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Will Rußland „eingreifen“ ?

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Der Schwerpunkt der Krise im Nahen Osten hat sich in den letzten Tagen immer mehr vom Suezkanal nach Syrien verlagert. Die pausenlosen Waffenlieferungen der Sowjetunion nach Damaskus beunruhigen nicht nur die Westmächte, sondern auch die unmittelbaren Anrainer Syriens, vor allem die Türkei und den Irak. Immer dringlicher wird die Frage laut: Will, kann, wird Rußland in die Konflikte des Nahen Ostens direkt eingreifen?

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Der Schwerpunkt der Krise im Nahen Osten hat sich in den letzten Tagen immer mehr vom Suezkanal nach Syrien verlagert. Die pausenlosen Waffenlieferungen der Sowjetunion nach Damaskus beunruhigen nicht nur die Westmächte, sondern auch die unmittelbaren Anrainer Syriens, vor allem die Türkei und den Irak. Immer dringlicher wird die Frage laut: Will, kann, wird Rußland in die Konflikte des Nahen Ostens direkt eingreifen?

In allen Ländern, die Krieg geführt haben, gibt es zahlreiche Männer, denen dieser Krieg im Nachhinein sehr gut gefallen hat. In ihrem Bewußtsein verschwinden die Mühseligkeiten, ja selbst das Grauenhafte des Krieges. Im Gedächtnis bleibt nur das Abenteuerliche, der prickelnde, lockende Reiz der Gefahr, eine gewisse Romantik des militärischen Lebens im Kriege — jeden Tag an einem andern Ort, jeden Tag neue Abenteuer. Schon kurz nach dem Kriege erscheint ihnen der werktätige Alltag grau und reizlos, sie sehnen sich daraus heraus. Diese allgemeine Erscheinung ist besonders für das heutige Rußland typisch. Wie viele, die im Kriege Offiziere waren, Leutnants, Hauptleute und sogar Majore, sind heute bescheidene Traktorführer in Kolchosen, arbeiten in Fabriken, ja selbst als Stallknechte in Viehfarmen. Das Leben bietet ihnen heute nichts, und auch die Zukunft verspricht ihnen nicht viel.

Unleugbar gibt es also auch in Rußland einen geringen Teil ehemaliger Kriegsteilnehmer, vorwiegend Offiziere, die für das Abenteuer des Krieges in fremdem Land und für fremde Interessen zu haben wären. In den großen Massen aber ist diese Stimmung ganz und gar nicht populär.

Noch eindeutiger steht die politisch-militärische Tradition Sowjetrußlands den Annahmen entgegen, daß sich sowjetische Truppen in größerem Ausmaße an den Konflikten in Nahost beteiligen würden.

Seit 39 Jahren hat sich die Sowjetregierung wohl wiederholt durch ihre Emissäre an Bürgerkriegen und internationalen Konflikten beteiligt. In keinem einzigen Falle wurden aber den jeweiligen Bundesgenossen regelrechte Truppen oder auch nur Kombattanten zu Hilfe gesandt. Immer handelte es sich nur um Berater, Instruktoren und Techniker. Lind auch damit machte der Kreml eigentlich nur schlechte Erfahrungen. Es wird behauptet, daß das erste Mal russische Instruktoren gleich nach dem ersten. Weltkriege Atatürk, der damals noch Kemal-Pascha hieß, in seinem Kriege gegen die Entente und die Griechen zu Hilfe gesandt wurden. Doch man weiß nichts über die praktischen Ergebnisse. Sehr viel weiß man dagegen über die sowjetische Einmischung in China. Gleich nachdem Sun-Yat-Sen mit seiner Partei Kuomintang mit beratender Stimme der kommunistischen Internationale beigetreten war, entsandten die Russen viele Tausende von Beratern und Instruktoren nach China. In der Sowjetunion selbst wurden zahlreiche Schulen, einschließlich der Sun-Yat-Sen-Universität in Moskau, eigens für Chinesen geschaffen. Milliarden von Goldrubeln russischen Volksvermögens investierte der Kreml in die chinesische nationale Revolution. Und das Resultat? 1928 sagte sich der heutige Marschall Tschiang-kaischek von Moskau los Von den russischen Beratern und Instruktoren wurde der größte Teil ermordet, so unbeliebt waren sie. Mao und seine Kommunisten hielten sich dann russische Berater und Instruktoren so weit wie möglich vom Leibe.

Die nächste massive Entsendung von „Beratern und Instruktoren“ geschah dann im spanischen Bürgerkrieg. Man würde auch hier vergebens nach russischen Kombattanten suchen. Die internationalen Brigaden wurden aus nichtrussischen ausländischen Kommunisten und Sympathisierenden gebildet. Sehr groß war die Anzahl der ausländischen kommunistischen Emigranten, die man in Moskau los sein wollte und die man daher nach Spanien sandte. Die wirklichen Sowjetbürger waren nur als „Berater“ in hohen Stäben und Behörden tätig. Und versagten hier vollkommen !

Nach dem Kriege waren es die Satelliten, die in großer Zahl solche „Berater und Fachleute“ erhielten. Der erste, der sich dagegen auflehnte, war Tito. Er hat seinerzeit eine bittere Kritik an diesen „Beratern“ geübt. Jetzt ziehen sie auch von Polen ab. Das polnische Beispiel ist besonders aufschlußreich. In der russischen Revolution haben viele Polen das rote Lager gewählt. Gerade in der Roten Armee dienten und dienen viele Polen. Marschall Rokossowski ist ja einer von ihnen' Von den etwa 130 Offizieren, die Moskau dem volksdemokratischen Polen zur Verfügung stellte, war die überwiegende Mehrzahl polnischer Nationalität. Doch auch sie mußten jetzt Polen verlassen.

•Das liegt auch, abseits von jeder Politik, im Wesen der Russen. Das Russentum besitzt dort, wo es in der Mehrzahl ist, eine sehr starke Assimilationskraft. Doch der Russe in der Fremde assimiliert sich sehr schwer, ist auch sehr unelastisch. Bei den ins Ausland gesandten Sowjetspezialisten kommt noch hinzu, daß sie immer sowjetische Staatsangestellte bleiben. Sie bekommen immer wieder ganz genaue Direktiven von einem grünen Tisch in Moskau. Und diese Direktiven sind meist praktisch überhaupt nicht anzuwenden. Die Sowjets können nach Nahost Material, Waffen, Instruktoren' und Fachleute senden. Es ist jedoch anzunehmen, daß die Sowjetmenschen in der ihnen völlig fremden Atmosphäre versagen werden.

Daß Moskau größere geschlossene Formationen von Sowjetbürgern russischer oder ukrainischer Nationalität nach dem Nahen Osten entsenden wird, ist völlig ausgeschlossen. Das wäre ja ein Expeditionskorps, für das der Kreml die volle politische und militärische Verantwortung übernehmen müßte. Bisher hat das die Sowjetunion nie getan. Weder in China noch in Spanien, nicht einmal in Korea. Es ist auch völlig undenkbar, daß Moskau russische Truppen fremden Kommandos unterstellt,. Die Aufteilung russischer Mannschaften auf fremde Einheiten ist aber schon aus sprachlichen Gründen undenkbar.

Man könnte sich jedoch wohl vorstellen, daß die Mohammedaner der Sowjetunion solche Freiwillige stellen.

Man schätzt die Zahl der Mohammedaner in der Sowjetunion auf etwa 25 Millionen Menschen. Manche Quellen geben sogar 40 Millionen an. Von den 15 Sowjetrepubliken sind sechs beinahe ganz mohammedanisch, dazu kommen noch die kleineren mohammedanischen „autonomen“ Republiken im Kaukasus und im Becken der Wolga.

In den letzten Jahren hat die Sowjetregierung bekanntlich den Islam sehr weitgehend dazu ausgenützt, um in den arabischen Ländern für sich Stimmung zu machen. Auf Initiative des Kremls ist der Verkehr der roten mohammedanischen Geistlichkeit mit ihren Amtsbrüdern im Nahen Osten sehr intensiv. Seit etwa einem Jahr hat sogar das offizielle sowjetische diplomatische Protokoll einen mohammedanischen Anstrich bekommen. Die zeremoniellen Vorschriften beim Empfang fremder Würdenträger und Staatsoberhäupter in Moskau sind so wie überall. In der letzten Zeit jedoch erscheint beim Empfang von Staatsoberhäuptern aus mohammedanischen Ländern neben Ministern, Marschällen und roten Würdenträgern auch die Geistlichkeit der Moskauer Moscheen. So war es, als der Kaiser des Iran und die Kaiserin Soraya die Sowjetunion besuchten. Auch der Staatspräsident Indonesiens und jetzt wieder der Präsident Syriens wurden so empfangen. Gleich auf dem Bahnhof sieht der Gast die bekannten Turbane, wird auf arabisch begrüßt und so der Eindruck vermittelt, daß die Sowjetunion auch ein mohammedanisches Reich ist.

In kompakter Masse leben die Mohammedaner im Kaukasus und im sowjetischen Zentralasien. Es ist ganz zweifellos, daß, wenn ein mohammedanischer Staat ruft, sich aus diesen Gebieten sehr viele Freiwillige melden würden. Doch kann die Sowjetregierung dieses politische Risiko tragen? Die kaukasischen Völker waren früher schon immer Reisläufer. Sie stellten im Laufe der Jahrhunderte den mohammedanischen Herrschern unzählige Elitetruppen. In Aegypten bildeten einst die Kaukasier die Kriegeraristokratie, die sogenannten Mamelucken.

In Syrien lebert heute noch die Nachkommen solcher Söldner. Der König von Jordanien hatte noch bis vor kurzem eine tscherkessische Leibgarde. Während des ganzen 19. Jahrhunderts wanderten kaukasische Mohammedaner nach dem Mittleren Osten, aus. Aus Haß gegen die Russen. Auch jetzt würden sich zahlreiche Frei willige melden. Doch sie kämen nie mehr zurück.

Nicht ganz so ist die Lage im sowjetischen Zentralasien. Auch hier würden sich sehr viele Freiwillige melden. Handelt es sich doch hier um ein Gebiet, das bis vor kurzem fanatisch mohammedanisch war. Jetzt kommt dazu noch der junge Nationalismus, vor • allem der Usbeken, Tadschiken und Turkmenen, den erst die Sowjets selbst geweckt haben. Bis 1932 dauerte hier der Bürgerkrieg des Islams gegen das rote Russentum. Auch nach der letzten großen Schlacht in diesem Gebiete gab es zahlreiche Verschwörungen und unterirdische politische Bewegungen. Panislamismus, die Vereinigung aller Mohammedaner, war die eine, Pan-turanismus, die Vereinigung aller Völker tura-nischer Abstammung, die andere.

Nach dem letzten Krieg, etwa 1948, flammten die Kämpfe in der Nähe der afghanischen Grenze von neuem auf.

Es gibt natürlich einheimische Kommunisten. Sie sind auch der Sowjetunion gegenüber loyal. Sieht man jedoch genauer hin, so sind sie wohl sehr zweifelhafte Kommunisten. Im Grunde genommen sind sie Nationalisten, die jedoch, da sie ihre ganze Bildung aus der Hand der Sowjets erhalten haben, bestochen durch die wirklich großen Leistungen der Zentralregierung für die Entwicklung der nationalen Kulturen in Zentralasien, die Industrialisierung und die zahlreichen Bauten, eben im Kommunismus und der Zugehörigkeit zur Sowjetunion nationale Vorteile für ihre Völker sehen. Sie sind wohl äußerlich areligiös, bleiben im Inneren jedoch Mohammedaner. Für sie ist der Islam die Grundlage ihrer

-Sclron- das'-Werben von 'FrerwilligeTi -für den Mittleren Osten würde die sehr labile Ruhe in diesen Gebieten merklich erschüttern. Was würde aber geschehen, wenn diese „Freiwilligen“, erfüllt von der Glut eines religiös fanatischen Kampfes und selbsterlebtem afrikanischasiatischem Nationalismus, nach Hause kämen? E ist völlig ausgeschlossen, daß der Kreml ein solches Experiment wagt!

Es ist auch undenkbar, daß die sowjetische Führung wegen Syriens oder Aegyptens einen dritten Weltkrieg riskiert. Zu fern liegt dieser Osten dem Bewußtsein der eigentlichen Russen und der anderen europäischen Völker der Sowjetunion. Es sind dort auch keine realen russischen Interessen zu verteidigen. Wenn die Sowjetunion in den letzten Jahren ihren Einfluß in den arabischen Ländern verstärkt hat, so gibt es dafür verschiedene Gründe. Es stärkt die sowjetischen Positionen in Asien, ein gewisses Mitspracherecht im Mittelmeergebiet will natürlich der Kreml auch haben, die Hauptsache ist aber, daß dieser Einfluß sehr gut als eines der Kompensationsobjekte bei Verhandlungen mit den USA abgeben kann. Bulganin und auch Chruschtschew haben offen gesagt, daß sie bilaterale Verhandlungen mit den USA anstreben. Tatsächlich hat ja auch die Sowjetdiplomatie so manövriert, daß in der Suezkanalkrise diplomatisch eigentlich Rußland und Amerika Schulter an Schulter marschierten. Selbst der große russische Bluff hat sich praktisch als Schützenhilfe für die amerikanische Diplomatie ausgewirkt.

Es bleibt trotzdem die Frage, warum der Kreml diesen großen Bluff gewagt hat. Der Grund liegt in der Erschütterung seines Satellitenreiches und in den schweren politischen Niederlagen in Polen und Ungarn. Gerade in diesem Augenblick will Moskau zeigen, daß es trotzdem die Weltpolitik aufmerksam verfolgt und daß es bereit ist, auch seine geringsten Interessen überall in der Welt kraftvoll zu verteidigen. Vor allem anderen sollte jedoch der ganzen Welt demonstriert werden, wie fest die Sowjetunion zu ihren Freunden und Bundesgenossen in Asien und Afrika hält und wie wertvoll diese Hilfe diesen Völkern sein kann.

Aber weiter - weiter will und wird man wohl nicht gehen.

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