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REVUE IM AUSLAND

„Hat Marx die Russische Revolution erwartet?” ist der Titel eines Vortrags von I. Deutscher („T he Listener” vom 4. November), der auf Grund des im Vorjahr vom M a r x- Engels-Lenin-Institut in Moskau veröffentlichten Briefwechsels das Verhältnis von Marx und Engels zu den russischen Revolutionären untersucht.

Während in den Vierzigerjahren Marx und Engels, wie alle Revolutionäre Europas, Rußland als den „Gendarmen der Reaktion” haßten und von einem europäischen Krieg gegen Rußland den Sieg der Revolution erhofften, traten sie in den Sechzigerjahren in engere Beziehung zu der inzwischen in Rußland selbst aufgewachsenen revolutionären Generation der „Narodnik i”, der „Volkstümler” oder Agrarsozialisten, welche einen, unmittelbaren Übergang von der russischen Agrargemeinschaft zum Sozialismus unter Auslassung des kapitalistischen Stadiums erhofften. Das „Kapital” wurde von den Na- rodniki begeistert gelesen — 900 Exemplare wurden allein in Petersburg in den ersten Wochen nach der Veröffentlichung im Jahre 1872 verkauft — und Marx und Engels begannen sich, wie der Briefwechsel zeigt, beeindruckt von dem Enthusiasmus ihrer russischen Bewunderer, mit russischer Geschichte, Literatur und Philosophie zu beschäftigen.

Aber das Hauptthema der Korrespondenz wär Rußlands Weg zum Sozialismus. Im Westen bereitete, nach Marx und Engels, die kapitalistische Industrialisierung den Sozialismus vor. Die industrielle Arbeiterklasse war die stärkste am Sozialismus interessierte Kraft. Aber Rußland, wo die kapitalistische Industrie noch nicht einmal begonnen hatte, Fuß zu fassen? Die Narodniki vertraten die Ansicht, daß der russische Sozialismus auf der ursprünglichen Agrargemeinschaft, der Obtschina, beruhen würde, die schon unter dem Feudalsystem bestanden hatte. Auch nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 war das Bauernland noch im Besitz der Agrargemeinschaft, in gewisser Beziehung die Vorläuferin der gegenwärtigen russischen Kolchosen. Rußland, sagten die Narodniki, muß nicht durch die Prüfungen und Wirren der kapitalistischen Industrialisierung hindurchgehen, um den Sozialismus zu erreichen. Es findet den Sozialismus in seiner ursprünglichen Agrartradition, die es nur von feudalen Überresten reinigen muß. Das also war Rußlands Weg zum Sozialismus, sehr verschieden von dem, den Westeuropa einschlagen sollte. Die meisten, wenn auch nicht alle, Narodniki waren Slawophile und glaubten an Rußlands besondere sozialistische Sendung; Marx verwarf, wie wir wissen, die Slawophilie; und nichts machte ihn wütender als das Reden von Rußlands sozialistischer Mission. Er glaubte nicht, wie er einst sagte, daß das alte Europa durch russisches Blut verjüngt werden müsse.

Aber er teilte dennoch einige der Hoffnungen, welche die Narodniki auf die russische Agrargemeinschaft setzten. Hier, sagte er in einem berühmten Brief an eine russische Zeitschrift im Jahre 1877, hier war ,die schönste Gelegenheit, die je von der Geschichte einer Nation geboten wurde’, die Gelegenheit, den Kapitalismus zu vermeiden und direkt vom Feudalismus zum Sozialismus zu gelangen.”

Aus diesen frühen Beziehungen zu den Narodniki ist zu erklären, daß die Begründer des Marxismus in dem Streit zwischen den Volkstümlern und den eigentlichen russischen Marxisten (Plechanow und Vera Sasulitsch) nur sehr zögernd für letztere Partei ergriffen, welche die direkte Aktion — die Attentate — der Narodniki verwarfen und auch für Rußland das Hindurchgehen durch eine kapitalistische Phase für notwendig erklärten. Erst nach dem Tod von Marx hat Friedrich Engels sich eindeutig auf die Seite von Plechanow und Sasulitsch gestellt, auch dann aber noch bemüht, die alten Narodniki- freunde nicht zu verletzen. Als er, kurz vor seinem Tode, im Jahre 1895 die ersten Regierungsmaßnahmen des unglücklichen Zaren Nikolaus II. verfolgte, hat Engels eine baldige russische Revo- t i o n prophezeit — aber eine liberalbürgerliche, „ein anderes 1789”, nicht eine sozialistisch-proletarische.

In den „Veröffentlichungen der Gesellschaft für kulturelle Verbindung der Sowjetunion mit dem Ausland” (WOKS) macht Nikolai Samarski unter dem Titel „Das Buch im Dienste des Vol- k e s” interessante Angaben über den Stand der sowjetrussischen Buchproduktion.

„Nach noch nicht vollständigen Angaben werden in diesem Jahr in der Sowjetunion über eine halbe Milliarde Bücher aller Wissenszweige verlegt werden. Die Auflageziffer von 1948 übertrifft bei weitem die Auflageziffern der Vorkriegsjahre. Schon im vergangenen Jahr 1947 haben sieben Verlagsanstalten über 540 Millionen Bücher verlegt.”

Bei der prozentuellen Verteilung auf die einzelnen Wissensgebiete fällt vor allem der ungewöhnlich hohe Anteil der technischen Literatur auf.

„Von dem Ernst der Themen, dem breiten Interesse sowie dem hohen kulturellen Niveau der Sowjetleser zeugen die Angaben über die in den letzten 20 Jahren erschienenen Bücher. Politische und sozialökonomische Literatur beispielsweise machte 2 3 % aus, technische 35,2%, wissenschaftliche 12,1%, schöngeistige Literatur 12,8%. Nebenbei bemerkt, hat noch niemals in der Geschichte Englands und Amerikas der Anteil der technischen Literatur mehr als 8% ausgemacht. Der geistige Inhalt der Sowjetbücher beruht auf dem fortschrittlichen

Inhalt der sowjetischen Gesellschaftsordnung, über die sehr wahrheitsgetreu die Literatur erzählt. Das Sowjetbuch ist eine mächtige Waffe in der kommunistischen Erziehung der werktätigen Massen. Das wissenschaftliche und politische Wissen wird sehr stark verbreitet. Das Sowjetbuch erzieht die Werktätigen im Geiste der Freundschaft der Völker, des Kollektivismus und der Liebe zur Heimat. Sehr breit werden auch die Erfahrungen im Aufbau der sozialistischen Gesellschaft ausgewertet.

Ebenso propagiert man die fortschrittliche Wissenschaft der marxistisch-Ienistischen Theorie, entlarvt die lügenhafte bürgerliche Wissenschaft und die Brandstifter eines neuen Krieges. Das ist der humanistische Inhalt der Bücher, welche vom Sowjetvolk herausgegeben und gelesen werden.”

Im Novemberheft der amerikanischen Zeitschrift „H arpers Magazine” stellu-N. Robertson unter dem Titel „W as bedeutest du, freie Wirtschaft?” die Frage, ob das zum Schlagwort erhobene „f ree-enterprise- system” in den Vereinigten Staaten überhaupt noch bestehe.

Im 19. Jahrhundert habe das amerikanische Wirtschaftssystem weitgehend, wenn auch nicht vollständig — denn es gab stets Einfuhrzölle zum Schutz der heimischen Wirtschaft — dem Freiwirtschaftsideal von Adam Smith entsprochen. Das gegenwärtig herrschende System mit seinen verschiedenen staatlichen Kontrollen, Unterstützungen und Sicherungen aber könne höchstens als ein System der „g e- sicherten Wirtschaft” bezeichnet werden.

„Das verrückte an der Sache ist, daß war noch immer reden und planen, als ob wir das System alter Art noch hätten. Anträge werden Tag für Tag im Kongreß verworfen, weil’ sie ,unser freies Wirtschaftssystem beeinträchtigen würden’. Die Leute neigen dazu, daa ,freie Wirtschaftssystem’ mit dem grundlegenden Amerikanismus zu verwechseln und es auf denselben Sockel wie .Freiheit’ und .Demokratie’ zu setzen.”

In Wirklichkeit aber sei gerade zur selben Zeit, da das Wort vom „free-enterpriso- system” zum Schlagwort erhoben wurd , die tatsächliche amerikanische Wirtschaftsentwicklung endgültig von diesem System abgegangen. Ein Prozeß, der schon vor der Jahrhundertwende mit dem Kampf gegen die Trusts begonnen habe und besonders durch die Wirtschaftspolitik der Regierung seit der Krise von 1929 weitergetrieben wurde. Vor allem die verschiedenen Regierungsmaßnahmen zur Bewahrung der Bodenschätze vor Raubbau sowie Preisfestsetzungen auf Grund des Patentrechts haben in dieser Richtung gewirkt.

„Aber wichtiger als jede dieser Maßnahmen oder alle zusammen war der neue Regierung - grundsatz, den sowohl Hoover wie Roosevelt zu jener Zeit in unser System einfügten — daß die Regierung in Zeiten der Krise unserer Wirtschaft beasteht.”

Das System der Wirtschaftsstützung durch die Regierung sei im und nach dem Krieg immer weiter ausgebaut worden, so daß die jährliche Unterstützung für Landwirtschaft und Industrie im Jahre 19462.227,000.000 Dollar erreicht habe und jeder sechste erwachsene Amerikaner vom Regierungsgeld lebe

„Das bedeutet, kurz gesagt, daß unser System kein System der freien, sondern eines der gesicherten Wirtschaft ist, unter dem unsere wirtschaftliche Gesundheit auf Regierungskredit beruht und dieser Regierungskredit nicht nur verwendet wird, um Wirtschaftskrisen zu bekämpfen, sondern um sie zu vermeiden. Auch in guten Zeiten wird die Regierung eingreifen, um einen Industriezweig zu retten — wie sie es kürzlich für die Lufttransport-Gesellschaften tat.”

Aus dieser gesicherten Stellung der großen Industriezweige aber folgern Viele, daß der Verringerung des Risikos auch eine Verringerung der Profite entsprechen müsse.

„Dos alte freie Wirtschaftssystem besteht nur mehr in unserer wehmütigen Erinnerung und wir haben mehr als genug Energie angewandt, um es zu verteidigen. Wenn wir die Herrschaft über unser wirtschaftliches Schicksal in der Hand behalten wollen, ist der erste Schritt das Einbekennen der Tatsachen.” Der Artikel, noch vor der amerikanischen Präsidentenwahl geschrieben — er sagt an einer Stelle, daß auch Dewey als Präsident nicht zum alten System werde zurückkehren können — gibt doch auch eine Erklärung für die durch die Wahl bestätigte Beibehaltung des bisherigen Regierungskurses und Welt” schreibt am 12. November unter dem Titel: „Die verschleierte Gerechtigke it”:

„Als im Jahre 1945 dem deutschen Volk das Ausmaß der begangenen Greuel und Untaten bekannt wurde, gab es in Deutschland unter den Gutwilligen wohl kaum einen, der sich nicht ein inneres Gelöbnis abgelegt hätte, dahin nämlich, nie wieder schweigend Unrecht hinzu nehm en, offen und eindeutig seine Stimme zu erheben, wo Recht gebrochen, Menschenwürde mit Füßen getreten oder Rechtsgebote auch nur geduldet werden, die Menschen dem Elend und der Verzweiflung ausliefern. So schrieben und sprachen die Pastoren, die Rechtslehrer an den Universitäten, die Journalisten — eindringlich und ehrlich.”

Inzwischen sind, drei Jahre vergangen und die Zeitungen berichten immer wieder von Fällen offenbar krassesten Unrechts. Die Öffentlichkeit horcht zunächst auf, es erfolgt eine Untersuchung und am Schluß die Erklärung: Es könne gegen niemanden ein Vorwurf erhoben werden.

„Heute stehen unsere Pastoren auf der Kanzel, die Professoren auf dem Katheder, sie erinnern sich ihres Gelöbnisses aber was sollen sie sagen? Sollen sie ihre anklagende Stimme erheben — gegen wen? Sollen sie schweigen oder gar alles gut und richtig finden — wie könnten sie vor den Ärmsten der Armen und vor ihrem Gewissen bestehen? Dies ist das Unheimliche und Bedrückende der Zeit: Unrecht, Verachtung der elementaren Menschenrechte umgeben uns, aber wenn wir sie fassen wollen, greifen wir entweder ins Leere oder in das Dickicht von Gesetzen, Verordnungen, Laws, Ordinances, in den Wirrwarr deutscher und fremder Zuständigkeiten, wir begegnen bindenden Vorschriften und einleuchtenden Erklärungen, wo uns das offenbare Unrecht jedem Zweifel entrückt zu sein scheint. Nichts ist mehr gewiß. Die spontane Reaktion auf einen Fall, wie uns scheint, krassesten Unrechts, wird uns von einem Fachmann kühl, sachlich, mit Gründen, die wir nicht widerlegen können, als Unkenntnis und Irrtum verwiesen. Noch einmal: was sollen diejenigen tun, deren Beruf ihnen eine Mitverantwortung an dem allem aufbürdet ?

Der Artikel sieht einen wesentlichen Grund für diesen Zustand darin, daß sich das gesamte Rechtswesen geändert hat und statt der Gesetze die erdrückende Fülle der Verordnungen das Leben regelt.

„Unvermeidlich. geht dabei jede Behörde von den besonderen Gesichtspunkten aus, die ihr vertraut und wesentlich sind. So kommt die Frage leicht zu kurz, wie der betroffene Staatsbürger dabei im ganzen fährt, der nicht nur mit einer, sondern mit vielen solcher Behörden zu tun hat. Was von der einzelnen Behörde her betrachtet vernünftig und zumutbar erscheint, kann sich vom Standpunkt allgemeinen Bürgerrechts und allgemeiner Bürgerpflicht als . tückisch, grausam und ungerecht erweisen. Wer kennt nicht den Kurzschluß: Zuzug bekommt nur, wer Arbeit hat, Arbeit bekommt nur, wer Zuzug hat. Man kommt diesem Übelstand auf den Grund, wenn man feststellt, daß uns die Würde des Gesetzes entglitten ist. Wir sagen entglitten, weil wir damit zum Ausdruck bringen wollen, daß es müßig ist, eine Schuldfrage aufzuwerfen.”

Die italienische Monatsschrift „L o S p e t- tatore Italiano” veröffentlicht in Nr. 10 einen stark polemisch gehaltenen Artikel von E. Rossi zum Thema der „K u 11 u r k r i 6 e”, deren Wurzeln er vor allem in der allzu großen Nachgiebigkeit gegenüber den Schwierigkeiten, in der allzu großen Toleranz sich selbst und anderen gegenüber erblickt.

„Wie viele von diesen unerschöpflichen Problemen der .Dekadenz unserer Kultur” lassen sich nicht auf die kümmerlichen Begriffe von Dummheit und Unfähigkeit, die kleinste Ap- strengung auf sich zu nehmen, zurückführen? In jeder Kundgebung des geistigen Lebens sehen wir, daß die Grenze nicht mehr etwas ist, was man zu überwinden sucht, sondern man pflegt daraus eine Manier zu machen, sie zu streicheln und zur Schau zu stellen; zum Beispiel in der Dichtkunst im italienischen Roman ist es recht selten, daß jemand in einem hochfliegenden Versuch SchiffbrucHerleide; man genießt die eigene Bescheidenheit, man Streichelt sie, man sucht immer niedrigere Ziele: übrigens das typische Verfahren, Minderwertigkeitsgefühle in Überlegenheitsgefühle zu verwandeln.”

„Zu viel Gewalttätigkeit” überschreibt der französische Schriftsteller .und Kritiker Michel de Saint- Pierre seinen Rundblick über die bedeutendsten Filme der Nachkriegszeit im Novemberheft der „Etüdes”. Von den deutschen und italienischen Trümmerfi’lmen über die Resistance-Filme der verschiedenen Länder bis zu den Kriminal- und Wildwestfilmen reiht sich eine ununterbrochene Kette von Gewalttat und Verbrechen. Und je besser diese Filme gemacht sind, um so mehr erhöht sich der Magnetismus des Verbrechens. „Das schwerwiegendste in diesen Polizei- und Kriminalgeschichten aber ist, daß der Verbrecher hier den Tonfall des Moralisten annimmt” — weil die Verbrecher immer bestraft werden und man damit schon genügend bewiesen zu haben glaubt, „daß das Verbrechen sich nicht lohnt”.

„Und schließlich denke ich an die einfachen, jungen Wesen an alle jene, deren Augen sich Film auf Film, mit den Schrecknissen auf der Leinwand übersättigen. Wovon will man, daß wir träumen sollen? Es ist, glaube ich, höchste Zeit, gegen die Gewaltätigkeit zu plädieren.”

Adam

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