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Randbemerkungen ZUR WOCHE

Von den 15 Jahren, die seit dem 25. Juli 1934 über das Grab des Kanzlers Dollfuß gegangen sind, hat nicht viel mehr als die Hälfte davon Blumen und Besuche von Freunden gebracht. Die andere Hälfte gehörte einer mißtrauisch ausspähenden Totenwache seiner Gegner, die um diese Zeit die Grabstätte seines Mörders schmückten. Vielleicht kennzeichnet nichts so sehr die tiefe Aufspaltung nicht nur des politischen, sondern auch des rein menschlichen Denkens und Empfindens der letzten eineinhalb Jahrzehnte als dieser unversöhnliche Krieg der Geister auf den Gräbern. Er hat seinen menschenunwürdigen Höhepunkt in dem bedrückenden Schicksal der nationalen Denkmäler und Soldatenfriedhöfe gefunden, auf denen gleichermaßen immer nur die Blumen der augenblicklichen Sieger blühten — im nächsten Augenblick walzten der Haß und die Rache des Gegners darüber hinweg. Ob die Menschen aus dem trostlosen Auf und Ab dieser 15 Jahre gelernt haben? Im Februar des heurigen Jahres, als man der Toten der Linkserhebung gedachte, fehlte es nicht an verstehenden, versöhnlichen Tönen auf der anderen Seite. Jetzt dagegen hat die pietätvollen Feiern der engeren Gesinnungsfreunde des toten Kanzlers nur ein frostiges, unversöhnliches Schweigen auf der ganzen linken Seite begleitet. Dabei ist in unseren Tagen kaum eine noch eindringlichere Mahnung zum notwendigen Burgfrieden auf Dauer denkbar als das Grab jenes Mannes, der am tragischen Wendepunkt eines innerösterreichischen Schicksals durch Kräfte gefällt wurde, die von weit draußen hereinwirkten.

Titoismus — der große Spaltpilz im internationalen Kommunismus — hat auch seinen österreichischen Ableger gefunden. Die slowenische OF (Befreiungsfront) in Kärnten hat ihre Scheidung vom österreichischen Kommunismus der Kominform- richtung vollzogen und wird als „Demokratische Front des schaffenden Volkes“ mit einer eigenen Liste in die Wahlen gehen. Wie der Name verrät, zeigt die Organisation nicht mehr wie ehedem ein nationales slowenisches Prdfil, und ihre Ziele dürften weiter gesteckt sein als in der bloßen Erfassung und Vertretung der tito- freundlichen Kärntner Slowenen. Ähnliche Differenzen machen sich auch an anderen Orten Österreichs bemerkbar. Man darf ihre Bedeutung nicht überschätzen, aber unmöglich ist es nicht mehr so ganz, daß wir eines Morgens erwachen und statt einer — zwei kommunistische Parteien vorfinden.

Dem Bundesministerium für soziale Verwaltung dankt man die erfreuliche Bekanntgabe, daß die Arbeitslosigkeit in Österreich in den letzten Wochen stark zurückgegangen ist. Leider enthält der Bericht keine Einzelheiten darüber, wie sich die Zahl der noch Erwerbslosen auf die verschiedenen Berufsgruppen verteilt. Das Ergebnis würde für einige von ihnen weit ungünstiger ausfallen, als der allgem.eine Durchschnitt vermuten ließe. Dies gilt in erster Linie für die Gruppe der geistigen Arbeiter, von deren Not die Zahl der „Arbeitsuchenden“ vielfach überhaupt kein Bild gibt. Die Mehrzahl der in den letzten Semestern an den österreichischen Hochschulen promoiiierten jungen Doktoren steht vor verschlossenen Türen! Leider bewegt das Schicksal dieser durch ihre Vorbildung zu besonderen Aufgaben berufenen jungen Menschen die Öffentlichkeit nur sehr wenig. Nicht einmal der Blick auf den kommenden Urnengang macht sie vorübergehend interessant: handelt es sich ja doch nur um einige tausend Wähler…

Der unfreiwillige Dornröschenschlaf, in den vor einigen Monaten der Wiederaufbau der staatlichen Bauten gesunken war, scheint zu Ende zu sein. Ein großer Betrag aus dem ERP-Fonds wird die verlassenen Bauhütten wieder mit neuem, Leben erfüllen und dafür sorgen, daß der äußere Aufbau des Staates mit dem inneren wieder Schritt halten kann. Und es ist höchste Zeit. Zwar wäre es vor einem halben Jahr — vor dem Dritten Lohn- und Preisabkommen — möglich gewesen, mit viel weniger Geld den Wiederaufbau anzukurbeln, aber besser spät als gar nicht. Wenigstens bleibt es den Bauherrn der diversen neuen Wiener Kinoprunkpaläste, an deren Vollendung Tag und Nacht im Eiltempo gearbeitet wird, erspart, ihre in- und ausländischen Ehrengäste an den Ruinen des Parlaments und an den Trümmern der Staatsoper vorbeiführen zu müssen.

Unter völliger Stille in Presse und Öffentlichkeit ist der 20. Juli vorübergegangen. Keine Rede, keine Zeile erinnerte an die dramatischen Geschehnisse jenes Tages vor fünf Jahren, an dem einige Männer in Deutschland noch einmal beinahe das Rad des Unterganges aufgehalten hätten. Es scheint aber, daß man der „wenn“ und „hätte“ überdrüssig geworden ist. Fehlgeschlagene Revolutionen, deren äußerer Verlauf bekannt ist, erwecken nicht lange Interesse. Für die Männer des 20. Juli selber liegt in diesem Totgeschwiegenwerden eine eigentümliche Tragik, es scheint so, als ob die Geschichte die damals über sie ausgesprochenen Todesurteile de facto anerkennen wollte. Die mächtigen Gegner von damals sind freilich heute gleichfalls aus der Bildfläche getreten. Überlebt hat den 20. Juli eigentlich nur einer jener Mann, der damals an untergeordneter und doch entscheidender Stelle hauptverantwortlich für den Gang der Ereignisse und doch scheinbar ohne Verantwortung war: Generalmajor a. D. Remer, ehemaliger Kommandant des Berliner Wachbataillons, dekoriert und befördert, vom Entnazifizierungsgericht als Mitläufer eingestuft, Teilnehmer an der Godesberger Tagung zur Gründung der „Unabhängigen Union für deutsche Wiedergeburt“ — im Juli 1949 …

Es ist ein weiter und doch von innerer Konsequenz bestimmter Weg, den Doktor Otto S t r a ß er, der Bruder des am 30. Juni 1934 ermordeten Gregor Straßer, in den Jahren seit seiner Trennung von Hitler gegangen ist. War es zuerst der Zweifel an dem National„sozialismus“ Hitlers, der ‘.hn als einen der ersten bestimmte, das Lager des Diktators zu verlassen, war es seine konsequente soziale Gesinnung, die ihn in die Nähe jener vorwiegend aus der „hündischen Jugend“ stammenden konservativrevolutionären Kreise (Jünger, tüekisch, Kreis der „Kommenden“) führte, die unter dem Schlagwort des „Nationalkommunismus“ sehr unvollkommen gekennzeichnet wurden, so haben sich in den Jahren der Emigration und des unablässigen Kampfes gegen das Hitler-Regime seine Ideen in einer Weise geklärt und entwickelt, die eine überraschende Parallelität zu der vieler Angehöriger der jungen Generation innerhalb des Hitler-Reiches aufweist. Die erste Wiederbegegnung erfolgte in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende, als deutsche Kriegsgefangene in den USA in den katholischen deutschsprachigen Zeitungen Nordamerikas („Der Wanderer“, „Sankt- Josephs-Bote“), die in jener Zeit der hemmungslosen antideutschen Hetze eines Großteils der amerikanischen Publizistik eine Insel der Menschlichkeit und Verständigung darstellten, die beachtenswerten Sätze Straßers lasen. Dennoch wirkte die alte Vorstellung vom vNationalbolsche- wisten“ Straßer fort und fand angesichts der nachrichtenmäßigen Absperrung, die auch in den Nachkriegsjahren nur langsam — und bis heute noch nicht völlig — gewichen ist, auch in einer Bemerkung in die „österreichische Furche“ Eingang. Material, das uns jetzt aus Übersee zugegangen ist, vor allem Straßers programmatisches Budi „Deutschlands Erneuerung“ (Editorial Trenkelbačh, Buenos Aires, 1946) enthält Straßers Bekenntnis zum „Solida- rismus“, zur Solidarität der Klassen und Nationen Europas unter gleichzeitiger Ablehnung von Kapitalismus und Kommunismus, zur Entproletarisierung und zur „Demokratie der ständischen Selbstverwaltung“ sowie zum Gedanken einer europäischen Föderation. Straßers „Manifest des Solidarismus“ schließt mit folgenden Worten: „Der Solidarismus ist davon durchdrungen, daß alle wirtschaftlichen und politischen Reformen unfruchtbar bleiben müssen, wenn sie nicht beseelt sind von einem neuen Geist. Der Solidarismus verbindet daher die Absage an den Ungeist des Materialismus mit dem Bekenntnis zum Geist des Christentums, das wirksam gemacht und gelebt werden muß. Volkstum — in allen seinen nationalen Ausprägungen — und Christentum in seiner umfassenden Einheit, das sind die Quellen, aus denen heraus der Solidarismus entwickelt: die Rettung und Wiedergeburt des Abendlandes.“

Die Gottlosenbewegung der kommunistischen Frühzeit hat eine neue, modernisierte Auflage erlebt. In der Tschechoslowakei wirbt eine private „Vereinigung der Staatsbürger ohne Religion“ für den Austritt aus der Kirche. Die Bedingungen sind kulant. Alle finanziellen Unkosten werden von der neuen Vereinigung getragen, die auch die Formalitäten des Kirchenaustritts in eigener Regie durchführt. Aus welcher Quelle die Mittel für Propaganda und Tätigkeit dieser Organisation in einem Lande, das kein Privatkapital kennt, flüssig gemacht werden, ist kein Geheimnis. Staat und Partei verschmähen es also nicht, sich neben dem Einsatz ausgesuchtester moderner Mittel und Methoden, auch recht verrosteter Waffen aus dem Arsenal des „Kulturkampfes“ zu bedienen.Udie WohlfaJirtsei’nriditungen der griechisch-orthodoxen Kirche auf Grund eines Parlamentsbeschlusses wieder zuerkannt. Die Verabschiedung des neuen Gesetzes bedeutet, daß die orthodoxe Kirchengemeinde in der Türkei ermächtigt wird, besondere Verwaltungsorgane für die vorerwähnten Zweige ihrer Tätigkeit einzusetzen. Die Zahl der orthodoxen Christen wird auf 75.000 geschätzt.

Die UdSSR als das holzreichste Land umfassen mehr als ein Drittel des gesamten Waldbestandes der Erde. Vor allem sind es die wertvollen Nadelwälder, die SO Prozent des gesamten Waldbestandes ausmachen. Davon rechnet man 249 Millionen Hektar auf die Lärche. Ihr folgt in der Verbreitung die immergrüne Kiefer. Dieser wertvolle Nadelbaum nimmt in der UdSSR 80 Millionen Hektar ein.

Im Nordural wurden 160 altpersische Sdbermünzen gefunden, die dem 3. bis 7. Jahrhundert n. Chr. angehören dürften. — Bei Ausgrabungen im Karpatenvorland wurden altslawische Keramikbruchstüdce, silberne Münzen, Bronzeschmuckstücke und die Überreste eines Eisenschmelzofens mit einer großen Menge Eisenbruch aus dem 8. bis 12. Jahrhundert n. Chr. in der Umgebung gefunden, die in Beziehung zur’ Kultur des Kiewer Reiches stehen sollen.

Das Luzerner „Vaterland“ berichtet, daß im Gebiet des inneren Afrika, vor allem in U g a n d a, Unruhen ausgebrochen seien, deren Urheber in den Kreisen der „Bakata“-Partei und der „Union afrikanischer Bauern“ zu suchen sind. Diese sollen mit dem Kommunismus in enger Verbindung stehen, worauf der apostolische Vikar von Uganda in einem Hirtenschreiben aufmerksam gemacht hat. Gleichzeitig hat auch der Gou- vęrneur dieses Gebietes eine Erklärung abgegeben, daß die Stunde ernst sei und die Gefahr vor der ,Tür .stehe. Auch aus anderen Gegenden Afrikas kommt die Nachricht von solchen Erscheinungen. In Südafrika kommt es schon seit einiger Zeit besonders in den höheren Schulen immer wieder zu Zwischenfällen. Die Missionare von Mozambique klagen über die jungen Leute, die aus den Industriezentren Rhodesiens unzufrieden, arbeitsscheu und mit aufrührerischen Be- Strebungen zurückkommen. In Kenya und Uganda haben weiße und indische Agenten die Neger zu Streiks und Kundgebungen aufgefordert. Längs der Bahnlinie des Tanganykagebietes wurden Massenstreiks inszeniert, desgleichen in einigen .Teilen Südrhodesien . Im Gebiete des Kilimandscharo wird in Schriften, die aus England stammen, zu Haß und Feindschaft gegen die Weißen aufgefordert. Auch die im Verlag der Pariser „Humanit6’ gedruckte Zeitung „AEF- Nouvelle“ hetzt die Neger in Französisdi-Äqua- torialafrika gegen die Weißen auf. An der Elfenbeinküste entfaltet das „Rassemblement Democra- tique Africain“ (RDA) eine rührige Propaganda.

Wie die „Times“ berichten, wurden die beiden südindischen Staaten Travancore und Cochin zu einer 7,5 Millionen Einwohner umfassenden Einheit innerhalb der Indischen Union zusammengeschlossen. Die Aufsaugung der restlichen fünf Fürstentümer Tehri, Garwal, Rampur, Benares und Manipur soll vor dem 15. August, dem zweiten Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Indiens vollzogen sein. Das frühere britischindische Kaiserreich zählte mehr als 600 größere und kleinere Fürstenstaaten.

Die Erzbischöfe von New York und Chikago, Kardinal Spellman und Kardinal Striten, pro- testierten öffentlich gegen einen Gesetzentwurf, der den Bekenntnisschulen die finanzielle Unterstützung entziehen . will. Durch diese sogenannte „Barden Bill“ würden vor allem die Katholiken betroffen, da sie die meisten Bekenntnisschulen unterhalten. Kardinal Spellman bezeichnete das geplante Gesetz als unamerikanisch, undemokratisch und ungerecht. Es stelle eine schwere Bedrohung des Elternrechts und der Erziehungsfreiheit und einen Schritt zum totalen Staate dar.

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