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Der rote Stern geht unter

Im Oktober gibt es drei Jahrestage, die für die Entwicklung der gesamten Welt, besonders aber der östlichen Hemisphäre von größter Bedeutung sind: Vor zehn Jahren begann der ungarische Volksaufstand, der eine völlig neue Entwicklung in der gesamten Umgestaltung der Politik und der Wirtschaft östlich des Eisernen Vorhangs einleitete. Vor neun Jahren schossen die Russen ihren ersten „Sputnik“ in das Weltall, mit dem das kosmische Zeitalter seinen Anfang nahm, und vor zwei Jahren wurde von den eigenen Genossen jener Nikita Chruschtschow gestürzt, dem nachgesagt werden kann, eine Evolution eingeleitet zu haben, die darauf ausgeht, dem Osten ein vollkommen neues Gesicht zu geben.

Warum wurde Chruschtschow gestürzt? Seine fehlgeschlagene Landwirtschaftspolitik wurde von seinen Nachfolgern nicht oder noch nicht gutgemacht; die Welteroberungspläne — die er aufgegeben hat, um zur Stärkung der sowjetischen Machtposition Zeit und Raum zu gewinnen, um dann losschlagen zu können — wurden seither noch nicht wieder aufgenommen und seine katastrophale Politik China gegenüber droht dem Weltkommunismus mit der Agonie.

Ist daher das Abservieren Chruschtschows unnütz gewesen? Sicherlich haben Nikitas Jünger verlorenes Terrain wieder zurückgewon- nert, aber in einem Punkt haben sie genauso versagt wie der Stalin- Säuberer: östlich der sowjetischen Grenzen ist eine Gefahr im Aufziehen, die nicht nur für die gesamte westliche Welt, sondern für die Sowjetunion selbst — ganz abgesehen von der kommunistischen Ideologie — tödlich werden könnte.

Rotchina, dieser asiatische Moloch, hat vom Sturz Chruschtschows ebenfalls nicht profitiert. In den vergangenen zwei Jahren verlor es nacheinander sämtliche seiner auf lange Sicht gut ausgebauten Positionen in Afrika, in Asien und in Lateinamerika. Nur der europäische Zwerg Albanien verblieb fest in chinesischer Hand, ohne allerdings damit rechnen zu können, in dem ideologischen Konzert der wetteifernden Ideologen mehr als eine kurze Disharmonie liefern zu können.

Mit dem Rückgang des eigenen Einflusses dürften auch die chinesischen Führer, bei denen bereits der Wettlauf um die Nachfolgeschaft des alternden Mao eingesetzt hat, vertraut sein, und so trat auch in der chinesischen Hierarchie eine Spaltung ein; die einen, die Besonneneren, wären nicht abgeneigt, den Weg wieder in das einheitliche kom-

munistische Lager zurückzufinden, während die anderen die „revolutionäre“ Karte ins Spiel gebracht haben. Lange genug haben sich Breschnjew und Kossygin bemüht, den ihnen zugeworfenen Fehdehandschuh nicht aufzunehmen, und haben immer wieder versucht, den vernünftigen Ausgleich mit ihren streitsüchtigen Genossen zu treffen. Die aus Moskau gelenkte Propaganda ging geflissentlich zwei Jahre hindurch jeder Auseinandersetzung und jedem Streitgespräch mit den geifernden gelben Brüdern der gleichen Weltanschauung aus dem Weg. Erst der totale Sieg der radikalen Linken im Reiche der Mitte führte wohl den endgültigen Bruch herbei.

Genauso wie in Ungarn waren es Jugendliche — um nicht zu sagen Kinder —, die eine Änderung herbeigeführt haben. Während aber in Budapest vor zehn Jahren Studenten und Jungarbeiter aus Idealismus zu den Waffen gegriffen hatten, um für ihre Idee — eine Weltmacht aus ihrer Heimat mit Karabinern vertreiben zu können — Blutzoll zu zahlen, wurden im Fernen Osten ebenfalls Jugendliche in die vorderste Front geschickt. Die Betonung liegt dabei auf dem Wort „geschickt“. Seit Wochen wüten dort Horden von „Rotgardisten“ und sind dabei, alle Brücken, die China — dieses vieltausendjährige Volk — mit der menschlichen Zivilisation und Kultur noch verbindet, abzubrennen. Sie tun dies unter der Parole: „Wir wollen den Kommunismus verwirklichen!“

Diese asiatische Form der Verwirklichung der Ideen von Marx und Lenin kann natürlich nicht jenen Kommunisten in den Kram passen, die sich wohl als ihre geistigen Väter ebenfalls auf die beiden genannten Schöpfer seiner Ideologie berufen, aber zu sehr wieder zu Europäern geworden sind und sich bereits zu stark von dem Stalinismus entfernt haben, um dem grausamen asiatischen Vorgang Beifall zollen zu können. Schon deshalb nicht, weil sie von dem Gang der Ereignisse selber erfaßt zu werden drohen.

Wiederholt wurde in den letzten Monaten auf diesen Seiten auf eine Gärung hingewiesen, von welcher die heranwachsende Jugend in den osteuropäischen Ländern mitgerissen zu werden scheint. Diese Jugend, der die kommunistischen Ideale nichts zu bieten vermögen, wurde von einer Welle der Anarchie erfaßt, die nicht allein mit der analogen Beatnik- Bewegung im Westen verglichen werden kann. Diese der Wohlstandsverwahrlosung preisgegebenen

Halbwüchsigen im Westen sind Müßiggänger und Nichtstuer — ihre Alterskameraden im Osten tragen nicht nur die gleichen langen Haare, sondern auch kriminelle Züge: Totschlag, Mord, Raub, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Trunksucht sind die östlichen Auswüchse, denen kommunistische Soziologen nicht beikommen können. Politisch denken diese Jugendlichen nicht oder 'vielleicht besser gesagt — noch nicht. Liegt die Gefahr vielleicht nicht darin, daß es diese ungezügelten Horden, die wir überall von Moskau bis Prag antreffen können, einmal ähnlich machen könnten wie die „Rotgardisten“ von Peking?

Diese Frage dürfte auch die Chefideologen der kommunistischen Parteien im Einflußbereich Moskaus beschäftigen, sonst hätten sie nicht so schnell und so radikal in ihrer gelenkten Propaganda auf die Gefahr durch das Wüten dieser Halbstarken in Maos Bereich, die den roten Stern vorantragen, allerdings weniger der kommunistischen Ideologie als der Ordnung im Staate drohen kann, hihgewiesen.

Den Anfang machte natürlich die Moskauer Propaganda. Weniger in berichtender Form als in Glossen machte sie sich lustig über den neu- aufkommenden Personenkult Maos, der im Greisenalter unfaßbare Weltbestleistungen im Dauerschwimmen aufzubringen vermochte. Die gelenkte Propaganda verschwieg dann die Anfänge der Bilderzerstörungen, die Buchverbrennungen und die anderen Untaten der gelb-roten Horden, hüllte sich tagelang in Schweigen über die Vorgänge in Peking, um dann voll mit der Berichterstattung einzusetzen, als die Pekinger Jungrevolutionäre damit begonnen hatten, Ausländer, ausländische Diplomaten und deren Besitz zu bedrohen. Seither wird die Schreibweise und die Berichterstattung in ihrem Tenor von Tag zu Tag stärker in der Umbenennung der Rotgardisten“ in „Ochranniki“, in eindeutiger Anspielung auf die seinerzeitige zaristische Gestapo, die „Ochrana“.

Das ZK der Kommunistischen Partei der Sowjetunion hat sich bemüßigt gefühlt, in einer amtlichen Erklärung den letzten Kurs der Kommunistischen Partei Chinas zu verurteilen und die chinesischen Genossen zu „Spaltern“ abzustempeln. Nacheinander meldeten sich dann die kommunistischen Parteien der einzelnen Ostblockstaaten zu Wort. Die SED der Sowjetzone wies in einer Feststellung darauf hin, daß das chinesische Vorgehen „dem gesamten Weltkommunismus schwere Schäden beigefügt hat“; die bulgarische KP wies darauf hin, daß die „falsche und schädliche Stellungnahme der chinesischen KP Wasser auf die Mühlen der Imperialisten und der Reaktion treibt“; das ungarisch Zentralkomitee ließ im Parteiorgan „Nepszabadsag“ verlauten: „Wir Ungarn haben schwerwiegende geschichtliche Erfahrungen, was es bedeutet, das Handeln jenen zu überlassen, die an keinerlei Verantwortung gebunden sind.“ Und schließlich hat der erste Mann in der kommunistischen Tschechoslowakei, Parteichef Novotny, die Chinesen mit schärfsten Worten gebrandmarkt.

Seit neuestem verurteilt die Moskauer Propaganda bereits das Vorgehen der chinesischen Jungrevolutionäre, das gegen sogenannte „Klassenfeinde“ der kommunistischen Terminologie gerichtet ist.

Diese letztere Wandlung im Sprachgebrauch derjenigen, die in den nahezu 50 Jahren ihrer Herrschaft wahrlich nicht wählerisch in ihren Methoden waren, als es darum ging, die alte Herrscherschicht auszurotten, ist schon bemerkenswert, genauso wie nicht übersehen werden darf, daß sich noch zwei kommunistische Parteien nicht durch ihre berufenen Sprecher zu Wort gemeldet haben, von denen man sonst erwarten könnte, daß sie zumindest als Europäer das asiatische Wüten verurteilen werden. Bei Rumänien, das sich bisher konstant geweigert hatte, im chinesisch-sowjetischen Machtkampf Stellung zu nehmen, mag das noch weniger überraschen als bei Polen, das sonst klar auf der Moskauer Linie zu bleiben pflegt.

In osteuropäischen Ländern hatten die Chinesen mit ihrer Propaganda und mit ihren radikalen Wünschen nie so richtig Fuß fassen können. Die Tschechen, die Ungarn, die Bulgaren, die Mitteldeutschen, die Polen und Slowaken haben während der stalinistischen Ära so viel bittere Erfahrungen nicht nur nationaler, sondern auch wirtschaftlicher Art machen müssen, daß sie wahrlich froh waren, als in den sechziger Jahren — nach der Überwindung des Ungarnschocks — eine stufenweise Liberalisierung der Regime eingesetzt hatte. Diese Länder haben auch nicht den Fehler begangen, die sta- linistischen Peiniger und alle für die Grausamkeiten der fünfziger Jahre Verantwortlichen ein für allemal zum Schweigen zu bringen. Vielleicht mag diese Zurückhaltung aus humanistischen Gründen diktiert gewesen sein, viel eher aber dürften allzu viele Kommunisten, die den stalinistischen Kurs mitgemacht hatten, in Mißkredit geraten sein, üm sämtliche Verbrecher sühnen lassen zu können.

Droht von dieser übriggebliebenen Schicht, die noch immer an eine Weltrevolution mit einem anschließenden Sieg des Kommunismus auf allen Linien glaubt, den heute Herrschenden keine Gefahr? Viele von den einst Herrschenden — von Rakosi bis Bacilek — sind noch am Leben und haben sich nie ihrer Ab- servierung so gefügt, wie in Serbien Rankov ic.

Dieser Tage ist in Budapest ein höchst bemerkenswertes Buch aus der Feder des Leiters eines der höchsten Parteiorgane, der Zentralen Kontrollkommission, Sandor Nogradi, über die Rakosi-Ära in Memoirenform herausgekommen. Ganz abgesehen davon, daß die Herausgabe dieses Buches zu dem jetzigen Zeitpunkt nicht ohne Grund erfolgt sein dürfte und eine teilweise Rehabilitierung Imre Nagys — des 1958 hingerichteten geistigen Führers der Herbstrevolution vom 1956 — beinhaltet, berichtet Nogradi darüber, daß er im Parteiauftrag noch vor nicht allzu langer Zeit den in sowjetisches Asyl verbannten stalinistischen Diktator seiner Heimat, Rakosi, aufgesucht hatte, um diesen zu einer Selbstkritik zu bewegen. Rakosi, der schon von vielen vergessene Exdiktator, war jedoch zur Abgabe einer von ihm geforderten Treueerklärung an das heutige Regime nicht bereit und beharrte nach wie vor auf seinen von der Geschichte längst korrigierten falschen Ideen.

Größere und kleinere Rakosis — vor allem in der Wirtschaftsführung und in der Leitung der zurückgedrängten, aber immer noch mächtigen Staatspolizei — gibt es überall in den osteuropäischen Ländern. Sie können sich verhältnismäßig frei bewegen und können ihr Gift verspritzen.

Das chinesische Vorgehen gibt diesem Personenkreis, der sich zu unrecht zurückgedrängt fühlt und um die noch beibehaltenen Postchen bangt, neuen Auftrieb. Diese Leute, die nie Realpolitiker waren und mit AVO-Bajonetten die Weltrevolution herbeiführen wollten, glauben daran, daß ihre falschen Thesen durch das Morden und Brandschatzen der chinesischen Halbstarken bestätigt wird. Sie sind dann eine eminente Gefahr, wenn es ihnen wieder gelingen sollte, auch nur eine ganz kleine Gruppe von Anarchisten in einer der europäischen Volksdemokratien dazu aufzumuntern, es den chinesischen Genossen gleichzu- tun. Schon jetzt muß die Polizei, nördlich und östlich unserer Grenzen, (eine Polizei, die sich in den letzten Jahren immer mehr und mehr auf ihre ursprüngliche Aufgabe über Ruhe und Ordnung zu wachen und den Verkehr zu regeln zurückzog) wieder mit Gummiknütteln gegen randalierende Gammler vorgehen. Von Exzessen langmähniger Beat-Fanatiker bis zum Bilderzerstören ist nur mehr ein kurzer Schritt und vom Niederknüppeln von Betrunkenen bis zum Schafott ebenfalls ein nicht längerer.

Eine Radikalisierung, für welche die ersten Anzeichen bereits gegeben sind, droht den gesamten Osten Europas zu ergreifen. Damit wären aber die Bemühungen jener besonnenen Kommunisten zunichte gemacht, denen es in den letzten Jahren gelungen ist, die von ihnen gelenkten Länder Europa wieder näher zu bringen. \

Ob die Regime, die wirtschaftlich wie auch politisch sowieso auf nur sehr schwachen Füßen stehen und aufgestachelt durch das rumänische Beispiel von einer nationalistischen Welle erfaßt sind, eine zweite Erschütterung innerhalb von zehn Jahren aushalten können, ist mehr als fraglich. Denn im Osten geht wohl die Sonne auf — aber der rote Stern unter...

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