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In den Straßen von Budapest...

23. Oktober 1956. Diesen Tag werden nicht nur die Ungarn in ihrem Gedächtnis wie ein kostbares Gut bewahren. Am grauen Abend dieses Tages wurde auf dem Budapester Pflaster unter dem Geschützdonner sowjetischer Panzer, gegen die damals noch nichts als rotweißgrüne Tücher aufgeboten worden waren, die Freiheit wiedergeboren. An der neugewonnenen Freiheit werden, was auch die nächste und die weitere Zukunft mit sich bringen mag, alle jene teilhaben, die damals und seither meinten, der Einsatz des eigenen Lebens sei für die Erlangung der Freiheit kein zu hoher Preis. Aber die Freiheit ist unteilbar und das Beispiel der ungarischen Freiheitskämpfer wird seine Wirkung auf die Völker der Welt, und was mehr ist, auf den denkenden und fühlenden Einzelmenschen, nicht verfehlt haben.

Der Europäer, sofern er sich im wohlverdienten Besitz seiner ererbten Freiheitsrechte wähnt, tut gut daran, sich bei dem Licht der auflodernden Flammen der Budapester Straßen ins Gedächtnis zu rufen: Die Freiheit geht verloren, wenn sie nicht von jedem einzelnen geistig immer wieder neu errungen wird. Der europäische Bürger, auch und besonders der Oesterreicher, kann und soll aus dieser Budapester Stunde Wichtiges lernen. Dazu ist aber Vorbedingung, daß er die Wesenselemente dieser ungarischen Revolution der 20. Jahrhundertmitte bis zu ihren Ursprüngen erfaßt. Erst dann bekommt das Blutopfer einer Jugend, die auszog, um die Freiheit, ihre Freiheit, unter ganz bestimmten Voraussetzungen, aber um jeden Preis zu erkämpfen, einen letzten, für alle Europäer, für alle Menschen dieser Welt gültigen Sinn.

Die Ereignisse der letzten zehn Tage in Ungarn bereits jetzt in ihrer ganzen Tragweite zu überblicken, ist unmöglich. Aus einer ..harmlosen“, weil friedlichen, wenn auch für einen kommunistischen Staat höchst ungewöhnlichen Studentendemonstration ist eine bewaffnete Rebellion, ein Aufruhr in Stadt und Land und schließlich der Freiheitskampf einer Nation geworden. Niemand weiß noch genau, zu welchen weltpolitischen Folgen diese Geschehnisse in Ungarn, in Europa und in der ganzen Welt führen werden. Eines ist aber schon heute gewiß:

In diesem Freiheitskampf hat Ungarn seine nationale Einheit in einem Maße wiedergewonnen, wie es sie vielleicht noch niemals in der Geschichte besessen hat. Vielleicht bedarf es einer solchen tragischen Erschütterung und ganz bestimmt der dieser vorangehenden Unterdrückung, daß eine Nation sich und darüber hinaus ihren Platz unter den anderen Völkern in der großen Gemeinschaft wiederfindet. Alles deutet darauf hin, daß mindestens das erstere in diesen Tagen vollbracht wurde. Für den zweiten Prozeß sind erst die Ansätze da. Er kann wahrscheinlich nur unter tätiger Mithilfe vor allem der Nachbarvölker weitergehen. Das ist ein Grund mehr für diese, sich mit den wichtigsten Vorgängen der jüngsten Vergangenheit in Ungarn, die meistens vor der Außenwelt verborgen blieben, vertraut zu machen. Diesmal haben es die Beobachter leicht: der flüchtige Blick in die Zeitungen der letzten Woche verriet vieles von dem, was bislang unbeachtet blieb. Die Revolution brachte die Früchte einer Jahrzehnte- I langen langsamen Entwicklung mit einem Mal ans Tageslicht.

Die Erringung der Freiheit — wenn auch zunächst noch mit Einschränkungen — und die Wiedergewinnung der inneren Einheit der ungarischen Nation ist ein Werk der Männer des Geistes: der Schriftsteller, der Soziologen, der Musiker, der Historiker. Politiker haben keinen wesentlichen Anteil daran. Diese Worte klingen gewiß utopisch, wie ein schöner Traum für Idealisten, der vor den harten Wirklichkeiten der Wirtschaft, der Gesellschaft und der internationalen Politik keinen Bestand haben dürfte. Das wirkliche, dokumentarisch und in Bild und Ton festlegbare Geschehen verlief aber tatsächlich so und nicht anders. Hier einige Hinweise.

Die sprichwörtlich gewordene Ohnmacht der ungarischen Gesellschaft in politischer Hinsicht dauerte seit dem Beginn der Fehlentwicklung ab 1849 so lange an, bis die Ohnmacht, des Geistes überwunden wurde. Es begann um die Jahrhundertwende fast gleichzeitig mit dem Bestreben des Bischofs Prohaszka nach Verbreitung eines neuen Frömmigkeitsstils, mit dem Beginn einer großangelegten Bestandsaufnahme der ungarischen Wirklichkeit, die von den Volksliedsammlern < K o da 1y und: Bartok bis zum Historiker S z e k'f ü'die Besten der Wissenschaft und der Kunst umfaßte, und deren Ergebr nisse sich langsam auf die Jugend auszustrahlen begannen. Da es gleichzeitig auch viele Hindernisse und störende Einflüsse gab, zeigten sich die heilsamen Folgen'dieser an sich unaufhaltbaren und im Stillen trotz äußeren Rückschlägen und Katastrophen (wie dem1 ersten und dem zweiten Weltkrieg mit der seltsamen, heute bereits fast unwirklich anmutenden Episode der Zwischenkriegszeit) sich ausbreitenden geistigen Evolutionen ungemein langsam. Angesichts des guten Endes wäre es nun müßig, sich bei den Umwegen und Kurzschlüssen, sei es bei den einzelnen, sei es bei ganzen Gruppen, länger aufzuhalten. Besonders die soziale .und politische Rückständigkeit des Landes hat viele von den führenden Köpfen der jüngeren Schriftstellergeneration von dem ursprünglich eingeschlagenen Weg abgelenkt. Nach dem zweiten Weltkrieg trafen sich viele von ihnen bei der Kommunistischen Partei.

Als damals der in den letzten Jahren als Führer der innerparteilichen Opposition bekannt gewordene Imre Nagy die Bodenreform durchführte und das freie Wort in den Schriften nach

1945-sich wieder zu.regen begann, gab es viele unter: den jungen enthusiasmierten Schriftstellern, Soziologen, Künstlern, die dem Sog der geschlossenen Heilslehre des Kommunismus keinen Widerstand leisten konnten. Und sie schenkten den Versprechungen, daß die immer offensichtlicher gewordenen Mißstände und Gesetzlosigkeiten nur vorübergehende notwendige Krisen seien, noch Jahre hindurch Glauben. Das große Erwachen begann mit dem Sturz des Ministerpräsidenten der Jahre 1953/54, Imre Nagy, und damit der Wiedereinführung des scharfen Kurses, den; man;.als ein: vorübergehendes Stadium der . Entwicklung bereits überwunden wähnte. Das, Jahr ,1955 war/das Geburtsjahr des Petöfi-Kreises.

Die Gründung des Petöfl-Kreises der Kommunistischen Jugend, der: als Diskussionsforum für verschiedene : Disziplinen auf rein sachlicher, wissenschaftlicher Gründlage gedacht war und gleich beim ersten Anlaß über sich hinaus und tief in die politische Sphäre hineinwuchs, war der erste, noch kaum wahrnehmbare Auftakt zur Revolution. Diese kleidete sich zunächst in Reformvorschläge. Die Diskussionen erhielten aber — ein damals von den Parteiorganen etwas kleinlaut kommentierter Vorgang — immer größeren Zulauf. Die Wortführer bei den Diskussionen waren die , von der Partei emporgehobenen Schriftsteller des' Landes, sie waren als j kommunistische Parteimitglieder zunächst über jeden Verdacht erhaben. Die Zuhörerschaft rekrutierte sich aus den Studenten der Hochschulen und aus den'Reihen der Jungarbeiter. Weder : sozialistisch nach was die marxistisch-leninistische Grundschulung betrifft, besteht zwischen diesen zwei Gruppen heute in Ungarn ein Unterschied. “Durch die Begegnung zwischen Schriftstellern, Studenten und Jungarbeitern entstand in der Hitze der abendlichen Wortgefechte des Petöfl-Kreises und anderer Diskussionskreise auch in den anderen größeren Städten des Landes jene revolutionäre Mischung, deren hochexplosive Kraft von den Funktionären der Partei,; die . ihre revolutionäre Vergangenheit, falls sie .&#9632; überhaupt; eine, hatten, anscheinend längst vergessen haben, in einer für sie fatalen Weise unterschätzt wurde.

Waren die Initiatoren der Gespräche paradoxerweise die jungen Kommunisten, so gesellten sich zu ihnen im Laufe der Monate immer mehr Andersgesinnte. Das ungeschriebene, aber immer wieder von neuen Seiten in Angriff ge-nommene Programm war die Umgestaltung Ungarns in einen „Sozialismus eigener Art“, wobei das Experiment Titos nicht als Beispiel dienen sollte. Vielmehr sollte in dieses Programm alles Brauchbare, was die ungarische Tradition selbst hergeben konnte, hineingearbeitet werden. Di Plattform ähnelte immer weniger dem Kommu nismus, den sie als Grundlage beibehalten zu haben behaupteten. Rakosi schöpfte schließlich

Verdacht und schlug zu. Es war jedoch ein Fehlschlag, und der Diktator mußte kurz darnach, wenn auch aus anderen Gründen, gehen. Ebensowenig gelang es den Rakosi-Anhängern im Politbüro, die rebellierenden Schriftsteller selbst, die in ihrem Verband die erdrückende Majorität über die „Stalinisten“ besaßen, mundtot zu machen. Vielmehr bewirkten die halben Maßnahmen der Parteiführer und der Exekutive nach dem Gesetz aller Revolutionen, daß die führenden Köpfe unter den jungen Intellektuellen von einer bisher ungekannten Kühnheit befallen wurden. Der Monat Oktober begann mit Monstertagungen von Studentenparlamenten. Von da aus auf die Straße war nur noch ein Schritt.

&#9632; Im großen Demonstrationszug der Zweihunderttausend am Nachmittag des 23. Oktober zogen Arm in Arm Stalinpreisträger, Schüler des Lenininstitutes, vor kurzem Amnestierte, Jungarbeiter in blauem Overall, junge Priester in Zivil, ehemalige Spanienkämpfer, die während der Rakosi-Zeit eingesperrt gewesen waren, Schriftsteller, die sich in derselben Zeit als Uebersetzer oder in manuellen Berufen schlecht oder recht durchgebracht hatten, Söhne von Klein- und Kolchosbauern, die, sorgfältig gesiebt und auf Herz und Nieren geprüft, in die Stadt durften, um da zu Technikern und Funktionären, zu „Schräubchen“ der kommunistischen Planwirtschaft ausgebildet zu werden. Es waren unter ihnen Juden und Christen, Katholiken und Protestanten, Volkssöhne und städtische Elemente, die Mehrzahl unter ihnen im Studenten- und Gymnasiastenalter.

Nach einer Sympathiekundgebung vor. der polnischen Botschaft zogen sie vor das RutK-funkgebäude, wo der Erste Sekretär der Partei, Ernö Gero, kaum aus Belgrad zurückgekehrt, soeben eine nach Ansicht der Demonstranten allzu sowjetfreundliche Rede hielt. Daraufhin wurden Flugzettel verteilt: Forderungen nach Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn, nach Abschaffung der politischen Polizei, nach politischen und wirtschaftlichen Reformen mit Blickrichtung auf die echte Demokratie, nach Pressefreiheit, nach Streikrecht der Arbeiter standen auf ihnen. Plötzlich erschienen da und dort ungarische Militäreinheiten, die aber statt zu schießen, begannen, Handwaffen unter den mit ihnen gleichaltrigen Demonstranten zu verteilen. Auf dem Platz vor dem Parlament, wo die Demonstranten Imre Nagy, ihr bisheriges Idol, zu hören wünschten, sahen sie sich russischen Tanks gegenüber. Sie begannen ihnen mit hochgehaltenen rotweißgrünen Fahnen in der Hand entgegenzulaufen. Die weiteren Ereignisse sind bekannt. Aber hier waren die Würfel gefallen.

Was weiter geschah, gehört bereits auf ein anderes Blatt. Imre Nagy, an der Spitze einer neuen, „nationalen“ Regierung, bestätigte der revolutionären Jugend, daß sie von den besten demokratischen und nationalen Prinzipien geleitet, mit voller Berechtigung zu den Mitteln der Demonstration, ja des bewaffneten Aufstandes gegen die „rückziehenden Kräfte unter den Kommunisten“ griff, denn die Empörung gegen die gesetzlose, schändliche Zeit des Rakosi-Regimes mußte durch die unkluge Halsstarrigkeit der Parteiführer folgerichtig zur Explosion führen. Nagy versprach feierlich die Erfüllung aller Wünsche der Aufständischen. Niemand weiß, was hinter den Worten des Ministerpräsidenten steckt. Nationale Einheit auf breitester Basis: das war allerdings sein Programm bereits vor drei Jahren. Wie viele Menschenleben wären erhalten geblieben, wieviel Leid ungeschehen, hätte ihm die oberste Parteiführung damals erlaubt, sein Experiment durchzuführen. Vielleicht waren aber diese großen Erschütterungen notwendig, um die letzten Schranken zwischen den Söhnen eines Volkes niederzureißen.

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