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Den Sowjets Alternative zeigen

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"Notizen zur Sowjetgesellschaft" - vierter Teil und Schluß.

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"Notizen zur Sowjetgesellschaft" - vierter Teil und Schluß.

Wenn Schuldige für die derzeitige Misere in der Sowjetunion gefunden werden sollen - denkt der Sowjetmensch - müsse man weit gehen. Denn schuldig seien alle: alle würden schlecht arbeiten und schadhafte Produkte liefern ... Allerdings gehen hier die Meinungen schon auseinander: „Ja, unter Stalin...“, sagen die einen; „ja, unter dem Zaren ...“, sagen die anderen; „als wir noch unabhängig waren ...“, sagen die dritten; , ja, dort bei denen...“, sagen die vierten. Und so beginnen die Vergleiche: hier, bei uns und dort, bei denen - also im Westen.

Im Westen lebe man natürlich besser. Der eine erzählte, daß in den Vereinigten Staaten ein Durchschnittsarbeiter ... Aber während die Jugend so ziemlich alles glaubt, was die westlichen Stationen in die Sowjetunion hineinposaunen, neigt die ältere Generation zu der Ansicht, daß diese genauso lügen wie die einheimischen Sender.

Materiell lebt man im Westen sicher besser, es wird ja auch anders gearbeitet. Kein Unternehmer würde es hier wahrscheinlich auch dulden, daß die Arbeiter alkoholisiert an ihrem Arbeitsplatz erscheinen und es sind wohl auch keine Rauchpausen von einigen Stunden am Tag möglich. Schließlich wird im Westen auch auf die Qualität der Arbeit mehr Wert gelegt.

Wenn man in der Sowjetunion sagt, daß im Westen hart gearbeitet werde, meint man damit schlicht die Intensität der Arbeit. Der Sowjetmensch versteht es einfach nicht, daß es im Westen ganz andere Arbeitsbedingungen gibt, daß die Menschen sich nicht überanstrengen, sondern einfach sorgfältiger arbeiten, ohne irgendeinem „Plan“ nachzujagen.

Dazu kommt ja auch die Beeinflußung durch die sowjetische Propaganda: Im Westen gebe es eine erschreckende Kriminalitätsrate, man könne am Abend nicht alleine auf die Straße gehen, alle Unternehmer seien Ausbeuter, Arbeitslosigkeit und Streiks seien allgemeine Erscheinungen, für das Studium sowie für medizinische Betreuung müsse man bezahlen ... Mit einem Wort: Sowjetbürger glauben, daß im Westen nur jene gut leben, die Geld haben (etwa wie die Schieber), der einfache Mann habe es auch dort schwer, werde betrogen und ausgenützt.

So sind die Gedankengänge der einfachen Sowjetmenschen, und es gibt darin nur wenig Nuancen. Ohne näher auf den Ursprung und die Evolution solcher Gedanken einzugehen, kann man sagen: Der Sowjetmensch sieht keine Alternative zu seinem Regime. Er wird es vorziehen, sich für kurze Zeit in die Anarchie zu stürzen. Nicht, weil er sie bewußt gewählt hat, sondern weil er eine Art „Entspannung“ braucht, nach der Art, wie er sie sich täglich nach der Arbeit vergönnt.

Wären der Westen oder China überhaupt in der Lage, dieses größte aller Reiche zu erschüttern?

Im Gegensatz zu einigen meiner Landsleute halte ich den Westen nicht für feige oder schwach. Auf lange Sicht ist die Demokratie immer dem Totalitarismus überlegen, so wie ein Intellektueller einem Banditen überlegen ist. Denn die rohe Kraft ist machlos gegen Ideen.

Die Sowjetregierung hat schon längst begriffen, daß ein Monopol auf die Information zugleich ein Monopol auf die Macht ist und scheut deshalb keine Mittel, um das Volk zu des-informieren. Das Volk darf nicht erfahren, daß in der Sowjetunion Menschen mit Hunger und Kälte für ihre Überzeugungen gepeinigt werden, daß es eine Alternative gibt...

Ich würde dem Westen - den ich mit dem ganzen Herzen eines demokratiehungrigen Menschen liebe -darum raten, die Ausgaben für Rüstung um die Hälfte zu kürzen und dafür die Offensive mit Ideen zu verzehnfachen. Es würde sich etwa lohnen, einige Milliarden Dollar für Installationen zur direkten Fernsehausstrahlung in die Sowjetunion auszugeben, denn das jetzige Regime hält sich ausschließlich durch sein Informationsmonopol. Die 240 Millionen Sowjetmenschen in der Provinz müssen sehen können, daß es eine Alternative gibt.

China ist zur Zeit noch zu schwach und zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt, um das Sowjetregime ernsthaft bedrohen zu können. Außerdem müßte ein Angriff Chinas auf die Sowjetunion die geistigen Kräfte des Sowjetvolkes mobilisieren. Denn das denkt: „Es ist jetzt zwar schlimm, aber wenn die Chinesen kommen, ist es überhaupt das Ende.“

Es gibt also niemanden, der auf den Koloß losschlagen könnte, es wäre auch zu gefährlich: Denn das gäbe viel Lärm und viel (radioaktiven) Staub. Dann - vielleicht - nationale Kräfte?

Die UdSSR ist das einzigartige Beispiel eines Imperiums, in dem die dominierende Nation am schlechtesten lebt. Im „Gürtel“ der anderen Nationen, der Rußland von Süden und Westen umschließt, lebt man bedeutend besser. In anderen Republiken der Union fühlen sich die Russen wohl, in ihren traditionellen Wohngebieten leben sie miserabel. Deshalb fliehen sie (vornehmlich nach Süden), deshalb liegt das Land brach. Ein unheilvolles Zeichen: Brachland im Herzen Rußlands!

Immer öfter beklagen sich die Russen, daß sie gegenüber Ukrainern, Balten, Georgiern usw. benachteiligt würden, während diese Nationalitäten sich von den Russen unterdrückt fühlen. Diese Streitigkeiten spielen sich aber vornehmlich in Intellektuellenkreisen ab. Die gegenläufige Tendenz zu den nationalen Strömungen ist die Russifizie-rung, und sie betrifft die breiten Volksmassen.

Besonders sichtbar wird das am Beispiel der Ukraine, der einzigen Republik, die stark genug wäre, ihre Unabhängigkeit selbst zu erkämpfen. 90 Prozent der Stadtbevölkerung in der Ukraine sprechen russisch. In den Dörfern nahe der Großstädte wird eine Mischung gesprochen, die man für russisch hält. Nur in entlegenen Dörfern wird noch die Muttersprache gesprochen, ebenso in der Westukraine mit der Hauptstadt Lemberg (Lwow).

Traditionell wird Russisch für die Sprache der Städter gehalten. Die Landbevölkerung spricht vorwiegend ukrainisch, ist aber durch die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen so erniedrigt, daß sie russisch zu sprechen beginnt, um die Städter zu kopieren.

Ein ukrainischer Bauer, der in einer Fabrik in Kiew oder Charkow Arbeit gefunden hat, muß russisch lernen, da es die Sprache der Industrie in der ganzen Union ist. Die Jugend strömt vom Land in die Städte und wird schnell russifiziert. Ukrainische Schulen sind nicht ausgelastet und müssen oft geschlossen werden, da die Eltern ihre Kinder als „echte Städter“ sehen wollen.

Der Unterricht an den Hochschulen wird in Russisch geführt, wobei die Studenten oft selbst darum ersuchen. Dessen ungeachtet wurde die

Welle des nationalen Bewußtseins der späten sechziger Jahre gerade von der in Kiew studierenden Provinzjugend getragen. Diese Bewegung ist heute durch harte Repressionsmaßnahmen von der Oberfläche verbannt worden, aber sie lebt im Untergrund in Intellektuellenkreisen weiter, ja verstärkt sich dort sogar.

Die wohl stärkste „Waffe“ der Rus-sifizierung ist die Armee. Erstens gibt es keine nationalen Heeresverbände, zweitens leisten die jungen Soldaten außerhalb ihrer Heimatrepubliken ihren Dienst, drittens werden alle Befehle sowie technischen Anleitungen in russischer Sprache ausgegeben.

Eine Spaltung zwischen Stadt- und Landbevölkerung wie in der Ukraine gibt es in Armenien, Georgien, Lettland und Estland nicht. Die kulturellen und religiösen Unterschiede zu Rußland sind hier stärker ausgeprägt, die antirussischen Stimmungen sehr ausgeprägt. Aber diese Republiken sind zu schwach, haben keine freundlich gesinnten Nachbarn und können sich nicht vereinigen.

Ohne mich mit der Situation in den übrigen Republiken zu beschäftigen, beschränke ich mich auf die allgemeine Feststellung, die keine Zweifel hervorrufen dürfte: Die nationalen Kräfte sind zu schwach, um die Sowjetunion zerreissen zu können.

Bisher war in meinen Ausführungen noch keine Rede über den Apparat der Gewalt. Für viele Dissidenten ist eine ständige Überwachung durch die Polizei eine alltägliche Erscheinung. Besonders aktive haben damit zu rechnen, täglich von drei Autos mit je vier Agenten verfolgt zu werden.

Der Apparat der Unterdrückung -KGB, MWD (Innenministerium) und die Gerichte - ist ein Instrument, mit dem die Partei nicht nur das Sowjetvolk im Würgegriff hält, sondern auch verhindert, daß die Hilferufe der Gepeinigten außerhalb des Landes gehört werden können. Er ist in seinen Dimensionen unglaublich, dabei aber nichts anderes als ein ganz gewöhnliches sowjetisches Amt, in dem ganz gewöhnliche Sowjetmenschen arbeiten.

Diese „Apparatschik'“ sabotieren inzwischen schon ihren Dienst genauso wie alle anderen Sowjetbürger. Genau das und nichts anderes ist die Ursache für die gegenwärtige „Liberalisierung“ des Regimes!

Es gäbe nur einen Weg, die Effektivität des Unterdrückungs-Apparates zu erhöhen: man müßte ihn völlig umfunktionieren, vor allem selbständiger machen. Aber davor hat die Partei Angst, weil sie sich vor jeder Initiative oder Selbständigkeit fürchtet. Der einzige Ausweg für das Regime ist daher seine Vergrößerung. Aber nicht einmal dafür scheint heute genug Geld vorhanden zu sein.

Der Apparat der Unterdrückung ist also an allen Leiden eines sowjetischen Unternehmens erkrankt. Er wirft riesige Mittel in den Kampf gegen wehrlose, nicht organisierte Menschen, wird mit ihnen aber dennoch nicht fertig. Genauso wenig wird er in der Lage sein, mit der herannahenden Anarchie fertigzuwer-den.

Eine der Anarchie förderliche Erscheinung ist übrigens die totale Zentralisierung. Die Konzentration der Macht und aller Reserven ist der wichtigste Vorteil eines totalitären Staates, besonders wenn es gilt, außenpolitische Ziele zu erreichen. Aber im Falle einer Lähmung der zentralen Gewalt (etwa infolge von Rivalitäten innerhalb der Regierungsspitze) kann die Uberzentralisierung die Entwicklung der Anarchie beschleunigen.

Die Zentralisierung des Transportwesens und der Versorgung machen das System besonders verwundbar. Bekanntlich brauchen die Sowjetbürger - die keine Möglichkeit haben, ihren Wohnort selbst zu wählen - zwei Stunden (in Kiew) oder sogar drei (in Moskau), um ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Am frühen Morgen sind die Vorortezüge und die öffentlichen Verkehrsmittel, die fast ausschließlich elektrisch betrieben werden, überfüllt mit den zur Arbeit eilenden Menschen.

Ein Stromausfall in der Großstadt würde daher bewirken, daß 90 Prozent der Beschäftigten ihren Arbeitsplatz nicht erreichen könnten. Ein ähnlicher Fall könnte freiliöh auch im Westen eintreten, aber in der UdSSR wüde sich das fast völlige Fehlen von Privatautos besonders kraß auswirken.

Ich glaube nicht, daß man die Menschen wie im Krieg dazu zwingen könnte, in ihren Fabriken zu übernachten: Die Nachkriegsgeneration ist nicht so eingeschüchtert wie ihre Väter und kann halbwegs für ihre Recht kämpfen.

Eine der Hauptursachen für künftige Ausschreitungen könnte vor allem das Lebensmittelproblem sein. Daher sollte man noch erwähnen, daß die Lebensmittel in der Sowjetunion (besonders strategische Vorräte) in riesigen Depots konzentriert sind, was die Versorgung besonders anfällig machen könnte.

Und schließlich noch eins: Die sowjetische Wirtschaft arbeitet schon lange an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Sie hat keine 20prozen-tige Reserve wie sie der Westen hat. Daher körinten schon eine Woche lang anhaltende Ausschreitungen das Land in den Zustand einer völligen Lähmung versetzen...

(Die Übersetzung der Artikelserie aus dem Russischen besorgte Alexander Witte)

Der Autor ist Physiker, Publizist, Lehrer und sowjetischer Dissident. 1941 in Sibirien geboren, wurde er 1971 vom Moskauer Stadtgericht wegen Hochverrats zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, die er in den Lagern Dubravlag und Perm absaß. 1979 wurde er zusammen mit zweihundert "unverbesserlichen" Dissidenten ins Ausland geschickt.

Erster Teil der Reihe: Die Sowjetunion - krank und unrentabel

Zweiter Teil: Sabotage als Gegenmittel

Dritter Teil: Über die sowjetische Klassengesellschaft

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