6633916-1957_03_06.jpg
Digital In Arbeit

Ein merkwürdiges Dreieck

Auf einer der künstlerisch wohlgelungenen Weihnachtskarten mit Bildern aus dem Folklore, die in den Warschauer Papiergeschäften (vor der jüngsten Preiserhöhung zu heute märchenhaft anmutenden niedrigen Preisen) erhältlich waren, prangte die (Verlags-) Inschrift: /.Veritas, made in Poland.“ Wahrheit ist das heute in Polen häufigste Schlagwort. Ein schönes Wort, wer’s recht verstünde. Auch in Jugoslawien huldigt man in zahllosen Reden und Zeitungsartikeln dem Wahrheitsfanatismus, und daß vom Kreml her nur die lauterste Wahrheit verkündet wird, ist nur allzu bekannt, um noch eigens unterstrichen zu werden. Freilich unterscheiden sich die Ansichten, die in den Hauptstädten der drei wichtigsten europäischen Oststaaten vertreten werden, voneinander gar sehr, auch wenn sie dasselbe Thema betreffen und sogar, wenn die zunächst Beteiligten Uebereinstimmung ihrer Standpunkte. Tests teilen. Eims ab» ist ri eher: in ihrem gegenseitigen Verhältnis nehmen es die Staatslenker und Parteiführer zu Moskau, Warschau und Belgrad mit der Wahrheit nicht allzu genau.

In den drei Monaten, die seit dem polnischen Oktoberfrühling und dem Ausbruch der ungarischen Erhebung vergangen sind, haben Zank und Wiederaussöhnung zwischen der UdSSR und Polen, Jugoslawien wiederholt miteinander abgewechselt. Die unverrückbaren Ausgangspositionen aber sind die gleichen geblieben. Sie müssen klar Umrissen werden, wollen wir die derzeitige Sachlage verstehen und die Möglichkeiten der weiteren Entwicklung untersuchen. Der Kreml wünscht mit allen Mitteln und mit Methoden, die von scheinbarem, überraschendem Zurückweichen bis zur brutalsten Unterdrückung reichen, seine militärische und politische Stellung in den einmal von ihm eingeordneten Gebieten zu behaupten. Zweierlei Bürgschaft wird von Lenins Erben als unabdingbar betrachtet: die strategische und taktische Verfügung über den gesamten zwischeneuropäischen „Sanitätskordon“, der seine Abwehrkraft sofort gegen Osten bezeigte, sowie er von den Russen preisgegeben und hernach von den Amerikanern benützt werden könnte: sodann das Bestehen eines volksdemokratischen Regimes, mit dem Sozialismus als Ziel und dem Kommunismus als endzeitlichem Paradies. Das eine bedeutet, die Sowjetarmee müsse das Territorium jedes irgendwie unsicheren kleineren Verbündeten besetzt halten, und sie dürfte nur in d e n Ländern physisch abwesend sein, wo Regierende und Wehrmacht absolut für Moskau sicher scheinen. Das andere bedingt: Ausschaltung der früheren Oberschicht und Mittelklasse, samt deren Nachkommen, alleinigen Vorrang einer neuen Herrenschicht von Nachfahren der Arbeiter und Kleinbauern, endlich Vermeiden jedes echten Kontakts mit dem Westen, sowjetischen Lebensstil, Bedeutungslosigkeit der Kirche, zumal der katholischen.

Lieber die meisten andern Fragen läßt sich mit den Sowjetkommunisten um so eher reden, als sie darüber unter sich uneins sind. Ob bei der Produktion die Bedarfsgüter oder die Schwerindustrie voranstehen müssen, ob der Kampf gegen die Religion aggressiv geführt oder, auf die lange Bank geschoben, durch Schule und Presse, Rundfunk und Literatur geführt werden soll, ob das Dorf im Eiltempo und mit Nachdruck oder allmählich, sanft der Kollek- tivisierung zuzulenken ist: das und viele sonstige Probleme sind ja auch zwischen dem Führungsteam der UdSSR strittig. Doch an den zwei Hauptpostulaten der Sowjetpolitik in den Volksdemokratien halten die „milden“ Chruschtschow, Malenkow und Perwuchin genau so fest wie die scharfen Molotow, Kaganowitsch und Saburow. Und darin liegt der Grund, aus dem die „Prawda“ seit Anfang November Tito und schon gar dessen ersten Mitarbeiter Kardelj sooft schlechte Zensuren erteilt; daß besonders Chruschtschow, Bulganin und Mikojan, die entscheidenden Befürworter der Aussöhnung mit dem jugoslawischen Irrlehrer, diesem heftig grollen. Sie fühlen sich durch sein ąnfąngliches Verhaltenen der ungarischen Sache enttäuscht; doch weit mehr sind sie darüber empört!'3aß er wieder mit Washington zu liebäugeln beginnt und am meisten, daß er sich angelegentlich um enge Beziehungen zu Polen’ bemüht.

Gegen dieses Land hegt man in Moskau allerdings noch tieferes Ressentiment. Abgesehen von dem, auch bei Bolschewiken durch den leisesten Anlaß aufgefrischten nationalen Ressentiment aus früherer Zeit, wirft man in führenden Sowjetkreisen den Polen noch ganz andere Dinge vor, als deren — stärkere und tiefersitzende — Sympathien für Ungarn, Verzeihung, für die „Gegenrevolutionäre", und als heimlich-unheimliche Machenschaften mit Jugo slawien. Mag er mit den Amerikanern verhandeln, ja, sich nach den USA persönlich begeben: Tito ist wenigstens ein echter Kommunist, ein erprobter Feind der römischen Kirche, und wenn er die Russen ein wenig betrügt, so meint er es bestimmt mit den Yankees nicht ehrlicher. Doch die Polen! Sie sind, die sich sozialistisch Nennenden, ja' manche kommunistische Führer inbegriffen, keine wahren Marxisten; sie sehnen sich in ihrer Mehrheit zurück zur freiheitlichen Gesellschaft und die sind unheilbare „Fideisten“. Schon erhebt der Klerikalismus bei ihnen, als Verbündeter des neuen „sozialistischen“ Kurses, sein Haupt. Und mit Begeisterung stürzen sich die, großenteils der alten Herrenschicht entstammenden, nun das Heft in die Hand bekommenden Intellektuellen in die, glücklicherweise . nuę,zögernd, geöffneten Arme des Westens.

Pęr Kreml zürnt der Kreml droht. Den Jugoslawen mit offenkundig untauglichen Schreckmitteln; denn erstens vermag er bei ihnen nicht oder nur um den Preis eines gefahrvollen Weltkrieges zu intervenieren, zweitens verfügt er über keinerlei wirksame nichtmilitärische Pression, außer über eine, allerdings gewichtige: die anzuwenden er trotzdem vermeiden möchte. Er könnte Titos innenpolitische Widersacher unterstützen. Der Hinblick auf seine eigene, dem glänzenden Anschein entgegen sehr labile Stellung nach innen, hält den stolzen Marschall an der Stange. Er kann unmöglich sich mit antikommunistischen Kräften in seinem eigenen Lande verbünden, und so muß er einerseits den Russen auf die kränkendsten gute Worte geben,

anderseits, um nicht völlig die im Vorjahr so ausgezeichnete Position innerhalb des Ostblocks zu verlieren, in dessen Bereich starke Helfer suchen.

Auf den ersten Blick dünkt dem Beobachter, die Solidarität zwischen Belgrad und Warschau sei natürlich, ohne Hemmnisse; Polen und Jugoslawien befinden sich wesentlich in der gleichen Situtaion. Das trifft nur in begrenztem Umfang zu. Anders als Tito hat Gomulka mit der Seelenhaltung eines Volkes zu rechnen, das in seiner erdrückenden Mehrheit die Russen als Erbfeinde betrachtet, das der katholischen Kirche anhängt und das den Kommunismus mit entschiedener Majorität jederlei Sozialismus ablehnt. Anders als in Jugoslawien waltet in Polen heute eine für östliche Begriffe geradezu unglaubliche Meinungsfreiheit. Anders als die südslawische Bundesrepublik in ihren schwer zugänglichen Bergen, mit den nichtkommunistischen Staaten Oesterreich und Griechenland al Anrainern, ist Polen mit seinen offenen Grenzen, rings nur . von nur äußerlich wohlgesinnten'! Nachbarn umgeben, dem sowjetischen. Einmarsch.. jederzeit ausgesetzt. Derlei Verschiedenheiten berauben die polnisch-jugoslawische Gemeinschaft zunächst wichtiger Stützen, die den herzlichen Beziehungen zwischen Polen und Magyaren von vornherein gegeben sind. Doch fehlt es nicht an realpolitischen Erwägungen, die derzeit in Warschau wie in Belgrad das romantische Sentiment überwiegen; sie sprechen für ein Zusammenwirken der beiden zwar von Kommunisten gelenkten, doch vornehmlich durch die Moskauer Oberherrschsucht bedrohten Länder.

So ist der Austausch von Delegationen, Erfahrungen, Ratschlägen zwischen ihnen rege und reger geworden, er erstreckt sich auf die mannigfachsten Gebiete und er hat mit dem zehntägigen Besuch einer von Tempo-Vukmanovič geleiteten Abordnung der jugoslawischen Kommunistenpartei in Polen seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. In dem nach Abschluß der Gespräche veröffentlichten Kommunique hieß es behutsam, es habe sich „völliges gegenseitiges Verständnis der Standpunkte in den erörterten Fragen gezeigt“. Die bisherige Zusammenarbeit habe „fruchtbare Ergebnisse beschert“, und sie „müsse erweitert werden“. Auf jugoslawischer Seite hatte man diese Begegnung eindrucksamer aufgemacht als in Polen. „Borba" und „Politika" widmeten ihr lange Leitartikel und Berichte. In Warschau klangen die Freundschaftsworte sordiniert. Wir haben indessen den Eindruck, daß viel bedeutsamere Resultate erzielt worden sind, als die sparsamen offiziellen Meldungen andeuten. Vukmanovič hatte zu Gesprächspartnern zwar nur die zweite Garnitur — Zambrowski, Jedrychowski, Jerzy Morawski, Matwin —, doch dieser kommt in vieler Hinsicht mehr Einfluß zu, als den ihnen voranglänzenden Cyrankiewicz und Zawadzki; Gomulka aber hat sich mit dem jugoslawischen Delegationsführer eingehend unterhalten. Wenn man Prunkempfänge vermied, so nur, um nicht die Russen unnötig zu verärgern.

Hier setzt nämlich die dreiseitige Unaufrichtigkeit ein, zu der alle Beteiligten sich im Augenblick genötigt sehen. Als am 17. Dezember Schepilow und Schukow zu Warschau weilten, um dort einen durch das Moskauer Abkommen vom 18. November verheißenen Vertrag über den Status der sowjetischen Garnisonen in Polen zu unterfertigen, da wurden sie hoch gefeiert.

Wie sieht aber die vielberufene nackte Wahrheit aus? Sie verkörpert sich nicht oder nurzum geringen Teil in den Straßenkrawallen, die ich in fast allen größeren polnischen Städten gegen die Sowjetunion gerichtet haben. Diese Wahrheit entnehmen wir besser einer Unmenge von Einzelerscheinungen: der eiligen Abschaffung der an sowjetische Muster angepaßten Uniformen und der Wiedereinführung der überlieferten akademischen Grade an den Hoch- chulen (an Stelle der russischen), dem westlichen Stil der Unterhaltungen, der Höflichkeit in den Kreisen der Intelligenz und überhaupt der nunmehrigen Oberschicht, auch wenn sie proletarisch-bäuerlicher Abkunft ist, dem Hunger nach westlichen Büchern, Theaterstücken, Filmen, Moden. Ferner den mit dichtem Schleier umhüllten, vorerst tastenden diplomatischen Verhandlungen mit amerikanischen Partnern — Schauplätze der Handlung: New York und Washington, Paris, Warschau. Vor allem aber den, wie schon bemerkt, sehr freien Aeußerungen der Presse. Am Tag nach dem Abschluß des neuen Vertrages mit der UdSSR lasen wir im „Žyde Warszawy": „Der Aufenthalt einer gewissen Anzahl Sowjettruppen in Polen ist eine für die Nation schwierige und unendlich heikle Angelegenheit. Unwahr ist, daß dieser Aufenthalt den Polen Freude oder auch nur Befriedigung gewähre. Unwahr ist, das Verschweigen dieser Tatsache löse keinen tiefen Unwillen aus.“ In der ersten Nummer des nach vierjähriger Pause wieder erscheinenden authentisch katholischen „Tygodnik Powszechny“ erklärte der überragende Publizist Kisielewski: „Es gibt in Polen viele, und ich gehöre dazu, die, abgesehen vom Widerspruch gegen den Marxismus als Philosophie, die Richtigkeit des Sozialismus als gesellschaftliche und wirtschaftliche Doktrin bezweifeln ... Sie bewerten die bisherigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Errungenschaften des Sozialismus negativ und sie sind nicht geneigt, dies Fehlern oder dem Abweichen in der Ausführung zuzuschreiben, sondern sie vermuten, dieser Irrtum entquelle der Grundkonzeption selbst.", Kisielewski betont ferner, gegen das Bündnis mit der UdSSR bestünden begründete seelische Widerstände und die Mehrheit der Bevölkerung seien weder Marxisten noch Sozialisten überhaupt.

In Jugoslawien dürften derartige Lästerungen nicht einmal im engsten Kreise fallen, geschweige denn gedruckt werden. Der Prozeß gegen Djilas, den verdienten Kampfgenossen Titos, hat das erst kürzlich bewiesen. Dennoch dürfte auch in Agram, in Laibach und sogar in Belgrad die überwiegende Zahl der Intellektuellen und der Bauernschaft kaum anders den- kenmls OTjiPolen,; damitaber tveit über Titos .aufi Taktik und Methoden Wie auf persönliche Motive beruhende Opposition gegenüber dem Kreml hinausgehen. Ist also alles falsch an Bündnissen, jüngst wieder bestätigten oder neuen Verträgen, Freundschaftsbeteuerungen? Trotz den unwiderlegbaren Tatsachen, die wir genannt haben: Nein. Moskau, Warschau, Belgrad täuschen einander — täuschen sie einander wirklich? — nur über die Motive und über die Echtheit ihrer ideologisch verbrämten Interessengemeinschaft. Die UdSSR darf Tito nicht,von sich abstoßen und ihn völlig ins amerikanische Lager treiben, besonders nicht am Vorabend seiner Amerikafahrt. Er ist ja — Abweichungen hin und her — Kommunist aus Gefühl, Staatsräson und Selbsterhaltungstrieb. Tito kann, wie wir schon sagten, nur schwer abspringen; das Risiko wäre für ihn zu groß.

Komplizierter ist die Sache mit Polen. Wir zitieren vielleicht am besten die bereits erwähnten Warschauer Stimmen „Žyde Warszawy“ und „Tygodnik Powszechny“. Ungeachtet der Vorbehalte gegen die Anwesenheit der Sowjettruppen, schreibt dieses Organ der — zumeist bürgerlichen — geistigen und sozialen Elite, könne man jetzt den Abzug der ungebetenen Gäste nicht fordern. Die USA und die UdSSR, Vormächte der beiden einander feindlichen Lager, halten ihre Streitkräfte in den von ihnen abhängigen Staaten. Solange der eine dieser Giganten das tut, vermag niemand den andern zu bewegen, mit dem Abzug seiner eigenen Armee aus „befreundetem Gebiet“ zu beginnen. Polen hat aber noch einen zweiten, besonderen Grund, um sich mit dem Verlangen nach Heimkehr der sowjetischen Heeresgruppe nicht zu beeilen: die Oder-Neiße-Grenze, die von den Angelsachsen bisher nicht anerkannt worden ist und die Moskau, nach Belieben, verteidigen oder, im Falle polnischer Renitenz, preisgeben kann. t

Polen und Jugoslawien haben soeben eine deutliche Warnung empfangen, als sie zur Budapester Konferenz, die rumänische, tschechoslowakische und bulgarische Politiker zusammen mit Kadar und Münnich um Chruschtschow und Malenkow versammelte, nicht eingeladen wurden. Gomulka und Tito trachten mit aller Anstrengung zu bremsen und zu beschwichtigen, ihre Zusammenarbeit bei den Russen in günstigem Licht darzustellen und die Dezembergespräche VukmanoviC’ zu verharmlosen. Polen ist dabei in schlimmerer Not. Nicht ohne Sorge blicken die Verantwortlichen den halbfreien Parlamentswahlen am 20. Jänner entgegen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau