versündigungen von Fürsten und Völkern gegen das Moralgesetz der göttlichen Vorsehung, dem Lenker aller Schlachten zu überlassen, sie hat weder die Befugnis noch die Pflicht, das Richteramt zu üben.“

Waren die Jahre meines Lebens verloren? Ich weiß es nicht. Die Antwort wird wohl der Verlauf der nächsten Jahre geben, mir und vielleicht jedem von uns. Ich selber fahre fort, zu denken, zu träumen, zu schreiben.

Beim Auspacken meiner Bibliothek fiel mir das Buch „Der Teppich des Lebens“ von Stefan George, in die Hand. Ich unterbrach meine Arbeit und blätterte ein wenig in den Seiten, bis ich das Gedicht fand, dessen erste Strophe ich als Abschluß meiner Aufzeichnungen hierher setzen möchte:

In meinem Leben rannen schlimme Tage, Und manche Töne hallten rauh und schrill. Nun hält ein guter Geist die rechte Waage, Nun tu ich alles was der Engel will.

Aus „Du Land der Liebe“, Bericht von Abschied und Heimkehr eines Deutschen. Von Bernard von Brentano. Rainer-Wunderlich-Verlag, Hermann Leins, Tübingen und Stuttgart.

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