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In kurzer Form

Tilman Riemenschneider im deutschen Bauernkrieg. Von Karl Heinrich Stein. Mit 16 Tafelbildern, 382 Seiten. Büchergilde Gutenberg, Wien. Preis 39 S.

Der Verfasser, mit seinem bürgerlichen Namen Heinrich Steinitz, geborener Oesterreicher, Offizier im ersten Weltkrieg, dann Rechtsanwalt in Wien, starb wegen seiner politischen und publizistischen Tätigkeit am 7. November 1942 im Konzentrationslager. Dem vorliegenden Werk, das wohl eher als historischer Roman anzusprechen ist — es wird auf Quellen- und Literaturnachweis verzichtet — ist der Untertitel: Geschichte einer geistigen Haltung, gegeben. Auf breitem Hintergrund der Bauernkriege wird die Gestalt eines der größten und bedeutendsten Bildhauer Deutschlands, des Würzburger Ratsherrn, herausgearbeitet und aufgezeigt, wie die Reformation sein Geschick bestimmte. Tilman trat . auf die Seite der aufständischen Bauern, denen er das Recht in diesem furchtbaren, ungleichen Kampf zugestand. Als ein aufrechter Mann, seiner Gesinnung treu, opferte er sein Höchstes: sein Künstlertum. Abgesehen von kleinen historischen Unebenheiten ist dieses Werk gedacht als eine ewig gültige Anklage gegen die Gewalt.Dr.P. Benno Roth OSB., Seckau

Alte Mahlgemeinschaften im Lichte ihrer Zeit (313—1803). Von Anton Dörr er, Sonderdruck aus der Zeitschrift der Savigny-Stiftung, für Rechtsgeschichte, 70. Bd.. 1953, Germanistische Abteilung, S. 267—311. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar.

Der bekannte Volkskundler entwirft in dieser instruktiven Zusammenschau auf Grund des weithin zerstreuten Archivmaterials und der einschlägigen Literatur ein anschauliches Bild der Entwicklung der uralten Mahlgemeinschaften. Der Nachweis, daß die ostalpinen Mahlgemeinschaften nach Anlaß, Sinn und Eigenwelt merklich von den alten Totenkulten abrücken, ist dem Verfasser durchaus gelungen. Dr. P. Benno Roth OSB., Seckau.

Das Kirchenjahr. 4. Teil. 12. bis 24. Sonntag nach Pfingsten. Von Dr. Johann Nicolussi. Verlag Felizian Rauch, Innsbruck. 111 Seiten.

Die Perikopen der Sonntagsevangelien sind in der Regel der Gegenstand, mit dem sich der Prediger zu befassen hat. Wird doch durch den can. 1345 des katholischen Kirchenrechtes den Priestern nahegelegt, bei allen Sonntagsmessen eine kurze Erklärung des Evangeliums zu halten. Dies muß wohl nicht im engsten Sinne des Wortes verstanden werden, als ob eben immer das betreffende Sonntagsevangelium zu erklären wäre, sondern im weiteren Sinne, daß man überhaupt ein Wort,, einen Satz oder eine Erzählung des Evangeliums erklären soll. Darin liegt auch der Grund für die vielen gedruckten Predigten über das Kirchenjahr oder über die Sonntagsevangelien. Nicolussi legt nun den vierten Band seines Kirchenjahres vor. Die Predigten sind gediegen, gründlich und ansprechend. Dem Titel entsprechend mußte die Beziehung des Evangeliums zum übrigen Meßtext wenigstens angedeutet werden

Dr. Alois Schrott SJ.

Der Wanderer in der Flamme. Ausgewäblte Gedichte. Von Claudel. Uebertragen von Hans Urs von Balthasar. Johannesverlag, Einsiedeln. 95 Seiten. In: „Christ heute", 3. Reihe, 1. Bändchen.

Der Titel dieser Sammlung ist eine Art Definition des Dichters Claudel: ein Mensch, der auf Erden nirgends daheim ist (weder aus seiner Seele her noch durch seinen Beruf als Diplomat), aber in der Flamme det Sehnsucht und der Leidenschaft und Gottes seine Heimatlosigkeit birgt. Von solchem Leben wollen die gesammelten Gedichte aus den Jahren 1825 bis 1943 eine Kunde geben. Wie ein wegweisender Kommentar durch Claudels Gesamtwerk ist diese Auswahl zu verstehen, übersetzt von Hans Urs von Balthasar, einem der besten Kenner Claudels und unübertroffenem Stilisten. Die Uebersetzung ist wohl die meisterhafteste Umprägung einer französische Dichtung in die deutsche Sprache, und ist schon deswegen von genußreicher Bedeutung.

Diego Hanns G o e t z OP.

Vom Zwangssparen zur freien Kapitalbildung.

Von Max T h i e m. Verlag für Geschichte und Politik, Wien. 40 Seiten.

Unter dem Pseudonym „Thiem” läßt ein Autorengemeinschaft eine interessante und trotz der Schwierigkeit des behandelten Problems leicht- verständliche Studie erscheinen, die sich mit der Frage der Kapitalbildung beschäftigt. Die bisherige Form des Sparens, im wesentlichen Zwangssparen über Steuereinhebung und Abwertung, wird abgelehnt. Nicht im Prinzip, aber soweit sie über den kritischen Punkt hinaus das Sozialprodukt nicht mehr zu mehren vermag. Und das ist jetzt der Fall. In klaren, einprägsamen Worten werden alle mit dem Sparen, mit der Investition und de Bildung eines Kapitalstocks zusammenhängenden Fragen kundig geschildert. Eine empfehlenswerte Broschüre, wenn man sich auch nicht allen vorgetragenen Meinungen anschließen muß.

Bollwerk gegen das weitere Ausgreifen des Diktators sein: die Generale und hohen Offiziere der Wehrmacht. Ihr lahmer Protestversuch (bei Hindenburg) gegen die ganz unkommentmäßige Beseitigung Kurt von Schleichers und seiner Gemahlin zeigte Hitler blitzartig, wie schwach, opportunistisch und geschichtsblind dieses „Führer“korps war. Der darauffolgende 25. Juli zeigte ihm dazu noch ein anderes: mit Legionären und Mordkommandos war keine Weltgeschichte in seinem Sinne zu machen (erst in der Dekadenz des zweiten Weltkrieges begann er sich wieder solchen Aktionen zuzuwenden, wie der Versuch einer Ermordung Eisenhowers im Laufe der Winteroffensive 1944 45 zeigt). Dazu brauchte man die legale Armee, die Wehrmacht: sieben Tage nach dem mißglückten Handstreich, der die reichen finanziellen und rohstofflichen Mittel Oesterreichs bereits damals für den Vierjahresplan Görings (der einer der Hauptagenten des 30. Juni war) und für die kommende Aufrüstung flüssig machen sollte, sieben Tage darauf, am 2. August, fand die Vereidigung des deutschen Heeres auf Hitler als Staatsoberhaupt statt: der Diktator hatte das Instrument in seine Hand bekommen, das ihm die bedauernswerten, idealistischen österreichischen Anhänger seiner Bewegung nur so unvollkommen zur Verfügung stellen könnten.

30. Juni 1934: Vernichtung der Männer eines möglichen innerdeutschen Widerstandes. 25. Juli 1934: Vernichtung des Mannes, der, allein in Europa, allein von allen europäischen Staatsmännern es gewagt hatte, Hitler zu widerstehen. Die innere Konkordanz zum 20. Juli 1944 beginnt bereits hier sichtbar zu werden, und damit die heutige Verpflichtung für das deutsche und das österreichische Volk, diese Tage gemeinsam in Ehren zu halten und das verpflichtende Erbe der Männer anzutreten, die für ihr Vaterland starben wie das innere Gesetz es befahl.

30. Juni 1934 — 30. Jänner 1933: Ein junger Leutnant setzt sich in Bamberg in voller Uniform — was natürlich von seiten der „unpolitischen" Reichswehr verboten war (seither wissen wir, daß deren unpolitische Haltung ein Trick und ein Politikum allerersten Ranges war) — es war also reglementmäßig und gesetzlich verböten, aber, immerhin es geschah: Ein jünger Leutnant setzt sich in voller Uniform an die Spitze der begeisterten Menschenmenge, die in den Straßen Bambergs den Sieg der nationalsozialistischen Bewegung feierte. Dieser junge Leutnant steigt im kommenden Krieg zu einem der fähigsten Offiziere Deutschlands auf und wird in den Tagen vor dem 20. Juli 1944 Hitler aus dessen engstem Umkreis als Chef des Generalstabes vorgeschlagen. Es ist der aus der deutschen Jugendbewegung liervorgegangene Graf Stauffenberg, das Hetz der deutschen Erhebung. Die deutsche Erhebung — sie ist die_ einzige, die nach jener gegen Napoleon diesen Namen verdient — war das Opfer einer Elite. deutscher Männer, die symbolmächtig die besten Kräfte des Volkes verkörperten: neben den Trägern der besten Traditionen des preußischen Adels, neben den Yorck von Wättenburg, Trott, Treskow, neben’ Graf Helmut von Moltke stehen die großen Sozialistenführer Leuschner und Julius Leber (dessen ergreifendes Antlitz, im Bild vor dem Henker, in jede deutsche Schule gehörte), stehen die Träger der erlauchtesten Namen deutscher Wissenschaft, Erwin Planck, der Sohn von Max Planck, und Ernst von Harnack, der Sohn des großen Harnack, stehen der Jesuit P. Delp und der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der als ein Voropfer bereits 1943 geschlachtet wurde.

„Es ist sicher, daß es in der Bundesrepublik sehr viele maßgebende Leute gibt, welche die Männer des 20. Juli im Grunde doch für Hoch- und Landesverräter halten, wenngleich sie es nicht für opportun erachten, das ebenso offen auszusprechen wie etwa die überlebenden hitlertreuen Generale.“

Mit diesen Worten leitet einer der führenden, im Lager der Bonner Regierung stehenden Publizisten des westdeutschen Raumes eine Betrachtung über den „20. Juli und die deutsche Freiheit" ein; er sieht in dieser Verwehrung „die geheime Solidarität aller Macht" bei den Regierenden, dazu eine typisch deutsche „Machtfrömmigkeit" bei den Regierten, die sich beide weigern, das Opfer vom 20. Juli anzuerkennen.

„Es ist tief beunruhigend, daß die deutsche Oeffentlichkeit im Urteil über den 20. Juli gespalten ist. Darin zeigt sich ein Nichtbegreifen der eigenen Geschichte, das einen befürchten läßt, die Sprache der Katastrophe sei allzuvielen Deutschen unverständlich geblieben und der ganze Nationalsozialismus sei bereits verdrängt. Denn nur, wer versteht, was der Hitlerismu9 war, nur wer den Abgrund der Entwürdigung ermißt, in den er das deutsche Volk gestoßen hat, vermag die politische, die nationale, die sittliche, ja, wir wagen zu sagen, die religiöse

Größe des Opfertodes jener wahrhaft adeligen Männer zu erkennen.“

„ an dem Ereignis des 20. Juli vollzieht sich eine Unterscheidung der Geister. Es ist nicht irgendeine Episode, wenn auch eine heroische, sondern es ist eine Tat, die uns zur Prüfung gesetzt ist. Wer sie, aus welchem Grunde immer, verwirft, muß wissen, daß er das alte Elend gewählt hat: die Vergötzung der Macht, die Abdankung des Gewissens vor dem Befehl, die Unterwerfung unter das Unrecht, wenn es nur im Gewand der Legitimität auf- tritt, die Verwechslung des Dienens mit knechtischer Selbsterniedrigung, die Erhöhung der Disziplin über die Selbstverantwortung, kurz jene falschen Tugenden, von denen sich die Gewaltherrschaft genährt hat. Wer sich aber zur Erhebung des 20. Juli bekennt, verpflichtet sich zu einer Ordnung geläuterter Freiheit unter dem ewigen Recht, das vor allen Staaten, Obrigkeiten und irdischen Gesetzgebern ist. Nur wer dieses Recht, dessen Quelle Gott ist, anerkennt, wird auch die Rechtmäßigkeit des Aufstands gegen Hitler zu erkennen vermögen.“

Für Oesterreich hat es eine elementare Bedeutung, die Männer des 20. Juli mit dem Opfer des 25. Juli gemeinsam 2u ehren — nicht nur, weil in Wien, so wie in Paris, die Erhebung des 20. Juli bereits geglückt war (reibungslos war die Machtübernahme vor sich gegangen, wie wir erst heute aus den Quellen wissen) — die deutsche Elite des 20. Juli bildete die Substanz und den Kern jener Deutschen, die allein koalitionsfähig, europafähig, weltfähig, politisch vertrauenswürdig sind als Partner — nicht nur für Oesterreich, sondern für die ganze Welt. Es ist tief beunruhigend, daß man es weder wagt, die Bedeutung des Opfertodes des österreichischen Bundeskanzlers für Europa und für ein Deutschland in Europa herauszustellen, noch auch sich zu den Männern des 20. Juli zu bekennen, die ebenso für uns gestorben sind wie die Gruppe des Majors Biedermann im April 1945.

Wenn wir heute feststellen müssen, wie in offiziellen westdeutschen Schulbüchern der Anschluß Oesterreichs behandelt wird — als eine spontane, vom ganzen Volk so gewollte Tat (kein Wort über die 70.000, die bereits in den ersten Tagen allein in Wien verhaftet wurden), wie dergestalt Hitlers Aktion voll und ganz gerechtfertigt erscheint, dann wird man nachdenklich einen vor einigen Wochen erschienenen Leitaufsatz der katholischen „Zürcher Nachrichten" lesen, in dem darauf verwiesen wird, wie sehr die Stellung der Wiener Bundesregierung den Russen gegenüber erleichtert Worden wäre — in’ den Auseinandersetzungen um das bekannte ‘Memorandum des sowjetischen Hochkommissars —, wenn bis heute auch nur ein einziger Bonner Minister ein Wort über die Anerkennung der Selbständigkeit Oesterreichs verloren hätte.

Auf diese Tat wartet Oesterreichs Volk — sie sollte jenen Männern nicht schwerfallen, die sich, auch in Bonn, zur deutschen Erhebung des 20. Juli bekennen, und die heute ein vitales Interesse daran, haben, Deutschlands politische Bündnisfähigkeit und politische Glaubwürdigkeit, —r- diesen wichtigsten Kredit auf Dauer — zu erweisen, gerade nach den Avancen, die Dulles und Churchill gemacht haben, und nach dem Zurückweichen Frankreichs, als des wichtigsten Sprechers jener Mächte, die um die incertitudes allemandes, um die deutschen Ungewißheiten, Sorge tragen.

Soeben hat, mitten in seiner weltpolitischen und inneren Schwäche, Frankreich seinen 14. Juli gefeiert, die Erinnerung an den Sturm auf die Bastille. In Indochina hat man zur Parade für diesen Tag die besten Truppen von der Front abgezogen. In. dieser vielkritisierten Maßnahme liegt hohe staatsmännische Weisheit: ein Volk nährt sich, in guter und noch mehr in schlimmer Stunde, von der Tradition, zu der es sich bekennt. Schlachten und Kriege mögen verloren gehen — ein Volk ist erst dann verloren, wenn es sich selbst aufgibt. Eine solche Selbstpreisgabe würde aber die Preisgabe jener Männer bedeuten, die das entscheidende Opfer für die innerste Substanz des Volkes geleistet haben. Die Geschichte verzeiht fast alle Schwächen, einen solchen Verrat kann sie nicht verzeihen, weil sie selbst nichts anderes als ein Wachstum des Volkes aus dem Keim und Samen dieser Opfer ist.

Es ist zu hoffen, daß in ernster Stunde sich in Deutschland wie in Oesterreich Staatsbürger finden, die die Kraft für die Verantwortung der deutschen und der österreichischen Stellung in Europa und in der Welt aus def Erinnerung, aus der Nachfolge der Männer schöpfen, die auf dem dornengekrönten Wege vom 25. zum 20. Juli ihr Leben für eine neue Gemeinschaft freier Menschen in ihrem Vaterland, in unserer Welt gegeben haben.

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